Reif für die Pflanzeninsel

Wiens bekannteste Einkaufsmeile soll wieder einmal umgestaltet werden. Ein Bericht vom städtebaulichen ­Problemfall Mariahilfer Straße.

Von Alexander Bartl

Die Mariahilfer Straße wartete noch auf den Ansturm der Passanten links und rechts der auf- und abwärtszuckelnden Autokolonnen, als im Wiener Hofmobiliendepot am Donnerstag vergangener Woche die Zukunft des prominenten Einkaufsboulevards verhandelt wurde. Es ging um Wünsche und Visionen für die Mariahilfer Straße von morgen, die nach dem Willen der Stadt im Dialog mit den Bürgern neu gestaltet werden soll. Die beim Umbau federführende Magistratsabteilung 28, zuständig für Straßenverwaltung und Straßenbau, präsentierte drei Vorschläge: Szenario eins sieht eine autofreie Zone zwischen Andreasgasse und Stiftgasse vor, Szenario zwei eine deutlich längere Fußgängerzone, die allerdings von Autos gequert werden dürfe, Szenario drei schließlich ein sich annähernd über die ganze Straßenlänge erstreckendes Shared-Space-Terrain, was bedeuten würde, dass Autos und Flaneure fortan ampellos miteinander klarkommen müssen.

Eines haben alle drei Varianten gemeinsam: Sie werten die Rollen der Fußgänger und Radfahrer auf und jene des Autoverkehrs ab, indem sie Grünräume vorsehen und hübsche Plätze, die dem Straßenzug bescheren sollen, was ihm bislang laut der vom Magistrat zusammengetragenen Forschungsergebnisse fehlt: Aufenthaltsqualität – also ein Ambiente, das auch Menschen anlockt, die nicht auf schnellstem Weg in die Geschäfte flüchten wollen.

Die Mariahilfer Straße selbst zeigt sich von dem Rummel um ihre Zukunft noch unbeeindruckt: Kein anderer Einkaufsboulevard in Wien ist härter im Nehmen. Gewiss, auch an der Kärntner Straße wird unentwegt geschraubt, um ihr ein vermeintlich zeitgemäßes Profil zu verleihen. Doch verglichen mit den Rustikalmanövern im Shoppingareal zu Mariahilf, sind diese Eingriffe allenfalls linkische Kosmetik. Denn was sich zwischen Ringstraße und Gürtel in der Sockelzone der Gründerzeithäuser abspielt, verdient den Namen Design nur selten. Zumeist wirken die bunten Markisen und die unterhalb feingliedrig gestalteter Fassaden aufgespannten Blech-Plastik-Vordächer so, als wollten sie Passanten das Fürchten lehren. Wo das Kleingewerbe seine Verkaufslokale in den Bestand gerammt hat, merkt man oft genug, dass der Untermieter mit Revoluzzergehabe wettmachen möchte, was ihm an Stilgefühl fehlt.

Umgekehrt darf man der Mariahilfer Straße nicht vorwerfen, sie wäre unsympathisch. Die einströmenden Besuchermassen scheinen davon auszugehen, dass alles, was ihnen heute missfällt, morgen ohnehin von Neuem verdrängt werden wird. Tatsächlich gelingt es dieser Einkaufsmeile, sich bei laufendem Betrieb fortwährend zu verändern. Von einer Straße, die den Aufbruchsmodus zum Daseins­prinzip erklärt hat, darf man natürlich nicht fordern, sie solle sich für ihr Publikum gefälligst fein machen; man will ja auch keinen Langstreckenläufer dazu bringen, in Galamontur Rekorde zu brechen.

Zuletzt hat sich die Einkaufsstraße vermutlich für den Kaiser längerfristig aufgestylt. Seither ist sie im Wandel, pflegt ein legeres Verhältnis zum eigenen Erscheinungsbild und bringt auf diese Weise sogar die eine oder andere architektonische Großtat hervor wie das vom Büro Henke und Schreieck in eine ­Nische gefaltete Geschäftsgebäude Hausnummer 36. Umgekehrt verramscht sie ihr historisches Erbe zuweilen ohne Sinn und Verstand, etwa in der denkmalgeschützten Bankhalle auf Nummer 70, wo der deutsche Diskonter „Allerlei“ Plastiktand in Kartongebirgen feilbietet. Das zum Immobilienportfolio der Bank Austria zählende Gebäude wurde im frühen 20. Jahrhundert von Baumeister Gustav Orglmeister nach Plänen von Adolf Loos errichtet, und wer in Erika Sieders neuem Buch „… tout Vienne!“ nachliest, wie die beiden einander inspirierten, dem wird angesichts des Billigschicksals weh ums Herz.

Die letzte umfassende Renovierung der Mariahilfer Straße liegt knapp 20 Jahre zurück, was, gemessen an ihrem Erneuerungselan, einer halben Ewigkeit gleichkommt. Damals wurde ihr die Röhre der U3 implantiert, die Straßenbahn genommen und stattdessen in der Mitte eine zweispurige Straße angelegt, die man wiederum mit zwei Parkstreifen aufpolsterte. Neue Straßenlampen wurden dem Areal auch aufgepflanzt, allerdings sahen die mit ihren wehrhaften Masten so aus, als hätten damit ehedem Diktaturen grenznahe Sperrzonen illuminiert.

Übrigens gab es schon in den achtziger Jahren Pläne für eine Mariahilfer Straße mit mittig arrangierten Pflanzeninseln. Insofern kamen die Entwürfe dem ziemlich nahe, worauf die Stadt künftig wieder hinauswill. Jedenfalls wäre es kein Wunder, wenn die Einkaufsmeile nach all den Debatten, Verhandlungen und um maximalen Konsens bemühten Entscheidungen am Ende ein Design erhalten wird, das sie schon vor zwei Jahrzehnten hätte haben können.