Universitäten-Rankings: Warum die Lage nicht hoffnungslos ist

Universitäten-Rankings: Warum die Lage nicht hoffnungslos ist

Uni-Rankings sind unfair, aber sie wirken: warum es österreichischen Hochschulen nicht egal sein kann, wenn sie in den Bestenlisten abrutschen, und die Lage trotzdem nicht hoffnungslos ist.

2004, als der Medienkonzern Times Higher Education (THE) die globale Uni-Landschaft erstmals in eine Reihenfolge der Besten brachte, kam die Universität Wien auf den 94. Platz. Heute wäre das eine Jubelmeldung. Damals klagten die Medien, die heimische Forschung agiere "weit abseits der Weltklasse“. In dieser Tonart ging es dann über die Jahre weiter: "Unis im roten Bereich“, "Absturz bei Ranking“, "peinliche Noten“, "schwache Vorstellung“ und - zuletzt, vor zwei Wochen - "kein gutes Jahr für österreichische Universitäten“.

23 Plätze hat die Uni Wien auf der aktuellen THE-Liste gegenüber dem Vorjahr eingebüßt. Aktuell rangiert sie an 162. Stelle, wie vor acht Jahren "weit abseits der Weltklasse“. Diese wird seit jeher von Eliteunis wie den britischen Kaderschmieden Oxford und Cambridge und ihren US-Pendants Harvard und Stanford dominiert. "Bei allem, was man gegen Rankings haben kann, sie ermitteln die Weltbesten, da gehören wir zweifellos nicht dazu“, sagt Martin Unger, Hochschulforscher am Institut für Höhere Studien (IHS).

Auszusetzen gibt es an den Bestenlisten einiges. Das berühmte Shanghai-Ranking, 2003 von der Shanghai Jiao Tong Universität entwickelt, etwa fokussiert auf Naturwissenschaften: 60 Prozent des Rankings machen Publikationen aus; Artikel in "Science“ und "Nature“ zählen doppelt. Außerdem huldigen die Listenersteller einer Ahnengalerie der Nobelpreisträger. "Das bringt der Uni Wien Pluspunkte, hat aber mit der aktuellen Lage nichts zu tun“, sagt Unger. Geistes- und Sozialwissenschaften kommen in den Rankings zu kurz. Das zieht die Uni Wien nach unten. "In einer eigenen Auswertung für Geisteswissenschaften belegen wir Platz 48, in Mathematik und Physik schneiden wir auch sehr gut ab“, sagt Rektor Heinz Engl.

David Campbell vom Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung an der Uni Klagenfurt kann Klagen nicht mehr hören: "Die Frage, wer auf- und wer absteigt, enthält immer eine Provokation. Doch das kann ein Anstoß für Verbesserungen sein, und wer mit den Rankings partout nicht leben kann, ist aufgerufen, ein eigenes zu entwickeln.“

Auf EU-Ebene bastelt man gerade daran. Erste Ergebnisse wurden für Anfang 2014 versprochen. Es soll "U-Multirank“ heißen und europäischen Hochschulen gerecht werden. Gero Federkeil vom Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh (CHE) hat es mitentwickelt: "Bisher hatten spezialisierte Universitäten keine Chance, wenn sie nicht in den Naturwissenschaften forschten“, sagt er. In die Bewertungen sollen künftig nicht nur Forschungsleistungen einfließen, sondern auch Lehre, technischer Wissenstransfer, etwa Patente, internationale Ausrichtung und regionales Engagement.

