Wie eine große Kollektion des Wiener Fin de Siècle nach Australien kam

Wie es zwei Frauen aus wohlhabender jüdischer Familie in Wien gelang, 1938 ihre komplette Kunst- und Design-Sammlung des Fin de Siècle nach ­Australien zu bringen: Ein Nachkomme erzählt nun ihre außergewöhnliche Geschichte.

Die Auftritte der neuen Machthaber folgten einem Muster, zielten auf maximale Angsterregung, meist wurden sie nachts absolviert. Käthe Gallia, 38 Jahre alt, alleinstehend, reagierte auf das Sturmläuten, als hätte sie Nerven aus Stahl: Sie öffnete, sah einen Mann in schwarzer Uniform sowie einen in Zivil – und rief die Polizei. Der herbeigeeilte Ordnungshüter aber unterstützte seine Kollegen von SS und Gestapo eilfertig bei Hausdurchsuchung und Abtransport der Frau, die mit ihrem Hausmädchen ins Gestapo-Hauptquartier gebracht wurde. Gegen die Art der Verhaftung protestierte Gallia beim Wiener NS-Gauleiter Josef Bürckel. Sie habe einen Überfall befürchtet, „die schwarze SS-Uniform war für uns Wiener damals neu und fremd“. Für das Erpressungsgeschäft der Gestapo – Vermögensverzicht gegen Ausreisegenehmigung – schien sie leichte Beute zu sein: All ihr wertvoller Schmuck sowie ihre Wertpapiere hatten sich in ihrer Wohnung befunden. Die Schrulle, nicht auf Banksafes zu vertrauen, war Familientradition: Schon Doyen Moriz Gallia, der im boomenden Geschäft mit Gasbeleuchtung um 1900 zu Reichtum gekommen war, hatte in seinen von Josef Hoffmann als „Gesamtkunstwerk“ entworfenen Räumlichkeiten zwei Geldschränke stehen gehabt.

Der Name der Familie findet sich in Österreich nur noch im knallroten Fauteuil mit der Bezeichnung „Villa Gallia“: Der exquisite Hoffmann-Entwurf wird heute von den Möbelwerkstätten Wittmann reproduziert. Die außergewöhnliche Geschichte der Gallias ist so unbekannt wie das Meisterstück, das zwei Frauen dieser Familie gelungen ist: Sie brachten die bedeutende Privatsammlung an Kunst und Design des Fin de Siècle aus dem nationalsozialistischen Österreich in Sicherheit. Auf das Familienpalais hatten Käthe und Grete Gallia „freiwillig“ verzichtet, nicht jedoch auf sein Interieur. Nach perfekter Planung bestiegen sie Ende 1938 mit Gretls 16-jähriger Tochter Annelore einen Ozeandampfer Richtung Australien und gaben zeitgleich Order, ihre Container auf den Seeweg zu bringen. In Sydney waren Möbelpacker drei Tage lang damit beschäftigt, das Mobiliar in der neuen Bleibe der Damen unterzubringen.

„30 Jahre lang gab es keine vergleichbare Wohnung weltweit, auch nicht in Wien“, schreibt der in Australien geborene Nachkomme der Gallias, Historiker und Umweltanwalt Tim Bonyhady, nun in seinem Buch „Wohllebengasse. Die Geschichte meiner Wiener Familie.“*

Nach dem feinen Werk „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (Zsolnay, 2011; siehe auch profil 34/2011), das Ephrussi-Nachfahre Edmund de Waal über die einst berühmte Bankiersdynastie verfasst hat, ist Bonyhadys Buch über die Gallias das zweite einer neuen Form der Dokumentation. Beide Autoren kommen aus der dritten Generation nach der großen Auslöschung, beide hatten „keine sepiagetönte Familiensaga im Sinn“ (de Waal). Der in Großbritannien lebende Keramikkünstler Edmund de Waal, 49, schreibt an einer Stelle, er habe natürlich gewusst, dass seine Verwandten Juden und atemberaubend reich gewesen waren. Nostalgie über den verlorenen Glanz stehe ihm aber nicht zu. Er habe vielmehr spüren wollen, wie es sich anfühlte hinter den perfekten Fassaden, die assimilierte Juden in Wien errichtet hatten. Tim Bonyhady, 56, ist direkt in der sonderbaren Schatzkiste aufgewachsen, die eine mit Silber, Glas und Mobiliar der Wiener Jahrhundertwende vollgestopfte Wohnung down under darstellte.

