Politik und Karriere: Die Qual nach der Wahl

Politiker gelten als privilegiert – und zwar über ihre aktive Karriere hinaus. Doch den früher so gut funktionierenden Postenschacher für Mandatare a. D. gibt es kaum noch. Das Leben danach kann ziemlich beschwerlich sein.

Bis vor Kurzem residierte Gabi Burgstaller im Chiemseehof, einem denkmalgeschützten Prachtbau in der Salzburger Altstadt. Im weitläufigen Büro der Landeshauptfrau gab es antike Möbel und modernes Design, Blumenarrangements und stets frisch gefüllte Obstkörbe. Wenn sie aus dem Haus kam, wartete der Dienstwagen samt Chauffeur. Um ihre Termine kümmerte sich das Sekretariat, der Kaffee wurde serviert, lästiger Bürokram von ihr ferngehalten. Die Arbeitszeit der Chefin war kostbar und für Wichtiges reserviert.

Am Montag Nachmittag vergangener Woche öffnet Burgstaller selbst, als es an der Tür klopft. In ihrem Büro stehen ein schmaler Schreibtisch mit Computer, ein Regal, ein Schrank, ein kleiner Tisch mit zwei Sesseln. Mehr Inventar hätte auch gar nicht Platz. Wer Burgstaller anrufen möchte, kann einfach durchwählen. Sie sagt dann: „Arbeiterkammer, Burgstaller, guten Tag.“ Das gehe ihr schon ganz flüssig über die Lippen, erzählt sie. Auch sonst sei die neue Situation kein Problem: „Ich kann meinen Computer bedienen, ich kann Kaffee machen, und ich weiß, wie der Kopierer funktioniert.“ Nur das selbstständige Autofahren erwies sich nach den vielen Jahren im Dienstwagen als Problem. „Deshalb hab ich im Sommer ein Fahrsicherheitstraining gemacht.“ Jetzt geht es besser.

Burgstallers Abschied vom Chiemseehof wurde am 5. Mai 2013 besiegelt. Bei der Landtagswahl rächten sich die Salzburger für den zuvor aufgeflogenen Finanzskandal; die SPÖ schlitterte ins Debakel. Burgstaller erklärte noch am selben Abend ihren Rücktritt. Anfang Oktober, fünf Monate später, trat sie nun ihren neuen Job als Sachbearbeiterin in der Direktion Gesundheitsberufe der Arbeiterkammer an. Nach allen geltenden Maßstäben ist das ein tiefer Absturz, fast so, als wäre Hermann Maier jetzt Liftwart in Flachau. Aber Burgstaller möchte es lieber anders sehen: „Warum glauben manche Leute, ich müsste Generaldirektorin werden? Ich zähle mich zu den Privilegierten. Immerhin hatte ich ein Rückkehrrecht zu meinem früheren Dienstgeber. Viele andere haben das nicht.“

Sie habe überlegt, ein Studium im Ausland zu machen, sagt Burgstaller. Aber der Plan wurde verworfen. „Es gibt für Politiker keine Bildungskarenz und kein Arbeitslosengeld. Ich hätte mir bis zur Krankenversicherung alles selber zahlen müssen.“ Politiker können für ein paar Monate eine Entgeltfortzahlung beantragen, und zwar 75 Prozent des bisherigen Gehalts. Aber auch das erschien Burgstaller nicht sehr verlockend. Sämtliche Kollegen, die diese Option in den vergangenen Jahren nützten, landeten als geldgierige Abzocker in den Boulevardmedien.

Berechtigte Einwände, offene Frage
Es gibt keine offiziellen Regeln für das Leben nach der Politik. Das verbessert die Chancen, alles falsch zu machen. Ex-SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer etwa hat sich als Consulter selbstständig gemacht und zählt unter anderem den kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew zu seinen Kunden. Ein Sozialdemokrat sollte sich nicht mit Diktatoren abgeben, wird kritisiert. Der ehemalige BZÖ-Vizekanzler Hubert Gorbach blamierte sich bis auf die Knochen, als ein Brief von ihm an den britischen Finanzminister auftauchte, in dem Gorbach – in holprigem Englisch und auf Briefpapier mit Staatswappen – seine Dienste als Berater antrug. Ex-ÖVP-Vizekanzler Josef Pröll bekam beim Mühlenkonzern Leipnik-Lundenburger einen Job im Management. Das roch doch ein wenig nach einem Deal unter Freunden.