Hochschulforscher Campbell schwört auf bibliometrische Analysen, die von subjektiven Einschätzungen völlig frei sind. Verglichen wird hier ausschließlich die Zahl der wissenschaftlichen Artikel in weltweit angesehenen Journalen und wie oft diese von anderen Forschern zitiert werden: "Publikationen sind im Vergleich zu Listenplätzen die härtere Währung.“

Vor zehn Jahren begann er sich durch die Datenbanken zu wühlen - Science Citation Index (SCI), Social Science Citation Index (SSCI) und Arts & Humanities Citation Index (A & HC) - und staunte nicht schlecht: "Unsere Forschungsleistung hält mit Deutschland mit und ist besser als die Frankreichs.“ Am meisten entzückt Campbell das Artikelwachstum: 2011 hatten heimische Forscher um 69,3 Prozent mehr Fachbeiträge lanciert als noch im Jahr 2000. Damit kann Österreich sowohl mit entwickelten Kleinstaaten wie Schweden, der Schweiz oder den Niederlanden als auch mit der Forschernation USA mithalten. Nur bei den Zitationen hat Amerika die Nase vorn.

Am Artikelwachstum zeige sich, wer in Zukunft den Ton angibt. Demnach hat Japan nicht mehr viel mitzureden (zwischen 2000 und 2011: plus 1,9 Prozent) und Russland sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als Player in der wissenschaftlichen Konkurrenz verabschiedet (plus 4,4 Prozent). Vor China liegen hingegen glorreiche Zeiten (plus 435,5 Prozent). Seit drei Jahren verfolgt Campbell dessen kometenhaften Aufstieg in den Daten: "China hatte eine schlechtere Ausgangsposition als Japan und höhere sprachliche Hürden als Indien. Inzwischen sticht es die anderen aus. Wir müssen uns darauf einstellen, dass das Land den Sprung zur Exzellenz schafft.“

Unter den Top 200 künftiger THE-Listen, wo die Uni Wien um ihre Position ringt, wird es künftig also noch um einiges enger. Das kann - bei aller Kritik an Bestenlisten - niemandem egal sein. Für Heinrich Schmidinger, Präsident der Universitätenkonferenz und Rektor der Uni Salzburg, ist ein respektables Ranking-Ergebnis "ein Gütesiegel und die beste Werbung für eine Universität“. Leider gilt auch der Umkehrschluss: Eine schlechte Platzierung verdirbt den Ruf und lässt mittelfristig die Forschungsmittel versiegen.

Die Uni Salzburg pumpt deshalb "so viel Geld wie eben möglich“ in ihre Schwerpunkte Biowissenschaften, European Union Studies, Recht, Wirschaft und Arbeitswelt. Durch Konzentration auf Bereiche, in denen Spitzenleistungen erreichbar sind, will man die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das erhöht die Chancen auf einen Aufstieg in den namhaften Rankings, und das wiederum lässt private Gelder sprudeln. Laut Schmidinger ist die Rechnung bereits aufgegangen: In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Drittmittel von sechs auf 24 Millionen Euro pro Jahr. Listenplatzierungen sind auch nicht ganz unwichtig, wenn es darum geht, Professoren von Weltruf zu binden. Mit Geld allein sind Koryphäen, die einen Forschungsstandort ins Rampenlicht rücken, nicht zu locken. "Die Ausstattung und der Ruf müssen auch stimmen“, sagt Schmidinger.

Als Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle sich 1969 anschickte, Altphilologie und Germanistik zu studieren, gab es noch keine Uni-Rankings. Ein anderer Standort als Innsbruck wäre für ihn ohnedies nicht infrage gekommen: "Damals war man froh, eine Uni in der Nähe zu haben, und da ist man hingegangen“. Das ist heute nicht viel anders: Das Gros der Alumni studiert nicht weiter als 80 Kilometer vom Heimatort entfernt. Uni-Rankings dürften für sie eher Unterhaltungswert als einen echten Nutzen haben. "Niemand studiert Publizistik in Wien, weil das Fach hier so gut ist, sondern weil das Sozial- und Kulturleben der Stadt attraktiv ist“, sagt der Soziologe Christian Fleck.

