"Watschn von links oder von rechts": Walter Rothensteiner im profil-Interview

Raiffeisen und die Krise: Walter Rothensteiner, Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank und Aufsichtsratschef von Raiffeisen International, über unschöne Gerüchte zur Lage der Gruppe, die wahren Ausfallsrisiken in Osteuropa und kostspieliges Staatskapital.

Interview: Michael Nikbakhsh

profil: Herr Rothensteiner, Sie vertreten als Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Zentralbank mittelbar die Interessen eines Gesellschafters des „Kurier“ und der Verlagsgruppe News, zu denen auch profil gehört. Kann ich dennoch davon ausgehen, dass Sie dieses Interview behandeln wie jedes andere auch?
Rothensteiner: Selbstverständlich.

profil: Die Ratingagentur Moody’s hat jüngst in einer international viel beachteten Analyse vor Engagements österreichischer Banken in Osteuropa und damit verbundenen Kreditausfallsrisken gewarnt. Am Tag der Veröffentlichung gerieten Anleger in Panik, der Kurs der Raiffeisen International Holding rasselte vorübergehend auf ein historisches Tief. Wird dem Aufsichtsratschef von Raiffeisen International da nicht langsam mulmig?
Rothensteiner: Von mulmig kann überhaupt keine Rede sein. Wer sich die Börse in den vergangenen Wochen angesehen hat, muss zu dem Schluss kommen, dass es weniger um die Unternehmen selbst als um die Stimmung am Markt geht.

profil: Und die ist nach wie vor von gesteigerter Nervosität geprägt. Es entsteht ein wenig der Eindruck, als wären Investoren bereit, jeder Aussage zu glauben, sofern diese nicht von einem Banker kommt.
Rothensteiner: Ich würde das nicht auf das Bankgeschäft reduzieren. Auch Aktien von Unternehmen aus anderen Branchen sind unter Druck. Das Problem haben also leider alle.

profil: Liegen die Moody’s-Analysten denn mit ihren Einschätzungen wirklich so daneben?
Rothensteiner: Seit Tagen lese ich in Zeitungen immer ein und dieselbe Spekulation: Österreichs Banken hätten in Osteuropa bis zu 260 Milliarden Euro an Krediten vergeben, von denen die Banken nicht mehr viel sehen würden. Das ist reiner Unfug. Fakt ist, dass wir 60 Prozent unserer Forderungen in den jeweiligen Ländern refinanziert haben. Und Fakt ist auch, dass wir die Kredite auch in Osteuropa entweder nach Bonität oder nach Sicherheiten vergeben haben. Die Sicherheiten sind nicht weg, und bei den Bonitäten haben wir nicht die schlechtesten Kunden. Die Kreditwürdigkeit mag sich jetzt vereinzelt verschlechtert haben, aber genau dafür haben wir Vorsorgen getroffen, und genau dafür beabsichtigen wir Kapital bei der Republik Österreich aufzunehmen.

profil: Raiffeisen International meldet für 2008 zwar ein neues Rekordergebnis. Für 2009 sind die Aussichten allerdings ungleich düsterer. Vor allem in der Ukraine sollen erhebliche Belastungen drohen. Wie schlimm ist es wirklich?
Rothensteiner: Wir hatten im September 2008 noch ein Kreditvolumen von sechs Milliarden Euro, jetzt sind es etwa fünf Milliarden. Ein Teil geht auf die Währungsabwertung zurück, ein anderer auf eine reale Verringerung des Kreditvolumens. Das ist die Ausgangssituation. Wir verfügen mittlerweile über mehrere detaillierte Szenarien, was uns in der Ukraine im schlimmsten Fall erwartet.

profil: Und das wäre?
Rothensteiner: Das würde die Bilanz unserer lokalen Tochterbank belasten, uns aber insgesamt nicht ins Wanken bringen.

profil: Verstehe ich Sie richtig: Raiffeisen International würde auch den drohenden ukrainischen Staatsbankrott überstehen?
Rothensteiner: Ja. Wobei die Auswirkungen eines Staatsbankrotts generell falsch gesehen werden. Das trifft zunächst den, der Staatspapiere hat. Diese haben wir nicht. Abgesehen davon geht niemand bei uns davon aus, dass es wirklich so weit kommt.

