Wie die Mölker Bastei zum Spottpreis verscherbelt wurde

Das Innenministerium ­verscherbelt ein Top-Grundstück um 15.000 Euro. Begründung: kein Nutzwert. Tatsächlich existierten ­konkrete Verwertungspläne, welche die Immobilie ­äußerst attraktiv machen.

Auch im harten Businessleben muss Spaß sein. „Ich habe damals mehr oder weniger aus Jux und Tollerei ein Angebot gelegt und habe selbst nicht damit gerechnet, dass das angenommen wird“, sagte der Unternehmer Bernhard Chwatal vergangene Woche gegenüber der Austria Presse Agentur. Das angebliche Scherzgebot aus dem Jahr 2008 betraf zwei Grundstücke – insgesamt knapp über 1000 Quadratmeter – an der Mölker Bastei, in bester Wiener Innenstadtlage mit Blick auf die Universität. Um den Juxpreis von 15.000 Euro erwarb Chwatal schließlich die Liegenschaft vom Eigentümer: dem Wiener Stadterweiterungsfonds, gegründet 1857 mit kaiserlichem Handschreiben von Franz Josef I. zur Finanzierung der Anbindung der Vorstädte. Auch wenn der Name anderes insinuiert – wie zu Kaisers Zeiten untersteht der Fonds nicht der Stadt Wien, sondern dem seit 2000 schwarz regierten Innenministerium.

Als profil in der vergangenen Woche über das Immo-Schnäppchen berichtete , war die Aufregung groß. Kein Wunder: Offizieller Käufer war ein Unternehmen des Anwalts Michael Lentsch, Sohn der früheren ÖVP-Abgeordneten Edeltraud Lentsch. Er habe das Grundstück als Treuhänder für Chwatal erworben, so Lentsch, mit der ÖVP habe das nichts zu tun. Auch Chwatal wies allfällige Unregelmäßigkeiten zurück: „Sie können mit dem Grundstück genau nichts machen.“

So pessimistisch war Chwatal nicht immer. Und auch die Geschäftsführung des Stadterweiterungsfonds ging fix von einer profitablen Nutzungsmöglichkeit aus. Wie profil-Recherchen belegen, gab es zum Zeitpunkt des Verkaufs im Jahre 2008 konkrete Ideen zur Nutzung des Areals. Mehr noch: profil liegen vom Stadterweiterungsfonds in Auftrag gegebene Architektenpläne vor, wie man die steilen Wiesen an der Mölker Bastei unterkellern und als Nobelgaststätte nutzen könnte. Gerüchteweise war auch von einem Nachtklub oder einem Beethoven-Historyland für Touristen die Rede: Oben auf der Bastei steht immer noch das Haus, in dem der Meister seine wichtigsten Symphonien komponierte.

Entsprechend hoch setzte der Stadterweiterungsfonds den Wert des Areals an. Dies belegt ein Gutachten vom Jänner 2006, das der Fonds selbst in Auftrag gegeben hatte, um Preis und Verwendungsmöglichkeiten der beiden Grundstücke an der Mölker Bastei bestimmen zu lassen. Das Ergebnis: Die Liegenschaft könne um 670.000 Euro an einen privaten Investor verkauft werden, der „temporäre Gastronomie- und Freizeiteinrichtungen plant“.

Verkaufsabsichten

Im Juli 2006 bot der Stadterweiterungsfonds schließlich Anrainern die Grundstücke zum Kauf an. Kurz darauf, am 4. August 2006, wurde der Grünstreifen in der englischsprachigen Tageszeitung „International Herald Tribune“ um eine Million Euro feilgeboten. In österreichischen Medien schaltete man keine Inserate, was der Rechnungshof in einem aktuellen Bericht zum Stadterweiterungsfonds vom Mai 2013 kritisiert: „Bei Liegenschaftsverkäufen sollte eine möglichst breite Interessentensuche durchgeführt werden.“ Der frühere Fonds-Geschäftsführer Alexander Janda verteidigt die Strategie: „In Österreich war es umfassend bekannt, dass es Verkaufsabsichten gab.“

Die Stadt Wien hatte schon seit Jahren Interesse an der Mölker Bastei gezeigt. Einziges Hindernis: die hohe Summe, die der Stadterweiterungsfonds auf Basis seines eigenen Gutachtens verlangte.
Warum also verschleuderte der Fonds die Liegenschaft schließlich zum Okkasionspreis von 15.000 Euro? Allein das Gutachten war mit 41.000 Euro fast drei Mal so teuer.

„15.000 Euro besser als null.”
Die Erklärung Jandas: „Wir konnten keinen anderen Käufer finden. Die Bebauung wäre nur für die Stadt Wien interessant gewesen, da sie die Flächen umwidmen hätte können. Die Stadt aber wollte die Liegenschaft immer geschenkt. 15.000 Euro waren besser als null.“

Patricia Davis von den Grünen Innere Stadt entgegnet: „Um dieses Geld hätte die Stadt das Grundstück sicher gekauft.“ Auch der Rechnungshof kritisierte den Deal. Man hätte der Stadt Wien „in Anbetracht des historischen Werts der Liegenschaft“ ein Vorkaufsrecht zum gebotenen Preis einräumen müssen.

Auch der Grüne Nationalratsabgeordnete Werner Kogler, der vergangene Woche eine parlamentarische Anfrage zur Mölker Bastei einbrachte, kann nicht so recht glauben, dass ein Unternehmer nur zum Spaß und nicht aus Profitsinn einen Immodeal abschließt: „Man witterte hier mit Sicherheit ein großes Geschäft.“

Liegenschaftseigentümer Chwatal nützte die öffentliche Aufmerksamkeit vergangene Woche via Austria Presse Agentur für ein verbales Verkaufsangebot: „Ich bin gerne bereit, die Liegenschaft zu verkaufen. Wenn irgendjemand nur annähernd bereit ist, den Preis zu bieten, der in diesem Gutachten genannt wird, kann er das sofort haben.“

Dann würde aus dem Jux doch noch ein hochprofitables Geschäft werden.