Reportage. Was Arigona Zogaj erwartet, wenn sie in den Kosovo abgeschoben wird

Den Kosovo, aus dem Arigona Zogaj geflüchtet ist, gibt es nicht mehr. Wird sie abgeschoben, erwartet sie ein neuer Staat mit großen Ambitionen, der andere Sorgen hat als die Not seiner Bürger. Für Arigonas Brüder Alfred und Alban ist der Existenzkampf dort längst Alltag.

Es ist ein kalter, unfreundlicher Abend am Dienstag vergangener Woche in Peja (Serbisch: Pec), einer Stadt ganz im Westen des Kosovo. Am Busbahnhof wartet ein junger Mann. Es gießt in Strömen, aber er trägt keinen Regenschutz. „Ich bin Alfred“, sagt er. Dann fahren wir mit dem Auto einen Hügel am Stadtrand hinauf und halten schließlich vor einem Gartentor aus Metall. Alfreds Bruder Alban macht auf, er trägt trotz des scheußlichen Wetters nur einen Pullover. Alban durchquert den kleinen Garten, in dem ein paar junge Obstbäume stehen. Ein Mann hält zwei bissige Hunde in Schach, bis wir den Eingang zu dem nicht unansehnlichen Einfamilienhaus erreicht haben.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten der 18 Jahre alte Alfred und der zwei Jahre ältere Alban Zogaj hier ein nettes Zuhause gefunden, seit sie Österreich 2007 verlassen mussten, weil ihnen das Aufenthaltsrecht verwehrt wurde. Aber so ist es nicht. Die Brüder von Arigona, dem damals 15 Jahre alten Mädchen, das Berühmtheit erlangte, weil es untertauchte und sich der Abschiebung aus Österreich widersetzte, stehen in Wahrheit vor dem Nichts. Und demnächst könnten Arigona, ihre Mutter und ihre beiden kleinen Geschwister das Schicksal der Brüder teilen.

Drinnen im Wohnzimmer des ungeheizten Hauses zünden Alfred und Alban zwei Kerzen an und beginnen zu erzählen, wie es sie nach Peja verschlagen hat. Nach ihrer Abschiebung im September 2007 waren sie zusammen mit ihrem Vater Devat und ihren beiden kleinen Geschwistern Albin und Albona zunächst nach Kalican, ein Dorf nordwestlich der Hauptstadt Pristina, zurückgekehrt. Dort hatten sie einst gelebt, dort besitzt die Familie ein sanierungsbedürftiges Haus. Inzwischen sind die beiden kleinen Geschwister wieder bei ihrer Mutter und Arigona in Österreich, der Vater ist verschwunden. „Wir wissen nicht, wo er ist“, sagt Alfred, „er ist seit einem Jahr nicht mehr bei uns.“

In dem Haus in Kalican konnten sie nicht bleiben, es regnete ins Zimmer. Auf der Suche nach einer möglichst billigen Bleibe sahen sie sich anderswo um. In Peja, einer der größeren Städte des Kosovo, seien die Mietpreise niedriger, sagte man ihnen. Also kamen sie hierher und fanden ein Zimmer. Das Geld dafür schickte ihnen regelmäßig Josef Friedl, der Pfarrer der oberösterreichischen Gemeinde Ungenach, der sich seit September 2007 um die Familie Zogaj kümmert.

Doch seit ein paar Monaten könne ihnen der Pfarrer kein Geld mehr senden, sagen Alfred und Alban. Deshalb blieben sie die Miete schuldig und flogen schließlich aus der Wohnung. Ein Nachbar erbarmte sich der jungen Burschen. Es ist der Mann, der vorhin im Garten die Hunde pariert hat. Er heißt Dylber, auf Deutsch „Regenbogen“, und ist 36 Jahre alt. Das Haus, in dem er Alfred und Alban aufgenommen hat, gehört seinen Eltern, die in Deutschland leben. Dylber selbst scheiterte wie die Zogajs bei dem Versuch, sich in der EU niederzulassen, nachdem er jahrelang in mehreren Ländern als Kellner gearbeitet hatte. Seit seiner Rückkehr vor vier Jahren verkauft er auf der Straße Habseligkeiten, um sich über Wasser zu halten.
Alfred und Alban haben bisher keine Arbeit gefunden, über Habseligkeiten, die sie verkaufen könnten, verfügen sie nicht. Einmal durfte Alfred eine Woche lang bei einem Holzfällertrupp mitmachen und verdiente dabei 50 Euro. Doch eine dauerhafte Stelle fand auch er keine.

Das ist nicht verwunderlich. Im so genannten Fortschrittsbericht 2009, den die EU-Kommission jährlich herausgibt, heißt es, der Kosovo habe bei der Schaffung einer funktionierenden Marktwirtschaft nur sehr geringe Fortschritte erzielt, die Arbeitslosigkeit sei nach wie vor hoch. Tatsächlich beträgt die Arbeitslosenrate im ganzen Kosovo offiziell 43 Prozent, in manchen Gegenden liegt sie über 60, angeblich sogar bei 80 Prozent. Wer einen Job hat, versucht auch gleich, seine Verwandten unterzubringen. Wer niemanden hat, bleibt auf der Strecke. Wie Alfred und Alban.