profil: Nun gibt es aber Schätzungen, wonach in der Ukraine auch bis zu zehn Prozent aller Kredite uneinbringlich sein könnten. Bei einem Kreditvolumen von fünf Milliarden Euro wären das immerhin 500 Millionen Euro Ausfall. Das würde das Eigenkapital der ukrainischen Tochter doch arg zerzausen.
Rothensteiner: Ich kann diese Schätzungen nicht bestätigen. Abgesehen davon müssen Sie Raiffeisen International als Gruppe verstehen. Sollte eine Bank in einem Land mehr Kapital benötigen, dann wird sie dieses auch bekommen. So ärgerlich die Situation auch sein mag: Wir reden hier jedenfalls von Summen, die uns nicht nachhaltig in Schwierigkeiten bringen würden.

profil: Raiffeisen ist in Osteuropa in ziemlich kurzer Zeit ziemlich stark gewachsen. Das mag gestern noch ein Segen gewesen sein, heute wird es eher als Fluch angesehen.
Rothensteiner: Nachdem wir in der Vergangenheit nicht jeden Tag Lobeshymnen auf uns selbst gesungen haben, sehe ich nicht ein, warum wir uns jetzt beweinen sollten. Wir haben fast 15 Millionen Kunden in der Region, und die wird es nach der Krise auch noch geben. Sie werden Geld anlegen wollen oder Kredite benötigen. Und wir sind dann immer noch da.

profil: Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass wir laufend „vertrauliche Hinweise“ aus den verschiedensten Ecken erhalten, wonach Raiff­eisen International und damit gleich die gesamte Raiffeisen-Gruppe vor dem Kollaps stünden? Das hätte noch vor wenigen Monaten niemand auch nur zu fantasieren gewagt.
Rothensteiner: Ich selbst habe davon das erste Mal im Oktober 2008 gehört. Das ist der pure Schwachsinn. Mir ist schon klar, dass jetzt jeder sagen wird: Eh klar, der Rothensteiner dementiert, was soll er sonst tun. Ich sage Ihnen aus reinstem Gewissen, diese Gerüchte sind haltlos und deppert. Sie sähen mich sonst nicht so ruhig hier sitzen.

profil: Es fällt aber auf, dass die Wahrnehmungen und Einschätzungen zur Krise diametral auseinandergehen, je nachdem, wer befragt wird. Ratingagenturen und Analysten rechnen mit dem Schlimmsten, die österreichischen Banker dagegen allenfalls mit kleinen Dellen. Sie werden zugestehen, dass es schwer ist, sich da ein Bild zu machen.
Rothensteiner: Ich will da jetzt niemandem zu nahe treten. Aber im Zweifelsfall würde ich erfahrenen Bankern, die vor Ort tätig sind, mehr Glauben schenken als unerfahrenen Analysten, deren Horizont kaum über London hinausreicht.

profil: Was bleibt von Raiffeisen International nach der Krise übrig?
Rothensteiner: Diese Phase wird irgendwann vorbei sein, wenn auch nicht vor 2010. Und dann sind wir top in Märkten mit Riesenpotenzial mit genau den Produkten, die unsere Kunden nachfragen. Wir haben das in Russland schon einmal erlebt. Nach der Währungskrise 1998 sind wir als Einzige dort geblieben und haben quasi neu angefangen. Das hat uns sehr gut getan. Heute gehören wir zu jener Hand voll Banken Russlands, die andere mit Liquidität versorgen.

profil: Die Gruppe beschäftigt im Ausland rund 70.000 Mitarbeiter. Wie viele werden der Krise geopfert?
Rothensteiner: Das Geschäft wird natürlich schwieriger. Aber wir kündigen nicht leichtfertig oder um Applaus im Markt zu generieren, sondern um die Gesundheit und Schlagkraft der Gruppe und ihrer einzelnen Einheiten zu sichern. Denn Kosten- und Ertragsstruktur müssen zusammenpassen. Gerade auch in Zeiten abgeschwächter Wachstumsdynamik führt kein Weg daran vorbei, beide Seiten im Griff zu haben.