Jeder dieser Einwände ist berechtigt. Aber übrig bleibt die Frage, was ein Politiker nach dem Ende seiner Karriere tun darf, ohne eine schlechte Nachrede zu riskieren – zumal es für viele Mandatare schwierig sein kann, überhaupt einen Job zu finden. Die Privatwirtschaft lechzt nicht gerade nach ehemaligen Abgeordneten und Ministern. „In das klassische Profil für Managementjobs passen Politiker eher schlecht“, meint die Wiener Personalberaterin Charlotte Eblinger.

Die Bürger halten Politiker für überbezahlt, überversorgt und in jeder Hinsicht überfüttert. Haben sie das Ende ihrer Laufbahn erreicht, wartet als Trost ein Managementjob im staatsnahen Bereich, hochdotiert, rundum abgesichert und mit erfreulicher Work-Life-Balance. So lautet das Vorurteil – und lange Zeit passten die Fakten auch durchaus dazu. Gut in Erinnerung sind Fälle wie jener von Mathias Reichhold, gelernter Biobauer und Kurzzeit-Minister der FPÖ, der zum Dank für seine Dienste einen Vorstandsjob bei der Asfinag bekam und etwas mehr als ein Jahr später mit einer üppigen Sonderabfertigung verabschiedet wurde.

Postenschacher dieses Zuschnitts ist nicht völlig ausgestorben, aber seltener geworden. „Bis in die 1990er-Jahre gab es tatsächlich sehr viele Privilegien, die zu Recht kritisiert wurden“, sagt der Politikforscher Hubert Sickinger: „Das ist jetzt alles weg. Möglicherweise wurde teilweise über das Ziel hinausgeschossen.“

Mitleid ist nicht direkt angebracht. Die meisten Betroffenen haben jahrelang gut verdient und wohl einen Notgroschen beiseite gelegt. Außerdem sind Politiker im Allgemeinen ausreichend gebildet, um die Konsequenzen ihrer Berufswahl zu überblicken. Jeder muss wissen, was er tut, und es gibt kein Menschenrecht auf Jahreseinkommen jenseits von 150.000 Euro. Aber abseits persönlicher Emotionen hat die Problematik auch eine demokratiepolitisch bedeutsame Seite: Im Parlament (und in den Landtagen der Bundesländer) sitzen fast nur noch Beamte, Funktionäre von Interessensvertretungen und Bauern. Wer beruflich etwas zu verlieren hat, eine richtige Karriere vielleicht sogar, spart sich den Abstecher in die Politik.
Karl Öllinger, langjähriger Sozialsprecher der Grünen, weiß im Moment jedenfalls nicht genau, wie es beruflich für ihn weitergehen soll. Er ist 62 Jahre alt, sitzt seit 19 Jahren im Nationalrat, hat im Prinzip sein ganzes Leben lang Politik gemacht. Doch dann blieben die Grünen bei der Nationalratswahl unter ihren Erwartungen, und Öllinger schaffte es nicht mehr ins Parlament. „Ich hätte mich darauf vorbereiten können“, meint er. „Aber man verdrängt so etwas.“ Jetzt fehlen ihm noch drei Beitragsjahre bis zum Pensionsanspruch. Möglicherweise kann er seinen Sozialblog und die Homepage „Stoppt die Rechten“ im Auftrag der Partei weiter betreiben. Es gebe eine grundsätzliche Zusage, sagt Öllinger. „Aber grüne Verhandlungsprozesse können zäh sein.“

Öllinger weiß, dass der Ausdruck „Berufspolitiker“ derzeit oft als Schimpfwort gebraucht wird. Er weiß auch, dass seine Situation, so unangenehm sie sich anfühlt, keine Sammelaktion der Caritas rechtfertigt. Aber er hätte gerne eine grundsätzliche, zumindest parteiinterne Diskussion darüber, welche Art von Mandatar heutzutage eigentlich gefragt sei. „Gerade die Grünen haben immer auf Berufspolitiker gesetzt. Die Partei wollte keine Quereinsteiger. Dann muss man aber auch einmal darüber reden, welche Konsequenzen das hat.“

„Auf die Dauer ist es ein Hasardspiel“
Anders als Rot und Schwarz hatten die Grünen nie Jobs in der staatsnahen Wirtschaft zu vergeben. Sie bekämpften den Postenschacher für Ex-Minister, Ex-Abgeordnete und Ex-Sekretäre sogar besonders vehement. Eine Folge dieser vorbildlichen Haltung: Im grünen Parlamentsklub saßen zeitweise mehr ehemalige Parteichefs als normale Abgeordnete. Man konnte die Kollegen ja nicht einfach zur Umschulung schicken. Karl Öllinger will seine Profession nicht vorbehaltlos weiterempfehlen. „Wenn, dann sollte man sich nur für eine relativ kurze Zeit in der Politik engagieren. Auf die Dauer ist es ein Hasardspiel.“

