Sexualität: Klitoral, vaginal, theatral?

Die demnächst zu Ende gehende TV-Serie „Sex and the City“ zelebriert die sexuelle Autonomie der Frau. Die Realität ist jedoch desillusionierend. Neue Orgasmus-Studien belegen, dass der Höhepunkt für viele Frauen immer noch mehr Täuschungsmanöver als Selbstverständlichkeit ist.

Ein Tag ohne Höhepunkt ist kein guter Tag für Samantha Jones. Doch der Gewichtheber vom Nachmittag wusste nicht zu halten, was sein Gang versprochen hatte. Mit verbissenem Ehrgeiz, der sich immer als verlässlichstes Antiaphrodisiakum erweist, versucht sich die Paradenymphomanin aus der Serie „Sex and the City“ also im Alleingang zu holen, was ihr verwehrt worden ist. Ein Sisyphos-Martyrium, wie sich herausstellt. Bis sie abends die elektrische Zahnbürste in die Hand nimmt und das Ding plötzlich in einem ganz anderen Licht sieht.

Im Gegensatz zu ihrer ansonsten so multipel orgiastischen Fernsehexistenz hatte die 47-jährige Samantha-Darstellerin Kim Cattrall über 20 Jahre lang ein Dasein bar jeder sexuellen Höhepunkte gefristet. Animiert von diesem Manko, verdichtete die Kanadierin ihre späten Erkenntnisse zu einem Buch – einem sexuellen Ratgeber mit dem verheißungsvollen Titel „Satisfaction – die Kunst des weiblichen Orgasmus“. Als Co-Autor firmierte ihr damaliger Ehemann Mark Levinson, der beim Erscheinen der deutschen Ausgabe bereits wieder Geschichte war. Das Werk ist aber leider vernachlässigbar. Mittels Zeichnungen, die an Aufklärungsfibeln aus der Oswalt-Kolle-Ära gemahnen, erläutert Frau Cattrall allerlei ausgetüftelte Verrenkungstechniken, die von Banalitäten untermauert werden: „Jeder Liebende muss viel Feingefühl und große Offenheit entwickeln …“

Vereinigungsmission. Das sexuelle Beratungswesen ist inzwischen zu einer florierenden Industrie mutiert und hat beispielsweise die US-Beischlafexpertin und Buchautorin Lou Paget („Der perfekte Liebhaber“) zur Multimillionärin gemacht. Auf allen TV-Kanälen wird die Sexualität bis in ihre hintersten Winkel ausgeleuchtet. Neue Frauenmagazine wie das britische Hochglanzprodukt „Scarlet“ wollen Frauen „jenseits von Schmuddelpornos“, mittels Vibratorentests und Stellungsezzes „sexuell zu einem neuen Selbstbewusstsein verhelfen“.

Paradoxerweise steht die Realität im nachdenklich machenden Kontrast zu der medial vermittelten Illusionsmaschinerie, die den trügerischen Eindruck vermittelt, dass die ganze Welt von einer einzigen Vereinigungsmission beseelt ist. Die sexuelle Praxis liegt näher an Bridget als an Samantha Jones, wie man ab nächster Woche im Kino wird überprüfen können, wenn Renée Zellweger erneut tief in die Kluft zwischen Wollen und Können purzelt.

Jüngste einschlägige Studien in Österreich und Deutschland zeigen, dass mindestens ein Drittel aller Frauen irgendwann im Leben mit sexuellen Funktionsstörungen konfrontiert ist. Libidoprobleme oder Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen, gehören in der Damenabteilung mehr zum sexuellen Alltag als zur Ausnahme.

Bei einer Befragung von 700 Frauen zwischen 20 und 80 Jahren, die der Wiener Urologe Stephan Madersbacher im Rahmen der Wiener Gesundheitsuntersuchung durchführte, berichteten 22 Prozent der befragten Frauen von Luststörungen, 35 Prozent von Erregungsstörungen und 39 Prozent von Orgasmusproblemen.

Diese sexuellen Leerläufe sind beileibe nicht nur als ein Resultat von Wechselbeschwerden zu orten: Nur 30 Prozent der unter 20-Jährigen gaben in der Madersbacher-Studie an, immer oder fast immer zum Höhepunkt zu kommen, 27 Prozent haben nie oder nur selten einen Orgasmus.

Schlechtes Timing. Das Lusttief in der Jugendklasse ist auch damit zu erklären, dass, welch Gemeinheit der Natur, der Mann mit Anfang 20 den Höhepunkt seiner Potenz bereits überschritten hat, während die Frau laut Kinsey-Report ihre libidinöse Erlebnisfähigkeit erst ab dem 30. Lebensjahr zur vollen Entfaltung bringt. Die Evolutionsbiologin Helen Fisher („Why We Love“) sieht dieses schlechte Timing als Trickstrategie der Natur, „da ansonsten Monogamie in der Praxis nicht mehr umzusetzen wäre“.

Ihren ersten Orgasmus erleben Frauen im Schnitt mit 16 Jahren und im Alleingang, wie eine groß angelegte, kürzlich veröffentlichte Studie an der Berliner Charité-Klinik ergab. Durchschnittlich brauchten die Befragten, die im Schnitt 30 Jahre alt waren und alle in fixen Beziehungen standen, in etwa acht Minuten bis zum Höhepunkt. Fast 57 Prozent gaben an, beim Sex mehrfach zum Orgasmus zu kommen, wobei diese Zahl mit Vorsicht zu genießen ist. Denn 90 Prozent der Befragten erklärten gleichzeitig, es Meg Ryan in „Harry und Sally“ schon mindestens einmal gleichgetan zu haben; zehn Prozent gaben zu, ihren Höhepunkt regelmäßig zu simulieren.

