Porträt: Der Zugereiste

Der neue ÖBB-Chef Martin Huber ist ein kühler Stratege und tougher Verhandler. Selbst seine Gegner sind der Meinung: Der Manager, der eigentlich aus der Baubranche kommt, ist der richtige Mann für den harten Job.

Geplant war eine Woche Entspannung in Padua. Martin Huber hatte den Urlaub für die vorletzte Oktoberwoche gebucht. Ein Urlaub, in dem der einzige Stress darin bestehen sollte, Massage-Termine einzuhalten. Ein Urlaub, in dem er sich allenfalls über Fehlschläge am Golfplatz ärgern wollte.

Den Urlaub hat er auch tatsächlich gemacht. Entspannt hat er sich herzlich wenig.

Das lag daran, dass Martin Huber vom ersten Tag an abwechselnd mit Verkehrsminister Hubert Gorbach, mit dessen Staatssekretär Helmut Kukacka und mit einer Reihe ausgewählter Journalisten telefonierte. Zu profil sagte er gegen Ende seiner „Urlaubswoche“: „Ich habe schon gewusst, dass ich einen harten Job antrete. Dass der Start aber gleich so heftig wird, habe ich nicht geahnt.“

Am 2. November wechselt Huber in den Vorstand der Österreichischen Bundesbahnen. Anfang 2005 wird er die Führung von Österreichs größtem Staatsbetrieb übernehmen. Das ist die offizielle Seite. Die inoffizielle: Martin Huber ist bereits der starke Mann in den ÖBB. Was auch besagter Italien-Aufenthalt recht eindrucksvoll zeigte: In Österreich gingen wegen der geplanten umfangreichen Frühpensionierungsaktion der ÖBB die Wogen hoch – Ansprechpartner für Politiker und Journalisten war der designierte ÖBB-Chef Huber. Und nicht der amtierende ÖBB-Chef Rüdiger vorm Walde.

Baumanager. Spätestens in Padua dürfte Martin Huber also klar geworden sein: Sein Leben wird sich von nun an grundlegend ändern. Nicht dass er bislang keine einschlägigen beruflichen Erfahrungen gesammelt hätte. Huber war seit 1989 im Baukonzern Porr für das durchaus harte Geschäft des Immobilien-Developments zuständig. Seit Anfang 2003 saß der heute 44-Jährige im Vorstand des Baukonzerns.

Doch das war ein Spaziergang, verglichen mit dem Spitzenjob in den ÖBB.

Sein Vorgänger Rüdiger vorm Walde hatte etwas mehr als drei Jahre in der ÖBB-Chefetage ausgeharrt. Das ist sehr lange angesichts der Tatsache, dass der Deutsche bereits zehn Monate nach Amtsantritt von Politikern, Gewerkschaftern und Journalisten angefeindet wurde. Heftige Kritik war seitdem sein ständiger Begleiter. In den dringend reformbedürftigen Bundesbahnen (siehe Kasten) ging nichts mehr: Vorm Walde gilt als entscheidungsschwach, überdies fehlen ihm die für den Job dringend notwendigen Netzwerke – vor allem in die Politik.

Da ist Martin Huber schon aus einem anderen Holz geschnitzt. Er ist seit 1974 Mitglied der (Jungen) ÖVP. Wiewohl er in der Partei nicht sonderlich verankert sein soll. Alexander Neuhuber, Chef des Immobilienberatungsunternehmens Magan und Wiener ÖVP-Gemeinderat: „Ich kenne Martin Huber beruflich recht gut. Dass er ÖVP-Mitglied ist, habe ich allerdings erst vor kurzem aus der Zeitung erfahren.“ Trotzdem werden Huber gute Kontakte zu Politikern nachgesagt – parteiübergreifend. Zu seinem engeren Freundeskreis gehört der ehemalige FP-Justizminister Dieter Böhmdorfer. Womit auch Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider gegen Hubers Bestellung zum ÖBB-Chef nichts einzuwenden hatte. Huber selbst ist der Meinung, dass seine ÖVP-Mitgliedschaft für den Job „nicht von Nachteil“ sei, ausschlaggebend sei sie für seine Bestellung aber keineswegs gewesen.

