TV-Kochen. Am Höhepunt des TV-Koch-Booms ist echtes Können längst nebensächlich

Ein Blick hinter die Kulissen der ganz realen Küchenwelt. Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann besucht seine Mannschaft im Souterrain des Restaurants Ikarus nahe dem Salzburger Flughafen. Mit seinem gottgleichen Namen und väterlichem Rat unterstützt der 66-jährige Austro-Münchner das eigenwillige Restaurantkonzept, nach dem in jedem Monat ein anderer internationaler Starkoch mit seinem Menü vertreten ist.

Aber die Brigade hat für den hohen Besuch des Patrons keine Zeit. Sie löst Froschschenkel aus, türmt Jakobsmuschelscheiben übereinander und sprüht schneeweißen Polentaschaum in tiefe Teller. Wortlos. Wenn Küchenchef Martin Klein laut und deutlich die via Headset eingelangten Bestellungen durchsagt, meldet der Chor der Köche gehorsam: „Jawooohl!“ Das ist Musik in Witzigmanns Ohren. „Kochen“, sagt er, „ist harte, konzentrierte Arbeit.“ Das Problem ist nur: Wen interessiert das heute schon?
Es geht schließlich auch anders. „Wenn gerade kein Rindfleisch da ist, nehmen wir doch einfach Huhn“, rät Jamie Oliver, der Prophet der flexiblen Gute-Laune-Küche. „Wenn das Fleisch nach zehn Minuten schwarz ist, hätten vielleicht auch sieben gereicht“, findet Tim Mälzer, „Küchenbulle“ von eigenen Gnaden. Und wenn der schnauzbärtige Kölner Klamauk-Koch Horst Lichter in „Kochen bei Kerner“ das Backrohr öffnet, fühlt er sich als globaler Küchenchampion, zumindest nach selbst gewählten Kriterien: „Ich mache das flachste Soufflé der Welt.“ Amüsiert johlt in solchen Momenten der Chor des Publikums. Kochen ist leicht und lustig, diese Botschaft klingt deutlich besser.
In mehr als 30 einschlägigen TV-Formaten allein im deutschen Sprachraum wird sie seit Jahren getrommelt. Und es ist nicht einmal übertrieben, wenn man behauptet, es reicht mittlerweile, einen Löffel halten zu können, um vor die Kamera gelassen zu werden. Immer mehr Amateure drängen an die Herde, im Fernsehstudio wie auf offener Live-Bühne; Tim Mälzer füllt mit seiner Rabiat-Küchenschicht sogar Konzerthallen (siehe Seite 92). Unterdessen richten autodidakte Essenversteher im Fernsehen „das perfekte Dinner“ aus, oder es geht in die „Kocharena“ – um Profis an die Wand zu schmurgeln. Jahrelang von bewährten Meistern eingekocht, will sich jetzt auch das ständig wegen seiner Ernährungsgewohnheiten gegeißelte Volk beweisen. Koch steht auf den Berufswunschlisten der Adoleszenz plötzlich ganz oben, und kochen können gilt laut Umfragen als zweitattraktivste Eigenschaft des modernen Mannes; Medien wirken also doch.

Aber selbst die Protagonisten des medialen Koch-Booms werden das dumpfe Gefühl nicht los, die Bevölkerung übe sich hemmungslos auf dem Gebiet der Prestigeantworten. TV-Koch-Doyen Johann Lafer glaubt, dass maximal fünf Prozent der Zuseher die Rezepte auch nachkochen, Eckart Witzigmann vermutet stattdessen wahre Instantsuppenfluten vor den Monitoren (siehe Interview Seite 94). Anthony Bourdain, Amerikas Bad Boy der TV-Koch-Szene, nennt das einschlägige Bildschirmangebot wegen der tiefen Kluft zwischen Publikumsinteresse und Nachahmungsbereitschaft „die neue Pornografie“: Auch in Kochsendungen könne man sich lustvoll ansehen, was man selbst nie tun würde. Oder zumindest längst nicht mehr.

Für den Ernährungspsychologen Christoph Klotter von der Hochschule Fulda sind die Shows deshalb „nostalgische Veranstaltungen“. Essen, so Klotter, sei einer der wenigen Lebensbereiche, in denen man so tun könne, als sei alles beim Alten, deshalb sei der Boom „die Anzeige eines Verlusts“. Verloren gegangen ist in kulinarischer Hinsicht tatsächlich einiges: das soziale Gerüst der gemeinsamen Mahlzeit, das Wissen über Nahrungsmittel, die Zeit, mit frischen Zutaten zu kochen. Solche gesellschaftlichen Befindlichkeiten machten den Sendern anfangs zwar Mut, ihr Programm mit immer mehr – anfangs betulich-lehrreichen – Bratformaten zu spicken.

Jetzt allerdings gehen die Shows den Weg aller TV-Software: geradewegs Richtung Trivialisierung. Kochen wird im Fernsehen ebenso nach allen Regeln der Branche ausgeweidet wie zuvor Reden, Singen und Partnersuche. Kommen bald die Gericht-Shows?
Auf der Suche nach der verlorenen Mahlzeit gerät das Genre aber schon jetzt gehörig ins Trudeln. „Wir sind auf dem Höhepunkt“, urteilt Ctefan Wohlfeil, Präsident des Verbands der deutschen Köche, „irgendwann geht es wieder bergab.“ Das TV-Publikum scheint schon einen Schritt weiter zu sein. 54 Prozent glauben mittlerweile, es gebe bereits zu viele Kochshows. Erste Bruchlandungen sind zu vermelden. Die zweite Staffel von Tim Mälzers Hauptabendshow „Born to Cook“ wurde vorerst abgeblasen; Mälzers Nachfolger am Herd, Stefan Henssler („ganz & gar“), köchelte gerade zwei Monate – gegen den Gunstabzug der Seher – auf Quotensparflamme dahin.

Gut abgehangen beginnt der Koch-Show-Boom jetzt auch den ORF zaghaft zu interessieren. Doch, so Programmentwicklungschefin Dodo Roscic, „von einer Verspätung kann keine Rede sein. Jeder Markt hat sein eigenes Tempo.“ Deshalb wird erst jetzt die leidlich pfiffige „Am dam des“-Küchenadaption „Frisch gekocht“ reformiert – und erhält auch hausinterne Konkurrenz mit Show-Charakter. Neben reichlich Jamie Oliver und einer Prise Sarah Wiener soll Drei-Hauben-Moderator Klaus Eberhartinger Promis und ihre Mütter in deren Küchen behelligen („Bei Mama schmeckt’s am besten“). In „Rat mal, wer zum Essen kommt“ müssen Promis einander einladen. Und wenn sie ihre TV-Lektionen gelernt haben, spielt es keine Rolle, ob dabei Rind oder Huhn in den Topf kommt. Schmecks.

Von Sebastian Hofer und Klaus Kamolz