Verdrängungs­beschwerden

Universitäten - Verdrängungs­beschwerden

Jede vierte Professorenstelle an österreichischen Universitäten ist mit einem Bewerber aus Deutschland besetzt, an der Wiener Uni geht jede dritte Neuberufung an Deutsche. Die erhoffte Internationalisierung ist oft nur eine Germanisierung.

Sonja Puntscher Riekmann, Leiterin des Europa-Lehrstuhls an der Universität Salzburg, staunte über die Bewerberflut. Für die heuer ausgeschriebene Stelle eines Assistenzprofessors für internationale Beziehungen meldeten sich gleich 68 Kandidaten, davon fast alle aus Deutschland. „Es gibt darunter nur sieben Bewerber und Bewerberinnen aus Österreich. Das ist ein deutliches Missverhältnis“, warnt die Politikwissenschafterin. „An unseren Universitäten herrscht ein brutaler Verdrängungswettbewerb.“

Denn deutsche Unis sorgen laufend für akademischen Nachwuchs, der dann – analog zu den Numerus-clausus-Flüchtlingen unter deutschen Abiturienten – mangels freier Stellen in Deutschland ins Ausland abwandert, schon aus sprachlichen Gründen hauptsächlich nach Österreich und in die Schweiz.

„Ich habe nichts gegen Deutsche, aber es drängen massenhaft junge Wissenschafter aus Deutschland zu uns“ so die Europaexpertin. Zudem gebe es im eigenen Land zu wenig Absolventen mit der Spezialisierung auf EU und internationale Beziehungen, so Puntscher Riekmann. Dass sie vor Kurzem zwei Auslands­österreicher mit internationalen Erfahrungen als Professoren an die Salzburger Uni holen konnte, nennt sie „einen Glücksfall“.

Seit dem EU-Beitritt Österreichs und mit der 2002 gesetzlich verordneten Autonomie für Universitäten achten Rektoren, Dekane und Institutsvorstände auf eine internationale Durchmischung beim Uni-Lehrpersonal.

Jede vierte Stelle
Wurde früher für Berufungen aus dem Ausland sogar die österreichische Staatsbürgerschaft (samt Arbeitsgenehmigung) verliehen, geht es seit dem EU-Beitritt 1995 unkomplizierter. Top-Professoren verdienen aber in Deutschland mehr und haben auch eine bessere Pensionsregelung. So genannte Hausberufungen, also die Besetzung mit Bewerbern der eigenen Uni, sind verpönt und werden daher immer seltener durchgeführt. Dass bei Neuberufungen die Mehrheit der Bewerber aus Deutschland kommt, war daher absehbar.

Von 2255 Professorenstellen an österreichischen Universitäten ist bereits jede vierte mit einem Bewerber aus Deutschland besetzt. An den Unis in Wien und Salzburg beträgt der Anteil der Deutschen jeweils 38 Prozent, an der Uni Graz 30,6 Prozent. An der Universität Wien wird auf jede dritte frei werdende Professorenstelle ein Bewerber aus Deutschland berufen.
„Die Uni Innsbruck ist eigentlich schon fast eine deutsche Universität“, schlägt der frühere Wissenschaftsminister Erhard Busek „Piefke“-Alarm. „Die aus Deutschland berufenen Professoren sind gut vernetzt und nehmen auch gerne Assistenten mit, was zu Reibereien mit dem einheimischen Mittelbau führt. Doch darüber will niemand öffentlich reden.“

Wesentlich hitziger läuft diese Debatte in der Schweiz. Vor einem Monat wurde das Berufungsverfahren für einen Lehrstuhl am Publizistikinstitut der Universität Zürich vom Rektor gestoppt, weil für eine Professorenstelle mit Schweizer Schwerpunkt nur deutsche Bewerber in die engere Wahl gekommen waren. Und vor drei Jahren hatte die xenophobe „Schweizerische Volkspartei“ die wachsende Zahl deutscher Professoren an eidgenössischen Unis heftig kritisiert. „Deutscher Filz“ und „ausländische Arroganz“ mache sich dort „als Folge deutscher Seilschaften“ breit. Darauf wandten sich 207 Professoren an Uni und ETH Zürich in einem Protest-Inserat „gegen rassistische und fremdenfeindliche Rhetorik, Ideologie und Politik“.

