Peter Roseggers 170. Geburtstag: Das Dorf, ein Trauma

Peter Roseggers 170. Geburtstag: Das Dorf, ein Trauma

Eine Ausstellung in Graz bricht mit dem Waldbauernmythos um Peter Rosegger. Der steirische Heimatdichter lebte in der Stadt, war ein gebrochener sozialer Aufsteiger, antisemitisch, bildungsfeindlich und depressiv.

In der Steiermark wird kultisch verehrt, wer es von ganz unten nach oben schafft und dabei auch noch Berg- und Almluft mitbringt. So entsteht die Illusion einer gerechten Ordnung, die seit je für die steirische Politik identitätsbildend war. Der Milliardär Frank Stronach lebt davon. Der tote Dichter Peter Rosegger ist darüber zur Kultfigur geworden.

Rosegger sei ein „Stachel im Fleisch der Gesellschaft“ und habe „sein ganzes Leben dafür gekämpft, dass Bildung zugänglich wird“, jubilierte ÖVP-Obmann Hermann Schützenhöfer bei der Eröffnung des Rosegger-Jubeljahres. Der Anlass ist dürftig. Der Dichter wäre heuer 170 Jahre alt geworden. Das steirische Heimatwerk vertreibt „Rosegger-Janker“, „Waldheimat-Dirndln“ und „Original-Rosegger-Brillen“.

Das GrazMuseum unter Otto Hochreiter hat sich dem elegant entzogen. Unter dem harmlos klingenden Titel „Im Krug zum grünen Kranze“ haben die Historikerin Hildegard Kernmayer und die Schriftstellerin Olga Flor den Blick auf Roseggers Leben in der Provinzhauptstadt Graz gelenkt und so einen Mythos dekonstruiert. Rosegger war keineswegs ein bitterarmer Waldbauernbub oder ein Dichter, der in finsteren Rauchstuben seine Geschichten vom Leben auf dem Dorfe auf Papier kritzelte. Rosegger verbrachte sein gesamtes Erwachsenenleben in Graz, anfangs von liberalen Grazer Bürgern ausgehalten, später den deutschnationalen, antisemitischen Geistesströmungen seiner Zeit folgend bis zur „Kulturfäulnis“ (Rosegger). Nur noch die Sommerfrische verbrachte Rosegger am Land. Auch literarisch entsprach der Vielschreiber dem Geschmack der Zeit, der Sehnsucht der Spießbürger nach einer vorindustriellen Dorfgemeinschaft, die es damals schon nicht mehr gab, einer verlogenen Idylle. In seinen Kommentaren zum aktuellen Zeitgeschehen, die Rosegger anmaßend „Bergpredigten“ nannte, konnte eine Zeitlang scheinbar jede beliebige Meinung bei ihm eine Heimat finden, so sehr widersprechen sie einander, ob aus Ratlosigkeit oder Opportunismus, ist schwer zu sagen. Je älter er wird, desto entschiedener vertritt Rosegger reaktionäre Positionen, voll Ressentiments gegen das Städtische, das „Weltgift“ wie er es nennt, und gegen jene höhere Bildung hetzend, die man ihm selbst hat angedeihen lassen. Am Ende erscheint Rosegger als ein gebrochener sozialer Aufsteiger, ein Fremder im Dorf und ein Fremder in der Stadt. Nur engste Vertraute ahnten, wie es um den Dichter stand, wussten von seinen Depressionen, seinen Weltfluchten, seinen Selbstmordgedanken, wie sehr er unter dem Erfolgsdruck litt – „wie arg ich zugerichtet war“, so Rosegger in seinem Tagebuch.

„Ich als ,Schwächling‘“
Peter Rosegger kam am 31. Juli 1843 als erstes von fünf Kindern am Kluppeneggerhof bei Krieglach zur Welt, im kleinen Bergdorf Alpl, auf 1000 Metern Höhe. Die Roseggers besaßen einen der größten Bauernhöfe in der Gegend, drei Dutzend Rinder und doppelt so viele Schafe. Der Erstgeborene war von schwächlicher Konstitution, kränkelte oft. Wissbegieriger als die anderen Kinder lernte er mit einem Wanderlehrer, der einmal zu diesem, dann zu jenem Bauern kam, wohl auch mit Hilfe seiner Mutter, lesen und schreiben. Es war bald klar, dass er den Hof nicht übernehmen werde. „Mein Bruder blieb in der Wirtschaft, ich als ,Schwächling‘ musste nach einem spartanischen Gesetze, welches der Kampf ums Sein aufgebracht hat, aus dem Hause“, schrieb Rosegger. Ein vernichtendes Urteil, ein hartes Elternhaus. Wie nebenbei tauchen in Roseggers biografischen Geschichten immer wieder Szenen auf, in denen der Bub wegen kleiner Vergehen mit der Birkenrute geschlagen wird. Vom Vater, den der Schriftsteller beschönigend als weich und von schwärmerischer Natur schildert, als auch von der liebliche Lieder singenden Mutter.

