Sigmund Freud Universität spitzt auf Gelder aus Drohnenprogramm

Die Wiener Sigmund Freud Universität bildet Psychotherapeuten aus – und spitzt auf Gelder aus einem europäischen Drohnenprogramm. Nur reden will man nicht darüber.

„Wir haben damit nichts zu tun!“ Alfred Pritz, Rektor der Sigmund Freud Universität (SFU), pariert die Frage, warum eine Akademikerschmiede für Psychotherapeuten bei einem Drohnenprogramm der Europäischen Union mitmacht, eher unwirsch: „Professor Siedschlag ist außerdem gar nicht mehr bei uns.“

Zwei Männer, zwei Sichtweisen. Der angesprochene Professor findet das durchaus passend. Alexander Siedschlag leitete das „Center for European Security Studies“ (CEUSS) an der Wiener Privatuni, die sich seit Langem mit Sicherheitsforschung, der Wahrnehmung von Angst und dem Vertrauen in Institutionen beschäftigt habe und brachte das Drohnenprojekt „Aeroceptor“ hier ein.

Es läuft noch bis Ende 2015. Der gebürtige Deutsche mit den exzellenten Nato-Verbindungen hingegen zog kürzlich an eine amerikanische Universität weiter. profil erreichte ihn an seinem neuen Arbeitsplatz an der Penn State Harrisburg, wo er nun als „Professor of Homeland Security“ tätig ist.

Was also hat eine Ausbildungsstätte für Therapeuten, die mit dem Ahnherrn der Psychoanalyse wirbt, mit unbemannten Fluggeräten zu schaffen?

Verfolgungsjagden aus der Luft
Der Name der EU-Drohne Aeroceptor leitet sich von „aero“ und „intercept“ ab und bedeutet so viel wie „Abfangen, Unterbrechen aus der Luft“. Drei Jahre lang soll unter der Schirmherrschaft des staatlichen spanischen Instituto Nacional de Técnica Aerospacial erforscht werden, wie „nicht-kooperative“ Fahrzeuge und Boote gestoppt werden können.
Bei herkömmlichen Zugriffen kommen regelmäßig Polizisten, Insassen von Fluchtautos oder Unbeteiligte um, heißt es in den Projektunterlagen. Verfolgungsjagden aus der Luft sollen ihre Leben schonen. „Man möchte auch Verbrecher und Terroristen lebend haben, um ihnen einen fairen Prozess zu machen“, sagt Siedschlag im profil-Gespräch.

Aeroceptor könnte mit Störsendern die Bordelektronik von Autos oder Booten außer Kraft setzen, nicht-tödliche Waffen wie Gummigeschosse, Leuchtraketen und Rauchgranaten abfeuern und vielleicht noch mehr. Doch mit Details geizen die öffentlich zugänglichen Papiere.

3,5 Millionen Euro stehen zur Verfügung, um Drohnenzugriffe künftig sicherer zu gestalten. Neues Gerät lässt sich damit nicht bauen, auf Bestehendes aufsetzen sehr wohl. An Aeroceptor beteiligen sich Forschungseinrichtungen, Technologie- und Rüstungskonzerne aus der EU, der Türkei und Israel, Letzteres eine Großmacht am Drohnenhimmel, wie der auf Überwachungstechnologien und Netzwerkpolitik spezialisierte Journalist Erich Möchel auf seinem FM4-Blog regelmäßig berichtet.

Die EU-Abfangdrohne startete als ziviles Projekt, doch es liegt in der Natur von „dual use“-Technologien, dass sich militärische Interessen leicht dahinter verstecken lassen.
Auf der Liste der 15 Projektpartner finden sich zwei österreichische Namen: Das Austrian Institute of Technology (AIT), mit über 1000 Mitarbeitern die größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung des Landes, soll analysieren, was bei Drohnenzugriffen alles schiefgehen kann, um deren Sicherheit zu erhöhen. Was genau die Sigmund Freud Universität zu dem Programm beisteuert, blieb bisher stets unklar.

Das SFU-CEUSS widme sich „ethischen, soziologischen und rechtlichen Fragen“, lässt Aeroceptor-Sprecherin Agnieszka Spronska zwischen zwei Sitzungen per E-Mail wissen. Sie ist Sozialwissenschafterin am staatlichen polnischen Roboterinstitut PIAP, das nicht nur Industriebetriebe, sondern auch Armeen, Terrorbekämpfer und Grenzschützer mit Hochtechnologie ausstattet.

