Psychologie: Da lügen Sie richtig

Dank Bush, Blair und Lügen-Ali wird 2003 zum Jahr der Lügen. Der Mensch lüge bis zu 200-mal am Tag, sagt die Wissenschaft. Wie halten Sie es mit der Lüge?

Die Lüge. Was für ein Wort! Nein, damit haben wir nichts zu tun. Wirklich lügen tun nur die anderen, die Bösen, und böse sind wir nicht. Wir erlauben uns höchstens ein paar kleine Schwindeleien. Aber zur beabsichtigten, schamlosen und hinterhältigen Lüge zum Schaden des anderen – dazu sind nur ganz üble Figuren imstande.

So denken wohl die meisten Menschen, wenn ihnen das Wort Lüge begegnet. Freilich, ein Politiker kann nicht immer die blanke Wahrheit sagen, sonst wäre er gleich weg vom Fenster. Und dass ein Arzt, der einem Todgeweihten gegenübersitzt, nicht mit der bitteren Wahrheit herausrückt, dafür haben wir allemal Verständnis. Aber die ganz großen Lügen – die wähnen wir in weiter Ferne.

Doch schon im nächsten Moment kommen die Zweifel. Vielleicht leben wir mittendrin in den ganz großen Lügen. Erweist sich nicht das Jahr 2003 als ein Jahr der Lügen? Wo sind die Massenvernichtungswaffen im Irak, wo die Verbindung zum Terror? Wurde diese Verbindung erst herbeigebombt in einem Krieg, in dem uns der irakische Propagandaminister Mohammed al Sahhaf alias „Lügen-Ali“ Tag für Tag einen Klassiker der plumpesten Lügen auftischte?
Wir müssen nur ein bisschen in unserem Gedächtnis kramen, und schon kommen die großen Lügen dieser Zeit reihenweise hervor: die geplatzte IT-Blase, die Enron-Pleite, der Super-GAU der Bilanzfälschungen in den USA. Dazu kommt jetzt das Glaubwürdigkeitsdefizit im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg. Einen „Verlust des Vertrauens in den US-Präsidenten, aber nicht nur in ihn“, diagnostiziert Anneliese Rohrer in der „Presse“.

Politikeraussagen. Unter Vertrauensverlust leidet Silvio Berlusconi im Zusammenhang mit gegen ihn laufenden Gerichtsverfahren. Und einen Vertrauensverlust erleben wir auch in Österreich, durch mangelnde Wahrhaftigkeit von Politikeraussagen: „Die Pensionen sind gesichert.“ „Es wird keine weiteren Einschnitte geben.“ „Wenn die ÖVP Dritter wird, geht sie in Opposition.“ „Die Steuerreform kommt 2003, kommt 2004, kommt 2005.“ „Es wird keine Studiengebühren geben.“ „Ich bin schon weg.“

Wahrhaftigkeit scheint wenig gefragt. Und wenn die Herrschenden sich nicht genieren, lügt dann nicht auch das Publikum mit zunehmender Leichtigkeit – vielleicht mehr denn je? Zwar fehlen Vergleichsdaten, aber eine im Vorjahr in den USA durchgeführte Lügenstudie scheint diesen Verdacht zu bestätigen.

Robert Feldman, Psychologie-Professor an der Universität von Massachusetts, beobachtete 121 Studentenpaare mittels Videokamera und analysierte in nachfolgenden Interviews den Wahrheitsgehalt ihrer Konversationen. Das Ergebnis war laut Feldman „höchst überraschend“: Während zehn Minuten Gesprächsdauer logen 60 Prozent der Probanden mindestens einmal, im Durchschnitt gab es zwei bis drei Lügen pro zehn Minuten. Hochgerechnet auf den Tag kam Feldman auf bis zu 200 kleine Alltagslügen pro Person, Scherze, Angebereien, Floskeln, Ausreden und Übertreibungen miteingerechnet.
Auffallend dabei war, so das Studienergebnis, dass die jungen Frauen logen, um das Selbstwertgefühl des Gegenübers zu heben, die jungen Männer hingegen, um sich selber besser darzustellen. Sind die Menschen verlogener als früher? Nicht unbedingt. Die Fülle an kleinen Alltagslügen steht im Widerspruch zu Meinungsumfragen. Wahrhaftigkeit steht ganz oben auf der Werteskala.

