„Verrat der Intellektuellen“

Vor 50 Jahren wurde Johanna Monschein als erste Frau in den Rang einer Botschafterin erhoben.

Ausschnitt aus "Man ist immer allein...":

Gewöhnlich sorgte ihr Auftritt für überraschte Ausrufe und galantes Sesselrücken. Johanna Monschein (1907–1977), in einen altösterreichischen Beamtenhaushalt hineingeboren, aufgewachsen in Sarajevo, eine der ersten Absolventinnen der juridischen Fakultät und überzeugte Monarchistin, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich zur einfachen Postbeamtin degradiert und erst 1945 ihrer Ausbildung gemäß in die Generaldirektion befördert, kam 1947 in den Auswärtigen Dienst. „Die Post war nicht das Ideale“, gestand sie später in einem Radio-Feature.

Anfangs seien ihr die älteren Beamten in der Männerhochburg des Außenamts „unendlich liebenswürdig“ begegnet, die Schwierigkeiten hätten erst begonnen, „als sie sahen, dass ich ein potenzieller Konkurrent bin“, erzählt sie. Nach und nach seien auch ehemalige Nationalsozialisten ins Amt gesickert. „Man hat Beamte zurückgeholt, die nach ihrer politischen Vergangenheit eigentlich nicht geeignet waren, in den Auswärtigen Dienst zu treten. Es war sogar der eine oder andere dabei, der im deutschen Auswärtigen Dienst gewesen war“, erinnert sie sich und dass „gerade in einer gewissen Schicht sehr viele Leute dem Nationalsozialismus zugeneigt waren, in der Oberschicht, unter den Intellektuellen, den Freiberuflern und auch in der obersten Verwaltungsspitze“. Für Monschein war das ein „Verrat der Intellektuellen“, eine Erfahrung, die sie zeitlebens nicht mehr losgelassen habe.

Monschein begann in der Kulturabteilung, die Berufung in den Vatikan lehnte sie entrüstet ab. 1952 wurde sie Österreichs Vertreterin bei den Vereinten Nationen in Genf, 1957 Gesandte in Oslo, 1959 Botschafterin. Nachdrücklich gefördert vom damaligen Außenminister Bruno Kreisky, der sie trotz gegensätzlicher politischer Haltung und ihrer spitzen Zunge schätzte – „ihre Feder ist in Essig getaucht“, sagte er über ihre Berichte –, wurde Monschein 1965 als Botschafterin nach Brüssel berufen. Man werde dafür sorgen, wurde ihr damals hinterbracht, dass „nie wieder eine Frau einen solchen Posten bekommt“ – was sich übrigensbis heute bewahrheitet hat. Ein Jahr nach Kreiskys Abgang aus dem Außenministerium wurde Monschein abberufen.

Die Biografie dieser ungewöhnlichen Frau hat jetzt Edith Stumpf-Fischer im Wiener Praesens Verlag veröffentlicht. Für eine Präsentation des Werks machte sich im Außenamt niemand die Mühe. Ein paar Zeilen von Außenminister Michael Spindelegger finden sich am Beginn des Buchs, wohl mehr der Autorin, der Schwester des Bundespräsidenten Heinz Fischer, geschuldet als der Pionierin im diplomatischen Dienst.