Profil-Online EXKLUSIV: Die Österreichische Nationalbank im Sog des AvW-Skandals

Die OeNB gerät unvermittelt in den Sog des AvW-Skandals: Der Leiter der Bankenrevision Ronald Laszlo musste die Kündigung einreichen.

Er galt als einer ehrgeizigsten wie untadeligsten Mitarbeiter der Oesterreichischen Nationalbank. In den vergangenen 15 Jahren hatte sich Ronald Laszlo in der OeNB-Nomenklatura Zug um Zug bis zum Leiter der „Abteilung für Bankenrevision“ hochgedient – eines der Schlüsselressorts im Haus am Wiener Otto-Wagner-Platz.

Freitag vergangener Woche nahm Laszlos Bilderbuchkarriere eine dramatische Wendung: Österreichs oberster Bankenkontrolleur musste auf Druck des Nationalbank-Direktoriums die Kündigung einreichen.
Der unfreiwillige Abgang ist die Folge einer schicksalhaften Verkettung von Ereignissen, an deren Ursprung eine zunächst banale Familienangelegenheit steht.

Nach profil-Recherchen soll der ranghohe OeNB-Mitarbeiter bereits vor Wochen seinen Bruder in Kärnten besucht und sich dabei Arbeit mitgenommen haben – ein Bündel hochsensibler OeNB-Dossiers. An sich nicht weiter ungewöhnlich. Kollegen berichten, Laszlo sei mit seiner Tätigkeit als Bankenrevisor mehr als ausgelastet gewesen. Möglicherweise war er darob auch leicht überarbeitet. Als er wieder Richtung Wien abreiste, soll er das Konvolut in der Wohnung seines Bruders zurückgelassen haben. Versehentlich, wie es heißt.

Mitarbeiter von Behörden wissen nur zu genau, dass die Weitergabe oder der Verlust von Akten böse enden können. Laut Paragraph 310 des Strafgesetzbuches stehen auf die „Verletzung des Amtsgeheimnisses“ bis zu drei Jahre Freiheitsentzug, von disziplinarrechtlichen Konsequenzen ganz zu schweigen.

Nach Entdecken des Malheurs soll Laszlo seinen Bruder telefonisch ersucht haben, die Informationen umgehend dem Shredder zuzuführen. Immerhin handelte es sich um streng vertrauliche Informationen der Bankenaufsicht, auf die auch in der OeNB nur ein ausgewählter Personenkreis Zugriff hat.

Dumm nur: der Bruder, ein gewisser Harald K. (Ronald Laszlo hat nach seiner Heirat den Namen der Frau angenommen), kam nicht mehr dazu, die OeNB-Daten zu vernichten – er sitzt seit 23. Oktober wegen einer völlig anderen Sache in Kärntner Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt ermittelt wegen des Verdachts der Untreue. Der Verdächtige war bis vor kurzem noch Prokurist des Kärntner Investmenthauses AvW Gruppe AG, ehe ihn sein Vorgesetzter, AvW-Gründer Wolfgang Auer von Welsbach, anzeigte. K. soll „ohne Wissen und Genehmigung des Vorstandes“ Wertpapiertransaktionen getätigt und dabei einen Schaden von jedenfalls 50 Millionen Euro angerichtet haben (profil berichtete). Dieser bestreitet die Vorwürfe entschieden – es gilt die Unschuldsvermutung. „Diese OeNB-Sache hat absolut nichts mit dem Fall meines Mandanten zu tun“, betont K.’s Wiener Anwalt Werner Tomanek, einer der erfahrensten Strafverteidiger des Landes. Es handle sich hier vielmehr um ein „Zufallsprodukt der Ermittlungen“. Mehr möchte Tomanek mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht sagen.

OeNB-Direktor Andreas Ittner schildert den Sachverhalt gegenüber profil so: „Uns ist über die Finanzmarktaufsicht am 24. Oktober ein Unterlagenset zugegangen, dass Magister Lazslo zugeordnet werden konnte. Nach seiner Darstellung hatte er die Unterlagen zuvor bei seinem Bruder vergessen. Wir haben daraufhin sofort Untersuchungen eingeleitet.“ Diese seien zwar noch am Laufen. Laszlo habe sein Dienstverhältnis jedoch noch am gleichen Tag durch „Selbstkündigung” unter Verzicht auf Abfertigungs- und Pensionsansprüche beendet.

