Unverschämt verschämt: Die Gagen-Elite
der Kultur schweigt beharrlich über Gehälter

Wiens Kulturpolitik spricht nicht über Gehälter in subventionierten Betrieben. profil hat bei den zentralen Wiener Kunstinstitutionen nachgefragt. Die Sehnsucht nach Transparenz ist groß. Doch die Gagen-Elite schweigt beharrlich.

Im Kulturamt der Stadt Wien versteht man die Welt nicht mehr. Andreas Mailath-Pokorny, Stadtrat für Kultur und Wissenschaft, hat Mühe zu begreifen, warum man ihn überhaupt mit Banalitäten wie Gehältern behelligt: Mit den Honoraren, die in Wiens Kulturinstitutionen an deren Führungskräfte bezahlt werden, habe er nichts zu tun. Er gewähre Subventionen; wie diese betriebsintern verwendet werden, wisse er nicht, das sei nicht seine Sache, sondern die der Unternehmen selbst. Mailaths Mediensprecherin Gerlinde Riedl fragt sich zudem, wie man auf die abwegige Idee kommen könne, dass da etwas unter Verschluss gehalten werde. Es liege alles offen zutage.
Keineswegs. Im Gegensatz zu den Gehältern der Kulturführungskräfte auf Bundesebene, wo es ein Gesetz zur (anonymisierten) Veröffentlichung der Leitungsgagen gibt, bleiben die entsprechenden Wiener Zahlen traditionell ungenannt. Als Lappalien kann man die Bezüge der schweigenden Gagen-Elite nicht bezeichnen; Jahresgehälter von jeweils einer Viertelmillion Euro (und mehr) sind an manchen Häusern, vor allem im Wiener Musical- und Theaterbetrieb, bereits Usus. Über Geld spricht man nicht, auch nicht über Steuergeld? Die an sich arglose Frage nach den Bezügen hiesiger Kulturentscheidungsträger – profil richtete sie an zwei Dutzend Wiener Kunstinstitutionen – schien jedenfalls in manchen Betrieben für Unruhe zu sorgen. Besonders Wiens Spitzenkulturverdiener, die vor allem bei den Festwochen, den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) und in der Kunsthalle zu suchen sind, verweigerten weiterhin die Aussage, gern – wie etwa Festwochen-Geschäftsführer Wolfgang Wais und VBW-Chef Thomas Drozda – mit Hinweis darauf, dass man „eigentlich“ kein Problem mit der Offenlegung des eigenen Gehalts habe, „der lokalen Neidgenossenschaft“ aber nicht unnötig Vorschub leisten wolle.
Gegen solche Ausflüchte regt sich in der Wiener Kulturszene nun Widerstand. Das Argument jener Kulturmanager, die zwar „nichts zu verbergen“ hätten, es aber angesichts der spezifisch österreichischen „Neidgesellschaft“ vorzögen, ihr aus Geldern der öffentlichen Hand bezahltes Gehalt weiter zu verheimlichen, hält beispielsweise Viennale-Direktor Hurch für „zynisch und verantwortungslos“. Denn der Neid sei „auch ein Ausdruck dafür, dass es eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit gibt“, so Hurch. „Man könnte – in den Worten von Hermann Broch – festhalten, dass Neid immer noch die ehrlichste Form der Bewunderung sei. Ich halte es für fahrlässig, mit dem Neid der Leute zu argumentieren, nur weil man selbst möglichst unbehelligt an deren Geld gut verdienen will.“

