Stachel im Fleisch

Wie zwei ehemalige Mitarbeiter und Klein­aktionäre der Vienna Insurance Group den Großkonzern auf Trab halten.

Die berufliche Karriere eines Top-Managers ist naturgemäß von allerlei Höhen und Tiefen geprägt. Günter Geyer zum Beispiel ist als Generaldirektor der Vienna Insurance Group (VIG) Herr über 50 Versicherungsgesellschaften in 24 Ländern mit insgesamt 25.000 Mitarbeitern und einem verwalteten Prämienvolumen von 8,6 Milliarden Euro. Da hat man gut zu tun. Was ihm jedoch derzeit widerfahre, habe er in seiner gesamten bisherigen Laufbahn noch nicht erlebt. Dabei dauert die nun doch schon ein Weilchen an: 1974 trat er in das Unternehmen ein, das damals noch als Wiener Städtische Versicherung firmierte.

Vergangene Woche luden Geyer und zwei weitere VIG-Vorstände profil zum Gespräch. Wenn sich drei führende Vertreter der Konzernleitung sowie deren Pressesprecher kurzfristig Zeit für eine zweistündige Unterhaltung mit Journalisten nehmen, deutet das gewöhnlich auf einen erhöhten Erklärungsbedarf im betroffenen Unternehmen hin. Was die Herren derzeit so massiv beschäftigt? Die Tochtergesellschaften in Rumänien.

Dass dort nicht alles zur Zufriedenheit der VIG zu laufen scheint, ist einer breiteren Öffentlichkeit durch einen Artikel des „Falter“ bekannt. Die Wiener Stadtzeitung berichtete Ende Juli, dass der – mittlerweile ehemalige – Generaldirektor der Omniasig, einer auf Firmenkunden spezialisierten Versicherungsgesellschaft, jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet haben soll. In den rumänischen Medien waren die mutmaßlichen Malversationen schon länger Thema, doch damit hatte die schlechte Presse auch Österreich erreicht. In der Konzernzentrale war man darob wenig amüsiert, suggeriert der Artikel doch, das Management habe seine Mannschaft vor Ort nicht im Griff.

Doch das ist nur ein Aspekt der Geschichte. Begonnen hat das, was Geyer bisher noch nie erlebt hat, im heurigen Frühjahr: Da trat eine Gruppierung namens GAAPI an die Konzernlenker heran, zerrt seither an den Nerven der Vorstände und hält den gesamten Apparat des Großunternehmens auf Trab. Das Kürzel steht für Grupul Actionarilor Asirom, zu Deutsch: Aktionärsgruppe Asirom. Deren Begehr: Die VIG soll die Aktien der Minderheitsaktionäre der Asirom zu einem angemessenen Preis erwerben.

2007 war der österreichische Konzern in die ehemalige staatliche Monopolversicherung eingestiegen und erwarb daraufhin in mehreren Etappen die Mehrheit an der Versicherungsgesellschaft. Damals wurde auch den Kleinaktionären ein Pflichtangebot gelegt, welches jedoch nicht von allen angenommen wurde. Mittlerweile ist das Unternehmen nicht mehr
an der Börse gelistet, mangels offiziellen Handels ist die Aktie also für Dritte mäßig ­interessant.

Hinter GAAPI stehen im Wesentlichen zwei Personen: Werner Bolek und Anda-Luiza Pricop. Beide sind ehemalige Mitarbeiter der VIG. Bolek arbeitete bis 2010 im Vertrieb der Asirom in Rumänien, die studierte Juristin Pricop war – ebenfalls bis 2010 – in der Wiener Konzernzentrale im Controlling tätig. Von beiden habe man sich einvernehmlich getrennt, heißt es vonseiten der VIG. Doch wenn es sich hierbei nicht um die Racheaktion zweier gefrusteter ehemaliger Mitarbeiter handelt, worum geht es dann?

