Wehrmachts-Dienst: Die Vergangenheit
von Jörg Haiders Vater Robert

Über die Kriegsvergangenheit von Jörg Haiders Vater Robert war bisher fast nichts bekannt. Anhand von Akten, Originalquellen und Augenzeugenberichten kann profil sie nun rekonstruieren.

An Westfront und Ostfront mehrfach verwundet, mit Orden ausgezeichnet: Mehr war über die Kriegsvergangenheit von Robert Haider bisher nicht bekannt gewesen. Die Tochter, Ursula Haubner, derzeit Chefin des BZÖ Ober­österreich, war im Teenageralter, als sie begann, ihren Eltern unangenehme Fragen zu stellen. Das sei „sehr kontrovers“ abgelaufen, erzählte sie einmal. Der Sohn, Jörg Haider, lebte im Bann dieser Geschichte und gründete seine politischen Erfolge nicht zuletzt auf die Verstrickung der Kriegsgeneration in die Verbrechen dieser Zeit und ihre untergründige Wirkung auf die Gesellschaft.

Als wäre er selbst an das Treueversprechen der SA gebunden gewesen, verteidigte er jene Männer, die „eine Menge durchgemacht haben und ihrer Überzeugung treu geblieben sind“. Was weiß man von Robert Haiders Kriegsvergangenheit? Seine Geschichte ist aus den Akten der Täter – Kriegstagebücher, Gefechtsberichte, Memoiren – nun rekonstruierbar.
Aus einem Antrag für die Pensionsversicherungsanstalt (ÖSTA/KA, Zl. 23857/77) vom Jänner 1977 etwa, in dem der damalige FPÖ-Bezirkssekretär Robert Haider seine Militärdienstzeiten, Beförderungen, Lazarettaufenthalte, einen Offizierslehrgang im Jänner 1943 und diverse Auszeichnungen („Verdienstkreuz mit Schwertern“, „Eisernes Kreuz II. Klasse“, „Ostmedaille“, „Silbernes Verwundetenabzeichen“) anführte, geht hervor, dass Robert Haider vom 3. Mai 1940 bis zu Kriegsende in Diensten der Wehrmacht stand, in Frankreich und in der Sowjetunion, zuletzt im Ruhrkessel und im Böhmerwald.
„Eine Beförderung zum Oberleutnant hat mich aufgrund von Kriegswirren nie erreicht“, gab er an. Einen Kriegssold habe er „nie angefordert bzw. abgehoben“.

Überzeugungstäter. Robert Haider hatte für die Sache gekämpft. Als uneheliches Kind 1914 in Bad Goisern zur Welt gekommen und beim Großvater, der sich des Enkels erbarmte, aufgewachsen, trat er als 15-Jähriger der Hitlerjugend bei, ein Jahr später der SA, der Sturmabteilung der Nationalsozialisten, wurde bei einer Schmieraktion („Juda verrecke“) erwischt, musste nach eigenen Angaben „dem Systemterror in Österreich weichen“ und flüchtete nach München, wo er sich den Österreichischen Legionären anschloss und eine Kampfausbildung der SA für den Fall der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich absolvierte.

Der Tag schien gekommen, als am 25. Juli 1934 eine Hundertschaft SS-Männer in Wien das Kanzleramt stürmte und Engelbert Dollfuß ermordete. Der erhoffte Aufstand der illegalen Nazis im Lande blieb aus, der Putsch war gescheitert. Doch Haider und seine Kameraden, allesamt blutjunge Männer ohne Familie und Arbeit, wollten nicht aufgeben. Sie überfielen in der darauf folgenden Nacht eine österreichische Zollstation an der bayrisch-oberösterreichischen Grenze, hissten eine Hakenkreuzfahne, ballerten wild um sich, erschossen einen Revierinspektor und machten sich dann nach Bayern davon.

In den Unterlagen, die seinem Gauakt (ÖSTA/AdR, BMI/GA, Zl. 259612) beiliegen, führte Robert Haider auch stolz eine „Ehrenhaft“ in der Festung Landsberg an, die ihm offensichtlich der Juli-Putsch eingetragen hatte. Landsberg war damals eine Kultstätte der Nazis, Hitler selbst war in den zwanziger Jahren dort eingesessen und die symbolische Inhaftierung der unglücklichen SA-Putschisten ein Zugeständnis des NS-Regimes an das Ausland. Im März 1938 tauchte Haider als Rädchen der braunen Machtmaschinerie wieder in Linz auf. Mittlerweile Mitglied der NSDAP, wurde er mit dem Posten eines „Gaujugendwalters“ der Deutschen Arbeitsfront bedankt. Am Polen-Feldzug nahm der 25-Jährige noch nicht teil. Erst im März 1940 folgte er seiner Jugend in den Schützengraben. Vermutlich wollte Robert Haider nicht zurückstehen und meldete sich freiwillig.

