Tägliche Turnstunde: Leibestrübungen

Tägliche Turnstunde: Leibestrübungen

Alle 183 Nationalratsabgeordneten sind sich ausnahmsweise einig – es hilft trotzdem nichts. Gernot Bauer über die Posse „Tägliche Turnstunde“.

Von den Olympischen Spielen in Melbourne 1956 fuhren vier Österreicher mit Bronzemedaillen heim, auch wenn der offizielle Medaillenspiegel nur zweimal Edelmetall auswies: Im „Zweier ohne Steuermann“ ­erreichten die Ruderer Josef Kloimstein und Alfred ­Sageder den dritten Platz, die Kanuten Max Raub und Herbert Wiedermann im „Zweierkajak“ ebenso. In der Heimat wurde dennoch genörgelt. Alfred Rößner, Sportwissenschaftspionier, Erfinder des Höhentrainings und Betreuer von Toni Sailer, kritisierte öffentlich, „dass man nach den Erfahrungen von Melbourne nur zur Feststellung gelangen kann, dass wir in den meisten Sportzweigen den Anschluss an das internationale Leistungs­niveau verloren haben“. Als unmittelbare Maßnahme gegen den Entwicklungslandstatus Österreichs empfahl der gelernte Mittelschulprofessor im Februar 1957 die „Einführung einer täglichen Turnstunde“.

Gesundheit und Olympiasieger
Peter Wittmann wurde im März 1957 geboren. Wittmann ist SPÖ-Abgeordneter, Chef des roten Sportdachverbands ASKÖ und als Präsident der Bundes-Sportorganisation (BSO) höchster Leibesübungsfunktionär im Land. Am 7. September 2012 hatte er nach der Blamage bei den Olympischen Sommerspielen in London – Afghanistan und Tadschikistan eroberten jeweils eine Bronzemedaille, Österreich keine – eine Idee: „Einführung einer täglichen Turnstunde.“ Vorrangiger Zweck: Gesundheit der Schüler. Nachrangiges Ziel: Grundausbildung zukünftiger Olympiasieger.

Die BSO startete eine Kampagne mit Presseaussendungen, Spots und Plakaten. Diese Woche wird Wittmann eine „brandneue“ Studie über den Wirtschaftsfaktor ­Leibeserziehung präsentieren. Die Petition „Tägliche Turnstunde“ der BSO haben mittlerweile 135.000 Österreicher unterschrieben. Gesammelt wurden die Unterschriften per Internet und bei jeder Art von Sportveranstaltung mit Publikumsandrang – vom Handballderby Margareten gegen West­wien bis zum Charity-Golfturnier für die Franz Klammer Foundation. Vor dem Fußball-Länderspiel gegen Deutschland am 11. September 2012 unterschrieb der gesamte Kader des ÖFB die Petition. Und am 17. Oktober stellten sich weitere 183 Unterstützer ein – weniger glamourös als Alaba und Arnautovic, aber dank verfassungsmäßiger Fünfjahresverträge deutlich einflussreicher: die Abgeordneten zum österreichischen Nationalrat.
Einen Monat später gaben die Mandatare erneut ihre Stimme für die gute Sache ab, diesmal in Form einer parlamentarischen Resolution. Per „Entschließungsantrag“ legte der Nationalrat der Bundesregierung die Umsetzung der täglichen Turnstunde nahe.

Konsultation des Standardkommentars zur Nationalrats-Geschäftsordnung: Im Gegensatz zu einem Gesetzesbeschluss kann ein Entschließungsantrag „nur Wünsche über die Ausübung der Vollziehung zum Gegenstand haben. Es handelt sich um parlamentarische Willensäußerungen, welche die Regierung rechtlich nicht verpflichten, aber Empfehlungen für die Regierung bezüglich ihrer Regierungstätigkeit bedeuten.“

Olympische Disziplin Possenreißen
Bildungsministerin Claudia Schmied reagierte auf den legislativen Wunschzettel mit gütigem Verständnis: „Bewegung und Sport sind einfach wichtig für Gesundheit, Wohlbefinden und Konzentrationsfähigkeit.“ Man werde mit Experten „im Rahmen der bestehenden Budgets die Maßnahmen zur Umsetzung der täglichen Sport- und Bewegungseinheit“ ausarbeiten. Manche von Schmieds Experten taxieren die Kosten in personeller (mehr Turnlehrer) und infrastruktureller (mehr Turnsäle) Hinsicht auf 300 Millionen Euro – ab Beschluss. Und 200 Millionen in den Folgejahren. Die tägliche Turnstunde an Österreichs Schulen ist damit so wahrscheinlich wie die tägliche rotweißrote Goldmedaille bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro.
Aber immerhin: Wäre Possenreißen olympische Disziplin, Peter Wittmann wäre Medaillenanwärter, ebenso sein Partner im Koalitionszweier, Peter Haubner, ÖVP-Abgeordneter, Chef des schwarzen Dachverbands Sportunion und als Vizepräsident der Bundes-Sportorganisation zweithöchster Leibesübungsfunktionär im Land. Zum erweiterten Favoritenkreis würde der Rest der roten und schwarzen Abgeordneten zählen. Deren Entschließung an die Bundesregierung ist wie ein Heiratsantrag, über dessen schwindligen Gehalt bei beiden Betroffenen von Beginn an Einigkeit herrscht.

Druck bekommen die roten und schwarzen Sportfunktionäre freilich von Kollegen aus den eigenen Reihen. Peter Kleinmann, BSO-Vizepräsident und Obmann des Volleyball-Verbands, stellte im Dezember in einer Presseaussendung mit dem Titel „Bitte, was ist jetzt mit der täglichen Turnstunde?“ eine naheliegende Frage: Wenn so ziemlich alle Betroffenen öffentlich deklariert für die tägliche Turnstunde sind, darunter Sportverbände, Vereine, Nationalmannschaften, Jungbauern, katholische Kirche, Ärztekammer, 78 Prozent der „Krone“-Leser sowie die Landeshauptmänner Pröll, Niessl, Voves und Dörfler, die Minister Darabos, Schmied und Mikl-Leitner, drei Landtage und 183 Abgeordnete: „Worauf warten wir dann eigentlich noch?“

Kleinmann dürfte mehr vom Baggern und Pritschen wissen als vom politischen Showbusiness.