Bonyhady hat eine enorme Fülle an Eindrücken und persönlichen Dokumenten zur Hand, mit denen er hinter die Kulissen der schönen Dinge führt. Aufhebens um das spektakuläre Erbe habe die Familie in Australien nie gemacht, erinnert er sich. Im Gegenteil. „Es sind riesige Dinger, sehr schwer sauber zu halten. Nun, wir haben das ganze Zeug hier“, schilderte Bonyhadys Mutter Anne die Interieurs 1947 einem Wiener Freund. Wenn nötig, wurden die Stücke angepasst. Bonyhady: „Ich wusste nicht, dass der Küchentisch, den Gretl und Käthe mit einer roten Laminatoberfläche versehen und weiß gestrichen hatten, zu einer weiß-goldenen Hoffmann-Garnitur gehört hatte.“ Erzählungen über das Vergangene waren tabu: „Wir sollten so australisch wie möglich aufwachsen.“

Ihrer Herkunft stand Anne Gallia zeitlebens höchst ambivalent gegenüber: „Jüdin zu sein, hätte ich mir sicher nicht ausgesucht. Es wäre besser für mich gewesen, wären wir weniger reich und deswegen weniger isoliert gewesen.“

Unter extremem Druck, sich der australischen Gesellschaft anzupassen, waren die Gallias peinlich bemüht, möglichst unauffällig zu leben. Ab Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden sie als „feindliche Ausländer“ überwacht, einen Job zu finden war selbst für die promovierte Chemikerin Käthe Gallia schwierig. Vom mitgebrachten Mobiliar wurden nur zwei Stühle verkauft. Einer davon, ein prächtiges Objekt der klassizistischen Hoffmann-Phase, ist beim belgischen Händler Yves Macaux aufgetaucht, er ist Spezialist für Objekte der Secession.

Das silbrige Klimt-Porträt von Hermine Gallia, das 1903 in der Wiener Secession präsentiert worden war, bedeutete für die Familie am anderen Ende der Welt einen hohen emotionellen Wert. Hermine Gallia hatte das Haus in der Wohllebengasse großzügig, doch mit eher strengem Regiment geführt. Tim Bonyhady zeichnet mit ihren Theater- und Tagebuchnotizen en detail nach, welchem Kunstgeschmack die Mäzene der Moderne tatsächlich frönten: „In vieler Hinsicht waren sie doch Geschöpfe der Konven-
tion und Nachläufer einer Mode.“ Mit Gustav Mahler war man in persönlichem Kontakt, die große Liebe galt jedoch Richard Wagner: 1912 reiste die ganze Familie zu den Festspielen nach Bayreuth. Nach einem Opernabend in Wien notierte Hermine über eine Aufführung des von Wagner heftig attackierten Giacomo Meyerbeer, die Oper sei sehr schön, sie habe aber „für jüdische Musik nichts übrig“. Ihr Bemühen, alles Jüdische abzustreifen, um dazuzugehören, war groß. Und wurde oft nur mit Verachtung gestraft. Alma Mahler notierte über die erste Einladung bei Hermine und Moriz: „Abends bei Gallia. Kaviar, Champagner und ein feistes Judenpaar.“

Anfang der 1960er-Jahre wurde den Gallias bewusst, dass das Klimt-Porträt ihr bedeutendster materieller Wert war: Neben anderen hatte damals das Museum of Modern Art in New York Klimt angekauft. Für Käthe Gallia war das der Moment, Australien ihre große Dankbarkeit zu zeigen. Sie bot das Gemälde der spektakulär über dem Hafen von Sydney situierten Art Gallery of New South Wales, als Geschenk an. Doch deren Direktor lehnte die Annahme mit der überraschenden Begründung ab, die Besucher seines Museums hätten daran kein Interesse. Als das Bild 1976 in London zur Auktion gebracht wurde, zeigte sich die Kunstwelt verblüfft; das Werk hatte als verloren gegolten.