profil: Es heißt immer wieder, die Finanzkrise wäre erst ausgestanden, wenn es gelänge, der Vertrauenskrise beizukommen.
Rothensteiner: Ich sehe diese Vertrauenskrise weniger beim Kunden als vielmehr bei den Banken. Wir hatten Ende des Vorjahres auch in Osteuropa Abflüsse zu verzeichnen. Aber das Geld ist wieder da, teilweise sind die Einlagenstände sogar gestiegen. Die Kunden haben weder in Österreich noch im Ausland die Sorge, dass da irgendetwas passieren könnte. Und damit haben sie auch Recht. Die Vertrauenskrise besteht folglich primär zwischen den Banken. Seit dem Lehman-Kollaps denkt leider jeder Marktteilnehmer, sein Counterpart könnte vielleicht kippen.

profil: Das ist ein bisschen merkwürdig. Die Privatkunden sollen Banken das Vertrauen entgegenbringen, das sie untereinander nicht haben. Warum sollte jemand sein Erspartes auf eine Bank tragen, von der andere Banken meinen, sie stünde vor dem Kollaps?
Rothensteiner: Wir pflegen langfristige und gute Beziehungen zu unseren Kunden. Man kennt und vertraut uns. Abgesehen davon hat Raiffeisen in Österreich eine Kundengarantiegemeinschaft, wir haften gemeinsam für alle Einlagen. Aber ich will hier kein Verkaufsgespräch führen. Wenn ich aber als Bank einer anderen Bank international Geld leihen will, muss ich mich nach an den gegebenen Ratings orientieren. Und wenn diese von einem Tag auf den anderen zusammenfallen, kommt kein Geschäft zustande.

profil: Die Aktien von Raiffeisen International mussten 2008 innerhalb weniger Wochen kräftig Federn lassen. Im September stand der Kurs noch bei 77 Euro, jetzt sind es kaum 15 Euro. Da wurden annähernd sieben Milliarden Euro an Wert vernichtet. Wie schlägt das auf die Bilanz des 69-prozentigen Hauptaktionärs Raiffeisen Zentralbank durch?
Rothensteiner: Gar nicht. In der RZB-Konzernbilanz ist Raiffeisen International voll konsolidiert, daher spielt hier die Bewertung der Beteiligung keine Rolle. Im Einzelabschluss nach österreichischem Handelsrecht ist der Beteiligungsansatz natürlich berücksichtigt. Aber hier bewerten wir nach dem inneren Wert, der weit über dem aktuellen Börsenkurs liegt.

profil: Wie man hört, hat die RZB die Beteiligung an Raiffeisen International für die Bilanz 2008 nicht nur nicht ab-, sondern vielmehr sogar aufgewertet. Trifft das zu?
Rothensteiner: Ja, wir haben ein wenig aufgewertet.

profil: Das wirkt befremdend. Die Aktie stürzt in den Keller, und Sie werten auf?
Rothensteiner: Sie müssen wissen, von welchem Niveau wir ausgegangen sind. Wir hatten Raiffeisen International zuvor deutlich niedriger als zum Börsenkurs in den Büchern, jetzt sind wir eben darüber.

profil: Die Raiffeisen Zentralbank will demnächst 1,75 Milliarden Euro an so genanntem Partizipationskapital bei der Republik Österreich aufnehmen, um die Kapitalbasis zu stärken. Wo stehen Sie in den Verhandlungen?
Rothensteiner: Ich gehe davon aus, dass wir das binnen eines Monats finalisiert haben.

profil: Sie werden dafür in den nächsten fünf Jahren jeweils acht Prozent Zinsen zahlen müssen. Das wären dann 140 Millionen per annum oder insgesamt 700 Millionen Euro. Und am Ende müssen Sie auch die 1,75 Milliarden Euro zurückzahlen. So gerechnet komme ich auf Verpflichtungen in der Höhe von insgesamt 2,45 Milliarden Euro …
Rothensteiner: Sie dürfen nicht vergessen, dass wir hier von erstrangig haftendem Kapital reden. Das kostet nun einmal Geld. Davon abgesehen habe ich kein Problem damit, der Republik eine vergleichsweise hohe Verzinsung zu bieten. Im Gegenzug muss ich mich nicht täglich mit dem Argument herumschlagen, wir bekämen Geschenke auf Kosten der Steuerzahler.

profil: An dem Vorwurf kommen Sie sowieso nicht vorbei.
Rothensteiner: Das ist mir schon klar, nur stimmt das eben nicht. Leider. Wenn ich acht Prozent Zinsen nach Steuern zahle und die Republik nimmt das Geld um vier bis fünf Prozent auf, dann hat sie jedenfalls einen ordentlichen Schnitt gemacht.