So gesehen hat Andrea Kdolsky alles richtig gemacht. Sie wurde im Jänner 2007 ÖVP-Gesundheitsministerin und kündigte im August 2008 bereits ihren Rückzug an. Eineinhalb Jahre: Sehr viel kürzer geht es nicht. Trotzdem denkt sie nicht sonderlich gerne an dieses berufliche Intermezzo zurück: „Mit dem Wissen, das ich heute über fehlende Entscheidungskompetenzen habe, würde ich nicht mehr in die Politik gehen.“

Kdolsky sitzt in der Wiener Zentrale von Pricewaterhouse Coopers (PwC), wo sie seit Mitte 2009 als Leiterin des Geschäftsbereichs Gesundheit arbeitet. Ihr Temperament ist in den vergangenen Jahren nicht weniger geworden. Immer noch redet sie schneller, als die meisten Menschen denken können, und gestikuliert dabei heftig. Jetzt darf sie das ja wieder. Kdolsky hatte vor der Politik als Geschäftsführerin der niederösterreichischen Landeskliniken-Holding gearbeitet. Mit ihrer Management­erfahrung sollte der neue Job doch kein Problem sein, habe sie gedacht. Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Sehr bald ging es in der öffentlichen Darstellung nur noch um den Schweinsbratenkonsum der Ministerin, ihre Rauchgewohnheiten und ihr Liebesleben. Ob sie den Dauerbeschuss nicht durch eigenes Verhalten befördert habe? „Nein, da widerspreche ich deutlich!“, ruft Kdolsky. „Ich habe Themen offen behandelt und mich nie bigott verhalten.“

Das angepatzte Image machte die Jobsuche danach nicht leichter. „Ich habe mich für verschiedene Stellen beworben. Aber ich war politisch und persönlich punziert und wurde schlechter behandelt als andere Bewerber.“ Nach einem halben Jahr meldete sich dann PwC. Das Angebot kam buchstäblich in letzter Minute, meint Kdolsky. „Sonst hätte ich wahrscheinlich zum AMS gehen müssen.“

Politik kann angeblich süchtig machen. Das behaupten zumindest viele, die eine Zeitlang mit dabei waren. Und wie bei jeder Droge ist der Entzug schmerzhaft. Spitzenpolitiker klagen häufig und wahrscheinlich zu Recht über die enorme Arbeitsbelastung, die ständige Überwachung durch die Öffentlichkeit, den Verlust des Privatlebens. Aber der Wegfall all dieser Belastungen ist mindestens genauso schwer auszuhalten.

Karl Schweitzer, gelernter Geografie- und Sportlehrer, war viele Jahre FPÖ-Abgeordneter und von 2003 bis 2007 Staatssekretär des BZÖ. Danach musste er ins ganz normale Leben zurück und wurde wieder Lehrer in Oberwart. Schweitzer bekommt heute noch einen säuerlichen Gesichtsausdruck, wenn er darüber redet. Von der Regierungsbank umweglos an die Sprossenwand: Das war hart. „Eine Zeitung hat damals geschrieben: ‚Jetzt kommt er zurück und nimmt zwei jungen Kollegen den Job weg‘“, erzählt er. Viele Eltern hätten außerdem Vorbehalte gegen ihn als ehemaligen Rechtspolitiker gehabt. Bei jedem Wort habe er aufpassen müssen. „Man hat mich spüren lassen, dass ich in der falschen Partei war.“ So wehleidig das klingt: Von ähnlichen Erfahrungen berichten viele Ex-Mandatare. In der Politik sind Disharmonien offenbar leichter zu ertragen als im richtigen Leben – wo man keine Pressekonferenz geben kann, um selbst ordentlich auszuteilen.

Es traf sich günstig, dass Schwarz-Blau einst die Hacklerregelung eingeführt hatte. Karl Schweitzer nützte sie im Vorjahr für einen geordneten Rückzug und ist seither in Pension. Nebenbei fungiert er seit 2009 als Präsident der österreichischen Basketball-Liga. Im Sport wird auch viel diskutiert und gestritten. An guten Tagen fühlt es sich an wie in der Politik.

Topmanager bekommen zum Abschied ein paar nette Worte (zumindest von der Sekretärin) und eine üppige Abfertigung. Die Karrieren von Politikern enden fast immer mit einer Kränkung. Keiner geht, wenn es am schönsten ist. Die meisten warten, bis sie von den Wählern oder der eigenen Partei davongejagt werden.

