Schachikone Kasparow im Interview

Schachikone Garri Kasparow über Oligarchen und Korruption, seine Liebe zu Österreich, Frauen im Schach und den Niedergang von Putins Russland.

profil: Sie waren eine ganze Woche in Österreich unterwegs. Sind Sie gern hier?
Kasparow: Da Österreich nie eine große Schachnation war, hatte ich während meiner aktiven Schachkarriere selten Gelegenheit, hier zu sein. In den vergangenen drei Jahren war ich dafür gleich sechsmal hier. Österreich bietet eine wunderbare Mischung aus gutem Lebensstandard, gutem Essen, einem Gespür für Geschichte, klassischer Musik und Traditionen.

profil: Sie sind nicht der einzige Russe, der Österreich mag. Auch Oligarchen inves­tieren immer mehr bei uns. Woher kommt diese Liebe?
Kasparow: Moment! Russen und Oligarchen sind nicht das Gleiche. 99,9 Prozent der Russen sind keine Oligarchen. Man sieht viele Russen nach Österreich reisen – so wie sie auch in andere Länder reisen. Oligarchen investieren in Österreich, aber glauben Sie mir, die investieren auch anderswo. Sie wollen ihr Geld in einer sicheren Umgebung investieren. Österreich ist bei Weitem keine Ausnahme.

profil: Die russische Wirtschaft entwickelt sich rasant. Wie verändert das die Gesellschaft?
Kasparow: Es wird ein Keil durch die Gesellschaft getrieben. Auf der einen Seite stehen etwa 20 bis 23 Millionen Menschen, denen es besser geht: das eine Prozent der Superreichen und vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent, die vom Aufschwung mitgenommen werden. Aber wo bleiben die anderen 120 Millionen Menschen, denen es nicht gut geht? Die Unterschiede werden täglich schlimmer.

profil: Woran liegt das?
Kasparow: Russland wird nicht wie ein Staat geführt, sondern wie ein privates Unternehmen. In Russland werden Ausgaben nationalisiert und die Einnahmen privatisiert. Eine Zeit lang funktionierte das Sys­tem, weil die Menschen so etwas wie Stabilität fühlten. Aber in den vergangenen Jahren ist der Lebensstandard wieder gesunken, vor allem weil die Lebensmittelpreise enorm gestiegen sind.

profil: Können westeuropäische Unternehmen etwas ändern, indem sie in Russland investieren und bessere Löhne zahlen?
Kasparow: Nein, sie können gar nichts ändern. Wer auch immer in Russland inves­tiert, hat es mit der Politik zu tun.

profil: Das heißt im Klartext Korruption?
Kasparow: Ja. Ohne Korruption kein Geschäft. Die westlichen Unternehmen in­ves­tieren nicht in Russland, sondern in den Reichtum der Oligarchen. Klar kann die Strabag ein Stück vom Kuchen im Olympia-Austragungsort Sotschi bekommen – aber nur, weil der Oligarch Oleg Deripaska ein Teil des Unternehmens ist. Das Prinzip ist das gleiche wie bei der Mafia: Loyalitäten haben erste Priorität bei den Geschäften. Weil die westlichen Unternehmen diese Spielregeln akzeptieren, schaffen sie kein neues Umfeld in Russland.

profil: Sollten westliche Unternehmen denn überhaupt noch Geschäfte mit Russland machen?
Kasparow: Ich bin ein Kapitalist. Man kann von Unternehmen nicht verlangen, dass sie auf ihren Profit verzichten. Man kann aber von ihnen verlangen, dass sie sich an die Gesetze halten. Es ist Aufgabe der internationalen Politiker klarzustellen, dass es sich trotzdem nicht um eine Demokratie handelt – das machen sie im Umgang mit China schließlich auch. Die Wahlen in Russ­land waren schlimmer als die in Simbabwe. Warum geben Merkel und Bush Medwedew und Putin demokratische Glaubwürdigkeit? Weil sie Angst vor der Energieabhängigkeit haben? Putin schenkt ihnen schließlich nicht das Gas, sondern verkauft es ihnen teuer.

profil: Wir sind auf Russlands Gas angewiesen. Müssen wir Angst vor Gazprom haben?
Kasparow: Sie müssen vor Gazprom genauso viel Angst haben wie vor jeder anderen intransparenten Organisation auch. Gazprom ist das wohl korrupteste Unternehmen auf der ganzen Welt. Es müssten viele Fragen an den Unternehmenschef gestellt werden – und das ist noch immer Herr Medwedew. Aber in Russland ist die öffentliche Diskussion nicht erlaubt.

profil: Lassen Sie uns über Schach sprechen. Das wäre Ihnen sogar in Russland erlaubt, oder?
Kasparow: Mir kann niemand verbieten, über was ich rede. Man kann nur die Verbreitung meiner Stellungnahmen eindämmen. Für mein Buch „Strategie und die Kunst zu leben“ wurde jede Art von Werbung in Russland verboten, obwohl es nur zwei, drei Seiten über Politik enthält.