Wir unterscheiden offenbar nach nützlichen und schädlichen Lügen. Doch solche Charakterisierungen genügen allenfalls für den Hausgebrauch. Wissenschaftliche Definitionen sind weit schwieriger zu erstellen: Es geht um ein Kulturphänomen, das Philosophen seit der Antike unterschiedlich deuteten, was die Lüge nicht daran hinderte, sich in allen Geschichtsepochen zu voller Blüte zu entfalten.

Die Lüge ist verboten, gelobt, geglaubt worden. Sie hat für Skandale gesorgt, Trost gespendet, Vergnügen bereitet und so manchen auf das Schafott gebracht. Sie hat, so sagt Lügenforscherin Maria Bettetine von der Universität Ca’Foscari in Venedig, „doch viel jener Geschichte gemacht, die wir die Geschichte der Kultur nennen“. Für das Aufblühen der Lüge bedarf es laut Bettetini eines vorausgehenden Einverständnisses über die Wahrheit.

Aber nicht jede Unwahrheit muss eine Lüge sein. Unwahres spricht auch ein Zeuge, der etwas nicht richtig beobachtet, nicht richtig erkannt oder falsch verstanden hat. Deshalb ist das noch keine Lüge, zu der es einer Täuschungsabsicht bedarf. So sieht es auch das Strafrecht, das die falsche Zeugenaussage vor Gericht (Paragraf 288, Absatz 1 des Strafgesetzbuches) mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, bei Falschaussage unter Eid mit bis zu fünf Jahren ahndet.

Überlegener Lügner. Die Lüge hat zwar zu allen Zeiten geblüht, aber sie wurde nicht zu allen Zeiten moralisch gleich bewertet. Die alten Griechen beispielsweise sahen die Lüge entspannt. Platon akzeptierte die „falsche Rede“ dann, wenn die Regierenden sie zum Wohle der Bevölkerung gebrauchen. In Homers „Odyssee“ darf Odysseus lügen, weil er wissend ist. Daher rührt auch das sokratische Paradoxon von der Überlegenheit des bewussten Lügners über den ehrlichen Ignoranten.

Weit strenger ging das frühe Christentum mit der Lüge um. Laut Augustinus (354 bis 430) dürfe der Christ nicht ein-mal lügen, um ein Leben zu retten, weil das Leben der Seele mehr wiege als das Leben des Leibes. Und noch Jahrhunderte später wollte Immanuel Kant (1724 bis 1804) nicht einmal die Lüge akzeptieren, die niemandem schadet, weil damit ein ethisches Gebäude zusammenbreche, was die Fundamente der Gesellschaft erschüttere.

Heute wird die Lüge auch nach dem gesellschaftlichen und therapeutischen Nutzen betrachtet. Psychologen, Soziologen und Biologen meinen neuerdings sogar, dass die Lüge zum Leben gehöre – ebenso wie die Wahrheit. „Wahrheit gibt uns Orientierung im Verhalten“, sagt Hans Rott, Philosophie-Professor an der Universität Regensburg und Teilnehmer am dortigen Graduiertenkolleg „Kulturen der Lüge“. „Zwar macht uns die Wahrheit nicht immer glücklich, aber wenn es darum geht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, haben verlässliche Informationen einen hohen Wert – im Extremfall hängt unser Überleben davon ab.“

Gewissheit. Für den amerikanischen Philosophen und Erziehungswissenschaftler David Nyberg hat die Wahrheit längst einen abstrakten Kultstatus erreicht: Jeder Mensch sehnt sich nach Gewissheit in einer Welt, in der die Zukunft unsicher ist. Insbesondere die ungeklärten Verhältnisse im Jenseits lassen die Wahrheit zum Symbol für Gewissheit werden, so Nyberg. Wahrheit gibt Halt – in Form von Religion, Wissenschaft, Logik oder Natur, die allesamt versprechen, die letzten Wahrheiten zu bergen.

