Stalins Soldaten in Österreich

Wie die Hunderttausenden Soldaten Stalins in Österreich lebten: Eine neue Studie lässt hinter die Kulissen der sowjetischen Besatzungsmacht 1945-1955 blicken.

Der 1. Mai 1946 im sowjetisch besetzten Baden bei Wien. "Alles prächtig geschmückt“, sogar der russische Friseurladen "rot beleuchtet - Krampus!“, schreibt die 17-jährige Gertrud Hauer in ihr Tagebuch und fährt fort: "Abends schwebt Russin in grünem Schleppkleid übern Ring zum Tanz im Park … Feuerwerk am Kirchenplatz bis spät in die Nacht.“

Die Sowjets hatten in dem von Bomben weitgehend verschonten Kurort ihr Oberkommando eingerichtet und Baden de facto zu einer geteilten Stadt gemacht: In den beschlagnahmten Vierteln residierten sie hinter undurchdringlichen Holzplanken, die Spionageabwehr "Smerš“ richtete ihr gefürchtetes so genanntes "Inneres Gefängnis“ in einer Badener Villa ein, es war zusätzlich mit einem Wachturm gesichert. Die Bevölkerung hatte viele der fremden Soldaten so kennen gelernt, wie die Nazi-Propaganda sie an die Wand gemalt hatte: als Plünderer, Beschlagnahmer, Vergewaltiger. Auch die Rotarmisten waren mit Ängsten, stereotypen Feindbildern und vor allem Erfahrungen deutscher Kriegsgräuel ins "feindliche kapitalistische Umfeld“ gekommen. Zu ausgewählten Anlässen wie dem 1. Mai zeigten sie sich in der Öffentlichkeit in Feierlaune und veranstalteten Feuerwerk für alle. Am gegenseitigen Verhältnis änderte derlei nichts.

Stalins Rote Armee rückte im Frühjahr 1945 mit 400.000 Mann zur Befreiung Österreichs vom Nazi-Regime ein und sollte zehn Jahre lang bleiben. Als mit dem Staatsvertrag 1955 ihr Abzug besiegelt wurde, hatte sie immer noch 40.000 Soldaten, knapp 8000 Offiziersfamilien und 2500 Bedienstete im Land. Über die Jahre waren insgesamt mehrere hunderttausend sowjetische Soldaten in Österreich stationiert. Das Leben der umgangssprachlich pauschal als "Russen“ qualifizierten Soldaten - die gewaltigen Kosten des sowjetischen Besatzungsheers von damals 9,7 Milliarden Schilling hatte Österreich zu tragen - hatte sich weitgehend exterritorial abgespielt. Welchem Regime sie unterworfen waren, wie sie ihre Freizeit verbringen sollten und wie ihre verbotenen Liebesbeziehungen geahndet wurden, ob und wie Übergriffe bis hin zu Mord bestraft wurden, blieb verborgen. Eine Studie der bekannten Grazer Historikerin Barbara Stelzl-Marx ermöglicht nun erstmals breiten Einblick in die unbekannte Welt hinter den Sperrwänden und in den abgeschotteten Kasernen.2)

Zwei der Kernaussagen des 900 Seiten starken Bands:
Den Alltag von Stalins Soldaten in Österreich prägten ständige Überwachung, Überprüfung und Denunziation - und der Kreml sah das Auftreten sowjetischer Armeeangehöriger stets in politischem Kontext. Die Wissenschafterin wird ihre umfassenden Forschungen Ende dieser Woche ganz bewusst knapp vor dem 8. Mai vorstellen: An diesem Tag jähren sich Kapitulation der deutschen Truppen und Ende des Zweiten Weltkriegs heuer zum 67. Mal. Stelzl-Marx arbeitet führend im Grazer Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, das sich seit der politischen Wende auf die Moskauer Archive spezialisiert hat, die jahrzehntelang geheim gewesen waren. Die Innensicht der beinahe allmächtigen sowjetischen Besatzung Österreichs wird jetzt erst nach Publikation einer langen Reihe einschlägiger Forschungsberichte des Instituts präsentiert. Informationen darüber, mit welchen Unzukömmlichkeiten, Pannen und kriminellen Vorgängen in den eigenen Reihen die Sowjets im besetzten Österreich zu kämpfen hatten, wurden nur zögernd zugänglich gemacht, viele sind es bis heute nicht.

Spektakuläre Fälle wie jener des sowjetischen Geheimdienstmajors Pjotr Popov werden in Moskau wohl für immer unter Verschluss bleiben. Popov hatte sich 1953 in Wien dem US-Geheimdienst CIA angedient, indem er im Auto eines US-Diplomaten einen Brief deponierte: "Wenn Sie am Kauf einer Kopie der neuen Aufstellung einer sowjetischen militärischen Division interessiert sind, treffen Sie mich an der Ecke Dorotheergasse und Stallburggasse um 8.30 am Abend des 12. November. … Der Preis ist 3000 Schilling.“ Der Kontakt klappte auf Anhieb, der Geheimdienstmajor übergab später sogar Informationen über sowjetische Atom-U-Boote. Popov erlangte als "Mole“ ("Maulwurf“) Berühmtheit, soll zum wichtigsten Agenten der CIA geworden sein und dem Pentagon eine halbe Million Dollar an Spionage-Entwicklungskosten erspart haben - bis der KGB ihn fünf Jahre später kaperte und hinrichtete.