Blitzkrieg in Frankreich. Haiders Division lag im Frühjahr 1940 in der Stadt Treysa in Nordhessen in Vorbereitung des Frankreich­feldzugs, ein Großteil seiner Kameraden waren schon in Polen dabei gewesen. Es war eine Fronteinheit, anfangs rund 17.000 Mann stark, vorwiegend Österreicher aus dem Inn- und Mühlviertel und Teilen Niederösterreichs. Die meisten stammten aus kleinen Verhältnissen, Bauernkinder; zum Großteil waren sie Fußsoldaten, die in den folgenden Jahren mehrere tausend Kilometer marschieren oder mit Pferdefuhrwerken zurücklegen sollten; ausgerüstet mit Karabinern, Maschinengewehren, Pistolen und Granatwerfern. Dazu gab es wie in jeder Infanteriedivision Einheiten für Panzerabwehr, Aufklärung, Funker, Transportfahrer und den Tross, zu dem Sanitäter und Feldküche gehörten.

Robert Haider war dem Infanterieregiment 135 zugeteilt, das in seinen besten Zeiten wohl 3000 Mann stark war. Die 45. Infanteriedivision trug inoffiziell den Ehrentitel „Hitlers Heimatdivision“, und schon zu Beginn des Feldzugs stellte sich der Gauleiter von „Oberdonau“, August Eigruber, ein guter Bekannter Haiders, bei der Truppe mit so genannten „Liebesgaben“ ein (906 Kilogramm Speck, sechs Kilogramm Hartwurst, 80 Kilogramm Schweinefleischkonserven, 36 Liter Slibowitz, 152 Liter Kaiserbirnlikör, 64.000 Stück Zigaretten und Mundharmonikas).

Im Morgengrauen des 16. Mai 1940 überschritt die 45. Infanteriedivision (ID) nördlich von Sedan die französische Grenze. „Die Zivilbevölkerung ist geflohen; zurückgeblieben ist das durstige, herrenlos umherirrende Vieh, das brüllend durch die noch rauchenden Trümmer der Ortschaften und über die Felder irrt. Teilweise liegt es bereits aufgedunsen und verendet auf den Weiden“, vermerkte der katholische Divisionspfarrer Rudolf Gschöpf, der seine Memoiren („Mein Weg mit der 45. ID“) in den fünfziger Jahren in Linz veröffentlichte.

In den Zeitungen des Reichs überschlugen sich die Erfolgsmeldungen, doch im Feld waren die Deutschen heftigen Artillerieangriffen ausgesetzt, was nach Ansicht des Pfarrers eine „eigenartige Romantik erzeugte“.
Die ersten Männer aus Haiders Regiment fielen im Nordosten Frankreichs, doch konnte „eine große Menge wertvoller Konsumgüter aus Privathäusern und Weinkellern sichergestellt werden“, notierte Gschöpf. Bei dem Versuch, die Aisne bei Reims mit Schlauchbooten zu überqueren, wurden Soldaten der 45. ID dutzendweise abgeknallt. Ein Heißsporn aus Haiders Einheit fühlte sich dennoch in seinem Element: „Stoßtrupp! Ich glaube, jeder Soldat will einmal dabei ­gewesen sein. Einmal so richtig nach Herzenslust dazwischenfunken und ­irgendetwas erleben“, schrieb er in sein Tagebuch. Es wurde ein blutiger Durchbruch.

In diesen Tagen begegneten die Soldaten der 45. ID auch so genannten „Negertruppen“ oder „Affen“, wie sie Farbige zu nennen pflegten. Haiders Regiment kämpfte in dichtem Unterholz, „wo die Männer mit dem Mute der Verzweiflung ihre Gewehre umdrehten und den letzten Widerstand mit dem Kolben dreinschlagend ausräumten“, berichtete Gschöpf. Rund 63.000 Kolonialsoldaten, meist aus dem Senegal, kämpften damals in den Reihen der französischen Armee, von denen vermutlich 3000 Männer von den Deutschen brutal hingemetzelt wurden. Von der NS-Propaganda zum Rassenhass aufgestachelt, hielten es Wehrmachtskommandeure für eine „Beleidigung“, gegen die „Bestien aus dem Urwald“ zu kämpfen.