Anne Gallia-Bonyhady reiste in diesen Jahren immer wieder auch nach Österreich. Das Haus in der Wohllebengasse 4 war 1950 an die Familie rückgestellt und von ihr verkauft worden. Da die Immobilie in der sowjetischen Zone lag, war der Verkaufspreis niedrig gewesen. In das Haus wagte sich die Enkelin des Gründers erst bei ihrem zweiten Wien-Besuch und bemerkte dabei, dass viele Hoffmann-Türklinken fehlten. Die Gallia-Villa in Altaussee, 1940 beschlagnahmt, war knapp vor Kriegsende an Private verkauft worden. Sie hatten mit der ursprünglichen Enteignung nichts zu tun gehabt – und blieben damit Besitzer. Hier fand Anne Gallia-Bonyhady das gesamte Interieur unverändert, bekam sogar einige Porzellanstücke mit auf den Weg und notierte: „Mission accomplished“. In der Weihnachtspost fand sie dann eine Wachspuppe aus der Altausseer Villa. Tim Bonyhady: „Das war die einzige echte Restitution durch Österreich.“

Hochinteressanten Aufschluss gibt das neue Buch, was den Ankauf einiger Bilder aus der Sammlung Gallia durch Rudolf Leopold betrifft. Diethard Leopold, nunmehriger Vorstand im Leopold Museum, hat den Kontakt mit den Gallias in der Biografie seines Vaters denkbar abschätzig beschrieben. Eines Tages sei eine Dame in den besten Jahren mit Rucksack, Dirndl und Haferlschuhen aufgetaucht und habe einen Schiele angeboten: „Die Frau mit dem ungarischen Namen Bonyhady war eine Wiener Jüdin, die im Exil in Australien lebte.“ Das Schiele-Blatt habe sich als falsch aquarelliert erwiesen, mitgebrachte Fotos unter anderem von Bildern Emil Jakob Schindlers aber hätten Leopolds Interesse erregt. Er flog nach Australien, wohnte sogar bei Anne Gallia-Bonyhady, schloss eine Kaufvereinbarung mit ihr ab. Warum die Frau davon plötzlich Abstand nahm, erklärten die Leopolds allen Ernstes mit enttäuschten erotischen Avancen. Die Biografie wörtlich: „Nach Einschätzung meines Vaters war es ein Fehler, ihre Annäherungsversuche nicht weiter zu beachten.“ Es sei dann zu einem Prozess vor einem australischen Gericht gekommen, „das meinem Vater Recht gab“, so Diethard Leopold in der Biografie.

Laut Tim Bonyhady war es jedoch Leopold, der drängte – und zwar auf den Verkauf von zehn Bildern, unter anderem zwei von Carl Moll. Leopold sollte sie erst nach Bezahlung ausgehändigt bekommen, womit er erst einverstanden war – und dann dagegen vor Gericht zog. Anders als Diethard Leopold behauptet, habe das Verfahren mit einem Vergleich geendet und der Sammler habe sich bereit erklärt, den Kaufpreis um ein Viertel zu erhöhen.

Ein Schachzug Rudolf Leopolds während seines Besuchs in Sydney ist dagegen unbestritten. Der Wiener Sammler hatte in der Gallia-Wohnung ein Telefonat des englischen Kunsthändlers Wolfgang Fischer entgegengenommen, der die Bilder ebenfalls erwerben wollte. Um ihn auszubooten, hatte Leopold die Frage des Konkurrenten, ob er der Sohn des Hauses sei, bejaht. Als die „New York Times“ 1997 zum ersten Mal über die „Affäre Wally“ und Leopolds Vorgangsweise beim Bildererwerb berichtete, gab der britische Kunsthändler die Episode aus Sydney wieder. Entschuldigt hat sich Leopold bei Anne Gallia-Bonyhady für diese Hinterlist nie.