profil: Hat Schach seit dem Ende des Kalten Krieges an Bedeutung verloren?
Kasparow: Klarerweise hatte Schach in den siebziger und achtziger Jahren ein hochpolitisches Element. Bobby Fischer war ein Kreuzritter gegen die sowjetische Schachpräsenz. Ich war auf der Seite der Reformen und Karpow auf jener des Regimes. Damals waren die großen Schachspieler Symbole ihrer Zeit. Heute geht es nicht mehr um den Wettbewerb der Ideologien. Heute gibt es keine großen Ideen mehr. Aber das betrifft auch andere Bereiche. Egal, ob im Boxkampf oder im Schach – die großen Helden, die einzelnen Individuen verlieren an Bedeutung.

profil: Die russische Schachgroßmeisterin Maria Manakova hat jüngst gesagt, dass Schach sexier werden muss. Stimmen Sie dem zu?
Kasparow: Klar ist, dass alles, was sexier wird, auch populärer wird. Aber das hat dann nichts mit Schach zu tun.

profil: Trägt das Internet dazu bei, Schach populärer zu machen?
Kasparow: Auf jeden Fall. Schach hatte immer ein Zuschauer-Problem, weil man es schlecht im Stadion veranstalten kann. Nun können Schachliebhaber die Spiele live im Internet von zu Hause aus sehen – egal, wo die Spieler sitzen.

profil: Hat sich dadurch auch das Publikum verändert?
Kasparow: Natürlich. Früher fieberten die Zuschauer mit, wer gewinnen würde. Ob die Züge gut oder schlecht waren, konnten sie oftmals nur ahnen. Heute kann jeder, der ein gutes Schachprogramm am Computer hat, gleich analysieren lassen, wer die besseren Chancen hat. Das Publikum ist heute im Vergleich zu früher viel kundiger.

profil: Müsste dann Schach durch diese technischen Möglichkeiten nicht noch viel populärer sein als früher?
Kasparow: Leider ist die Schachwelt zu schlecht organisiert, um all diese Vorteile zu nutzen. Viele Chancen werden verpasst.
profil: Wäre das nicht ein Betätigungsfeld für Sie?
Kasparow: Oh nein. Ich bin ein Außenseiter. Schach ist nicht mehr meine erste Priorität.

profil: Spielen Sie denn ab und zu eine Partie Schach mit Ihrer Frau?
Kasparow: Niemals!

profil: Warum nicht?
Kasparow: Warum sollte ich?

profil: Es gab noch nie eine Schachweltmeisterin. Woran liegt das? Spielen Frauen schlechter Schach als Männer?
Kasparow: Seit Jahrhunderten sind die Rollen in der Gesellschaft unterschiedlich aufgeteilt. Dadurch hatten Frauen lange keine Erfahrung in Sachen Wettbewerb. Das zeigt sich auch in anderen Sportarten.

profil: Dort sind in der Regel körperliche, keine intellektuellen Qualifikationen gefragt.
Kasparow: Auch im Golf, wo es auf die Technik ankommt, sind Frauen nicht so gut wie Männer. Warum gibt es mehr Männer in der Architektur oder in der Musik? Die Kluft ist noch groß, aber ­Frauen sind auf dem Weg, den gleichen ge­sellschaftlichen Status zu erreichen wie Männer.

profil: Das heißt, sie werden auch im Schach aufholen?
Kasparow: Sicher! Früher prahlte Bobby Fischer damit, dass er mit jeder guten Schachspielerin eine Nacht verbrachte. Das ist heute unvorstellbar. Frauen können genauso strategisch und ­lo­gisch denken wie Männer. Judith Polgar ist dafür ein gutes Beispiel. Zwar ist es noch einzigartig, dass es eine Frau unter die Top Ten schafft. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die Frauen ganz an der Spitze stehen.

profil: Wie lange wird es noch dauern?
Kasparow: Ich will keine Wetten abschließen. Vielleicht 10, 20, 30 Jahre?

profil: Ist ein guter Schachspieler auch ein guter Politiker?
Kasparow: Da gibt es keine zwingende Verbindung. Aber mit Schach kann man strategisches Vorgehen lernen. Der Schachspieler lernt obendrein, seine Entscheidungen zu analysieren – auch wenn es gute Entscheidungen waren. Denn in einem solchen Fall kann man aus den Fehlern der Gegner lernen.

profil: War Putins Fehler in Ihrer politischen Partie, dass Sie zu oft verhaftet wurden und so die Aufmerksamkeit des Wes­tens auf sich lenken konnten?
Kasparow: Nein. Russland ist ein Polizeistaat und Angst darin ein wesentlicher Bestandteil. Die russischen Bürger sind unzufrieden und würden protestieren, wenn man sie nicht von vornherein einschüchterte. Ohne die Angst vor Repressionen würden sich viele uns anschließen.