Im neuen Band beschreibt Stelzl-Marx anhand zahlreicher interner Berichte der Besatzung "Die Schattenebene“: das geheimdienstliche Netz, mit dem Moskau Österreich ab April 1945 überzog. Vier sowjetische Nachrichtendienste waren in Österreich aktiv, die personelle Größe ihres Apparats ist immer noch ungeklärt. Der auf Geheimdienste spezialisierte Historiker Siegfried Beer zitiert dazu die Angabe eines ehemaligen CIA-Mitarbeiters, dem zufolge die Zahl der sowjetischen "Geheimen“ in Österreich jene der USA um das Vier-bis Fünffache übertraf. Laut Schätzungen der CIA dürften die Sowjets nach Ausbruch des Kalten Kriegs Anfang 1948 die Einwohnerzahl einer Kleinstadt, nämlich 2500 Nachrichtendienstleute, an der Donau stationiert gehabt haben.

Bei den Geheimdienstleistungen fokussiert die Untersuchung darauf, wie die sowjetischen Dienste in Österreich dazu eingesetzt wurden, die eigenen Soldaten zu überwachen. Das erledigte die Spionageabwehr "Smerš“ (wörtlich "Tod den Spionen“) in Zusammenarbeit mit der kommunistischen Sicherheitspolizei NKWD. "Smerš“ war Stalin direkt unterstellt, und die internen Akten lassen keinen Zweifel daran, dass man über die Verfasstheit der eigenen Truppen bestens informiert war.

Hüter der Disziplin sollten die Truppen des NKWD sein. Deren personelle Stärke in Österreich ist zumindest aus der Anfangszeit bekannt, demnach umfasste allein der NKWD im März 1946 beinahe 6000 Mann, ein Teil von ihnen war in Ungarn eingesetzt. Der NKWD hatte für die polizeiliche Sicherung des Sowjetregimes zu sorgen, auch außerhalb des eigenen Territoriums wie im besetzten Osten Österreichs, wo er "verbrecherische Elemente“ aufspüren, verhaften und bei Widerstand "vernichten“ sollte. Bis Juni 1945 gerieten in Österreich mehr als 130.000 "feindliche Soldaten und Offiziere“ zumindest vorübergehend in die Hände des NKWD, davon 21.000 in Wien.

Zwei hochnotpeinliche NKWD-Berichte zum Thema "Plünderung der Wohnung von Minister Fischer“ illustrieren, was hinter den Kulissen des Besatzungsheers ablief. NKWD-Männer sicherten zentrale Gebäude wie das Hotel Imperial, das Hauptquartier des sowjetischen Hochkommissars, und waren auch zum Personenschutz des kommunistischen Staatssekretärs Ernst Fischer abgestellt. Den hochrangigen KPÖ-Mann Fischer bewahrte das jedoch nicht davor, dass seine Wiener Wohnung von einem sowjetischen Leutnant leer geräumt wurde: Dieser transportierte Möbel, Teppiche, Kleidung inklusive Unterwäsche, Fahrrad, Radio und Schreibmaschine ab - und brachte selbst nach Intervention des Staatssekretärs nur einen Teil des "Beuteguts“ zurück, das offensichtlich als Ausstattung der Sowjet-Kommandantur in Wien-Gersthof gedacht war.

"Frauen, Wertgegenstände, Wein“: Das waren laut NKWD die häufigsten "Versuchungen“ für die Rotarmisten in Österreich. Nachdem 18 sowjetische Soldaten an Alkohol gestorben waren, den sie in Graz erstanden hatten, warnte der Sicherheitsdienst davor, "dass Bewohner Österreichs giftige Essenzen als Spirituosen ausweisen und diese an Angehörige der Roten Armee verkaufen“. Der Bedarf der Soldaten an Hochprozentigem war so groß, dass Spirituosenverkauf an sie in den Augen des NKWD als Terrorakt galt. Mehr als zehn Österreicher wurden "wegen Verbrechen gegen die Sowjetische Armee“ verurteilt, nachdem der von ihnen abgegebene Branntwein Vergiftungen ausgelöst hatte. In den eigenen Reihen wurde Trunkenheit von verordneter Selbstkritik bei Offiziersversammlungen bis hin zur Todesstrafe geahndet. Letztere wurde über einen Rotarmisten verhängt, der im Rausch einen Mord verübt hatte: Der Soldat hatte einen Dorfpfarrer zur Herausgabe von Alkohol gezwungen - und den Priester dann erschossen.

Iof Kuznecov war Generalmajor des NKWD und ein Mann offener Worte. In einem Bericht nach Moskau prangerten er und ein hoher Politoffizier wörtlich "negative Aktionen - Raubzüge, Vergewaltigungen von Frauen u. a. - seitens moralisch zersetzter Angehöriger der Roten Armee“ an. Laut Historikerin Barbara Stelzl-Marx war sich der Kreml bewusst, was für ihn in Österreich auf dem Spiel stand: "Nicht nur das Ansehen der Armee, sondern die Autorität der Sowjetunion.“

In der nächsten Ausgabe: die "Russen“ in Österreich.