Moralisch gesehen sei die Wahrheit allerdings schlicht überbewertet, meint der amerikanische Wissenschaftler: „Ein gewisses Maß an Täuschung und Selbsttäuschung ist für die gesellschaftliche Stabilität und die geistige Gesundheit des Einzelnen erforderlich.“ Manchmal sei es sogar „geradezu unmoralisch und ungesund, auf den Einsatz einer Täuschung zu verzichten“.

Sozial intelligent. Die Lüge ausnahmslos zu verdammen, sei genauso unsinnig wie ein undifferenzierter Hass auf alle Bakterien – ohne die sind nämlich auch Köstlichkeiten wie Wein und Käse undenkbar. Nyberg stellt keinen Freibrief aus für Nepper, Schlepper, Bauernfänger – wer andere hinters Licht führt, um ihnen zu schaden und sich zu bereichern, mag zwar intelligent handeln, aber nicht sozial.

Wer dagegen die Wahrheit verschweigt oder verbiegt, um anderen Leiden zu ersparen oder deren Selbstachtung zu wahren, handelt sozial intelligent. „Die Lüge ist“, so Nyberg, „ein wichtiger Bestandteil praktischer Intelligenz.“ Vertrauen entstehe eben nicht dadurch, dass wir immer die Wahrheit gesagt bekommen, sondern dadurch, dass wir wissen, jemand meint es gut mit uns.

Die Unwahrheit kann Leben retten, vor Scham bewahren oder Trost spenden. Um zur sozialen Tugend zu reifen, will der flexible Umgang mit der Wahrheit gelernt sein. Eine taktvolle Notlüge über die missratene Frisur der Nachbarin ist Frieden stiftend. Wer immer schonungslos die Wahrheit sagen würde, wäre bald allein. Die soziale Verträglichkeit scheint hier tatsächlich ein höheres Gut als die Wahrheit zu sein.

Doch schnell gerät man in eine Grauzone. Klassisches Beispiel: der Seitensprung. „Um die Ehe nicht zu gefährden“, wird er verschwiegen, die Wahrheit würde hier nur schaden, ist eine beliebte Argumentation der Seitenspringer. Andererseits: „Jeder Mensch will selbst entscheiden, wie viel Wahrheit er verträgt“, sagt Philosoph Rott. Fliegt die Lüge auf, zerstört sie Vertrauen, kränkt und erniedrigt, weil der Partner der Wahrheit als nicht würdig empfunden worden ist.
Letztlich bleibt die Frage, ob nicht der wirkliche Grund fürs Schweigen die Angst vor der schmerzhaften Aussprache ist. „Täuschung gibt es in allen Kulturen, wahrscheinlich auch, weil sie die Möglichkeit eröffnet, Konfrontationen kampflos auszuweichen“, sagt Nyberg.

„Noch immer verschweigen manche Ärzte ihren Patienten einen lebensbedrohlichen Befund“, weiß der Krebsmediziner Matthias Volkenandt, Oberarzt an der Universitätsklinik München. Als Rechtfertigung dient das Argument, den Lebensmut der Patienten zu bewahren – gemäß der Prämisse: Den Tod verkünden heißt den Tod bringen.

Volkenandt hält das nur für die halbe Wahrheit. „Es fällt schwer, übers Sterben zu reden, weil es unangenehm ist – auch Ärzten.“ Dabei könne eine wahrheitsgemäße Aufklärung Ängste lindern und Hoffnung geben. „Es geht um Wahrhaftigkeit, darum, die richtigen Worte zu finden, weder radikal Fakten zu verkünden noch abzuwiegeln“, so der Krebsexperte. „Wobei der Patient mit seinen Fragen bestimmt, was er wann wissen will – es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen.“ Die Lüge des Arztes allerdings nimmt dem Patienten von vornherein die Möglichkeit, selbstbestimmt über Therapien zu entscheiden, eine Lebensbilanz zu ziehen oder persönliche Belange zu regeln.

