Entfleuchgebiete: Europa kämpft mit Abwanderung

Die Mehrheit der Österreicher ist überzeugt, das Land braucht Fachkräfte aus dem Ausland: so das Ergebnis ­einer Bertelsmann-Studie, die profil exklusiv vorliegt.

Der deutsche Kardinal, der britische Twitter-Manager, der russische Industrieexperte, die indische Prinzessin, der Ökonomie-Professor, die Sopranistin, die Ex-Ministerin, die EU-Kommissarin, die Konzernlenker und Trendforscher, mehr als zwei Dutzend herausragende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, hatten sich im lichtdurchfluteten Konferenzraum des Salzburger Mozarteums eingefunden, um eine ernste Frage zu erörtern. Schonungslos und offen.

Europa kommen die Denker abhanden, die mit Gold nicht aufzuwiegenden Talente, die für gesellschaftliche Erneuerung und wirtschaftlichen Erfolg sorgen, die Macher und Produzenten, ja sogar die Arbeiter. Und als wäre das nicht schlimm genug, kippt auch noch fähiges Personal aus dem Erwerbsleben, weil einst nachgefragte Qualifikationen auf einmal nicht mehr nachgefragt werden.

Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel lud zum „Salzburger Trilog“, eine Art Colloquium, das er 2002 gründete und vergangenen Freitag zum zwölften Mal einberief. Dieses Mal ging es um den globalen Wettstreit um Begabungen, von Fabriksarbeitern ebenso wie von Spitzenforscher und – nicht zuletzt – um die Fähigkeiten jener Zuwanderer, die schon im Land leben, aber am Arbeitsmarkt weit unter ihrem Wert geschlagen werden. „Wir verschwenden sie!“, rief ein Teilnehmer in die Runde.
Der Wohlstand der Nationen hänge künftig von zwei Faktoren ab: Zuwanderung und Bildung, darüber war man sich einig. Finanziert wird der Salzburger Trilog von der 1977 gegründeten Bertelsmann Stiftung, die drei Viertel des Aktienkapitals am gleichnamigen Medienkonzern hält und sich als konservative Ideenfabrik sieht: Unternehmergeist und bürgerliches Engagement sollen die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben, der Staat aber soll sich nach Möglichkeit heraushalten.

Flächendeckende Kinderbetreuung
Ganz ohne die öffentliche Hand geht es schon deshalb nicht, weil prosperierende Volkswirtschaften nur mit einer hohen Frauenerwerbsquote denkbar sind. Es braucht also – quer durch Europa – flächendeckende Kinderbetreuung. Laut einer Hochrechnung der Unternehmensberatung Boston Consulting Group soll im Amerika des Jahres 2030 ein 25-Millionen-Heer an Arbeitskräften fehlen, im westlichen Europa gehen dann 45 Millionen ab – so viele, wie im heutigen Deutschland Menschen arbeiten.

Sinkende Geburtenraten, längere Ausbildungswege und steigende Lebenserwartung lassen – bei gleichbleibendem Pensionsantrittsalter – den Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung zwangsläufig schrumpfen. In diese Zwickmühle geraten irgendwann sogar aufstrebende Volkswirtschaften wie China und die boomenden Ökonomien Afrikas, allerdings ein halbes Jahrhundert später, sagen Prognosen. Bis dahin haben Schwellenländer rund um den Globus Zeit, am Beispiel Europa zu studieren, wie es mit dem Schwinden der Jugend und der Innovationskraft umgeht.

Migrationsforscher haben ausgerechnet, dass 60 Prozent der globalen Bevölkerung in Ländern leben, in denen nicht genug Kinder auf die Welt kommen, um die Bevölkerung stabil zu halten. Die Bertelsmann Stiftung gab nun eine Umfrage in Auftrag, für die 500 Österreicherinnen und Österreicher befragt wurden. Zwei Drittel von ihnen sind überzeugt, dass dem Land künftig „viele“ Fachkräfte abhandenkommen, nur 25 Prozent glauben das nicht. Die größte Lücke wird in der Altenpflege und im Gesundheitssektor befürchtet, gefolgt vom Bereich Elek-trotechnik und Maschinenbau.

