Verbotene Bilder

Der „Anschluss“ Österreichs 1938 aus anderer Perspektive: Fotos, die nicht gezeigt werden durften, und die holprige Gleichschaltung der Filmpropaganda in der „Ostmark-Wochenschau“.

Am 12. März 1938 wurde der illegale steirische Gauleiter Walther Oberhaidacher im offenen Auto durch Graz gefahren, auf dem Cabriolet prangte das Schild „Reichsrundfunkamt“. Dass der Gauleiter vom Reichsrundfunk durch die Menge gekarrt wurde, zeigt, wie sehr NS-Politik und NS-Propaganda beim „Anschluss“ Österreichs Hand in Hand arbeiteten: Das Ereignis war weltweit der erste massive Einsatz politischer Bildpropaganda, um Herrschaftsausweitung zu rechtfertigen.
Die Propaganda ließ nur eine Bilderwelt zu. Nahaufnahmen, wie Pressefotograf Lothar Rübelt sie bei Hitlers Auftritt in Graz schaffte, durften nicht erscheinen. Sie zeigten den „Führer“ ungeschönt. Schreiend mit weit offenem Mund, drohend mit verbissenen Lippen. Als düstere Maske beim Abgang.

Auch die schonungslose Pressebildserie „Juden bei Putzaktionen“ (Originalbeschriftung) blieb unbekannt. Das Foto des Dickbäuchigen mit der Hakenkreuzbinde, vor dem ein Bub knien und „Jude“ auf ein Haus pinseln muss, ist inzwischen eine Art Bildikone für die Kehrseite der Märztage 1938 geworden. Die Serie wurde in Wien-Leopoldstadt vom Wiener Pressefotografen Albert Hilscher aufgenommen, wahrscheinlich am 12. oder 13. März 1938. Publiziert wurde sie erstmals zwanzig Jahre später vom Magazin „Stern“. Die Geschichte dieser verbotenen Fotos ist ein Thema der großen Ausstellung „Nacht über Österreich“ in der Österreichischen Nationalbibliothek.*

Propagandistische Mittel
75 Jahre danach wollen die Verantwortlichen des riesigen Bildarchivs der Bibliothek, Hans Petschar und Michaela Pfundner, den Blick hinter die Kulissen der „Anschlussfotografien“ öffnen, die bis heute für die NS-Machtübernahme in Österreich stehen. Historiker Gerhard Jagschitz fordert seit Langem, die bekannten Sujets als das zu sehen, was sie sind: „Jubel und Begeisterung der Anschlussfotos sind weder Fälschung noch Wahrheit. Sie sind propagandistische Mittel.“ Den Jubel habe es zweifellos gegeben. Dass der „Anschluss“ ausschließlich so dargestellt wurde, hatte jedoch handfestes politisches Kalkül: Er sollte der Weltöffentlichkeit als freie Entscheidung der Österreicher und daher unveränderliche Tatsache präsentiert werden.

In den historischen Märztagen stand „höchste Begeisterung der tiefsten Trauer und Niedergeschlagenheit gegenüber“ (Historiker Gerhard Botz), journalistische Reportage hätte beides gezeigt. Doch wie über die „Heimholung“ Österreichs zu berichten sei, wurde per Weisung in Joseph Goeb­bels Propagandaministerium in Berlin ­verfügt. Die Produktion der gewünschten Hitler-Fotos oblag dessen Leibfotografen Heinrich Hoffmann, er fuhr ab Braunau auf dem Trittbrett des „Führer“-Autos mit, auch der Chef des SS-Fotoarchivs begleitete den Tross. Reichspressechef Otto Dietrich war in Wien und erklärte später offen, die Österreichpolitik des Deutschen Reichs wäre weniger erfolgreich gelaufen, hätte die Presse sich nicht so aktiv an der Entwicklung der Ereignisse beteiligt.

Masse und Gedächtnis
Gemäß Hitlers Motto, „nur einer tausendfachen Wiederholung wird die Masse ihr Gedächtnis schenken“, waren die Kino-Wochenschauen zweites zentrales Ins­trument der NS-Bildpropaganda. Mit dem „Anschluss“ kam der gesamte Wochenschau-Stab der deutschen UFA mit seinen Kamerawägen, die Filmproduzenten Fox und Bavaria schickten Sonderdienste. Ihr aktuelles Material ging an die Reichsfilmkammer Berlin, die es zensuriert weiterverteilte. Als Hitler am 15. März um elf Uhr auf dem Wiener Heldenplatz erschien, wurden in Berlin bereits die ersten UFA-Streifen über den Einmarsch deutscher Soldaten in Österreich an Kinos geliefert.

Die hochinteressanten Ausgaben der in Österreich produzierten „Ostmark-Wochenschau“ galten jahrzehntelang als unauffindbar, sie waren von der Roten Armee in Berlin beschlagnahmt worden und wurden Österreich vor wenigen Jahren übergeben. Die erste „Ostmark-Wochenschau“ lief am 18. März 1938: In ihr flimmerte zwei Sekunden lang der Begriff „Ostmark“ in gotischen Lettern vor dunklem Bergmassiv, ab der nächsten Ausgabe war eine Heldenfigur in faschistischer Ästhetik Signet. Doch die Gestalter der behäbigen bisherigen Ständestaat-Wochenschau schafften die völlige Ausrichtung auf die gleichgeschaltete NS-Bilderwelt nicht. Zu Hitlers inszeniertem Grenzübertritt am 12. März 1938 bei Braunau hatten sie keinen O-Ton, Hitlers Filmbilder gerieten ungelenk und amateurhaft, die ersten SA- und SS-Kolonnen beim Marsch auf Linz erschienen auf der Leinwand wie Wandergruppen. Bei der legendären 2:0-Niederlage der deutschen Fußballer in Wien (am 3. April 1938) wurde der Freudentanz von Matthias Sindelar, Kapitän des österreichischen „Wunderteams“, vor der NS-Ehrentribüne nicht gezeigt, die Begeisterung der Wiener aber sehr wohl (Hrvoje Miloslavic: „Die Ostmark-Wochenschau“, verlag filmarchiv austria, 2008).

Das Schwelgen der „Ostmark-Wochenschau“ in idyllischen Aufnahmen kann als Flucht in unpolitische Vergangenheit gedeutet werden. Damit war es im Sommer 1938 vorbei: Die Wiener Produktionsfirma Selenophon wurde von der Berliner Tobis-Film geschluckt, die „Ostmark-Wochenschau“ verschwand, und die „Deutsche Wochenschau“ stimmte das Kinopublikum auf den kommenden Krieg ein.

* „Nacht über Österreich. Der Anschluss 1938 – Flucht und Vertreibung“, ab 7. März im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek; Ausstellungsband Residenz Verlag, 2013.