Wehrmachtsverbrechen bereits 1939:
Kriegstagebücher belegen die Ereignisse

Die deutsche Wehrmacht war schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs an Verbrechen beteiligt. „Ostmärkische“ Soldaten haben in Kriegstagebüchern freimütig Erschießungen von Zivilisten und Verwüstungen in Polen beschrieben. Auf Fotos hielten sie ihr Vorgehen fest: Gefangene, brennende Dörfer, Leichen.

In Breslau war es gegen fünf Uhr Früh, als der 50-jährige Willy Cohn am spätsommerlichen 1. September 1939 aus dem Schlaf hochfuhr. „Es ist immerfort Motorengeräusch in der Luft!“, schrieb er beunruhigt in sein Tagebuch. Am Abend hatte der jüdische Wissenschafter Gewissheit: „Flugplatz von Warschau bombardiert, damit ist der Krieg eine Tatsache. Der Atem könnte einem fortbleiben, wenn man an die Konsequenzen denkt.“1)

Cohn war von der ersten Angriffswelle der deutschen Luftwaffe aufgeschreckt worden: den ersten Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs überhaupt. Sie trafen die polnische Hauptstadt und die grenznahe Kleinstadt Wielun, sie liegt zwischen Breslau und Tschenstochau. Polnische Soldaten hatten sich nicht in Wielun befunden, dennoch wurden zwanzig Tonnen Bomben abgeworfen, sie zerstörten auch das voll belegte Krankenhaus und eine Kirche, in der viele Schutz gesucht hatten: Mehr als eintausend Menschen kamen ums Leben. Der Angriff wurde von der 4. Luftflotte geflogen, ihr Oberbefehlshaber war der Österreicher Alexander Löhr.

Adolf Hitler hatte vor Kriegsbeginn die Spitze der Wehrmacht in vierstündiger Rede auf „brutales Vorgehen“ eingeschworen. Trotz Verbots protokollierte Abwehrchef Wilhelm Canaris Hitlers Forderung nach der „völligen Vernichtung“ Polens: „Herzen verschließen gegen Mitleid. … Größte Härte.“ Der 19-jährige Unteroffizier Bernhard L. aus dem bürgerlichen Wien-Gersthof notierte scheinbar unberührt die Kampfmethode gegen vermeintliche Freischärler: „Einer wird erschossen. Ein Gehöft flammt auf. Es ist Krieg.“

Der „Polenfeldzug“ ging als „Blitzkrieg“ in die Geschichte ein: Warschau ergab sich nach nur vier Wochen am 28. September 1939. Was in den wenigen Tagen tatsächlich passiert ist, wurde von polnischen Gerichten und Historikern in den 1950er Jahren untersucht, im Westen aber als ideologisch motivierte Darstellung abgetan. In Erzählungen der Wehrmachtssoldaten erschien die Eroberung des Landes – verglichen mit dem Krieg gegen die Sowjetunion ab 1941 – als „relativ einfache Unternehmung, nur ein unentwegtes Drauflosmarschieren mit beispiellosem Schwunge“. So schildert es das Heldenepos der Tiroler 2. Gebirgsdivision „Es war ein Edelweiߓ.

Selbst Leni Riefenstahl , Lieblingsfilmerin der NS-Granden, vergaß ganz schnell, was sie in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs erlebt hatte: Während sie für die UFA-Tonwoche in Konskie bei Lodz drehte, schossen etwa fünfzig Wehrmachtssoldaten in eine in Panik geratene Gruppe Juden, die teils mit bloßen Händen Gräber für vier deutsche Gefallene ausheben sollten, 22 Menschen wurden getötet, viele blieben verletzt liegen. Riefenstahl protestierte und beendete die Filmarbeiten. Am 5. Oktober 1939 saß sie bei der Siegesparade der Deutschen in Warschau in der ersten Reihe.

„Ein kurzer Schrei“ . In Polen wurde der Mythos von der „sauberen Wehrmacht“ geboren. Und er wurde auch in der großen Auseinandersetzung mit der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht 1941 –1944“ nicht zerstört: Hitlers erster Krieg kam in der aufsehenerregenden Schau (erstmals gezeigt 1995) nicht vor.