Vor wenigen Tagen durchsuchten Ermittler K.’s Arbeitsplatz sowie dessen Kärntner Dienstwohnung und stellten umfangreiche Datensätze – darunter eben auch die OeNB-Dossiers – sicher. Und es sollten nur wenige Tage vergehen, ehe das Direktorium der Nationalbank vom Aktenfund Wind bekam – und Ronald Laszlo die Konsequenzen ziehen musste. Es spricht für den neuen Gouverneur Ewald Nowotny, dass man Laszlo einen einigermaßen gesichtswahrenden Abgang ermöglichte.

Umso mehr, als die Affäre für die Nationalbank zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt auffliegt. Seit Dienstag dieser Woche läuft am Landesgericht Klagenfurt der Prozess gegen die frühere Konzernspitze der Kärntner Hypo Alpe-Adria-Bank. Der langjährige Vorstandsvorsitzende Wolfgang Kulterer muss sich mit zwei ehemaligen Kollegen wegen mutmaßlicher Bilanzfälschung in Zusammenhang mit den verlustreichen Swap-Geschäften Ende 2004 verantworten. Die Landesbank hatte bei Devisen- und Zinsspekulationen innerhalb weniger Tage annähernd 300 Millionen Euro verpulvert, die Verluste aber zunächst nicht ordnungsgemäß verbucht. Bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Die Justiz stützte sich bei ihren Investigationen vor allem auf die Expertise eines Mannes: Ronald Laszlo. Nach Auffliegen der Swap-Affäre Anfang 2006 hatte die Nationalbank die Bücher der Hypo Alpe-Adria unter Laszlos Leitung auf den Kopf gestellt. Sein vernichtender Prüfbericht mündete in Kulterers vorzeitigem Abgang – und dem jetzt laufenden Verfahren. Laszlo sollte demnächst vor Gericht als Hauptzeuge der Anklage gegen die frühere Hypo-Spitze aussagen. Es liegt auf der Hand, dass die jetzt erschütterte Glaubwürdigkeit des Zeugen den Beschuldigten mehr nützt als schadet.

Und nicht nur ihnen.
Auch K.’s ehemaliger Arbeitgeber Wolfgang Auer von Welsbach dürfte sich heimlich ins Fäustchen lachen. Dieser hat in den vergangenen Tagen wenig unversucht gelassen, die Schieflage seines Investmenthauses möglichst weit von sich wegzuspielen. Nicht nur, dass K. „eigenmächtig“ mit dem Kapital von Anlegern (die AvW-Gruppe hatte über so genannte Genussscheine Geld bei Investoren eingesammelt und über die börsenotierte AvW Invest AG in Beteiligungen an anderen Unternehmen investiert) hantiert haben soll – Auer von Welsbach erhebt zugleich schwere Vorwürfe gegen eine Reihe von Banken, über welche die Transaktionen abgewickelt wurden.

Wirklich glaubwürdig ist das nicht. Vieles deutet mittlerweile darauf hin, dass der AvW-Gründer von all dem mehr weiß, als er bisher eingestanden hat. Seit 22. Oktober steht der an der Wiener Börse gehandelte Arm der Gruppe, die AvW Invest AG, unter Kontrolle des staatlichen „Regierungskommissärs“ Martin Wagner. Der von der Finanzmarktaufsicht (FMA) nominierte Wirtschaftsprüfer soll sicherstellen, dass die leidgeprüften AvW-Anleger nicht noch mehr Schaden nehmen.

Ronald Laszlo war als Leiter der OeNB-Bankenrevision zwar nicht direkt für AvW Invest zuständig, da die Gesellschaft keine Bank, sondern eine Wertpapierfirma war (die Konzession ist mit Wagners Entsendung erloschen).

Es ist dennoch unbestritten, dass die Affäre um die Brüder die gesamte Finanzaufsicht ziemlich schlecht aussehen lässt – was Auer von Welsbach zumindest Genugtuung verschaffen dürfte. Das könnte so auch auf dessen Rechtsberater Christian Hausmaninger zutreffen. Der streitbare Wirtschaftsanwalt, er vertritt ganz nebenbei auch die Interessen von Herren wie Julius Meinl und Wolfgang Flöttl, liefert sich seit Monaten leidenschaftliche Auseinandersetzungen mit Nationalbank und Finanzmarktaufsicht. Hausmaninger hat den Institutionen im Zusammenhang mit dem Meinl-Skandal – insbesondere nach Enthüllung des OeNB-Prüberichts zu den Geschäften der Meinl Bank mit Meinl-Börsegesellschaften durch profil Anfang Juli (Ausgabe Nr. 28/08) – mehrfach „Bruch der Amtsverschwiegenheit“ vorgeworfen.

Von Michael Nikbakhsh