Die beiden wirken jünger, als sie sind. Alfred macht einen zerbrechlichen Eindruck. Dylber sagt, die Buben fühlten sich nicht gut, sie seien mit den Nerven am Ende und hätten Depressionen. „Er sagt die Wahrheit“, murmelt Alban, Alfred schweigt. Jede alltägliche Ausgabe ist eine existenzielle Bedrohung. Kürzlich waren die Brüder krank, der Arzt verlangte je einen Euro für das Verabreichen einer Spritze, dazu 2,20 Euro für das Medikament. Alfred und Alban sind nicht krankenversichert, bekommen keinerlei finanzielle Unterstützung vom Staat Kosovo. Weil Dylber weder die Schulden beim Energieunternehmen noch die laufenden Stromkosten bezahlen kann, gibt es im Haus nur zwei Stunden Strom, danach ist es wieder fünf Stunden dunkel. Das ist im Kosovo nichts Ungewöhnliches, in keinem der Häuser im Umkreis brennt an diesem Abend Licht.

Wunschdenken. Österreichs Innenministerin Maria Fekter sieht im Kosovo „die wirtschaftlichen Grundlagen“ der Familie Zogaj. Zuweilen entspringen unrealistische Einschätzungen von europäischen Politikern zur Lage im Kosovo purem Zynismus, oft aber handelt es sich um eine Mischung aus Wunschdenken und Selbstbetrug. Das ist kein Wunder, schließlich ist der Kosovo ein europäisches Prestigeprojekt und das größte Einsatzgebiet der EU außerhalb der Mitgliedsstaaten. Von seinem Erfolg hängt viel ab – nicht zuletzt, ob man all die unerwünschten Flüchtlinge mehr oder weniger reinen Gewissens wieder dorthin abschieben kann.

Und wirklich: Eine Erfolgsmeldung jagt die andere. Vergangene Woche erzählte der Präsident des Kosovo stolz, mit Neuseeland habe schon wieder ein Land seinen jungen Staat anerkannt, damit seien es seit der Unabhängigkeitserklärung im Februar 2008 nun schon 63. Inzwischen ist das Land auch Mitglied des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Und an diesem Wochenende fanden die ersten kommunalen Wahlen in der Geschichte der unabhängigen Republik Kosovo statt. All das ist möglich, weil die Europäische Union in der einstigen Unruheprovinz gute Arbeit leistet, und das trotz komplizierter Interessenlage. Fünf der 27 EU-Mitgliedsstaaten (Griechenland, Rumänien, Slowakei, Spanien, Zypern) haben nämlich dem Kosovo bisher die Anerkennung verweigert, was eine kohärente EU-Politik gegenüber dem Kleinstaat fast unmöglich macht. Es klappt dennoch – denn die EU-Institutionen sind Weltmeister in diplomatischer Zweideutigkeit. So ist etwa der Niederländer Pieter Feith im Kosovo gleichzeitig der oberste Vertreter der Europäischen Union – die in ihrer Gesamtheit den Staat Kosovo nicht anerkennt – und Vertreter des International Civilian Office, einer Organisation, der nur Staaten angehören, die den Kosovo als Staat anerkennen.

De facto jedenfalls steht der unabhängige Staat unter Kuratel der internationalen Gemeinschaft, die unablässig und in jedem Bereich „europäische Standards“ einfordert und so zumindest auf dem Papier modernste Minderheitenrechte, demokratische Strukturen und bei den eben abgehaltenen Wahlen sogar eine Frauenquote von 30 Prozent durchgesetzt hat – und das in einer islamisch dominierten Gesellschaft.

Die ethnischen Albaner , die mit über 90 Prozent die Mehrheit im Kosovo bilden, waren bisher gern bereit, den Regeln der Europäischen Union zu folgen. Immerhin hat ihnen dieser Weg die Souveränität eingebracht und wird irgendwann zur Mitgliedschaft bei der EU führen. Der bislang letzte Schritt bei der Staatswerdung war das Aufstellen eines Grenzpostens an der Grenze zu Serbien, der nun unter Mithilfe der EU-Verbrechensbe­kämpfungsmission „Eulex“ betrieben wird – wobei selbstverständlich die Grenze nicht „Grenze“ genannt werden darf, sondern bloß „Verwaltungsbegrenzung“. Tatsächlich aber stehen an der Straße nach Serbien eine Metallkonstruktion und Container mit Büros, eine ganze Menge Beamte der Kosovo-Polizei und der Eulex-Truppe halten Autos an und kopieren Frachtpapiere. Sogar die für Grenzposten typischen streunenden Hunde sind da und kläffen, wenn man sie verjagt. Nur eine Flagge oder ein Schild, welche Territorien denn hier eigentlich aufeinandertreffen, sucht man vergeblich.

