Der Tonmeister

Er kam, sah und kopierte: Wie der deutsche Schmuckhändler Burkard Pfrenzinger an die Terrakotta-Armee des Kaisers von China gelangte. Nun wird die populäre Ausstellung in Linz gezeigt.

In der Halle wird gesägt, geschraubt und zusammengebaut. Die Arbeiter nehmen sich vor den grellen Scheinwerfern wie schwarze Silhouetten aus. Mitten unter ihnen die große, schlanke Gestalt von Burkard Pfrenzinger, der hier so etwas wie der Chef ist, es sich aber nicht nehmen lässt, selbst Hand anzulegen. In zwei Tagen muss seine Terrakotta-Armee für die Besucher gerüstet sein.

Pfrenzinger setzt den Soldaten Köpfe auf, bringt die tönerne Heerschar von Pferden und Reitern in Stellung, die in Lkws und Schiffscontainern in die Tabakfabrik nach Linz geschafft worden sind: 150 Krieger in Lebensgröße und 1000 weitere im Maßstab eins zu zehn, jede Figur exakt jenen gut 2000 Jahre alten Originalen nachgebildet, die 1974 in der Nähe von Xi’an, Hauptstadt der chinesischen Provinz Shaanxi, ausgegraben wurden.

Mit zärtlicher Geste streicht Pfrenzinger über das Modell, in dem die Krieger en miniature in Reih und Glied stehen. „Es sieht genauso aus wie am Originalschauplatz in China“, sagt er mit leicht zittrigem Timbre in der Stimme, als würden ihm die Dimensionen eben wieder bewusst: 3000 Figuren haben die Ärchäologen in China inzwischen aus der Erde geborgen und restauriert, nicht einmal die Hälfte der weltberühmten Terrakotta-Armee, die Shihuángdì, der erste Kaiser von China, als Schutzmacht mit ins Grab genommen hatte (siehe Kasten am Ende).

„Du spinnst!“
Im Raum nebenan stehen, knien und reiten 150 ihrer Kameraden in Lebensgröße. Sie verkörpern den Traum, den Pfrenzinger sich in den Kopf setzte, als er 1999 in Xi’an von der Besuchertribüne aus in das originale Ausgrabungsfeld starrte und – so wie Millionen Touristen vor und nach ihm – fassungslos war: Wer war dieser erste Kaiser, der sich die Armee aus Terrakotta ausgedacht hatte? Er hatte das chinesische Reich begründet, seine Dynastie aber war bald wieder untergegangen. So dachte der Tourist aus dem Frankenland: „Ich wollte alles darüber wissen und zu Hause erzählen.“ Die Menschen in Europa sollten eine Ahnung „von dieser fantastischen Kultur“ erhaschen, die Gesichter der Terrakotta-Soldaten sehen, von denen keines dem anderen glich, ihre Waffen, Pferde und Streitwägen.

„Du spinnst!“, sagte Pfrenzingers Frau Ute, als er wieder zu Hause war. Dann schlief sie eine Nacht darüber. Ihr Mann war zwar nicht der Kaiser von China, aber er hatte schon einiges zuwege gebracht: Aufgewachsen in den 1950er-Jahren in Birkenfeld, einem kleinen Dorf in Bayern, musste er als Bub im Stall und am Feld anpacken. Sein Vater, Maurer und Polier im Hauptberuf, betrieb eine Landwirtschaft. Sein Onkel war Vollerwerbsbauer und ohne Nachkommen. Für die Schule blieb Burkard Pfrenzinger nicht viel Zeit.

Dafür eilte er umso schneller durch den nächsten Lebensabschnitt: Noch vor seinem 18. Geburtstag hatte er die Lehre zum Offset-Drucker abgeschlossen. Der Chef des Verlags, bei dem er zu arbeiten begann, wurde zu einer väterlichen Figur, die ihm die kulturelle Welt öffnete. Pfrenzinger studierte Betriebswirtschaft, schloss mit 24 ab. Er landete im Verkauf, eröffnete in Würzburg ein Geschäft für Porzellan und Bestecke und verlegte sich ein paar Jahre später auf Schmuck. 1988 wurden er und seine Frau zum Faschingsprinzenpaar von Würzburg. Ein Jahr später war er Präsident des Faschingsvereins. Man trug ihm politische Posten an und behängte ihn mit Auszeichnungen. Nach dem Fall der Berliner Mauer übernahm er den staatlichen Schmuckgroßhandel der ehemaligen DDR.

Er habe früh gemerkt, dass er ein Typ war, den alle mochten, erzählt Pfrenzinger: „Die Leute haben immer zugehört, wenn ich zu reden angefangen habe.“ Seine Mitarbeiter riefen ihn „Gojko“, weil er aussah wie Gojko Mitic, der Hauptdarsteller zahlreicher DEFA-Indianerfilme, der als „Winnetou des Ostens“ seinen Kollegen aus dem Westen, Pierre Brice, her­ausforderte. Seine Ausstrahlung half Pfrenzinger, als er ein halbes Jahr nach der Rückkehr von seiner ersten China-Reise auf einem Weinfest einem Fremden das Herz ausschüttete. „Du hast eine Idee, ich weiß, wie man sie umsetzt“, sagte sein Zuhörer. Er hieß Ralph Grünenberg und wurde sein Partner.

