Suhrkamp: Geist gegen Geld

Der deutsche Traditionsverlag Suhrkamp prägte jahrzehntelang das intellektuelle Klima. Wolfgang Paterno über die drohende Zerschlagung einer Kulturinstitution.

1945 erhielt Peter Suhrkamp von den Alliierten die Erlaubnis, einen Verlag zu gründen, den er nach einem Streit mit seinem damaligen Teilhaber ab 1950 unter der Marke „Suhrkamp“ allein weiterführte. Damals schon wurde der Keim für das von Hass und Häme vorangetriebene Zerwürfnis der gegenwärtigen Geschäftsführung gelegt: Peter Suhrkamp war nach der Trennung von seinem Kompagnon auf Fremdkapital angewiesen, worauf die Schweizer Kaffee- und Baumwolldynastie Reinhart, vermittelt durch Hermann Hesse, an Bord des jungen Publikationshauses kam; 1952 trat Siegfried Unseld in den Verlag ein und avancierte nach dem Tod Peter Suhrkamps zu dessen Nachfolger. Mit seinen Minderheitsgesellschaftern arrangierte sich der Patriarch bald unter der Prämisse, mit dem von ihm so freihändig wie herrisch geführten Verlag über ein Unternehmen zu verfügen, das die intellektuelle Nachkriegslandschaft auf Jahrzehnte hinaus definieren und satte Gewinne in die Kassen der Familie Unseld und des stillen Schweizer Teilhabers spülen sollte.

Die „Suhrkamp-Schlacht“
Von Stille ist längst keine Rede mehr. Die „Suhrkamp-Schlacht“, so ein Beobachter, wird seit Unselds Tod im Jahr 2000 mit den Mittel juristischer Klage und Gegenklage ausgefochten, flankiert von einer hässlich anmutenden Propagandaschlacht. Die Gegner in dem seit Jahren schwelenden Streit stehen sich intim verfeindet gegenüber. Welten prallen in der Kontroverse aufeinander, in der die Luft vor Wörtern wie „Ausschlussklage“, „Widerklage“, „Finanzmanagement“, „Risikokapital“ oder „Renditenkorridor“ sirrt. Hier die Schriftstellerin und Unseld-Witwe Ulla Berkéwicz, 64, die 61 Prozent der Anteile der Suhrkamp GmbH & Co KG hält und seit 2003 einer dreiköpfigen Geschäftsführung als Verlagsleiterin vorsitzt, da der Hamburger Investor und Medienunternehmer Hans Barlach, 57, der laut eigenen Angaben mit Immobilien ein Vermögen gemacht hat. Barlachs Medienholding Winterthur erwarb 2006 zunächst die Reinhart-Anteile, die 2008 auf insgesamt 39 Prozent Verlagsbeteiligung aufgestockt wurden.

„Die Festung Suhrkamp ist uneinnehmbar“, war sich Berkéwicz damals noch sicher. Es zeugt von der Naivität der Verlegerin, Barlachs Begehr von Beginn an unterschätzt zu haben: Der Finanzmann, der seinen Einstieg in den Verlag vage als „kulturelles Engagement“ deutete, will mitmachen, mitbestimmen und – sein gutes Recht – mitverdienen. Seit Jahren kommunizieren Berkéwicz und Barlach, die einander auch persönlich spinnefeind sind, nur mehr über Anwälte und Gerichte. Die Kontrahenten in der Klagesache, stellte jüngst ein mit der Causa befasster Richter befremdet fest, betrachteten einander als „Inkarnation des Bösen“.
In der öffentlichen Auseinandersetzung entwerfen die Opponenten Zerrbilder der jeweiligen Gegenseite. Barlach, so dringt es aus der Feste Suhrkamp, sei ein „kulturferner Kaufmann“, ein Geldschnösel und Turbokapitalist, der aus schierer Geltungssucht in seinem Portfolio eben auch auf eine Kulturinstitution Wert lege. Barlach wiederum verunglimpft Berkéwicz als mäßige Schriftstellerin, deren versponnenes Walten im Verlag die Rendite gefährde. Nicht nur einmal wies er hämisch darauf hin, dass sich Ursula Schmidt aus Gießen einst den Namen Berkéwicz zugelegt und als Schauspielerin reüssiert hatte, bevor sie 1990 Siegfried Unseld heiratete.