In Österreich gilt das Thema des Zustroms deutscher Hochschullehrer weitgehend als Tabu. Rektoren betonen, dass die Berufungsverfahren transparent ablaufen. Wenn deutsche Professoren oft in den Dreiervorschlägen für Neuberufungen landen, liege das eben an ihrer hohen Qualifikation.

So erhöhte sich die Anzahl deutscher Professoren an der Technischen Universität Wien innerhalb von zehn Jahren von neun auf 35, während jene einheimischer Professoren im gleichen Zeitraum von 145 auf 102 sank. Die Berufungen aus dem Rest der Welt blieben gering und liegen derzeit bei nur zehn Stellen.

TU-Wien-Rektorin Sabine Seidler, selbst aus Deutschland berufen, begründet die deutsche Welle mit der gemeinsamen Sprache. „Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Bachelorausbildung auf Deutsch durchgeführt wird.“

„Bei uns ist Qualität das Kriterium"
Heinz Engl, Rektor an der Wiener Universität, der größten Lehr- und Forschungseinrichtung des Landes, sieht die Sprachanforderung nicht so strikt. „Wir haben schon viele Professoren aus nicht deutschsprachigen Ländern berufen. Aber wir geben ihnen drei Jahre Zeit, um Deutsch zu lernen, damit sie Lehrveranstaltungen auch auf Deutsch abhalten können.“ Stolz ist Engl auf den erreichten Mix bei Neuberufungen: Jeweils ein Drittel der Professoren kommt aus Österreich, Deutschland und dem Rest der Welt.
„Bei uns ist Qualität das Kriterium bei der Berufung von ProfessorInnen, und diese ist – wie die Kunst – international“, erklärt Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste in Wien. Freilich ist der Anteil deutscher Professoren auch dort hoch. 19 kommen aus Österreich, elf aus Deutschland, sechs aus dem Rest der Welt. Blimlinger sieht zweisprachige Studien als Ausweg.

An der Wiener Wirtschaftsuniversität gibt es bereits zahlreiche Lehrveranstaltungen in englischer Sprache. „Wir haben auch Berufungen aus den USA, Großbritannien oder Ostasien. Und im Allgemeinen muss man gar nicht Deutsch sprechen, um an die WU berufen zu werden“, meint WU-Rektor Christoph Badelt. Schon die Hälfte aller Masterprogramme an der WU wird auf Englisch unterrichtet. Wegen der nötigen Mitwirkung an der Selbstverwaltung würde aber – so Badelt – immer noch der Großteil der Uni-Lehrer mit Nachweis deutscher Sprachkenntnisse aufgenommen.
Der Politologe Anton Pelinka, der derzeit an der englischsprachigen „Central European University“ in Budapest lehrt, sieht die Berufungspraxis skeptischer. „Die gewünschte Internationalisierung der Unis droht eine Germanisierung zu werden“, meint Pelinka. „Deutschland hat viel mehr Universitäten, was zu einem quantitativen Übergewicht führen musste. Und weil noch immer die meisten Studien auf Deutsch abgehalten werden, haben die Bewerber aus Deutschland einen enormen Startvorteil gegenüber anderen ausländischen Bewerbern.“
Mit seinem Plan, an der Uni Innsbruck einen rein englischsprachigen Master-Lehrgang für „European Studies“ einzuführen, war Pelinka noch am internen Widerstand gescheitert. „Damals hieß es, das sei verfassungswidrig. Dabei hätten wir damit mehr Studenten aus nicht deutschsprachigen Ländern nach Innsbruck locken können.“

Eine profil-Umfrage unter neu berufenen deutschen Professoren ergibt ein harmonisches Bild. Fast alle loben die hohe Lebensqualität in Österreich oder die Ausstattung der Unis.

Der Sinologieprofessor Christian Göbel, der seit kurzem am Ostasien-Institut der Wiener Universität lehrt, hat sich „in der schönen und aufregenden Stadt“ gut eingelebt und lobt „die interessanten und sehr netten Kollegen“. „Deutschland ist ein relativ großes Land, das recht viele Professoren hervorbringt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das gesuchte Profil dabei ist, ist deshalb größer als in einem kleinen Land“, so Göbel.
„Ich persönlich kann nur sagen, dass ich in Österreich, Wien und an der Universität äußerst freundlich und kollegial aufgenommen wurde“, erklärt Jürgen Kriwet, Paläontologe und neuer Vize-Dekan an der Fakultät für Geowissenschaften an der Uni Wien, wo zuletzt überwiegend deutsche Wissenschafter aufgenommen wurden.