profil: Und doch heißt es, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung hinter Putin und Medwedew steht.
Kasparow: Woher wollen Sie das wissen? Ich bin sicher, auch Hitler, Stalin oder Hussein hätten gute Umfragewerte gehabt. Umfragen sind nur in einem freien Land aussagekräftig.

profil: Wenn es keine zuverlässigen Umfragen gibt, woher wollen Sie wissen, dass die Bevölkerung nicht hinter Putin steht?
Kasparow: Sobald man spezielle Fragen zur Gesundheitspolitik, zur sozialen Sicherheit, Arbeitsplätzen oder Kriminalität stellt, zeigt sich, dass die Bürger sehr unzufrieden sind. Warum sollten sie jemanden wählen, mit dessen realen politischen Leistungen sie nicht zufrieden sind?

profil: Der Kreml spielt gewissermaßen mit zwei Königen. Ihre Figuren dagegen stehen nach der derzeitigen Lage auf aussichtslosen Positionen. Können Sie überhaupt irgendetwas ausrichten?
Kasparow: Ja, wir können öffentlichen Protest mobilisieren. Der erste Schritt ist jedoch, die Opposition auf Basis der demokratischen Prinzipien zu bündeln. Es geht nicht darum, sich auf Einzelheiten zu einigen. Wir sind uns in wenigen Dingen einig. Natürlich würde eine solche Koalition unter normalen, stabilen Verhältnissen nicht beachtet. Aber solange die Situation instabil ist, geht es nicht anders.

profil: Wollen Sie als Märtyrer in die Geschichte eingehen?
Kasparow: Ich bin nicht der Einzige, der mehrmals verhaftet wurde. Viele, die auf die Straße gehen, haben Angst um ihren Job und sogar um ihr Leben. Wenn ich Menschen auffordere, unserem Protest zu folgen, dann muss ich dabei sein.

profil: Mit dabei ist aber auch die Angst um Ihr Leben. Essen Sie noch immer nichts auf Flügen der russischen Linie Aeroflot?
Kasparow: Nein, ich habe gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um das Risiko zu minimieren. Dennoch hat dieses Re­gime immer noch eine rote Linie, die es nicht überschreitet. Aus rein wirtschaftlichem Interesse müssen sie einige Regeln des Westens beachten. Deswegen halten sie ja auch die Farce der Wahlen aufrecht. Sie müssen sicherstellen, dass das FBI oder Interpol nicht anfangen, wegen Geldwäsche bei Abramowitsch oder Deripaska zu ermitteln.

profil: Glauben Sie, dass der Mord an der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja jemals aufgeklärt wird?
Kasparow: Sicher! Sobald das Regime weg ist. Wir werden nach dem Kollaps auch von allen anderen Verbrechen des Putin-Regimes erfahren.

profil: Wie würden Sie sich selbst politisch einordnen?
Kasparow: Wirtschaftlich bin ich eher konservativ, bei Sozialem bin ich eher liberal, und ich bin nicht religiös. Aber mein Hauptanliegen ist es, die Lücke ­zwischen Arm und Reich zu schließen. ­Politisch gesehen bin ich ein Feuerwehrmann.

profil: Hoffen Sie, dass der neue Präsident Medwedew etwas ändern wird?
Kasparow: Wenn er nicht dazu gezwungen wird, wird Medwedew nichts ändern.

profil: Wer könnte ihn zu Änderungen zwingen?
Kasparow: Viel stärker als unser Druck ist der wirtschaftliche Druck. Die offizielle Inflation lag 2007 bei zwölf Prozent, wahrscheinlich ist sie in Wahrheit doppelt so hoch. Die russischen Banken sind schwer verschuldet, die Infrastruktur kollabiert. Die Anzahl der geteerten Straßen in Russ­land ist in den vergangenen acht Jahren zurückgegangen. Das Kernproblem liegt in der wachsenden Einkommensschere zwischen Arm und Reich. Die Krise ist unvermeidlich, und deswegen bin ich sicher, dass der Zusammenbruch des Regimes kommen wird. Auch die westlichen Politiker ändern sich: Bush geht, Schröder ist schon gegangen. Damit besteht Hoffnung, dass neue Politiker sich für uns mehr einsetzen.

profil: Aber westliche Politiker empfangen Sie sehr zögerlich.
Kasparow: Das ist kein Geheimnis. Sie sind alle sehr vorsichtig.

profil: Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sollte eigentlich gegen Sie in Linz Schach spielen. Warum hat er gekniffen?
Kasparow: Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hatte er größere politische Probleme zu lösen. Er empfing mich aber zuvor offiziell. Die österreichischen Politiker verstecken sich nicht hinter einer Mauer aus Höflichkeit. Hier wurde ich in den vergangenen zwei Jahren von der Politik am offensten empfangen.

Interview: Andrea Rexer