Angst vor der Wahrheit ist eine der mächtigsten Quellen der Lüge – vor allem, wenn es um die Darstellung der eigenen Person geht: Dann täuschen wir nicht nur andere, sondern auch uns selbst. „Wir tendieren ständig dazu, uns selbst aufzuwerten“, sagt Helmut Lukesch, Psychologie-Professor an der Universität Regensburg. Damit keine Widersprüche entstehen zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein wollen, nehmen wir – unbewusst – die Wirklichkeit selektiv wahr. „Was nicht in unser Selbstkonzept passt, verdrängen oder beschönigen wir.“ Die ständige Selbsttäuschung dient demnach der Psychohygiene – es geht uns besser, wenn wir unsere dunklen Seiten nicht so genau in Augenschein nehmen.

„Die menschliche Selbsttäuschung gehört zur eindrucksvollsten Software, die je entwickelt wurde“, urteilt Nyberg. Sie hilft dem Menschen, die Person zu sein, die er sein will. Sie ermöglicht ihm, seine verschiedenen Rollen in Einklang zu bringen, die er im Leben spielt, etwa als Liebhaber, Vater oder Freund. Dahinter steckt die psychologisch simple Sehnsucht nach Anerkennung: Wir wollen andere davon überzeugen, dass wir ein intelligenter, ein zuverlässiger, ein liebevoller Mensch sind.

Weil das aber nicht immer stimmt, brauchen wir Masken, biegen die Wirklichkeit, schaffen ein Bild von uns – an das wir schließlich selbst glauben. „Wir versuchen, eine Persönlichkeit zu kultivieren, die mit unseren Zielsetzungen übereinstimmt“, so Nyberg. Dafür bräuchten wir manchmal die hilfreiche Assistenz der Illusionen, die so zu einer Grundlage des Selbstwertgefühls werden. Die Lüge als Selbstheilungskraft der Seele.

Salz des Lebens. Der US-Forscher bezieht damit Stellung gegen die Mehrheit der Psychologen und Therapeuten, deren Credo lautet: Wer die Wahrheit über sich selbst erkennt und seine Ängste annimmt, erschließt sich neue Handlungsmöglichkeiten und kann befreit aufleben, anstatt in Heuchelei zu flüchten. Nyberg dagegen frägt sich, warum dann der Mensch so viel Zeit und Mühe aufwende, die Wahrheit nicht zu erkennen, sie mit aller Macht und Fantasie zu verbiegen, zu vermeiden und zu vertuschen – wenn sie doch Ängste angeblich so nachhaltig heilen könne.

Ob es feige oder weise ist, sich selbst und andere zu betrügen, ist pauschal nicht zu beantworten. Beides kann wahr sein. Immer und überall die Wahrheit zu sagen scheint ebenso lebensfern wie eine Gesellschaft, die ausschließlich auf Lug und Trug basiert. Der Budapester Lügenforscher Peter Stiegnitz nennt die Lüge „das Salz des Lebens“ und bringt damit auch zum Ausdruck, dass es um die Dosis geht: Eine Prise hebt das Selbstwertgefühl, macht das Miteinander leichter, zu viel davon macht das Leben ungenießbar.

Voraussetzung für gezieltes Lügen ist das Bewusstsein darüber, dass nicht alle Menschen dieselbe Sicht der Dinge haben. Erst im Alter von fünf bis sechs Jahren entwickeln Kinder diese Fähigkeit. Zunächst ist dabei für Kinder alles Lüge, was falsch ist, auch der Irrtum. „Die absichtliche Täuschung gelingt erst mit acht oder neun Jahren“, sagt Psychologe Lukesch. „Dann lernen Kinder, die Perspektive zu wechseln und sich bewusst in jemand anderen hineinzuversetzen, um ihn zu belügen.“

Eine intellektuelle Höchstleistung: Sie verlangt nicht nur enorme Kreativität, sondern auch eine Vorstellung davon, was der andere weiß und wie er die aufgetischte Fabel beurteilen wird. Zugleich muss eine Taktik gewählt werden, um mittels Sprache, Stimme und Mimik glaubhaft zu wirken und die wahren Absichten zu verbergen.

Der Hang zur Lüge ist nicht nur ein Wesenszug des Menschen. Fast alle Lebewesen täuschen, tricksen, tarnen, um sich Vorteile zu verschaffen im Kampf um Geschlechtspartner, Nahrung, Rang und Revier. Der Hahn lockt die Henne mit einem Futterruf, obwohl kein Körnchen weit und breit zu finden ist – er will nur Sex.