Die Astrophysikerin Sabine Schindler hat sogar einen Ruf nach Deutschland abgelehnt, „weil es mir hier so gut geht“, so die Professorin an der Uni Innsbruck. Anfeindungen wegen ihrer Herkunft habe sie nicht erlebt.
Die Sprecherin der Medizin-Uni Innsbruck, Amelie Döbele, beteuert, dass es zwischen ausländischen und einheimischen Professoren keine Reibereien gebe. Döbele ist selbst deutsche Staatsbürgerin, sie bekam nach einem Kommunikationsstudium in Salzburg den Job in Innsbruck. „Es gibt hier außerhalb der Quote für Österreicher viele deutsche Studenten in Innsbruck. Da ist es doch auch logisch, dass hier auch Professoren aus Deutschland unterrichten.“

„Eine hohe Internationalisierung bei den Professuren und bei den Studierenden wird in den meisten Rankings als Pluspunkt für Universitäten gewertet, da Berufungen von außen meist neue Ideen in eine Universität einbringen“, so der Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, Herbert Loch, ein gebürtiger Innsbrucker, der zuvor auch an der Berliner Charité unterrichtete.

Da immer mehr deutsche Wissenschafter in Führungsgremien der Unis sitzen, können sie bei den für Berufungen eingesetzten Kommissionen die Auswahl steuern. Der österreichische Historiker Günter Bischof, der seit Jahren an der Uni von New Orleans lehrt, bewarb sich vor Kurzem vergeblich für eine Zeitgeschichte-Professur in Innsbruck. „Unter den zehn Finalisten waren nur Deutsche und ich als Auslands­österreicher. Ich wurde als zu alt ausgeschieden, was bei Fünfjahresverträgen eigentlich nicht ins Gewicht fallen sollte.“ Berufen wurde dann ein Deutscher. Bischof befürchtet einen „stillen Anschluss“ als Folge der durchaus erwünschten Öffnung der heimischen Unis für international bedeutende Wissenschafter. „Ohne Rücksicht auf den akademischen Arbeitsmarkt produzieren die deutschen Unis laufend neue Doktoren und Habilitierte, die aber dann in Deutschland keine Anstellung kriegen und nach Österreich ausschwärmen.“
Bischof warnt vor den Folgen der Berufung deutscher Zeitgeschichte-Professoren nach Wien, Klagenfurt, Linz und Innsbruck. „Deutsche lernen in der Regel kaum österreichische Geschichte, und wenn, dann nur aus deutscher Perspektive“, so Bischof. „Wie wird ein deutscher Professor die Hitler-Zeit und die Opferdoktrin erklären? Wie wird er objektiv Fragen der österreichischen Nachkriegsidentität, die ja teilweise antideutsch geprägt war, oder unsere Neutralität im Kalten Krieg analysieren?“

Ähnlich sieht es der Publizistik-Professor an der Uni Wien, Maximilian Gottschlich. „Die Spezialisierung führt dazu, dass es für immer begrenztere Bereiche eigene Professuren gibt. Generalisten wie ich, die das Fach Kommunikationswissenschaft noch gesamthaft sehen, sterben aus.“ Deutsche Professoren würden auch die Zusammenhänge der Medien mit der österreichischen Politik und Wirtschaft kaum verstehen.

Sein Kollege Hannes Haas, ein österreichischer Kommunikationsforscher an der Uni Wien, hält die Konkurrenz durch deutsche Lehrkräfte für nicht gefährlich, sondern eher „die zunehmende Bedeutung des Mainstreams“. Denn Kommunikationswissenschafter müssten bei der Themenwahl auf internationale Trends Rücksicht nehmen. „Wer in wichtigen wissenschaftlichen Publikationen einen Aufsatz unterbringen will, der wird wohl kaum ein österreichisches Spezialthema auswählen. Damit gehen aber Themen, die für die Forschung in unserem Land wichtig sind, nach und nach verloren.“

Zahlen

- An Österreichs Universitäten sind 20% der Professoren aus Deutschland

- An der Universität Wien sind es 37,6%

- Uni Salzburg: 38%

- Uni Graz: 30,6%

- Uni Innsbruck: 25,5%

+++ Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle über Berufungen von Universitätsprofessoren aus Deutschland +++