Zur Stärkung ihrer Soldaten gab die Wehrmacht Pervitin aus, eine synthetisch hergestellte Droge zur Dämpfung des Angstgefühls. Allein von April bis Juni 1940 bezogen Heer und Luftwaffe 35 Millionen Tabletten.
In Ruhepausen genossen die Soldaten auch den Champagner, für den die Region berühmt ist, und plünderten Weinkellereien – „beste Jahrgänge“, schwärmte der Pfarrer. Doch erbitterten ihn die „Frauenbildnisse“, welche die Wehrmacht in verlassenen französischen Bunkern vorfand: „Bilder, die zu beschreiben die Anständigkeit verbietet. (…) Ich kann sagen, dass der deutsche Soldat in diesen Belangen eine gewisse Grenze nicht überschritten hat.“

Die 45. ID marschierte südwärts und passierte die Gegend um Clamecy, wo zuvor in einem deutschen Kriegsgefangenenlager ein Massaker an schwarzafrikanischen Soldaten stattgefunden hatte und die Leichen im Freien verwesten. Am 10. Juni 1940 trat Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg ein, am 16. Juni kapitulierte Paris. In der fünften Woche des Feldzugs, am 23. Juni, kam Haiders Regiment nach Nevers an der Loire und hatte Kriegsgefangene zu bewachen, die in einem Lager unter freiem Himmel zusammengepfercht waren. In diesen Tagen wurden in dieser Gegend Senegalesen erschossen. Welche Einheit dafür verantwortlich war, ist nicht bekannt.

Am 24./25. Juni wurde der Waffenstillstand ausgerufen. Mit Verlusten von 400 Mann wurde Haiders Division in den Norden Frankreichs abkommandiert und zur Bewachung von Kriegsgefangenen bei Aushubarbeiten eingesetzt: „sehr gemischtes Volk (…) bald bekamen wir europäische Franzosen, bald wieder Neger, bald Eingeborene aus Algerien“.(Gschöpf) Im November 1940 kamen sie an die Küste bei Calais. Die meisten von ihnen sahen wohl das erste Mal das Meer. Sie blieben über Herbst und Winter. Im Frühjahr 1941 ging der Transport gegen Osten. Der Überfall auf die Sowjetunion war in Vorbereitung.

In einer im September erscheinenden Studie über die „Wehrmacht im Ostkrieg“ hat der Münchner Militärhistoriker Christian Hartmann drei deutsche Kampfdivisionen – unter anderem die 45. ID – und zwei Besatzungsdivisionen, die durch Russland gejagt wurden, im Hinblick auf ihre Struktur, Funktion und Teilnahme an Kriegsverbrechen untersucht. Hartmanns Befund: „Fronttruppen wie die 45. Infanteriedivision hatten in erster Linie militärische Aufgaben, während im Hinterland eingesetzte Armeeteile stärker in das nationalsozialistische Judenvernichtungsprogramm und in die massenhafte Tötung sowjetischer Kriegsgefangener involviert waren.“ Kriegsverbrechen seien freilich auch bei der 45. ID aktenkundig.

Haiders Division war in der Nacht vor dem Angriff bei Brest-Litowsk, einer Stadt mit einer weitläufigen Festungsanlage, damals die deutsch-russische Grenze, in Stellung gegangen. Über die Eisenbahnbrücke, die sie als Erstes einnehmen sollte, rollten noch russische Lastzüge nach Deutschland, voll beladen mit Waren nach dem Abkommen des Hitler-Stalin-Pakts.
Am 22. Juni um 3.15 Uhr kam der Befehl zum Angriff: „Ein Orkan brach los, die Russen kamen, vollkommen überrascht, in Unterhosen daher“, berichtete Gschöpf.