Leistung und Sager
Silvia Grünberger (bis zu ihrer Heirat hieß sie Fuhrmann) gehört zu den wenigen Ausnahmen. Die heute 32-jährige Burgenländerin war schon mit 21 für die ÖVP in den Nationalrat gekommen und damit die jüngste Parlamentariern der österreichischen Geschichte. Nebenbei amtierte sie zwei Funktionsperioden lang als Chefin der Jungen ÖVP. Vor zwei Jahren beschloss sie, bei der Nationalratswahl nicht mehr anzutreten. „Ich bin überzeugt, dass Politiker auch andere berufliche Erfahrungen sammeln sollten, um nicht betriebsblind zu werden“, sagt sie. Grünberger ist seit Kurzem Geschäftsführerin der Kommunikations-Agentur Rosam und vom neuen Leben angetan. „In der Privatwirtschaft zählt die eigene Leistung. In der Politik geht es oft nur darum, wer den besten Sager parat hat.“

Wie lange ein misslungener Satz nachklingt, weiß kaum jemand so gut wie Silvia Grünberger. Wer ihren Namen googelt (den alten oder den neuen), wird vom Such­algorithmus umgehend zum Stichwort „Wurstsemmel“ geleitet. Im Februar 2004 hatte sie in einer Diskussion über mögliche Pensionskürzungen gesagt, um zehn Euro „kann man beim Billa gerade drei Wurstsemmeln kaufen.“ Ein Proteststurm über so viel Abgehobenheit war die Folge, vor allem die „Kronen Zeitung“ konnte sich kaum beruhigen. Sie habe damals sogar Morddrohungen bekommen, erzählt Grünberger. Die eigene Partei bot wenig Unterstützung. „Großartige Medientrainings gab es damals nicht und auch keine Vorbereitung auf den Umgang mit Journalisten.“ Wolfgang Schüssel, damals Parteichef und Bundeskanzler, erklärte Kollegen in Bedrängnis gerne, sie sollten sich nicht aufregen: „Politik ist ein Dschungelkrieg.“

Für Gabi Burgstaller ist der Krieg vorbei. In der Arbeiterkammer kümmert sie sich jetzt um Belange wie das Fachkräftestipendium und die Fachhochschulen für Gesundheitsberufe. Es sei schön, endlich wieder einmal Zeit zu haben, sich in ein Thema zu vertiefen, sagt sie. Dennoch liegt der Verdacht nahe, dass ihr aktueller Job nur eine Zwischenstation darstellt – bis ein besseres Angebot vorliegt. Burgstaller dementiert das entschieden: „In den nächsten paar Jahren wird sich nichts ändern, ich werde in der AK bleiben.“

Aber sie war Politikerin. Deshalb glaubt ihr niemand.

Gabi Burgstaller, 50
Neun Jahre lang war die Sozialdemokratin Landeshauptfrau in Salzburg. Bei der Landtagswahl im Mai wurde ihre Partei abgewählt – eine Folge des Finanzskandals. Burgstaller kehrte Anfang Oktober in die Arbeiterkammer zurück. Das Foto oben stammt noch aus ihrer Zeit als Landeshauptfrau. Derzeit verweigert sie sich den Kameras. Dies tun zu können, sei eine der angenehmen Folgen ihres Rücktritts, sagt sie.

Karl Öllinger, 62
Seit 19 Jahren sitzt der Oberösterreicher für die Grünen im Parlament. Jetzt muss er sein Büro räumen. Bei der Nationalratswahl reichte es nicht mehr für ein Mandat. Öllinger hofft, dass er weiter in irgendeiner Form für die Partei arbeiten kann. Pensionsberechtigt ist er noch nicht, und als Berufspolitiker bleiben ihm sonst kaum Alternativen.

Andrea Kdolsky, 50
Die Ärztin und Gesundheits­managerin kam als Quereinsteigerin in die Politik – und blieb nur eineinhalb Jahre. Danach war sie ein halbes Jahr lang auf Jobsuche. Sie habe als Ex-Politikerin dabei Nachteile gehabt, klagt sie. Kdolsky leitet jetzt den Bereich Gesundheit bei Pricewaterhouse Coopers.

Karl Schweitzer, 61
Nach einer langen Polit-Karriere für die FPÖ und am Schluss für das BZÖ musste Schweitzer zurück in den alten Job. Er wurde wieder Lehrer für Sport und Geografie in Oberwart. Mittlerweile ist er Hackler­pen­sionist und Präsident der österreichischen Basketball-Liga.