„Uns geht es um Gerechtigkeit für die Asirom-Kleinaktionäre“, sagt Pricop. Diese seien bei der Übernahme durch die VIG über den Tisch gezogen worden, der damals gebotene Preis sei viel zu niedrig gewesen. Und weil, wie Bolek behauptet, bei der Asirom bislang auf eine professionelle Aktionärsbetreuung verzichtet wurde, habe er gemeinsam mit Pricop die Initiative ergriffen, um mittels GAAPI die Interessen der über 800 Kleinaktionäre zu wahren.

Doch aus purem Altruismus tun sich Bolek und Pricop die Arbeit nicht an. Die beiden haben ein ungewöhnliches Geschäftsmodell entwickelt. Ihren Zeit- und Arbeitsaufwand für die Vertretung der Kleinaktionärsinteressen wollen sie sich von diesen entlohnen lassen. Zehn Prozent vom noch mit der VIG auszuhandelnden Rückkaufpreis der Asirom-Aktie schweben ihnen als Provision vor. Laut Bolek sind etwa zehn Millionen Aktien im Streubesitz. Als angemessenen Kaufpreis empfindet er 25 Eurocent pro Aktie. Im besten Fall, so die Hoffnung, könnten sie das erkleckliche Sümmchen von 250.000 Euro einstreifen.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, wandten sich Bolek und Pricop im April per E-Mail erneut an die VIG-Vorstände und kündigten an, mit einer Delegation von Asirom-Aktionären bei der VIG-Hauptversammlung zu erscheinen, um dort, „mit dem Vorteil einer entsprechenden öffentlichen Aufmerksamkeit“, ihre Anliegen zu thematisieren. Doch gegen einen Spesenersatz von 30.000 Euro für die bisherige Selbstorganisation der Asirom-Aktionäre würde GAAPI auf einen Auftritt bei der Hauptversammlung verzichten. Wenige Tage später folgte die Urgenz: Bis zum 2. Mai, 12 Uhr, habe die VIG die Möglichkeit, die geplanten Aktivitäten bei der Hauptversammlung zu verhindern.

Geyer ließ das „Ultimatum“ verstreichen. So warben Bolek und Pricop am Tag des Aktionärstreffens an Informationsständen vor der Wiener Stadthalle um Verständnis für ihre Abfindungsforderungen. In der Hauptversammlung selbst zogen sich die beiden mit zahlreichen Fragen und Anträgen zu den einzelnen Tagesordnungspunkten den Unmut der übrigen Teilnehmer zu.

Doch – Überraschung – die VIG will und will angesichts dieser Einschüchterungsmethode nicht einlenken. Bolek und Pricop verschärfen die Gangart. In einem Schreiben, das an die gesamte Wiener Stadtregierung, an die Geschäftsführung des WienTourismus sowie an die rumänische Botschaft und Außenhandelsstelle ging, weisen sie auf die negative Berichterstattung in den rumänischen Medien hin, die auch das Ansehen der Stadt beschädigen könnte. Die VIG hatte alle Hände voll zu tun, die Adressaten der Schreiben zu beruhigen. Zumal die Stadt Wien die wichtigste österreichische Kundin der Versicherungsgesellschaft ist.

Bolek und Pricop waren es auch, die die Kollegen vom „Falter“ auf Berichte in der rumänischen Presse aufmerksam gemacht haben. „Wir haben ein administratives Thema mit den beiden“, seufzt Geyer.

Mittlerweile hat sich die Angelegenheit zu einem veritablen Rechtsstreit ausgewachsen. Beide Parteien decken sich gegenseitig mit Klagen ein. So ficht Bolek zwei Beschlüsse der VIG-Hauptversammlung an. Ein gewagtes Unterfangen, sollte er vor Gericht unterliegen, muss er die Kosten tragen. Die VIG kontert mit Anträgen auf einstweilige Verfügung wegen Rufschädigung.

Ob die Rechnung für die beiden aufgeht, bleibt fraglich. Die VIG ist weder willens, die noch im Umlauf befindlichen Aktien zu kaufen, noch hat sie es notwendig. Sie hält bereits 99 Prozent an der Asirom.

Mitarbeit: Victoria Beninger