Mörderischer Auftrag. Die 45. ID hatte den Auftrag, die Festung zu stürmen. „Ein mörderisches Unterfangen; Kämpfe, die von Anfang an aus dem Ruder liefen und militärisch nicht notwendig waren“, sagt Hartmann. Die Wehrmachtsführung war offenbar auf einen Propagandacoup aus. Die Generäle beobachteten die Vorgänge vom Stabsquartier aus höchst nervös. Zur Sicherung vor dem gegnerischen Feuer trieben deutsche Soldaten nach Aussagen von Überlebenden 400 Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde vor sich her. Es könnte Haiders Regiment gewesen sein, das als erstes losgeschickt wurde und „trotz schneidigen Angriffs“ abgeschnitten und in blutige Nahkämpfe verwickelt wurde, die in der Folge den Mythos vom Frontsoldaten begründeten.

Russische Verwundete, Sanitäter und Krankenschwestern sollen bei den Kämpfen in der Festung ermordet worden sein. Auch in den Wochen danach dürften Soldaten der 45. ID russische Krankenschwestern umgebracht haben, die sie als „Flintenweiber“ (Gschöpf) verdächtigten.
Augenzeugen berichteten nach dem Krieg, die Deutschen hätten zur „Ausräucherung“ der Festung Öl und Fett in Nischen und Auslassungen gegossen und angezündet. Der Gefechtsbericht aus diesen Tagen vermerkte, der „Russe wurde vertrieben oder ausgeräuchert“.
Die Division hatte bei diesen Kämpfen 500 Männer verloren, mehr noch waren verwundet. Laut Wehrmachtsbericht handelte es sich um „eine unvergängliche Ruhmestat“.

Es ging weiter ostwärts. In einem Städtchen auf dem Weg nach Pinsk drohten deutsche Soldaten den Juden, sie hätten keine Zeit, sich der „Judenfrage“ zu widmen, bald würde jedoch die SS nachfolgen, die diese Aufgabe übernehmen und „Ordnung“ herstellen würde. Möglicherweise handelte es sich dabei um Haiders Truppe. Die persönliche Beteiligung an Verbrechen hing in diesem Krieg häufig mit der Funktion zusammen, die jemand im Getriebe einnahm. Frontsoldaten mussten möglichst rasch vorwärtskommen. Auch wenn nachweislich Antisemitismus in der Fronttruppe vorherrschte – Judenvernichtung war nicht ihre Aufgabe, ihnen fehlte dafür schlicht die Zeit.

In Dawidgrodek, der nächsten Station, organisierte die Ortskommandatur der Wehrmacht die Kennzeichnung der jüdischen Bevölkerung. Zuvor waren in Pinsk 30 Juden festgenommen und im Stadtpark erschossen worden, was unter Haiders Kameraden für Diskussionen sorgte. Es wird berichtet, dass ein Internist der Division eine Judenfeststellung ablehnte: „Gerade hatten wir mitbekommen, dass in Pinsk Juden liquidiert wurden. Das schockierte den Arzt dermaßen, dass er sich weigerte festzustellen, ob der Russe, der ihm vorgeführt wurde, beschnitten war“, so die Aussage eines Jesuitenpaters. Die NS-Propaganda, die kurz vor dem Feldzug über die Deutschen hereingebrochen war (bis dahin hatten die Sowjets als Verbündete gegolten), zielte auf das Feindbild des Bolschewiken, mit dem landläufig auch Juden gemeint waren. Besonders verhasst bei der Truppe waren die so genannten „Kommissare“, die laut Wehrmachtsbefehl sofort zu erschießen waren (wie auch „Frauen in Uniform“). Der „Russe“ an sich galt bei den Männern in Haiders Einheit als „stumpfer Halbasiat“.

Im Juli 1941 wurde Haiders Division durch die berüchtigten Pripjetsümpfe gejagt, eine Morastlandschaft, die sich über 90.000 Quadratkilometer erstreckt. Pferde brachen zusammen und verendeten. Motorisierte Fahrzeuge mussten aus dem Sumpf gehoben werden. Die Soldaten wurden von Ruhr und Myriaden von Mücken geplagt. Laut Divisionsbericht war Haiders Einheit nach vierwöchigem Durchmarsch von „geistiger Apathie“ erfasst.