Rosegger kam zu einem Schneider in die Lehre und ging auf die Walz. Als er es wagte, ein paar seiner Dialektgedichte an die „Grazer Tagespost“ zu schicken, nahm sein Leben eine Wendung. Er wurde als „Naturdichter“ entdeckt. Volkserzieherisch gestimmte Grazer Bürger nahmen ihn unter ihre Fittiche. Für seine Gönner war der junge Wilde, der nicht einmal die Orthografie beherrschte, formbares Material. Er sollte die von ihnen empfohlenen Bücher lesen, sich mit Kunst und Theater beschäftigten. Es erging ein Aufruf an die Grazer Bildungsbürger, man möge für Rosegger spenden. Er wurde auf die private Handelsakademie geschickt, wo er mit wesentlich jüngeren und reichen Kaufmannssöhnen die Schulbank drückte. Er bekam Nachhilfe. Er tat sich schwer. Er wurde von Familie zu Familie weitergereicht, von Mittagstisch zu Mittagstisch, vom Unternehmer Reininghaus zur Gräfin Meran. Mit einem Stipendium des Landes Steiermark wurde Rosegger auf Reisen geschickt, um die Welt kennen zu lernen. Italien, Schweiz, Niederlande, Deutschland. „Ich möchte in meinem ganzen Leben sonst nichts tun, als in die Wissenschaft eindringen – und schriftstellern, ich möchte mich zum wohlhabenden Mann emporschreiben und meinen armen, heimatlosen Eltern ein materielles Wohnhaus zusammendichten“, gestand Rosegger in diesen Jahren.

Seine Lage war demütigend. Er hatte seine Familie im Stich gelassen, als sich abzeichnete, dass es bergab ging. Ein Unwetter, ein Ernteausfall hatten die Familie in Schulden gestürzt. Der Hof wurde zwangsversteigert. Die Eltern lebten nun im Ausgedingehaus und der Bruder suchte Arbeit in einer Fabrik.

Das schlechte Gewissen drückte, doch seine Geschichten wurden veröffentlicht. Die literarische Konservierung einer rückwärtsgewandten Utopie wurde sein Hauptgeschäft. Er hatte sich in Graz etabliert, zudem reich geheiratet: Anna Pichler, die Tochter eines Grazer Hutfabrikanten. Nachdem seine erste Frau im Kindbett gestorben war, ehelichte er vier Jahre später Anna Knaur, die weltgewandte Tochter eines Wiener Bauherrn und Schlossbesitzers, der auch schon Roseggers Sommervilla in der sogenannten Waldheimat entworfen hatte.

Exklusiver Zirkel mit deutschnationaler Schlagseite
Einmal in der Woche traf sich Rosegger mit seinen Gönnern, Förderern und Bewunderern im Wirtshaus „Im Krug zum Grünen Kranze“. Die Herrenrunde bestand aus Grazer Bürgern, Unternehmern, Journalisten und Künstlern. Im Laufe der Jahre bekam der exklusive Zirkel eine deutschnationale Schlagseite. Man hasste die Sozialdemokratie, war arrogant und voller Dünkel. Rosegger war nun auch Herausgeber einer Zeitung namens „Heimgarten“, in der er sich zu politischen Fragen der Zeit äußerte und in der seine Romane in Fortsetzungen erschienen, bevor sie als Bücher herauskamen. Rosegger war geschäftstüchtig. Seine Ansichten spiegeln den Zeitgeist. Rosegger sprach einem sogenannten „vernünftigen“ Antisemitismus das Wort.