„Wenn das schiefgeht, haben wir ein Problem“
Gemeinsam flogen sie dorthin, wo 1974 Bauern aus Xi­yang nach Wasser gebohrt hatten und in vier Meter Tiefe auf ­Tonscherben und Pfeilspitzen aus Bronze gestoßen waren – Vorboten der später freigelegten Terrakotta-Armee. Das Ansinnen der Deutschen, Tonkrieger für eine Ausstellung in Europa zu brennen, überforderte die Behörden vor Ort. Es dauerte Tage, bis sie sich zu der Auskunft hatten hinreißen lassen, dass die Ausfuhr von Originalen genehmigungspflichtig sei, jene von Kopien hingegen frei. Pfrenzinger und sein Kompagnon fanden einen Familienbetrieb, der die Terrakotta-Soldaten in uralten Öfen und nach uralten Verfahren zu brennen verstand. Sie orderten 150 Stück.

Am Flughafen zirkelten die beiden Männer mit Koffern und Taschen die Fläche ab, die ihre Ausstellung einmal einnehmen sollte. Realisiert wurde sie 2002 in Frankfurt am Main. Doch kurz vor der Eröffnung wurde es noch einmal spannend: Im Hafen Rotterdam schlug die Polizei zu. Die Fahnder hatten in den Holzkisten aus China Schmuggelware vermutet. Dann ging den Ausstellungsmachern noch das Geld aus. Allein das Zelt hatte 120.000 Euro verschlungen. Pfrenzinger trommelte seine Liebsten zusammen, um ihnen den Ernst der Lage zu erklären: „Wenn das schiefgeht, haben wir ein Problem.“ Am Tag der Eröffnung warteten 400 Menschen vor der Tür, am Abend hatten 4000 die Terrakotta-Armee gesehen – und am darauf folgenden Wochenende schritt Pfrenzinger die Schlange der Wartenden ab und verschenkte Wasserflaschen: „Da habe ich gewusst, das Ding läuft!“
Über das Schreiben von der chinesischen Botschaft, das ihm 2004 ins Haus flatterte, will er heute nicht mehr reden. Nur so viel: Es zog einen harten Urheberrechtsstreit nach sich, der vor Gericht mit der Feststellung endete, „dass wir keinerlei chinesische Rechte verletzt haben“. Zores, die hinter ihm liegen, will Pfrenzinger auf keinen Fall wieder heraufbeschwören. Am 1. April feiert der gebürtige Franke mit dem rollenden R seinen Sechziger. „Es wird allmählich Zeit, die Terrakotta-Armee ziehen zu lassen“, sagt er.

Natürlich darf sie nicht in falsche Hände fallen. Ein Geschäftemacher käme als Nachfolger nicht infrage. Es müsste wohl eher jemand sein, der ein Faible für groß geratene Bubenträume hat – so wie Pfrenzinger, der es liebt, seinen Tonsoldaten ins Gesicht zu schauen und mit ihnen zu sprechen. Was er ihnen dann so sage? „Danke, dass ihr da seid.“

Infobox
Yíng Zhéng lebte zwischen 259 und 210 vor Christus. Mit 13 wurde er König. Er begründete die Qin-Dynastie und das erste chinesische Kaiserreich. Nachdem die Feinde unterworfen waren, nannte er sich Qín Shihuángdì – „Ers­ter erhabener Gottkaiser von Qin“. Bereits im ersten Jahr seiner Herrschaft dachte er an die Nachwelt und bestimmte 700.000 Arbeiter dazu, ein Mausoleum für ihn zu errichten. Nach 38 Jahren war es vollendet. Die Anlage erstreckte sich über 56 Quadratkilometer, beinhaltete Stallungen und Wohnhäuser für Beamte und Wächter. In der Mitte ragte ein pyramidenförmiger Hügel empor, in dem der Kaiser bestattet worden sein soll. Sicher ist das nicht. Das Grab ist bis heute nicht geöffnet.

Außerhalb der Befestigungsmauern wurden sechs Gruben ausgehoben. Auf drei davon verteilt sich die sagenhafte Terrakotta-Armee. Sie umfasst annähernd 8000 Soldaten zu Fuß und zu Pferd, alle in Lebensgröße. Bisher wurden mehr als 40.000 Waffen und 3000 Figuren ausgegraben. Ihr Auftraggeber, der erste Kaiser von China, ließ alle Architekten und Baumeister nach verrichteter Arbeit lebend begraben: Der Aufbau des Mausoleums sollte geheim bleiben. Doch sein Befehl überdauerte die Jahrtausende nicht: Inzwischen haben auch in Europa über eine Million Menschen die Ausstellung über die Terrakotta-Truppen gesehen. ­Zwischen 21. März und 2. Juni 2013 gastiert sie in der Tabakfabrik Linz.

www.terrakottaarmee.de

Foto: Sebastian Reich für profil