profil: Bleibt die Frage, wie Sie das geliehene Staatsgeld zurückzahlen werden. Ich gebe zu bedenken, dass Sie auch bei Ihren Aktionären aus dem Raiffeisen-Sektor jüngst 750 Millionen Partizipationskapital aufgenommen haben. Auch dafür müssen Sie acht Prozent Zinsen im Jahr zahlen. Da kommen also in den nächsten fünf Jahren noch einmal insgesamt 300 Millionen Euro auf Sie zu. Und tilgen müssen Sie das dann auch noch.
Rothensteiner: Es ist denkbar, dass unsere Eigentümer das Partizipationskapital hinterher in Stammkapital umwandeln.

profil: Aber die Republik will von Ihnen bis 2013 insgesamt 2,45 Milliarden Euro zurückhaben. Das ist kaum weniger, als die RZB in den vergangenen fünf Jahren nach Steuern verdient hat. Und das waren durchwegs gute Jahre.
Rothensteiner: Hier liegt ein Missverständnis vor. Im Endeffekt müssen wir nur die Zinsen erwirtschaften. Und wir werden das Geld des Staates anlegen. Die Nettobelastung wird also geringer sein.

profil: Aber wie wollen Sie das eigentliche Partizipationskapital von 1,75 Milliarden Euro refundieren?
Rothensteiner: Über die Liquidität.

profil: Das hieße aber, dass Sie, so Sie bis 2013 aus den laufenden Erträgen keine zusätzlichen Reserven bilden können, in Zukunft wieder mit weniger Eigenkapital auskommen müssten.
Rothensteiner: Nach der Krise werden die Eigenkapitalerfordernisse für Aktiva wieder sinken, weil sich die Bonität unserer Kunden ja wieder verbessert. Allein aus diesem Titel werden nach unseren Schätzungen rund zwei Milliarden Euro Eigenkapital frei, das bis dahin als Kapitalunterlegung gebunden ist. Sollten wir wider Erwarten nicht in der Lage sein, das Kapital zurückzuführen, gibt es mehrere Optionen. Eine wäre es, die Laufzeit des staatlichen Kapitals auszudehnen. Theoretisch sind ja bis zu zehn Jahre möglich. Dafür müssten wir aber noch höhere Zinsen zahlen

profil: Bisher war nur von Staatsgeld zugunsten des Spitzeninstituts des Sektors die Rede. Wie steht es um die acht Landesbanken?
Rothensteiner: Meines Erachtens brauchen sie keines.

profil: 550 Raiffeisenbanken und -kassen, acht Landesbanken, ein Spitzeninstitut, eine Auslandsholding, zwei Versicherungen, eine Bausparkasse, eine Leasinggesellschaft, mehrere Fondsgesellschaften und eine Hundertschaft anderer Beteiligungen. Das sind eine Menge potenzieller Krisenherde. Führt das nicht zwingend in eine Konsolidierung?
Rothensteiner: Nein. Wir sind bekanntlich auch arbeitsteilig unterwegs. Jeder im Sektor deckt andere Geschäftsbereiche ab. Eine Konsolidierung würde nur marginale Vorteile bringen. In einer Krise sollte man aufs Geschäft schauen und sich nicht in Strukturdiskussionen verzetteln. Gerade in Zeiten wie diesen ist es essenziell, dass die Raiffeisenkasse vor Ort selbstständig entscheiden kann, wie sie mit ihren Kunden umgeht.

profil: Im Raiffeisen-Sektor haftet jeder für jeden. In bewegten Zeiten kann dieses ­Solidarprinzip rasch zum Bumerang werden.
Rothensteiner: Wie heißt es so schön: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Wenn alles kaputt ginge, wäre auch Raiffeisen kaputt. Aber nach all unseren Analysen und den Erkenntnissen von Nationalbank und FMA gibt es keinen Anlass für solche Befürchtungen.

profil: Die RZB bekommt das begehrte Staatsgeld unter der Auflage, dass die leitenden Angestellten im ersten Jahr auf Prämien verzichten. Tut das weh?
Rothensteiner: An dieser Bedingung wird es sicher nicht scheitern.

