Tschechien: Langer Atem der Geschichte

Der Ausgang der Stichwahl zum neuen Staatspräsidenten in der Tschechischen Republik wird durch eine historische Altlast entschieden werden.

Es war vielleicht nur eine unbedachte Äußerung. Aber Außenminister Karel Schwarzenberg hat mit der Bemerkung, der frühere tschechische Staatspräsident Edvard Benes würde wegen seiner Dekrete zur Vertreibung der Sudentendeutschen heute vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag landen, landesweit für Aufregung gesorgt.

Im Gespräch mit „profil“ hatte er noch vor einem Monat erklärt, dass das Thema der Sudentendeutschen in Tschechien kaum noch jemanden interessiere.

Herausforderer Milos Zeman vertrat in der Sudeten-Frage immer die harte Position. Mehr noch. In einem Interview im „profil“ im Jänner 2002 hat er als sozialdemokratischer Premierminister die Sudentendeutschen als „5. Kolonne Hitlers“ attackiert, denen nach tschechoslowakischem Recht wegen Landesverrats eigentlich die Todesstrafe gedroht hätte. Die Vertreibung von drei Millionen Sudentendeutschen nach dem 2. Weltkrieg sei daher ohnehin „milder“ gewesen, so Zeman.

Zemans Aussagen in der „profil“-Titelgeschichte hatten damals in Deutschland für heftige Reaktionen von Politikern und Medien gesorgt. Der damalige deutsche Kanzler Gerhard Schröder sagte aus Protest seine Reise nach Prag zum 5. Jahrestag des deutsch-tschechischen Vertrags ab. Auch im Bundestag in Berlin wurde das Interview ausführlich diskutiert.
In Tschechien haben seit der Wende 1989 jüngere Historiker die Vertreibung und Ermordung von Sudetendeutschen nüchtern analysiert. Einige Urheber der schlimmsten Massaker landeten sogar vor Gericht. Am gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichtsbuch wird freilich noch immer gearbeitet.

Die Präsidentenwahlen in Tschechien zeigten, dass das historische Tabuthema noch immer nicht aufgearbeitet ist. Sie waren auch ein Test dafür, ob jemand, der nach Vaclav Havels „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ handelt, ins höchste Amt auf dem Hradschin einziehen kann.