Ökonomisch untermauert
Gute Bezahlung für gute Programmarbeit sollte im Kunstbereich eine Selbstverständlichkeit sein. Hohe Leitungsgehälter seien dazu angetan, die Bedeutung des Kunstsektors „ökonomisch zu untermauern“, schreibt Martin Fritz auf artmagazine.cc – damit „weiterhin nicht das, sondern der Gehalt der Kulturarbeit“ im Zentrum des Interesses stehen könnte. Und natürlich sind für international gesuchte Talente wie Festwochen-Chef Luc Bondy marktgängige Gehälter zu bezahlen, also jene Summen, die er auch in Berlin, London oder Paris als Regisseur und Intendant beziehen könnte. Umso unverständlicher erscheint Bondys Entscheidung, seine Gage geheim zu halten, als ginge sie nur ihn und seinen Aufsichtsrat etwas an. Nicht die Höhe des Gehalts ist das Problem, sondern der Umgang damit. – Und es ist, angesichts jüngster Meldungen aus der Salzburger Hochkultur, wieder nötig zu betonen: Die Kunst ist kein Selbstbedienungsladen. Der weit überwiegende Teil der Wiener Kulturarbeiter kommt damit bestens zurecht, wie auch deren vergleichsweise bescheidene Gehälter signalisieren. Schauspielhaus-Chef Andreas Beck merkt an, dass er als einfacher Dramaturg am Burgtheater mehr verdient habe als unmittelbar danach als Intendant der Bühne in der Porzellangasse. Ali M. Abdullah und Harald Posch, das Leitungsduo des gerade formidabel gestarteten Garage-X Theaters Petersplatz, sind sich sicher, dass sie mit 49.000 Euro Bruttojahresgehalt „die niedrigsten Leitungsgehälter dieser Stadt“ beziehen: „Wir haben uns aber ganz bewusst dazu entschieden, die Bezüge unserer Vorgänger zu halbieren, damit wir noch produzieren können.“ Die Kollegen vom Koproduktionshaus brut, Thomas Frank und Haiko Pfost, die mit je 4000 Euro brutto monatlich auch nicht gerade zu Wiens Spitzenverdienern zählen, merken an, dass Führungsgehälter „nur sehr bedingt vergleichbar“ seien. Es versteht sich, dass der Blick auf die Einkommen führender Kulturarbeiter nur ein Detail der Finanzgebarung der jeweiligen Unternehmensleitung offenbart; um wirklich beurteilen zu können, wie hiesige Kulturführungskräfte das Verhältnis von Leistung und Honorar begreifen, müsste man auch Vergünstigungen wie Dienstwagen, Dienstwohnung, Zusatzpensionsverträge, Dienstreisen und Überstundenpauschalen überprüfen, in manchen Theatern auch die zusätzlichen Regiegagen und allfälligen Doppelbezüge der künstlerischen Leiter.
Es ist dennoch erstaunlich, mit welcher Offenheit in den Wiener Kunst-Chefetagen der profil-Gehaltsanfrage begegnet wurde. Die Sehnsucht nach Transparenz auch auf Stadtebene ist ­offenbar groß. Wenn auch nicht überall: ImPulsTanz-Intendant Karl Regensburger und etwa Rabenhof-Chef Thomas Gratzer verweigerten die Offenlegung ihrer Bezüge. Und Kunsthallen-Direktor Gerald Matt entzog sich der Diskussion durch ein karges ­E-Mail: Man möge sich in Honorarfragen doch an die Stadt Wien wenden, die aber eben behauptet, dafür nicht zuständig zu sein. Ein geschlossener Kreis – Zutritt verboten. Das hartnäckige Schweigen hat wohl seinen Grund; Matts Bruttogehalt wird auf rund 180.000 Euro jährlich geschätzt. Dazu kommen ein stattliches Spesenkonto – Matt ist für kostspielige Dienstreisen bekannt – sowie Zusatzeinkünfte aus Kuratorenjobs.
Kontrolle ist gut, Freispiel ist besser. Auf profil-Anfrage erzählt Vorstandspräsident Thomas Häusle, dass man über die Kunsthallen-Führungshonorare „schon öfter kontroversiell diskutiert“ habe, man aber übereingekommen sei, „keine Gehälter zu verlautbaren“. Er selbst stehe dem Thema „eher indifferent“ gegenüber, auch „weniger verkrampft“, er schlage aber „keine Bresche dafür, dass alles offengelegt werden muss“.