So klein, wie Rektor Pritz die Rolle des SFU-Instituts anlegt, ist sie nicht. Laut Spronska befassen sich die Wiener darüber hinaus mit der Sicherheit und Vereinbarkeit von Aeroceptor mit anderen Konzepten, Eingriffen in die Privatsphäre, die polizeiliche Drohnenoperationen mit sich bringen, und sie erarbeiten Zertifizierungsrichtlinien für unbemannte Flugkörper, Kontrollstationen am Boden und Ladegewicht.

Glanzvolle Vita mit dunklen Flecken
Siedschlag, der nach Amerika ausgewanderte Professor, dem die SFU das Aeroceptor-Projekt verdankt, brachte eine glanzvolle Vita mit dunklen Flecken mit, als er im Juni 2009 an die Wiener Privat-uni kam. Fünf Jahre zuvor war der frisch Habilitierte als Professor für internationale Politik in Innsbruck angetreten. Seinen Lehrstuhl hatte das Verteidigungsministerium unter ÖVP-Ressortchef Günther Platter gestiftet.

Der Westberliner, Jahrgang 1971, hatte bei der deutschen Luftwaffe gedient und die Nato-School in Oberammergau besucht. In Tirol nützte er seine Drähte zum EADS-Konzern, um Sponsorgelder für Tagungen loszueisen. 2007 wurde er fristlos entlassen, im Nachkriegsösterreich ein Ereignis mit Seltenheitswert, das medial entsprechend beachtet wurde. Laut offizieller Erklärung des Rektorats hatten ihn damals nicht die Rüstungsgelder untragbar gemacht, sondern „Verfehlungen in der Mitarbeiterführung“.
Bald darauf tauchte Siedschlag an einer Welser Privatuni auf und dockte als Sicherheitsforscher beim nationalen Forschungsprogramm KIRAS an. 2005 war es unter der schwarz-blauen Regierung ins Leben gerufen und FPÖ-Infrastrukturminister Hubert Gorbach zugeschlagen worden. Siedschlag reichte Projekte ein und schaffte Fördermittel aus nationalen und Brüsseler Töpfen heran. Das wiederum machte ihn für die private Sigmund Freud Universität zum Lockangebot. „Man wollte mich als Türöffner“, sagt er selbst.

Als am Forscherhorizont die europäischen Drohnen auftauchten, sei die SFU interessiert gewesen: „Es gab bereits einen Doktoratslehrgang, in den sich viele Bundesheerangehörige eingeschrieben hatten. Man wollte ihn zu einem Lehrstuhl ausbauen, um den Offizieren zu ermöglichen, im sozial- und humanwissenschaftlichen Bereich zu promovieren.“ Er, Siedschlag, habe nicht nur Drittmittel ins Haus gebracht, sondern sei als Professor sofort in der Lage gewesen, Dissertanten zu betreuen: „So sind wir zusammengekommen.“

An der Penn State University Harrisburg ist Siedschlag für das Online-Masterprogramm „Homeland Security“ zuständig. Nun hofft er auf Kundschaft auch aus Europa, wo man „leider bis heute kein Doktorat für Sicherheitsforschung zusammengebracht hat“. Sein amerikanischer Studiengang wurde gemeinsam mit „Bedarfsträgern“ entwickelt, allen voran dem US-Department of Homeland Security, das nach 9/11 fast zwei Dutzend Behörden unter einem Dach zusammenfasste, über 200.000 Mitarbeiter beschäftigt und die US-Bürger vor terroristischen Angriffen und Bedrohungen aller Art schützen soll.

Die unbemannten Fluggeräte lassen Siedschlag nicht mehr los. Bei einem Drohnen-Symposium vor drei Wochen in New York habe man neben technologischen auch die rechtlichen Probleme verhandelt, die Akzeptanz in der Bevölkerung, Bürgerbewegungen gegen Drohnen und die Angst vor Big Brother. Siedschlag: „Diesen Diskussionsstand hätte ich mir bei der Einreichung für Aeroceptor nur wünschen können.“

Wie es mit dem SFU-Projekt weitergeht, kann er nicht sagen. Er habe es seiner Wiener Mitarbeiterin Andrea Jerkovic anvertraut. Diese äußert sich nicht dazu. Sie weile bis Mitte November auf einer Forschungsreise im Ausland, teilte sie per E-Mail mit.

Uni-Rektor Pritz bleibt auf Nachfrage dabei, nicht zuständig zu sein: „Wie oft soll ich es noch sagen?“