Als erstaunlich unfrivol entpuppten sich die Erklärungen bezüglich der „orgasmusbeschleunigenden“ Faktoren in der Charité-Studie: So ist der Geruch des Partners für die meisten Frauen der entscheidende Auslöser für ihre Erregbarkeit, gefolgt von der allgemeinen Stimmung und der hygienischen Verfassung des Partners. Die Länge des Penis rangiert neben „Dirty Talk“ und Sex an öffentlichen Orten als Stimulatoren auf den hinteren Plätzen.

Die Ursachen für weibliche Sexualstörungen sind so vielfältig und komplex wie die weibliche Sexualität selbst. In der Regel brauchen Frauen dreimal so lang wie der Mann, um sich ihren Höhenflug abzuholen. 80 Prozent des weiblichen Lustempfindens gingen, so die Pulitzer-Preisträgerin Natalie Angier in „Frauen – eine intime Geografie“, auf das Konto der Klitoris, „die sich in ihrer Kompliziertheit vom Penis so unterscheidet wie eine handliche Halbautomatik von einer primitiven Schrotflinte“.

Die Rezeption der Klitoris als weibliches Lustzentrum ist relativ jung. Galt sie doch dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud als verkümmerter Penis und ein klitoraler Orgasmus in Folge als „unreif“. Nur die Vagina wäre laut Freud als „leitende erogene Zone“ ernst zu nehmen. Das daraus resultierende Gedankenkonstrukt, das die männliche Sexualität mit „Aktivität“ und die weibliche mit „Passivität“ gleichsetzte, bestimmte das kollektive Empfinden vom Objektstatus der Frau in sexuellen Angelegenheiten über 150 Jahre lang. Erst Sexualforscher wie Alfred Kinsey und das Duo William Masters und Virginia Johnson befreiten die Frau aus ihrem ideologischen Gefängnis sexueller Repressionen, in dem sie sie zum Gegenstand ihrer akribischen Forschung machten. Womit der Grundstein für die sexuelle Revolution, in der Befreiungstheoretikerinnen wie das „Apo-Luder“ („Stern“) Uschi Obermaier ihre Libido öffentlich und genussvoll auslebten, gelegt war.

Kein Viagra für die Frau. Anders als beim Mann, dessen Hauptproblem – eine Durchblutungsstörung im Penis – beispielsweise mit Viagra zielsicher behandelt werden kann, sind die Störfelder der weiblichen Sexualität nicht monokausal zu therapieren. „Die Sexualität der Frau entsteht primär im Kopf“, erklärt der Gynäkologe Johannes Huber, der am Wiener AKH eine Studie zur Anwendung von Viagra bei Frauen durchgeführt hat. „Das heißt, dass blutgefäßerweiternde Mittel wie Viagra zur Luststeigerung der Frau sicher nicht der goldene Weg sind. Die Frau ist in ihrer Sexualität viel stärker von Hormonen und Neurotransmittern abhängig als der Mann.“

Warum weibliche Sexualstörungen und ihre Ursachen noch junges Forschungsgebiet sind, begründet der Urologe Walter Stackl, Primarius an der Wiener Rudolfstiftung, so: „Vor 20 Jahren hat man sich vor allem auf die Männer mit Erektionsstörungen konzentriert und erst über diesen Weg auch die Probleme der Partnerinnen und deren physiologische Ursachen näher kennen gelernt.“

Der entscheidende Punkt sei, der Komplexität der weiblichen Sexualität durch eine dementsprechende Bandbreite bei der Untersuchung und Behandlung zu begegnen: „Oft sind organische und psychologische Ursachen einfach nicht zu trennen.“

Orgasmustraining. Angesichts der Tatsache, dass Frauen erst seit ein paar Jahrzehnten sexuelle Autonomie zugestanden wird, ist es auch nicht verwunderlich, dass der Umgang mit dieser neu gewonnenen Freiheit noch von Unsicherheit und Ratlosigkeit geprägt ist.

„Viele Frauen“, ortet Julia Kastenhuber, Sexualberaterin im Wiener Frauengesundheitszentrum F.E.M., das größte Defizit, „haben ihren eigenen Körper noch gar nicht so richtig erforscht und wissen gar nicht, was ihnen gut tut. Da muss man die Männer fast in Schutz nehmen. Denn wie sollen sie denn wissen, wie sie ihre Frauen zum Höhepunkt bringen sollen, wenn die es noch nicht einmal selbst herausgefunden haben.“

Im Dezember wird Kastenhuber erstmals einen bereits ausgebuchten Orgasmus-Workshop abhalten, wo Techniken wie individuelle Befindlichkeiten abgehandelt werden; weitere sind in Planung.

Weiblicher Nachholbedarf auf sexuellem Gebiet ist eine Haupteinkommensquelle von Ingrid Mack, Inhaberin von „Separée“, einem Wiener Sexshop speziell für Frauen: „Zu mir kommen auch 60- bis 70-jährige Damen ins Geschäft, die hellauf begeistert sind, jetzt aufholen zu können, was man ihnen in ihrer Jugend verboten hat.“

Diese Unverkrampftheit im Umgang mit weiblicher Sexualität ist für Mack jedoch ein „sehr frisches“ Phänomen: „Bei uns hat das vor zirka fünf Jahren begonnen. Da ist das Interesse an und die Freizügigkeit im Umgang mit Spielzeug – sprich Vibratoren – ganz enorm gestiegen. Für die meisten Frauen sind Vibratoren heute kein Männerersatz, sondern ein ganz selbstverständlicher Teil eines ausgewogenen Sexuallebens. Ich sage ja, dass in jeden guten Haushalt ein Vibrator gehört.“