Erschießungen am Krieg völlig Unbeteiligter wie in Konskie waren kein Einzelfall. Hunderte polnische Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt. Genaue Zahlen der in diesen wenigen Wochen so ums Leben Gekommenen lassen sich nicht mehr ermitteln. Sie gehen in die zehntausende. Der deutsche Historiker Jochen Böhler hat aus deutschen und polnischen Quellen jahrelang geforscht und auf hunderten Seiten Gewalttaten aufgelistet. Viele fand er in Kriegstagebüchern wie dem des Tiroler Gebirgsjägers K. Er beschrieb den Tod namenloser „Baumschützen“ knapp: „Hart und hell peitschten unsere Schüsse auf. Ein kurzer Schrei, und alles war vorbei.“ Böhlers Untersuchungen gelten als bahnbrechend und sind Grundlage der großen Dokumentation „Der Überfall“, die in der deutschen ARD gezeigt wird (Ausstrahlung am 18.8.2009).2)

Führende Militärhistoriker wie der Deutsche Manfred Messerschmidt sehen den kurzen Krieg gegen Polen inzwischen als planmäßigen Vernichtungskrieg, der gegen die gesamte Bevölkerung geführt wurde. Das Geschehen war in jedem der beiden Operationsgebiete der Wehrmacht – jenem der Heeresgruppe Nord und der Heeresgruppe Süd – dasselbe: schneller Vormarsch, wenige Gefechte mit der polnischen Armee, aber rücksichtsloses Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung.

Der überwiegende Teil der mindestens 100.000 „ostmärkischen“ Soldaten marschierte am rechten Flügel der Heeresgruppe Süd in Polen ein. Vor allem Gebirgsjäger aus dem Operationsgebiet des XVIII. Armeekorps (Salzburg) haben dutzende Erlebnisberichte, Kriegstagebücher und ganze Fotoserien von ihrem Einsatz in Südpolen hinterlassen. Sie dürften für ein Buch über die Einsätze geplant gewesen sein und befinden sich im Militärarchiv des deutschen Bundesarchivs. Historiker Böhler gegenüber profil: „Ich wusste, dass ich auf etwas stoßen würde. Aber solche Dokumente hatte ich nicht erwartet.“

So beschrieb etwa Leutnant G. vom Stab des Armeekorps die Spur der Verwüstung am 3. September: „Die Vormarschstraßen der Division sind deutlich zu erkennen. … Tote polnische Zivilisten liegen in den bizarrsten Verrenkungen im Acker neben der Straße. Spione und Heckenschützen. Alle sehen hin, bemerke ich, jedoch kaum einer verzieht das Gesicht., Krieg‘ – denkt jeder.“ Am Tag davor hatte der Offizier noch große Nervosität als Grund für panikartige Schießereien ausgemacht: „Die Posten sehen hinter jedem Busch einen Heckenschützen. Es kommt vor, dass ein ganz Nervöser auf seinen Schatten schießt. Und wehe, wenn ein Schuss fällt, dann knallt alles, was Patronen hat.“ Nun plagten ihn beim Anblick der vielen zivilen Opfer keine Zweifel mehr.

Feindbilder. Berichte über Schüsse in den eigenen Reihen, Unsicherheit und vor allem die Vorstellung des überall lauernden hinterhältigen Gegners finden sich in vielen der Kriegstagebücher. Für ihre erste Feindberührung, den Wald- und Ortskampf, waren die in Südpolen eingesetzten Gebirgstruppen unzureichend geschult, die militärische Führung hatte vor Kriegsbeginn Feindbilder geschürt und die abschätzige Haltung gegenüber Slawen und Juden verstärkt. Das Oberkommando der Wehrmacht warnte alle Divisionen vor „Grausamkeiten, Brutalität, Hinterlist und Lüge“ als Kampfmittel der polnischen Bevölkerung. Das Armeeoberkommando gab die Losung aus, Juden seien im besetzten Gebiet als feindlich anzusehen und entsprechend zu behandeln. Die Feindbilder, gepaart mit der polnischen Kampfweise, bei der ihnen der Gegner selten direkt gegenüberstand, erzeugten bei den Soldaten kollektives Misstrauen und einen „Freischärlerwahn“ (Böhler). Versprengte polnische Soldaten wurden entgegen dem Kriegsrecht als „Banditen und Räuber“ erschossen. Uniformen und Munition, von den flüchtenden polnischen Truppen in Dörfern zurückgelassen, reichten, dass Häuser – oft mitsamt den Bewohnern – in Brand gesetzt wurden.