Drei Jahre ist es her, dass Studierende das Audimax in Wien besetzten. Wochenlang erhitzten sich die Vertreter der "Uni brennt“-Bewegung über vollgestopfte Curricula und überfüllte Hörsäle, Budgetnöte und fehlende Mitsprache. An der Problemlage hat sich wenig geändert. "Die schlechten Betreuungsverhältnisse sind immer noch ein Riesenthema“, sagt IHS-Forscher Unger. An der Uni Wien kommen auf einen Professor 225 Studenten. Zum Vergleich: In München sind es 58, in Zürich nur 50.

ÖVP-Wissenschaftsminister Töchterle würde darauf mit Zugangsregeln und Studiengebühren antworten, wenn er könnte. Seit Monaten verhandelt er mit SPÖ-Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl über Zugangsregeln. Eine Einigung stehe bevor, ließen beide Seiten durchklingen. Bei den Studiengebühren hingegen beißt er beim Koalitionspartner auf Granit, was auch daran liegt, dass Bildungspolitik in Österreich Züge eines Glaubenskriegs trägt. Die ÖVP blockiert Reformen im Schulwesen, die SPÖ legt sich bei den Hochschulen quer.

Für IHS-Forscher Unger sind Zugangsregeln das größere Übel, vor allem dann, wenn die Quadratur des Kreises nicht gelingt: "Wir müssen die Kapazitäten der Unis berücksichtigen und gleichzeitig die höhere Nachfrage nach Bildung befriedigen.“ Das könne vieles bedeuten - vom Ausbau der Fachhochschulen bis zur Umlenkung von Studierenden auf weniger frequentierte Uni-Standorte -, aber sicher nicht weniger Studierende unterm Strich: "Das können wir uns nicht leisten.“

Vor 30 Jahren lag Österreich in Bezug auf Forschungsausgaben und die Akademikerquote im unteren OECD-Drittel. Im Jahr 2000 hatte das Land seine notorisch unterdurchschnittliche F&E-Quote auf Europa-Niveau gehievt. "Eine beeindruckende Erfolgsstory“ nennt das Hochschulforscher Campbell. Doch darüber hängt ein Schatten. Denn die Akademikerquote verbesserte sich im gleichen Zeitraum nur unwesentlich. Sie liegt aktuell bei 19 Prozent (OECD-Schnitt: 30 Prozent).

Derzeit ringen Uni-Rektoren und Wissenschaftsministerium um die Leistungsvereinbarungen für 2013 bis 2015. Töchterle pocht darauf, dass die Unis nicht so schlecht ausgestattet seien. Tatsächlich liegt Österreich mit öffentlichen Ausgaben im Ausmaß von 1,4 Prozent des BIP über dem EU-Schnitt von 1,2 Prozent. Steigern will Töchterle aber den Anteil der privaten Gelder: "Da liegen wir mit 0,05 Prozent beim Sechstel des EU-Schnitts von 0,3 Prozent.“ Bis 2020 sollen die Uni-Ausgaben insgesamt auf zwei Prozent des BIP steigen. Um das zu erreichen, müssten die Mittel um jährlich 300 bis 600 Millionen Euro aufgestockt werden, hat das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) errechnet. Das ist bisher nicht der Fall.

Cambridge, Harvard & Co bleiben freilich eine Klasse für sich. "Wir sollten uns aber bemühen, wenigstens im europäischen Hochschulraum mitzuspielen“, sagt Soziologe Fleck. Von den heimischen Tunnelbau-Experten und Quantenphysikern abgesehen, ragen wenige Koryphäen von Weltrang aus der heimischen Forschungslandschaft heraus. Das kann aber durchaus noch werden, glaubt Hochschulforscher Campbell: "Ein schlechtes Abschneiden im Ranking ist nicht so schlimm, wenn das Fundament stimmt. Umgekehrt wäre es schlimmer.“

Das ist zur Abwechslung einmal eine gute Nachricht.

Lesen Sie in profil 42/2012: Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle über selbst bezahlte Kongressreisen, seine Erfahrungen mit Rankings und die Lage der heimischen Unis.



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