Verlag der Sonderklasse
Suhrkamp ist nach wie vor ein Verlag der Sonderklasse mit anhaltend exquisitem Programm – auch ohne die legendäre, in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts tonangebende und nach einem Wort des Literaturwissenschafters George Steiner benannte „Suhrkamp-Kultur“ bemühen zu müssen: Die Schriften Walter Benjamins, Theodor W. Adornos und Herbert Marcuses liefern keine Stichworte zu aktuellen Debatten mehr, die regenbogenfarbige edition suhrkamp ist ein Fall fürs Antiquariat. Dennoch sind die Vorwürfe haltlos, Berkéwicz habe die einstige Bedeutung des Verlags nicht ins Heute hinüberretten können: Die Umsätze sinken nicht nur bei Suhrkamp seit Jahren kontinuierlich; die Branche darbt, der Buchhandel steckt in einer tiefen Krise.

Einen neuen Eskalationsgrad erreichte die Auseinandersetzung zwischen Barlach und Berkéwicz am 10. Dezember. An jenem Tag wurden im Saal 3809 des Berliner Landesgerichts die Entscheidungen in den Verfahren 99 O 79/11 und 99 O 118/11 verlesen, in denen es unter anderem um Schadensersatzforderungen, monatliche Warmmieten, Möbel, Cateringkosten, Chauffeure und Kücheneinrichtungen ging. Barlach warf Berkéwicz vor, sich nicht an die Gesellschaftsverträge zu halten, und das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich Suhrkamp heikle finanzielle Aktionen geleistet habe: So habe Berkéwicz als Miteigentümerin einer Villa im noblen Berliner Stadtteil Nikolassee „Event-Räume“ auf Kosten des Verlags aufwändig renovieren lassen und die Repräsentationszimmer anschließend für 6600 Euro pro Monat an den Verlag rückvermietet. Das Gericht verdonnerte die Suhrkamp-Impresaria zur Rückzahlung von knapp 300.000 Euro, als Geschäftsführerin, so das Urteil im Wortlaut, werde die Verlags­chefin „aus wichtigem Grund abberufen“. Im Februar wird am Frankfurter Landesgericht der nächste Gerichtstermin folgen, an dem die zerstrittenen Gesellschafter für den jeweiligen Ausschluss der Gegenseite kämpfen wollen – ein Rechtsstreit, der die endgültige Zerschlagung der Kulturinstitution zur Folge haben könnte. In der Regel, so urteilen erfahrene Juristen, führen solche Prozesse zur Liquidation des Unternehmens. Die Rechte an der Marke „Suhrkamp“ könnten verkauft, die Buchlager zur Schuldentilgung verramscht, Autorenrechte verhökert werden – ein juristisch herbeigeführter Flohmarkt der Weltliteratur.
Suhrkamp-Kultur stand auch immer synonym für Streitkultur. Ulla Berkéwicz gingen Autoren wie Daniel Kehlmann, Martin Walser und Adolf Muschg verloren. Dem Vernehmen nach soll der Verlag seit 2002 keine Gewinne mehr schreiben, mit Ausnahme von 2010: Berkéwicz’ millionenschwerer Verkauf des verlagseigenen Archivs nach Marbach sorgte vor zwei Jahren für heftige Debatten. Bei Suhrkamp legt man traditionell auch Wert darauf, die optimale Verbindung von Geschäft und Geist zu suchen. Hans Barlach dagegen versucht in aller Bestimmtheit, Geist zum Geschäft zu machen – den Verlag längerfristig in eine Art Gelddruckmaschine zu verwandeln. „Ein mittelfristiger Renditenkorridor von fünf bis 15 Prozent sollte ohne Weiteres für diesen belletristischen Verlag möglich werden“, ließ der Investor jüngst verlauten.

Als Medienunternehmer genießt Hans Barlach tatsächlich keinen sonderlich guten Ruf. 1998 übernahm er die „Hamburger Rundschau“ – und stellte das Blatt 2000 ein. Mit dem Versandhauserben Frank Otto leistete er sich die „Hamburger Morgenpost“, die er vor wenigen Jahren mit astronomischem Gewinn einem britischen Finanzinvestor überließ. Die Kunst des Büchermachens und -verkaufens scheint den Unternehmensabwickler derweil noch vor Rätsel zu stellen. Bei einer der seltenen Zusammenkünfte mit der Mehrheitsgesellschafterin soll Barlach im Ernst vorgeschlagen haben, auf die Publikation neuer Bücher zu verzichten und das Geschäft mit der Backlist zu bestreiten, jener Schatzkammer Suhrkamps, die bereits jetzt für 55 Prozent des Verlagsumsatzes verantwortlich zeichnet. „Natürlich funktioniert ein Verlag anders als eine Schraubenfabrik“, gab sich Barlach kürzlich einsichtig. „Aber am Ende muss unterm Strich das Gleiche herauskommen.“ Kontinuität, Ruf und literarischen Anspruch „zu wahren, zu fördern und ungeschmälert zu erhalten“, so definierte einst Siegfried Unseld seine Zielvorgaben.