Nach der Haager Landkriegsordnung hätten Freischärler, Angehörige paramilitärischer Formationen, von Standgerichten abgeurteilt werden müssen. Historiker Böhler fand jedoch keinen Namen eines Zivilisten, der mit der Waffe im Kampf gegen die Wehrmacht gefasst worden wäre. Gefreiter Karl F., Aufklärer bei den Gebirgsjägern: „Die Bevölkerung hasst uns fanatisch. Es kommt nicht selten vor, dass aus einem Hause Schüsse auf uns abgefeuert werden. Da wird kurzer Prozess gemacht. Die Strafe ist hart, aber sie muss sein.“

Oberbefehlshaber der 14. Armee war der aus Württemberg stammende Wilhelm List, der das österreichische Bundesheer in die Wehrmacht eingegliedert hatte. In einem Geheimbefehl Lists wird deutlich, was sich im Operationsgebiet seiner Armee Mitte September 1939 abspielte: „Es mehren sich in den letzten Tagen die Meldungen über Disziplinlosigkeiten, Übergriffe und Willkürmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung.“ Der Generaloberst nannte die Dinge beim Namen: „Plünderungen … willkürliche Erschießungen, Misshandlungen Wehrloser, Vergewaltigungen, Niederbrennen von Synagogen.“ Seine Sorge galt nicht der polnischen Bevölkerung, sondern der „Haltung und Disziplin der Truppe“. Nur einen Tag später, am 19. September 1939, sah List sich genötigt, in aller Schärfe darauf hinzuweisen, dass „Maßnahmen gegen die Juden … unbedingt zu unterbleiben“ hätten. Diese Befehle sind Hinweise darauf, dass Wehrmachtssoldaten an Ausschreitungen der SS-Einsatzgruppe beteiligt waren, die Heinrich Himmler in den Bereich der 14. Armee beordert hatte.

Jeder der deutschen Armeen war eine Einsatzgruppe aus Sicherheitspolizei und dem Sicherheitsdienst der SS zugeteilt worden. Generaloberst Franz Halder beschrieb ihre Aufgabe mit „Flurbereinigung: Judentum, Intelligenz, Geistlichkeit, Adel“. Ihren ersten Einsatz führten sie gemeinsam mit der Wehrmacht bei der „Befriedung“ von Bromberg aus. Dort hatten am 3. September zurückdrängende polnische Soldaten in einem Massaker rund dreihundert Angehörige der deutschen Minderheit ermordet: Der „Bromberger Blutsonntag“ wurde von der deutschen Propaganda instrumentalisiert, die Leichen Ermordeter internationalen Journalisten vorgeführt. Einsatzgruppen und Wehrmachtssoldaten verübten in der Folge Massenmorde.

Die Einsatzgruppen waren bald für „Blitzpogrome“ berüchtigt. Insgesamt sind bisher 714 Exekutionen und die Zahl von 16.000 Hingerichteten ermittelt. Wie viele der Exekutionen durch die Wehrmacht und wie viele durch Einsatzgruppen verübt wurden, ist ebenso wenig exakt feststellbar wie der Anteil der jüdischen Opfer.

Im Bereich der 14. Armee initiierten Einsatzgruppen in Przemysl das größte Massaker des Polenkriegs. In zahlreichen Aktionen sollen zwischen 500 und 800 Juden ermordet worden sein. Die Erschießungen dauerten vom 16. bis zum 19. September: Genau in diesen Tagen hatte Oberbefehlshaber List Übergriffe seiner Truppen wie das „Niederbrennen von Synagogen“ angeführt.

„Ostmärkische“ Soldaten dürften sich in diesen Tagen nur noch vereinzelt in Przemysl befunden haben. Im Kriegstagebuch ihrer beiden Armeekorps heißt es am 13. September, der Feind sei weiterhin auf fluchtartigem Rückzug, die Armeen hätten „in Zusammenarbeit“ Przemysl zu nehmen und setzten „mit Masse Vormarsch über San fort“. Zwei Tage später wurden sie beehrt: „Der Führer besuchte heute die Truppen … und sprach Dank und Anerkennung aus.“

Noch vor der Siegesparade in Warschau verfügte Hitler eine Generalamnestie für Taten, die „aus Erbitterung wegen der von den Polen verübten Gräuel“ begangen worden seien.

Willy Cohns Aufzeichnungen von den ersten Kriegsstunden in Breslau und dem Alltag im besetzten Polen rissen am 29. November 1941 mitten im Satz ab. Kurz darauf wurde er mit seiner Frau und zwei Töchtern erschossen.