Angeschlagen und gebrochen. „Bis zum Bauch in Sumpf und Moor (…) ein raues, hundertstimmiges Urrääh und Gebrüll. Der Russe macht uns einen Gegenangriff (…) und nun losgeballert, was das Zeug hält, in die Russenhaufen hinein“, so der Tagebucheintrag eines Soldaten.
Die Stimmung hatte sich radikalisiert. Im Kriegstagebuch der Division wurde vermerkt: „Der Gegner macht kaum noch Gefangene, wir übrigens auch nicht.“ In diesen Tagen nannte man sich scherzhaft 45. SSS-­Division (nach dem Namen ihres Kom­mandanten, Schliepers Sumpf-und-Sand-Division).

Adolf Hitler hatte zu diesem Zeitpunkt – gegen den Rat einiger Generäle – den Vormarsch nach Moskau gestoppt, um die Ukraine zu unterwerfen und an die Ölfelder im Kaukasus heranzukommen. Zur Unterstützung der Kämpfe im Süden wurde Haiders Division bei der Kesselschlacht um Kiew eingesetzt. Am 20. September 1941 erreichten sie Jagotin, wo die SS-Division „Das Reich“ eben noch gewütet hatte. In Tagebüchern und Gefechtsberichten ist nun immer öfter vom „hinterhältig kämpfenden Feind“ die Rede, der „nach Bandenart sein gefährliches Unwesen“ treibe. „Morgen räuchern wir in aller Frühe den lästigen Haufen aus“, berichtete ein Angehöriger der Einheit.

Hitler war in seinem Wahn davon ausgegangen, auch der Russlandfeldzug werde ein Blitzkrieg sein. Die Wehrmachtsführung hatte weder ausreichende Verpflegung – für 20 Tage war vorgesorgt – noch Winterausrüstung bereitgestellt. Es fehlte an Fahrzeugen und schweren Waffen. Regen setzte ein, und die Truppe versank im Schlamm. In diesem Zustand wurde Haiders Division, schon spürbar dezimiert, nach Moskau getrieben. Nach einem Aufruf Hitlers an die „Soldaten der Ostfront“ sollten sie noch vor Einbruch des Winters dem Gegner „den letzten gewaltigen Hieb“ versetzen. Fernziel war der Don. Und Moskau.

Haiders Alltag bestand aus endlosen Fußmärschen, durchschnittlich 25 Kilometer am Tag, gesäumt von Minenfeldern, für deren Räumung die Wehrmacht gern Kriegsgefangene einsetzte („zur Schonung deutschen Blutes“). „Nach einem halben Jahr Russlandfeldzug taugte die Division eigentlich nur noch für den stationären Stellungskrieg. Ihr war das Kreuz gebrochen“, konstatiert Hartmann. Doch in der Heimat „überschlug sich der Optimismus in einer Form, die wir nicht ganz begreifen konnten“, erinnerte sich der Divisionspfarrer.

Am 26. November 1941 wurden laut Kriegstagebuch von Haiders Division „6 Partisanen erschossen und 3 erhängt“. Anfang Oktober war der erste Schnee gefallen. Bald sanken die Temperaturen auf minus 20 Grad. Und es wurde noch kälter. Die Soldaten hatten keine Handschuhe, keine Stiefel, keine Tarnanzüge. Im Dezember 1941 wies die Wehrmachtsführung die Truppe an, sich zur Tarnung in den Schneefeldern „mit Papierwesten aus Krepppapier“ zu behelfen. Warme Kleidung sollten sie sich bei russischen Kriegsgefangenen besorgen, die häufig in Lagern im Freien vegetierten.

Von der Jahreswende 41/42 an, die 45. ID war mittlerweile nach Jelez vorgedrungen, befanden sich Haiders Kameraden auf dem Rückzug vor der Roten Armee – „bitterhart angeschlagen – alles verloren, was wir nicht mittragen konnten“. (Gschöpf) Sie marschierten über verödete Felder und durch Ruinendörfer, die sie auf ihrem Vormarsch selbst abgefackelt hatten. „Tagelang brannte es (…) des Nachts war der Himmel weithin glühend rot“ (Gschöpf).

Für dieses Verbrechen mussten sich nach 1945 einige Angehörige aus Haiders Einheit, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren, vor Gericht verantworten. Im Jänner 1942 war ein Spähtrupp von Haiders Regiment daran beteiligt, dass „kommunistische Agitatoren unschädlich gemacht werden konnten“. In diesem Monat bekam Robert Haider die Ostmedaille verliehen. Erstmals traf Winterausrüstung ein. Ende März 1942 wurde laut Divisionsbericht ein „aus 81 Mitgliedern bestehendes Vernichtungsbataillon gefasst und liquidiert bzw. abgeschoben“ sowie „Partisanen erschossen“.

