Kroatien: Die neue EU-Außengrenze

Vukovar war 1991 Zentrum des kroatischen Widerstands gegen die serbische Armee. Heute ringen in der Stadt an der neuen EU-Außengrenze Kroaten und die serbische Minderheit noch immer mit dem Trauma des Kriegs.

Zelko Sabo hat ein einfaches Rezept für den Sinn des Lebens gefunden: "Jobs, Liebe, Essen und Trinken - mehr brauchen die Menschen nicht zum Glücklichsein“, verrät der gerade wiedergewählte Bürgermeister von Vukovar. Der Kroate verdankt als Sozialdemokrat seinen Wahlsieg auch vielen Stimmen der serbischen Minderheit in der 1991 während des Kriegs weitgehend zerstörten Stadt an der Donau.

„Wieso kommt ihr zu uns?”
Vom Beitritt Kroatiens zur EU erwartet sich Sabo in erster Linie Investoren für den neuen Wirtschaftspark beim Hafen. Ein Entsorgungsunternehmen in Wien habe sich bereits für den Bau einer Müllverbrennungsanlage interessiert. Sabo spricht ein wenig Deutsch, das er sich neben seiner Arbeit auf einer Baustelle in Wien selbst beigebacht hat. Dass jetzt häufig ausländische Journalisten seine Stadt besuchen, irritiert den Bürgermeister: "Wieso kommt ihr zu uns? Hier ist doch alles in Ordnung, der Wiederaufbau geht voran. Und hier kommen auch Kroaten und Serben gut miteinander aus.“

„Vukovar den Kroaten”
In Wahrheit leben die beiden Volksgruppen hier mehr nebeneinander als miteinander. Und erst im vergangenen Mai fand in Vukovar eine anti-serbische Groß-Demonstration kroatischer Nationalisten und Kriegsveteranen statt, die aus allen Landesteilen angereist waren. "Vukovar den Kroaten. Nein zu Kyrillisch“, kann man immer noch auf Plakaten in der Stadt lesen.

+++ Philip T. Reeker, Balkanbeauftragter im US-Außenministerium, über die Stabilisierung der Region durch die EU. +++

Anlass für den Protestzug bildete ein kroatisches Gesetz, das noch vor dem EU-Beitritt umgesetzt werden soll. Sobald eine Minderheit in einer Stadt oder Ortschaft mehr als ein Drittel der Bevölkerung stellt, müssen öffentliche Gebäude, Straßen und Ortstafeln auch Aufschriften in deren Sprache aufweisen.

Stadt des heldenhaften Widerstands
Da ein Drittel der knapp 30.000 Bewohner von Vukovar der serbischen Minderheit angehört, sind serbische Aufschriften mit kyrillischen Buchstaben gesetzlich vorgeschrieben. Doch Vukovar gilt für Kroaten als Stadt des heldenhaften Widerstands gegen die wochenlange Belagerung durch die serbische Armee. Von August bis November 1991 kämpften hier rund 1000 Soldaten der kroatischen Nationalgarde und einige 100 Freiwillige gegen eine serbische Übermacht, die mit Panzern, Artillerie und Flugzeugen die Grenzstadt in der Region Baranja beschossen. Der hohe Wasserturm am Donauufer dient heute mit seinen riesigen Einschusslöchern als Wahrzeichen des Abwehrkampfes.

Dieser Abwehrkampf verhalf damals der kroatischen Führung zu mehr Zeit, den Widerstand gegen die anrückende jugoslawische Volksarmee neu zu organisieren. "Wir haben wochenlang fast nur in den Kellern gelebt“, erzählt die Kindergärtnerin Danijela. "Wir hatten am Ende kaum noch etwas zu essen.“ Als die serbische Armee in die Stadt einrückte, wurden die kroatischen Kämpfer in Lager gebracht und dort zu hunderten erschossen. Sogar 200 Verwundete aus dem städtischen Spital wurden in der Schweinefarm von Ovcara exe-kutiert. Bis heute blieben viele vermisst. In einem ehemaligen städtischen Schlachthof wurden erst vor Kurzem menschliche Knochen entdeckt.

Dass viele serbische Bewohner nach den Kämpfen wieder in ihre Stadt zurückkehren konnten, verdanken sie der Präsenz von UN-Truppen, die Racheakte verhinderten. Doch bis heute sind die traumatischen Erlebnisse aus dem Krieg nur ansatzweise aufgearbeitet. Die Kroaten errichten Mahnmale an den Orten der Massaker. Die Serben erinnern an Vertreibung durch kroatische Warlords und Diskriminierung im Alltag.

"Hier gibt es ohnehin nur wenige Jobs, für uns Serben aber so gut wie gar keine“, klagt Vojislav Stanimirovic, der örtliche Chef der serbischen Partei SDSS, gegenüber einer Delegation der Vereinigung Europäischer Journalisten (AEJ). Viele Gesetze zum Schutz der Minderheiten in Kroatien würden in der Praxis nicht umgesetzt. Bisher sei etwa von den kroatischen Schulbehörden noch keine einzige serbische Schule im Raum Vukovar registriert worden. Dies habe zur Folge, dass Diplome nicht offiziell anerkannt würden und junge Serben damit nur an Universitäten in Serbien studieren könnten.

„Keine Probleme mit serbischen Kindern”
Kinder und Jugendliche werden in Vukovar nach ethnischer Zugehörigkeit streng getrennt unterrichtet. Wo es in den Schulen zu wenige Räume gibt, wird auf Schichtbetrieb umgestellt. "Wir hatten keine Probleme mit serbischen Kindern“, erzählt die kroatische Kindergärtnerin Danijela. "Zuerst haben sich kroatische Kinder über den seltsamen Dialekt gewundert, aber dann haben wir zur Freude aller Kinder sogar zweimal hintereinander Weihnachten und Ostern gefeiert.“

Serben-Vertreter Stanimirovic, im Zivilberuf Psychiater, nimmt auf kroatische Bedenken zu zweisprachigen Ortstafeln und Aufschriften Rücksicht. Zuerst sollten nur die öffentlichen Gebäude auch serbische Bezeichnungen erhalten. Straßen, die nach kroatischen Kriegshelden benannt wurden, sollten ohne kyrillische Inschriften auskommen. Erst später würden Ortstafeln drankommen.

Wichtiger für die Minderheit wäre, dass Serben auch verstärkt in den öffentlichen Dienst aufgenommen würden. So gibt es derzeit fast nur Kroaten bei Polizei oder Justiz. Das Miteinander wird an Feiertagen geprobt. Kroaten berichten, dass mit Bewohnern in den Dörfern in Serbien am anderen Ufer der Donau regelmäßig Feste gefeiert würden. Serbische Gäste, die mit der Fähre nach Vukovar kommen, müssen sich auf strengere Kontrollen einstellen. Schließlich verläuft hier ab 1. Juli die neue Außengrenze der EU.