Unsere nächsten Verwandten scheinen sogar klar zu erkennen, dass es sich lohnt zu lügen. Ein Schimpanse bunkert Bananen, hält das Depot geheim und führt seine Konkurrenten bewusst in die Irre. Zu Tisch geht’s erst, wenn niemand in der Nähe ist. Der Futterneider allerdings – genauso ausgebufft – versteckt sich und wartet nur darauf, dass sich der andere verrät. Primaten beherrschen demnach sogar die komplizierte Variante des Täuschens eines Täuschenden.

Evolutionsbiologen sehen die Fähigkeit, jemanden übers Ohr zu hauen, tief in unserer Stammesgeschichte verwurzelt. Die natürliche Auslese begünstigt den gewieften Schwindler. Langfristig sichert die Täuschung das Überleben des eigenen Genpools. Die Lüge wäre demnach der Motor der Evolution. Um bei der Entwicklung nicht stets der Dumme zu sein, ist es notwendig, sich mit den immer raffinierteren Mogeleien der anderen auseinander zu setzen. Der Göttinger Anthropologe Volker Sommer geht denn auch davon aus, dass sich unser Gehirn erst durch das ständige Analysieren von Schein und Sein zu dem entwickelt hat, was es heute ist, mit all seinen kognitiven Fähigkeiten.

Ihren Höhepunkt findet die Fähigkeit zu täuschen in der Entwicklung der Sprache – dem Lügenwerkzeug schlechthin. Mit Worten lassen sich Tatsachen hervorragend verschleiern, wird die eigene Position ins Licht gerückt, der Gegner in den Schatten gestellt. Auf subtile Art beschönigen Euphemismen wie „Kollateralschäden“ oder „finaler Rettungsschuss“ die Wirklichkeit. Mit Sprache lässt sich die Wahrheit für die eigenen Zwecke relativieren. „Ob jemand ,Terrorist‘ oder ,Freiheitskämpfer‘ sagt, hängt vom ideologischen Standpunkt ab“, betont Roswitha Fischer, Professorin für Linguistik an der Universität Regensburg.

Geschickte Wortwahl oder blanke Lüge – die Chancen, den Betrüger in flagranti zu ertappen, stehen schlecht. „Die Wahrscheinlichkeit, eine Lüge im Gespräch zu entdecken, liegt bei rund 50 Prozent – man könnte genauso gut raten“, sagt Lukesch. „Das liegt vor allem daran, dass es keine untrüglichen Zeichen gibt, die wirklich jede Lüge begleiten.“

Lügenmimik. Zwar steht manchem Münchhausen die Unwahrheit förmlich ins Gesicht geschrieben. Der US-Psychologe Paul Ekman fand heraus, dass Lügner ihre Mimik selten vollends verstellen können: Für einen Sekundenbruchteil blitzen im Gesicht die wahren Empfindungen auf, etwa ein ablehnendes Naserümpfen bei geheuchelter Freude. Für den Hausgebrauch taugt dieses Wissen allerdings wenig – die Mikromimik ist meist nur anhand von Videoaufzeichnungen in Zeitlupe zu entdecken.
„Im Alltag merken wir höchstens, dass etwas nicht stimmt, dass das Lächeln zum Beispiel irgendwie unecht wirkt“, so Lukesch. „Was uns aber am meisten daran hindert, eine Lüge dahinter zu vermuten, ist, dass wir selten misstrauisch sind – wir erwarten in der Regel, dass jemand ehrlich zu uns ist.“

Doch selbst wenn wir auf der Hut sind, geben die Signale kein einheitliches Bild: Zwar ist dem hölzernen Pinocchio, dem beim Lügen die Nase wächst, die Erregung oft anzumerken – seine Stimmlage wird höher, Sprechpausen und Sprachfehler häufen sich, er schwitzt, errötet, spielt mit Gegenständen herum, und seine Geschichten sind gespickt mit blumigen Details, während er konkrete Angaben vermeidet. Doch die lange Nase wächst längst nicht jedem. Im Alltag aber helfen die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht weiter. Vermutlich ist das auch ganz gut so – wer will schon, ehrlich gesagt, jedes Wort auf der Goldwaage wissen?