Marek Edelman: „Nicht abschlachten lassen“

Marek Edelman, 2009 verstorbener Kommandant des Ghettoaufstands, über den verzweifelten Widerstand gegen NS-Massenmörder.

Als Held wollte er nie gelten. „Es ging damals darum, sich nicht abschlachten zu lassen. Wichtig war doch nur, zu schießen. Das musste man zeigen. Nicht den Deutschen, die konnten das besser, aber der übrigen, nicht-deutschen Welt mussten wir das zeigen.“ Marek Edelman war im Alter von 22 Jahren einer der Kommandanten des Aufstands im Warschauer Ghetto. Nach dreiwöchigem Straßenkampf gegen die Übermacht deutscher SS- und Polizeitruppen gelang ihm Anfang Mai 1943 zusammen mit wenigen Kämpfern die Flucht durch Abwasserkanäle. Fast alle Angehörigen der jüdischen Kampfgruppe ZOB kamen ums Leben oder begingen Selbstmord. „Die Menschen haben immer gemeint, Schießen sei das größte Heldentum. Da haben wir eben geschossen“, so Edelman in einem Interview in profil im Jahr 1988.

Der Kampf war auch der Versuch, „anders zu sterben, als es die Massenmörder wollten“, meinte er. „Nicht mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen, sondern mit erhobenem Kopf und dem Willen, in Freiheit und Würde zu leben.“

Als Bote des Ghettospitals erlebte Edelman, wie die NS-Besatzer ab 1940 zunächst eine halbe Million Juden in Warschau ins Ghetto pferchten und von dort nach und nach mit Zügen in die Todeslager transportierten. Dass dies lange reibungslos ablief, lag auch an der perfiden NS-Propaganda: Im Juli 1942 verkündeten Plakate den halb verhungerten Ghettobewohnern, dass jeder Freiwillige zur angeblichen „Aussiedlung in Arbeitslager“ drei Kilogramm Brot und ein Kilo Marmelade erhalten würde. Wozu sollte man Brot verteilen, wenn man sie umbringen wollte, sahen viele die immer häufigeren Berichte über Gaskammern widerlegt. Edelman :„Und der Hunger verhüllte alles mit dem Gedanken an drei braune, frischgebackene Brotlaibe“.

Vom „Umschlagplatz“, an dem die Todeszüge abfuhren, holte er für den Widerstand wichtige Personen aus den Kolonnen, um sie ins Spital zu bringen. Denn die SS transportierte lange keine Kranken, um den Anschein einer Fahrt in Arbeitslager zu wahren. Dass er so Todgeweihte fürs Erste retten konnte, habe ihn nach dem Krieg zum Medizinstudium bewogen, erklärte Edelman, der später als Kardiologe in Lodz tätig war.

Obwohl sich die Hilfe des nicht-jüdischen Widerstands gegen die NS-Besatzer 1943 auf wenige Waffenlieferungen beschränkte, äußerte Edelman nie Kritik daran. In Warschau seien trotz drohender Todesstrafe immerhin 12.000 Juden versteckt worden, jeder zehnte Pole sei an der Hilfe für Juden beteiligt gewesen, meinte er milde in seinem bescheidenen Haus.

Schärfer klagte er die antisemitischen Kampagnen unter dem KP-Regime in Polen an. So wurden 1968 nach Studentenunruhen tausende Juden von höheren Funktionen ausgeschlossen und zusammen mit nicht-jüdischen Intellektuellen in die Emigration getrieben. Der Sozialdemokrat engagierte sich ab 1980 in der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc. Bei Verhängung des Kriegsrechts Ende 1981 wurde Edelman kurz inhaftiert.
Warum er in Polen blieb, obwohl seine Frau und Kinder in den Westen übersiedelten, erklärte er so: „Irgendwie bin ich es meinen toten Kameraden schuldig dazubleiben.“ Edelman starb 2009 im Alter von 87 Jahren.