Dass Martin Huber den Job nur seiner Parteizugehörigkeit zu verdanken hat, glaubt tatsächlich niemand. Viele finden seinen stark ausgeprägten Ehrgeiz und die bisweilen kühlen Umgangsformen nicht sonderlich einnehmend. Dennoch sind sogar seine schärfsten Kritiker einhellig der Meinung: Huber sei der richtige Mann für den harten Job in den ÖBB. „Bislang haben sich die ÖBB-Vorstände die Zähne an der Eisenbahnergewerkschaft ausgebissen. Unter Huber wird das umgekehrt sein“, sagt etwa einer, der sonst nicht gerade als Huber-Fan durchgehen würde.
Ein harter Knochen also, der neue ÖBB-Chef.

Erstaunlicherweise erntete Huber gleich dickes Lob von Gewerkschafts-Chef Wilhelm Haberzettl. Wohl kein Zufall. Zufälle haben im Leben des Martin Huber nicht vorzukommen: „Huber ist irrsinnig ehrgeizig, er sichert sich gerne ab und überlässt nichts dem Zufall. Dazu fehlt ihm der Mut“, erzählt ein jahrelanger Weggefährte. Und so klapperte der designierte ÖBB-Chef gleich nach seiner Bestellung alle wichtigen Gesprächspartner ab. In wenigen Tagen hatte er, wie er selbst stolz erzählt, Termine bei ÖBB-Angestellten, beim Management und bei der Gewerkschaft absolviert. Huber hat damit eine Menge erreicht: Er hat sein Terrain abgesteckt und gleichzeitig mit seinen Visavis eine brauchbare Gesprächsbasis geschaffen.

Stratege. Martin Huber ist ein Stratege. Wenn er in die Oper geht, und das tut er oft, bereitet er sich zu Hause auf den kulturellen Ausflug vor. Er „hört sich ein“.

Menschen dieses Schlags tun sich schwer, anderen zu vertrauen. Huber sagt, eine seiner Stärken sei die Teamfähigkeit. Beim Porr-Konzern wird das ein wenig differenzierter gesehen: „Huber ist nur teamfähig, wenn er an der Spitze des Teams steht“, sagt ein Kollege. Ein anderer meint, Huber fehle schlicht die Sozialkompetenz. Außerdem sei er viel zu misstrauisch, um richtige Teamarbeit zuzulassen. Er sei „ein Kontroll-Mensch“.

Martin Hubers Bruder Gerhard ist Urologe in Baden bei Wien. Als profil bei dem Arzt anruft, um Details aus der Kindheit des künftigen ÖBB-Chefs zu erfahren, muss Gerhard Huber bedauernd ablehnen: „Mein Bruder hat mich gebeten, nichts über ihn zu erzählen“, erklärt er, „das muss ich respektieren.“ Ausschließlich der Pressesprecher der ÖBB dürfe Auskünfte erteilen.

Offenbar hatte Martin Huber einen Bericht der „Niederösterreichischen Nachrichten“ Ende September nicht goutiert. Damals war Huber zum ÖBB-Chef bestellt worden, und sein Bruder hatte dem „NÖN“-Journalisten stolz erzählt: von seinem kleinen Bruder, dem „Mini-Huber“, der gerne Handball und Violine spielte, von „ausgelassenen Feten in der Jugend“, vom Ehrgeiz und der Zielstrebigkeit des um vier Jahre Jüngeren.

Der Zeitungsbericht war alles andere als kritisch oder gar rufschädigend. Er war aber unvorhergesehen. Deshalb also der Maulkorb.

Familienmensch. Der Bruder darf also nicht erzählen, dass Martin Huber 1960 in Wels geboren wurde. Dass er seine Kindheit in Mödling verbrachte. Dass die Mutter Krankenschwester, der Vater Bauingenieur war und dass Huber dem Vater in die Porr AG folgte. Dass der künftige Bahn-Chef gläubiger Katholik und in zweiter Ehe verheiratet ist. Und dass er drei Kinder im Alter von 21, 17 und 15 Jahren hat. Dass er vor wenigen Jahren sein Haus in Baden verkauft und einen Rohdachboden in Wien erworben hat.