profil: In weiten Teilen der Bevölkerung, also auch unter Raiffeisen-Kunden, wächst der Unmut über die Höhe von Managergagen, zumal in der Krise.
Rothensteiner: Ich habe nicht die Absicht, mich in diese Diskussion einzubringen. Hier wird offenbar immer mit Blick auf die USA argumentiert, wo einzelne Personen hunderte Millionen Dollar kassiert haben. In Österreich haben wir den Faktor eins zu hundert, führen die Diskussion aber eins zu eins.

profil: Dem gesunden Volksempfinden nach ist es aber doch unerheblich, ob es um eine, zehn oder hundert Millionen Euro geht. Sind Sie der Meinung, dass Sie zu viel verdienen?
Rothensteiner: Ich bin da sehr gelassen. Die Vorstandsgehälter der RZB sind im europäischen Branchenvergleich nicht hoch. Letztendlich muss aber der Aufsichtsrat entscheiden, was er dem Vorstand bezahlt.

profil: Werden Banker in Zukunft billiger?
Rothensteiner: Kann ich nicht sagen. Mir ist wichtig, dass ich gute Banker bekomme. Wenn es darum geht, 70.000 Mitarbeiter zu führen und 160 Milliarden Euro Bilanzsumme zu verwalten, kann es nicht um 10.000 Euro im Jahr auf oder ab gehen.

profil: Es entsteht ein wenig der Eindruck, als sei der Bundesregierung nach anfänglichem Elan die Puste ausgegangen. Sie wirkt bei der Krisenbekämpfung längst nicht mehr so entschlossen wie Ende 2008. Finanzminister Josef Pröll etwa begibt sich in Osteuropa auf die Suche nach Verbündeten und kehrt mit leeren Händen heim.
Rothensteiner: Ganz so ist es nicht. Es war gut und wichtig, dass Pröll seine Gegenüber besucht und persönlich angesprochen hat.

profil: Es hat aber nicht viel gebracht. Außer, dass jetzt die halbe Welt weiß, dass Österreichs Kreditwirtschaft in Osteuropa erheblichen Risiken ausgesetzt ist.
Rothensteiner: Was wäre gewesen, hätten wir nichts getan? Dann hätte jeder gesagt, warum habt ihr nicht eher aufgezeigt? Wir können uns derzeit aussuchen, ob wir uns die Watschen von links oder rechts holen. Ich gehe aber dennoch davon aus, dass die EU inzwischen sehr wohl Problembewusstsein entwickelt hat.

profil: Deutschlands Finanzminister Peer Steinbrück meinte jüngst wörtlich, Osteuropa sei kein EU-Problem, sondern vielmehr ein rein österreichisches.
Rothensteiner: Ich halte es da mit Christoph Leitl (Wirtschaftskammer-Präsident, Anm.). Der meinte jüngst, Steinbrück möge sich um seinen eigenen Garten kümmern, ehe er mit Blumentöpfen nach uns werfe. Die Behauptung, Osteuropa sei ein rein österreichisches Thema, ist bei vernünftiger Betrachtung nicht aufrechtzuerhalten. Allein der Handelsbilanzüberschuss der Euro-Zone mit den osteuropäischen EU-Mitgliedern beträgt 51 Milliarden Euro. Dazu kommen tausende europäische Unternehmen, die direkt in der Region investiert haben. Europa hat also allen Grund, diese Werte zu schützen.

profil: In Steinbrücks Aussagen schwingt Revanchismus für Österreichs Festhalten am Bankgeheimnis mit.
Rothensteiner: Er wirft uns immer wieder vor, wir würden Steuerhinterzieher schützen. Dabei übersieht er, dass er seine eigenen Steuerzahler mit dem behördlichen Einblick in Bankkonten so verhärmt hat, dass sie automatisch Geld ins Ausland tragen, wir aber im Gegenzug Quellensteuern nach Deutschland abführen.

profil: Was halten Sie von der Spekulation, Deutschland werde sich in der Frage der Osteuropa-Hilfen erst bewegen, wenn Österreich auf sein Bankgeheimnis verzichte?
Rothensteiner: Diese beiden Komplexe miteinander zu verbinden ist hanebüchen.

profil: Würden Sie denn Wetten darauf abschließen, dass das österreichische Bankgeheimnis in fünf Jahren, also 2013, noch existiert?
Rothensteiner: Der Trend geht weltweit eindeutig zum gläsernen Menschen. Was aber nicht heißt, dass wir hier die Vorreiterrolle übernehmen müssen.