Besser könnte die EU kaum verschleiern, dass sie im Begriff ist, einen Staat zu etablieren, der nicht von allen ihrer 27 Mitglieder anerkannt wird. Ein großes Problem besteht darin, dass zwar Korruptionsbekämpfung, Demokratisierung und viele andere wichtige Aufgaben eines Staats in Angriff genommen werden – gleichzeitig aber kein Geld vorhanden ist, um die Armut im Kosovo zu bekämpfen. Wirtschaftliche Not ist im jungen Staat Privatsache. Menschen wie die Brüder Zogaj und ihr Freund Dylber profitieren von den bisherigen Errungenschaften der jungen Republik gar nicht. Erst kommt das Fressen und dann die Souveränität, wenn man so will.

Albanischen Rückkehrern wird politisch kaum Aufmerksamkeit geschenkt, weil sie keine Bedrohung für den Staat darstellen – im Gegensatz zur serbischen Minderheit, die von der Republik Kosovo nach wie vor nichts wissen will. Im Norden der Stadt Mitrovica, wo der Großteil der Serben lebt, wird das deutlich. Hier prangen Graffiti an den Hausmauern, in denen „Eulex“ und „EU“ mit einem Hakenkreuz versehen sind, kombiniert mit dem Ruf nach der russischen Armee. Die Serben boykottieren die Wahlen, alle Institutionen des ihnen verhassten Staats und halten sich an ihre eigenen, von Belgrad subventionierten Institutionen – die von Pristina und der EU wiederum als „unautorisierte Parallelstrukturen“ abgelehnt werden.

Immerhin hat die Gewalt stark nachgelassen. Die in früheren Jahren wild umkämpfte Brücke, die den albanisch dominierten Süden von Mitrovica mit dem serbischen Norden der Stadt verbindet, ist problemlos zu passieren, die serbischen Enklaven inmitten der albanischen Gebiete müssen nicht mehr bewacht werden. Europa weiß um seine Trümpfe. Serbien möchte möglichst bald Mitglied der EU werden, und so verkneift sich auch die Regierung in Belgrad aggressive Interventionen.

Milliarden. Den Kosovo in einen Rechtsstaat, eine stabile parlamentarische Demokratie und eine funktionierende Marktwirtschaft zu verwandeln erfordert nicht nur viel Kreativität, sondern auch sehr, sehr viel Geld. Über 30 Milliarden Euro hat die internationale Gemeinschaft seit Kriegsende 1999 für den Aufbau des kleinen Kosovo ausgegeben. Die EU will ihr kostspieliges Engagement fortsetzen, bis der Kosovo beitrittsreif ist. Da ist es ein kleines Trostpflaster für die Sponsorenländer, wenn sie wenigstens ihre Flüchtlinge aus dem Kosovo zurückschicken dürfen. Deutschland hat bereits ein „Rückübernahme-Abkommen“ mit dem Kosovo abgeschlossen, Österreich verhandelt nach einem ORF-Bericht aus dem vergangenen August darüber. Dies wird gern damit begründet, dass die Kosovaren mithelfen sollen, ihr Land aufzubauen. Doch die Realität sieht anders aus. EU-Repräsentant Pieter Feith erklärt ­gegenüber profil, dass es „Rückkehrer schwer haben werden, Arbeit zu finden“, und dass zusätzliche Arbeitslose „die ökonomischen Herausforderungen weiter belasten“ werden.

Einfach ausgedrückt: Für Menschen wie Alfred, Alban und Arigona Zogaj gibt es im Kosovo nichts zu tun, eine rasche Besserung der Lage ist nicht zu erwarten. Sie haben keine Chance, zum Aufbau des Kosovo beizutragen, sie bilden vielmehr eine verlorene Generation. Denn wenn der Aufschwung irgendwann einsetzt, wird Alfred und Alban die Berufsausbildung fehlen, die sie nie bekommen konnten. Viele entschließen sich deshalb immer noch, ihr Glück als illegale Einwanderer zu versuchen. Im Oktober ertranken zwölf Kosovaren beim Versuch, die serbisch-ungarische Grenze über einen Nebenarm des Flusses Theiß zu überqueren.

Alfred und Alban waren zuletzt vergangenen September illegal nach Österreich gekommen, wurden in Haft genommen und „freiwillig“ in den Kosovo zurückgeschickt, noch ehe ihre Mutter sie besuchen konnte. Jetzt sei es zu kalt und deshalb zu gefährlich für die beiden, sagt ihr Freund Dylber. Schließlich müsse man unterwegs im Wald übernachten. Als er vergangenen Donnerstag erfährt, dass seine Schwester Arigona und seine Mutter Nurie einen negativen Asylbescheid bekommen würden, weiß Alfred Zogaj am Telefon nicht recht, was er sagen soll. „Wo sollen sie hin?“, fragt er schließlich.