Martin Huber spielt gerne Golf. Das erzählt er selber. Er tut dies, sagt er, weil es einerseits „ausgleichend“ ist. Andererseits muss das Hobby bei einem Mann wie Huber offenbar auch einen konkreten Zweck erfüllen. Golf sei „gut für die Konzentration und Selbstbeherrschung“, sagt Huber. Außerdem lerne man beim Golfspielen „nette Menschen kennen“.

Huber kennt viele Menschen. Ob auch viele Freunde darunter sind, ist nicht bekannt. Ernst Nonhoff, Chef von IBM Österreich, bezeichnet sich jedenfalls als „engen Freund“ Hubers. Die beiden spielen miteinander Golf. „Wir haben uns beruflich kennen gelernt“, erzählt Nonhoff, „daraus ist eine Freundschaft geworden.“ Auch sonst pflegt Huber gerne Kontakt zu Generaldirektoren: Wolfgang Gruber, Chef von Hewlett-Packard Österreich, gehört zum engeren Bekanntenkreis wie Kari Kapsch.

Als sich Huber für den vakanten ÖBB-Vorstandsposten bewarb, machte er es zur Bedingung, Nummer eins im Unternehmen zu sein. Martin Huber, zielstrebig und konsequent. Ein ÖBB-Aufsichtsratsmitglied erzählt, Huber habe bei dem Hearing brilliert. Im Gegensatz zum politisch favorisierten Asfinag-Chef Walter Hecke habe sich Huber auf keine Mentoren verlassen wollen, er sei bestens vorbereitet gewesen.

IBM-Chef Nonhoff ist der Meinung, dass Huber „die Gabe besitzt, auf sein Visavis hervorragend einzugehen“. Immobilienexperte Neuhuber hat immer schon Hubers „Verhandlungsgeschick“ bewundert, „eine Mischung aus Toughness und Sachwissen“. Karl Petrikovics, Chef des Immobilienkonzerns Immofinanz, beschreibt Huber als „sehr analytisch und sehr konsequent. Er ist bei Projekten immer bis zum Schluss drangeblieben. Ausgemacht ist für ihn ausgemacht.“ Palmers-Vorstand Martin Neidthart, der einst beim Baukonzern Universale werkte, bezeichnet ihn als „exzellenten Manager, mit dem man angenehm zusammenarbeiten kann“. Thomas Jakoubek, Chef der Immobilien Holding GmbH, schwärmt: „Huber ist ein harter Verhandler. Aber letztlich haben getroffene Vereinbarungen Handschlagqualität.“

Harter Verhandler. SP-Verkehrssprecher Kurt Eder ist skeptisch, dass jemand wie Huber, „der keine verkehrspolitische Erfahrung hat“, als ÖBB-Chef reüssieren wird. Doch vielleicht ist es gerade sein Background als Immobilien-Developer, der ihm als ÖBB-Boss behilflich sein wird: Huber ist es gewohnt, harte Verhandlungen zu führen. Ein Manager aus der Branche beschreibt Hubers Verhandlungsstrategie so: „Er weiß genau, wie er sein Ziel durchsetzt. Nicht dass er laut wird. Aber er versteht es sehr gut, etwa mit dem Abbruch aller Geschäftsbeziehungen zu drohen. Und schon läuft die Sache.“

Als ÖBB-Chef wird eine harte Verhandlungstaktik von Nutzen sein – gegenüber Begehrlichkeiten der Politik und der Gewerkschaft. Offiziell gibt Huber freilich Folgendes zu Protokoll: „Ich werde nicht gegen die Belegschaftsvertreter antreten. Denn wenn ich gegen die handle, dann tue ich das auch gegen meine Mitarbeiter. Und die sind mein höchstes Gut.“

Huber sagt: „Mit guten Argumenten kann man jeden überzeugen.“ Und bislang hat sich die Gewerkschaft auch auffällig kooperativ verhalten. Von seinem Urlaubsort meinte der neue ÖBB-Chef, dass rund 12.000 der insgesamt 47.000 Bundesbahner bis zum Jahr 2010 gehen müssen. Teils durch natürlichen Abgang, teils durch Frühpensionierungen. Aber auch durch Ausgliederungen und Outsourcing.

Die Proteste der Gewerkschaft blieben aus.