Phänomene, zum Anbeißen und Anschauen

Oft sind es die kleinen Merkwürdigkeiten, die das große Ganze erhellen.

Vergangene Woche war ganz schön was los in der Welt: Teils ging es weit in die Geschichte zurück, teils in die Zukunft voraus. Ich meine damit nicht die Bestellung von Frau Condoleezza Rice zur neuen Außenministerin der USA – eine Rabiatperle ist noch kein Phänomen – und auch nicht das erleuchtende Bekenntnis des SPÖ-Chefs Alfred Gusenbauer in einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“: „Was der Salon von mir hält, ist mir egal“, was lediglich den Verdacht nährt, er fühle sich im Vorzimmer der Macht schon recht heimelig.

Die Phänomene, die mir aufgefallen sind, mögen Ihnen im Wust der Weltpolitik und im Wettrennen um den schönsten Christkindlmarkt Wiens eventuell entgangen sein.

Das erste war ein zutiefst österreichisches. Der Tiroler Landtag stellte vergangenen Mittwoch die Landeshymne unter gesetzlichen Schutz. Diese Hymne, die als „Andreas Hofer Lied“ berüchtigt ist, darf weder verunglimpft noch verspottet werden, widrigenfalls 2000 Euro Strafe drohen. Das ist nur recht und fast billig, haben doch die Südtiroler (die der ORF bei Skirennen immer eingemeindet) jahrelang versucht, sich dieses Lied als Hymne unter den Nagel zu reißen, vor allem die deutschradikalen Terroristen der sechziger Jahre, die legendären „Bumser“ (Bombenleger).

Ohne jegliche Verunglimpfung bleiben beim Anschauen des Textes dennoch historische Fragen offen. In der ersten Strophe, in der Hofer schon zu Mantua in Banden „war“, „blutete der Brüder Herz, ganz Deutschland, ach in Schmach und Schmerz“.

Nun war es so: Bayern annektierte Tirol 1807; Österreich beschloss 1809 einen neuerlichen Krieg gegen Napoleon. In Tirol griff eine Volkserhebung Platz, und unter der Führung des Passeier Viehhändlers und „Sandwirts“ Andreas Hofer wurden die bayerisch-französischen Truppen empfindlich geschlagen. Wieso liegt da „ganz Deutschland in Schmach“, wenn der Rebell „in Banden“ ist? Auch Hofers Kerker-Botschaft in Strophe drei: „Gott sei mit euch, mit dem verrat’nen deutschen Reich“, ist nicht ganz einleuchtend. Immerhin ist bemerkenswert, dass dieser Wortlaut den Tirolern noch 2004 heilig ist.

Zum Anschauen ist auch das zweite Phänomen, bei dem es sich um ein weltweites und geradezu futuristisches handelt. Ich weiß natürlich nicht, wie es um Ihren werten Stoffwechsel bestellt ist, aber wussten Sie, dass wir am vergangenen Freitag den „Welttoilettentag“ feierten?

Es war ein Gedenktag, den die meisten von uns gewiss unbewusst begangen haben, ein Tag, an dem wir in relativ demütiger Haltung unser Innerstes still und vermutlich ohne jedwede Zeugenschaft outeten, ein Tag, der zum Philosophieren einlud: Wie viel haben wir in unserem Leben schon verschissen? Wie oft anderseits haben begnadete Künstler es zustande gebracht, dass wir uns vor Lachen anwischerln mussten? Ist die Entwicklung von „Noli me tangere“ zu „Verpiss dich!“ wirklich eine kulturelle Evolution?

Diese und noch ganz andere Fragen beschäftigten 400 Experten aus 19 Ländern, die vergangene Woche in Peking das Häusl ständig in den Mund nehmen mussten, da sie sich zum „Vierten Welttoilettengipfel“ eingefunden hatten. Scheißfreundlich hörten sie sich die Finnen an, die mit ökologischem Lokus protzten, und natürlich die chinesischen Gastgeber, die in diese abortive Branche etwas Klobrillenbrechendes eingebracht haben: die Güteklassen für WCs von eins bis fünf Sternen – verständlich, dass das Umfeld der Speisen nicht nur wie bisher bei der Nahrungszufuhr, sondern auch bei deren Auscheidung bewertet wird (fünf Sterne gibt es nur, wenn eine Sonderbehandlung für Behinderte oder Blinde offeriert wird und wenn Telefon und TV vorhanden sind). Bemäntelt wurde die Tagung mit einem sicher vier-lagigen UN-Papier, das bedauert, dass 40 Prozent der Erdbevölkerung keinen Zugang zu sanitären Anlagen haben, weshalb deren Rückstände oft das Grundwasser verseuchten – im Vordergund standen allerdings neue Deckel- und Brillen-Designs sowie Duftnoten.

Das dritte Phänomen konnte nur aus God’s Own Country kommen. Das Internet-Auktionshaus eBay bot ein Käsebrot feil, auf dem das Antlitz Marias zu sehen sei. Besitzerin dieses zehn Jahre alten, „nicht verschimmelten“ Kleinods ist die Hausfrau Diana Duyser aus Florida. Sie hatte dem „Miami Herald“ gestanden, vor zehn Jahren in ein Käsebrot gebissen zu haben, worauf Mariens Antlitz auf dem Käse erschienen sei. Ob es sich dabei um einen göttlichen Konsumentenschutz gehandelt hat, blieb bisher ebenso ungeklärt wie die Frage, um welche Käsesorte es sich handelt.

Während verschiedene amerikanische Käsehersteller bereits das Erscheinungsrecht für ihr Produkt beanspruchen und Werbekampagnen erstellen lassen („Bei jedem zehnten Stück sehen Sie mindestens einen Apostel“), wurde der himmlische Verzehr indes recht bodenständig unterlaufen: eBay wurde ein Käsebrot angeboten, auf dem angeblich das Abbild von Elvis Presley zu sehen ist.

Wer weiß, welche Idole noch die Amis bald mit Käse in Verbindung bringen werden?