„Der Sturz ­Assads ist nicht ­vor­gesehen“

Der Nahost-Experte ­Michael Kerr über das Nein der Briten zum Militärschlag und warum die USA das ­syrische ­Regime ­trotzdem abstrafen werden.

Interview: Tessa ­Szyszkowitz/London

profil: Wird Premierminister David Cameron das Votum seines Parlaments ­gegen den Militäreinsatz in Syrien ernst nehmen? Ist eine Strafexpedition damit vom Tisch?
Kerr: Für die kommenden Wochen schließe ich eine Beteiligung der Briten an einer von den Amerikanern geführten militärischen Intervention aus. Diese Abstimmung war aber nicht bindend. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte nach einem neuerlichen Votum alles wieder anders aussehen. Die Niederlage der Regierung hat allerdings zu einer tiefen Spaltung des Parlaments geführt und ist ein Schock für Premierminister Cameron. Die USA brauchen Großbritannien zwar nicht für einen Angriff auf Assad. Doch wenn die Briten fernbleiben, hat das hohen symbolischen Wert. Es wird für US-Präsident Barack Obama dadurch nicht leichter, die amerikanische Öffentlichkeit von einem Militärschlag zu überzeugen.

profil: Schaut die westliche Welt also weiteren Giftgasangriffen tatenlos zu?
Kerr: Wenn die Schuld des syrischen Regimes am Einsatz von chemischen Waffen eindeutig bewiesen werden sollte, kann sich die Debatte und damit der politische Prozess in Großbritannien wieder ändern.

profil: Sollen die USA ohne Großbritannien und ohne UN-Mandat vorgehen?
Kerr: Präsident Obama hat klar gesagt, dass chemische Waffen eine „rote Linie“ darstellen. Jemand in Damaskus hat den Fehdehandschuh auf den Boden geworfen. Es ist also eine Frage von Prestige und Glaubwürdigkeit, darauf zu reagieren. Die Russen haben schon bisher gezeigt, dass sie Assad stützen. Deshalb bleibt den USA eigentlich nur ein Vorgehen ohne Mandat.

profil: Was empfehlen Sie sonst noch, um den Konflikt in Syrien zu entschärfen? Stärkere Kooperation mit dem neuen iranischen Präsidenten?
Kerr: Die Diplomatie kann derzeit wenig ausrichten. Iran, Russland und Hisbollah stehen immer noch fest hinter Assad. Das Regime hat gegenüber den Rebellen in den letzten Monaten an Boden gewonnen. Vielleicht reagiert Assad nach einer militärischen Strafaktion auf diplomatischen Druck. Vielleicht passiert aber auch das Gegenteil. Syrien ist nicht der Kosovo. Die USA haben es bisher vermieden, militärisch in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen, weil sie nicht für das politische Vakuum nach dem Sturz von Assad verantwortlich sein wollen. Der Westen bewaffnet deshalb auch die Rebellen nicht direkt. Der Sturz von Assad ist auch im Falle eines Militärschlages nicht vorgesehen. Irans Position wird zentral bleiben. Der Iran ist der einflussreichste Spieler in Syrien, im Libanon und im Irak. Auf lange Sicht wird nur eine Form von Machtteilung den Zerfall Syriens aufhalten. Dafür braucht es dann breite ­internationale Unterstützung.

Zur Person
Michael Kerr ist Direktor der Nahostabteilung am Londoner King’s College und Experte für Interventionen durch Drittstaaten. Sein jüngstes Buch „Lebanon: After the Cedar Revolution“ erschien 2012.