Nur Stichproben
Kulturstadtrat Mailath verweist darauf, dass das Wiener Kontrollamt die Finanzgebarung der Unternehmen ohnehin prüfe. Rudolf Gerlich, Sprecher des Kontrollamts, erklärt jedoch, dass es „eine absolute Systematik in der Prüfung der Wiener Kulturinstitutionen nicht gibt“, dass man nur „stichprobenartig“ prüfen könne – und die umfangreichen Kontrollen „stark von der politischen Willensbildung“ abhingen und meist erst „von Prüfaufträgen des Gemeinderates oder von öffentlichen Debatten über Unregelmäßigkeiten in bestimmten Unternehmen“ ausgelöst würden. Auf Leitungsgehälter könne man „kein spezielles Augenmerk“ richten, da es dem Kontrollamt eher „um strukturelle Fragen“ gehe.
Das Versteckspiel müsse ein Ende haben, fordert Marie Ringler, Kultursprecherin der Grünen: „Sich bei der Bekanntgabe der Zahlen hinter dem Datenschutz zu verstecken erscheint mir als reine Schutzbehauptung: Wer von der öffentlichen Hand mit viel Geld entlohnt wird, sollte nicht allzu wehleidig und zimperlich sein.“ Die Stadtregierung schalte, was diese Fragen betreffe, „auf Totalblockade“, klagt Ringler. Seit neun Jahren versuche sie „vergebens, an die Zahlen zu gelangen“.
In Sachen Kostspieligkeit sind die Vereinigten Bühnen Wien ein spezieller Fall. Das Kontrollamt monierte 2008 deren weit überhöhte Leitungshonorare. Musical-Inten­dantin Kathrin Zechner bezieht dem Vernehmen nach zusätzlich zu ihrem enormen Jahresgehalt Erfolgsprämien. Thomas Drozda, geschäftsführender Direktor der VBW, dessen Honorar nach eigener Aussage geringer sei als das seines Vorgängers (Franz Häußler lag bei seinem Abtritt 2008 bei kolportierten 350.000 Euro), verweist darauf, dass die in seinen Betrieben bezahlten Führungsgehälter „internationalen Benchmarks angepasst“ seien. Er habe „keine Lust, ­diese Diskussion einer Legitimierung der VBW-Gehälter zu führen – nicht weil ich meine, diese Gehälter nicht legitimieren zu können, sondern weil ich mich als Geschäftsführer an solchen Debatten – zur Freude des Boulevards – nicht beteiligen möchte, solange es keine konsequente Kultur der Transparenz gibt, die in größerem Rahmen, über alle Branchen hinweg, funktioniert“.
Alexander Horwath, Chef des Filmmuseums, das exakt an der Schnittstelle zwischen Wiener und Bundes-Zuständigkeit liegt, hält es dagegen für selbstverständlich, „dass die Öffentlichkeit Einblick nehmen kann in die Gehälter des Leitungspersonals von öffentlich subventionierten Betrieben und Vereinigungen“. Das gelte nicht nur für Kulturinstitutionen, „sondern für alle Gebiete – für leitende Beamte im Verwaltungsapparat, für Sportverbände und Olympische Komitees, für jene Medien, die Presseförderung erhalten oder teilweise im öffentlichen Eigentum stehen, und für alle anderen Wirtschafts- und Finanzbetriebe, die mit öffentlichen Gütern oder staatlichem und kommunalem Kapital wirtschaften“.
Der angelsächsischen, deutschen und skandinavischen Transparenzkultur ist Wien jedoch fern. Hinter Mailaths Desinteresse an Gehälterfragen steckt eine Teilverabschiedung aus der kulturpolitischen Verantwortung. „Ich bin froh, mich da nicht einmischen zu müssen“, sagt er. Die Frage, wer wie viel in Wiens Kultureinrichtungen verdiene, sei „kein politischer Bereich“.
Und da es in Wien kein Gesetz zur Gagen-Offenlegung gibt, ziehen es manche eben vor, dazu zu schweigen. Nicht nur Dietmar Steiner, Leiter des Wiener Architekturzentrums, findet dafür starke Worte: „Da wir alle von Mitteln der öffentlichen Hand leben, halte ich diese verschämte Zurückhaltung der geschätzten Kollegen für eine Unverschämtheit.“ Auch Viennale-Chef Hans Hurch spürt einen gewissen Ekel in sich aufsteigen, wenn er von den Kulturführungskräften der Stadt spricht: „Ich fühle mich der eigenen kulturellen Kaste nicht zwangsläufig verpflichtet. Einige davon leben tatsächlich in der Watte und nicht in dieser Gesellschaft.“

Mitarbeit: Karin Cerny, Wolfgang Paterno, Nina Schedlmayer