Im Osten nichts Neues. Nach Anweisung der geheimen Feldpolizei zwei Monate später waren Hinrichtungen „zur Befriedung des Gebietes“ nicht mehr öffentlich, sondern „abseits des Ortes geheim durch Angehörige der Deutschen Wehrmacht durchzuführen“. Auf Anfragen über ihren Verbleib sollte man sagen, sie seien in ein Gefangenenlager transportiert worden. Das zweite Kriegsjahr im Osten verbrachten Haider und seine Kameraden im Stellungskrieg westlich von Orel. Die Zivilbevölkerung, sofern nicht nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert oder in die Feindlinien gejagt, wurde nun von der Truppe zum Schanzen- und Stellungsbau verpflichtet. Die Wehrmacht setzte Bürgermeister ein, die bei ihrem Leben die deutsche Ordnung aufrechterhalten mussten, mithilfe von Knüppelgarden und Feldgendarmerie. Der Kampf gegen die Partisanen war nach einem Aufruf Adolf Hitlers „mit den allerbrutalsten Mitteln zu führen“.

Bei Haiders Einheit stellte der Divisionsstab „zunehmende seelische Belastung“ fest. Das Durchschnittsalter der Soldaten betrug 23,5 Jahre. Die Division war auf ein Drittel ihres ursprünglichen Bestands dezimiert. Eine Gauleiterspende brachte „Weinbrand, Pralinen, Lebkuchen, Zigaretten, Bücher und das Tegernseer Bauerntheater“ an die Front. Den Winter 1942 verbrachten die Männer der 45. ID wochenlang in bitterer Kälte in Erdlöchern und Gräben, um die heranrückende Rote Armee abzuwehren. Robert Haider entkam dem Grabenkoller durch den Besuch eines Offizierlehrgangs in Wiener Neustadt im Februar 1943. Als Fahnenjunker-Feldwebel kam er zurück. In den Untergang. In Stalingrad war die 6. Armee vernichtet worden. Haiders Einheit sprengte Brücken, verminte die Straßen, verseuchte die Brunnen, immer die Russen auf den Fersen. Im Oktober 1943 wurde Robert Haider verwundet und kam in ein Lazarett nach Brünn. Im Dezember war er bereits wieder an der Front.

Anfang des Jahres 1944 wurde er zum Leutnant befördert. Ein ­halbes Jahr später, im Juni 1944, wurde seine Einheit bei Bobruisk vollständig aufgerieben. Nur tausend, unter ihnen Robert Haider, überlebten, schlugen sich zu den deutschen Linien durch und paradierten am 24. Juli als armseliges Häuflein durch die Linzer Innenstadt, vom Gauleiter noch einmal auf den „endgültigen Sieg“ eingeschworen. Robert Haider wurde im November 1944 der 190. Infanterie­division zugeteilt, die im Ruhrkessel vernichtet wurde. Im Februar 1945 heiratete er Dorothea Rupp, ebenfalls eine glühende Nationalsozialistin. Kaum zwei Wochen später, Anfang März 1945, befehligte er schon wieder die „Fallschirmjäger-Kampfgruppe Haider“, wurde verwundet und kämpfte dennoch in den letzten Kriegstagen bei einer Volkssturmeinheit im Böhmerwald.

Im Frühjahr 1945 wurde Robert Haider von den Alliierten verhaftet. Er rechnete mit der Todesstrafe, erzählte einmal ein Freund der Familie. Der Beamte der Entnazifizierungskommission sei im Zuge der Einvernahme jedoch „zur Auffassung gelangt, dass das ein idealistischer Mensch ist“. Haider und seine Frau wurden als „minderbelastet“ eingestuft. Als Sühnemaßnahme mussten Robert Haider und andere NS-Funktionäre die Leichenberge, die von der SS in einer Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen zurückgelassen worden waren, beerdigen. Haider hob in diesen Tagen Massengräber aus. Im Jahr 1995 erklärten Haiders Eltern gegenüber profil, von den Gräueln des Nationalsozialismus hätten sie „nichts gewusst“. Einer Besucherin aus den USA soll Robert Haider im selben Jahr gestanden haben, er „bereue nichts und würde der Sache wieder dienen“. Er starb 2004 im Alter von 89 Jahren.