„Ich hasse die Geld- und Schacherjuden, die oft bis zur Tollheit um‘s goldene Rind tanzen. Ich hasse die Protzjuden mit ihrem äußeren Prunk und ihrer inneren Hohlheit. Ich hasse die Zeitungsjuden, die bestechlichen, welche Meinungen und Überzeugungen kaufen und verkaufen en gros, (...) wie ihre Väter mit Lumpen und Trödel handelten en detail, die giftigen Zynismus ins Volk spritzen, (...) doppelt und dreifach hasse ich sie, weil sie die Christen verjudet haben.“ Nicht allen seiner Freunde war dieser Standpunkt radikal genug. Rosegger verteidigte sich, er habe zu Juden „wahrlich keine Neigung. Ihre nationalen oder Rassentugenden sind nicht die unseren (..) großmäulig, frech, gewinnsüchtig (...) gefährliches Gift“. Er habe immer schon „eine natürliche Abneigung gegen semitisches Blut“ verspürt. Juden waren für Rosegger das Symbol der verhassten Moderne. In seinem Roman „Jakob der Letzte“, der im heurigen Jubeljahr dramatisiert zur Aufführung kommt, – und für den sich alle ideologischen Richtungen, linke wie rechte, schon einmal erwärmten, zeichnet Rosegger als kapitalistischen Gegenspieler zu den heimatverbundenen Bauern einen Mann galizischer Abstammung, der den Bauern gewissenlos ihre Höfe abluchst, um das Jagdrevier seines Dienstgebers zu vergrößern. Auch in anderen Rosegger-Romanen zerstören kapitalistische Juden die bäuerliche Ordnung.

Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs empfand Rosegger, obwohl er eine Zeitlang eine pazifistische Haltung eingenommen hatte, als „Erlösung“. Es gebe nichts Notwendigeres als den Krieg“ schrieb er. Der Krieg sei „die einzige richtige Kulturtat“. „Die Tiroler sollten das Italiener-Erschießen überhaupt als Sport betreiben, wettend darauf hin, wer mehr Kopfschüsse macht.“

In der Herrenrunde verachtete man naturgemäß die Frau, wenn sie nicht gerade als Mutter gepriesen wurde. Rosegger verfasste dazu holprige Reime („Das Weib ist eine Nuss, die man aufbeißen muss, dem Manne Gott genad, der keine Zähne mehr hat.“) und war im Übrigen der Ansicht „je intelligenter sie sind, umso abstoßender und schädlicher werden sie“.
Den größten Verrat gegen sich selbst beging Rosegger jedoch in Fragen der Bildung: „Wir können (...) die unbemittelten Kreise gar nicht genug davor warnen, leichtsinnigerweise ihre Söhne studieren zu lassen“, schrieb Rosegger im „Heimgarten“. Es trieb ihn die Sorge um, dass alle in der Gesellschaft nach oben wollten. Nachdem 1869 die allgemeine achtjährige Schulpflicht eingeführt worden war, mahnte Rosegger die Schulmeister, sie sollten „nicht wie Agenten der Überkultur im Bauernhause bisher unbekannte Bedürfnisse wecken“ und den Bauern „nicht aus seinem Stande heben“. Durch die Ausbreitung der Volksschule werde „unnatürlicher Ehrgeiz“ geweckt. Rosegger zog zu Felde gegen die „immer mehr einreißende Studierwut“. Sie entspringe „der Scheu vor körperlicher Arbeit, der Sucht nach einträglicher und dominierender Stellung“, schrieb er – im Grunde gegen sein eigenes Leben.

Rosegger prangerte zwar auch den Bildungsdünkel an, unter dem er selbst gelitten hatte, aber er hielt für schädlich, „etwas Besseres sein zu wollen, als der Vater gewesen“.

Rosegger unterstützte den deutschnationalen „Schulverein Südmark“, der rein deutsche Schulen in Böhmen und Mähren bauen ließ, was angeblich seine Chancen auf den Literaturnobelpreis im Jahr 1913 zunichte machte. Tatsächlich haben nur ein paar deutschnationale Publizisten damit spekuliert. Gut war Roseggers Literatur nur dort, wo er seine Traumata nicht durch nachträgliche Projektionen zum Verschwinden brachte, urteilt der Germanist Karl Wagner.

Rosegger starb mit der Monarchie im Jahr 1918. Seine Söhne wurden glühende Nationalsozialisten und Rosegger der meist gefeierte Dichter unter den Nationalsozialisten.