Dass Österreich mit anderen hochentwickelten Ländern um Nachwuchskräfte rittert, hat sich bei 67 Prozent herumgesprochen. Doch meinen drei von vier Befragten, ihr Land sei für Spitzenleute eine lockende Destination. Steigern ließe sich die Attraktivität noch durch gezielte Sprachförderung im Kindergarten, wie 61 Prozent meinen. Fast ebenso viele halten eine vereinfachte Anerkennung von Berufsabschlüssen und Uni-Diplomen für sinnvoll, 58 Prozent möchten Familienangehörigen den Zugang zum Arbeitsmarkt ebnen. Ein „effektiver Schutz vor Diskriminierung“ ist bloß noch jedem zweiten ein Anliegen, den schnellen Erwerb der Staatsbürgerschaft halten nur 36 Prozent für wichtig.
Wie sehr der Globus in Bewegung geraten ist, zeigt die weltweite UN-Wanderungsstatistik. In den 1990er-Jahren wies sie noch 156 Millionen Menschen aus, 2010 waren es 214 Millionen. Wohin wollen die Menschen? Um die Traumdestinationen zu finden, muss man bloß den Talentiertesten folgen, jenen, die es sich aussuchen können. Zu den Abwanderungsgebieten weisen die Geldflüsse von Emigranten an ihre Angehörigen zu Hause. Laut Weltbank überweisen ausgewanderte Portugiesen inzwischen mehr an die Daheimgebliebenen, als brasilianische Einwanderer in Portugal verdienen. Weltweit betragen die sogenannten „remittances“ inzwischen 500 Milliarden Dollar, in machen Ländern – etwa Nigeria – tragen sie bis zu 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.
UN-Bevölkerungsexperten zeichneten eine Karte der erdumspannenden Migrationsbewegungen für die Jahrzehnte 2010 bis 2050. Die Top-5-Destinationen der Zukunft waren – noch vor der Wirtschaftskrise – USA, Kanada, Spanien, Italien und Großbritannien, während aus China, Indien, Mexiko, Pakistan, Indonesien, Philippinen und Bangladesch besonders viele Menschen weg wollen. In der Finanz- und Wirtschaftskrise änderte sich das. Selbst in Ländern wie Frankreich, historisch ein Einwanderungsland für Südeuropäer und Afrikaner, fragt sich die Öffentlichkeit seit 2008 besorgt, wie der Exodus der Jungen zu stoppen ist. Laut Umfragen sieht bis zu einem Viertel der Uni-Abgänger in Kanada, Amerika oder Australien bessere berufliche Chancen als zu Hause.

„Neue Ära“
Migrationsforscher sprechen von einer „neuen Ära“. Bei den jungen Spaniern mit Uni-Abschluss verlässt die Hälfte das Land, vor allem Richtung Südamerika, Kanada oder Deutschland. Portugal, seit jeher Kummer mit Auswanderung gewöhnt, verliert seit der Krise mehr denn je gut ausgebildete Leute an ehemalige Kolonien wie Angola, wo die Wirtschaft im Vorjahr um zehn Prozent wuchs. An der europäischen Peripherie entvölkern sich ganze Dörfer. Die Gesundheitsversorgung leidet. Rumänien büßte im Vorjahr vier Prozent der Ärzteschaft durch Emigration ein. Auch in Griechenland suchen Spitzenkräfte das Weite. Laut einer Studie der Universität Thessaloniki zogen in den vergangenen drei Jahren 120.000 Akademiker weg. Das Gros der ausgewanderten Forscher ließ sich zwar in Europa nieder, doch nicht wenige zog es, wie ihre Vorfahren in den 1930er-Jahren, nach Amerika und Australien.
Ob sie zurückkommen, wenn sich die Lage in ihrer Heimat bessert, ist fraglich. Optimistische Szenarien gehen von einer temporären Mobilität aus, pessimistische zeichnen das Bild einer dauerhaften Emigration, zumal sich Schwellenländer wie Brasilien oder die Türkei, aber auch afrikanische Boom-Regionen wie Botswana oder Uganda, um die gut ausgebildeten Europäer reißen. Dort scheitern Neuankömmlinge mitunter an denselben Hürden wie Einwanderer nach Europa, etwa an Bürokratie oder einem Bildungssystem, in das ihre Zeugnisse und Abschlüsse nicht hineinpassen.
Kurioserweise ist das eine Chance im globalen Wettstreit um die besten Köpfe. Staaten, Unternehmen und Kultureinrichtungen können Zuwanderern signalisieren, willkommen zu sein oder ihnen das Leben schwer machen. Einwanderungsländer wie Kanada oder Australien haben Übung darin, gut ausgebildete Fachkräfte zu holen. Als zehntausende Menschen während der Balkankriege nach Österreich flüchteten, streiften bald Abgesandte der kanadischen Regierung durch die Notquartiere, suchten junge und gut ausgebildete Menschen heraus und gaben ihnen eine langfristige Perspektive für Arbeit und Aufenthalt.

Im Vergleich dazu plagen sich Deutschland oder Österreich damit, Talente zu halten und neue anzuwerben, warnt ein aktueller Bericht der Unternehmensberatergruppe Boston Consulting. Die Länder würden daher – neben Japan, Polen und Russland – künftig besonders unter Arbeitskraftengpässen leiden. Am Ende – das war das Fazit der Salzburger Runde vergangene Woche – gibt es in einem „Krieg“ um die besten Köpfe zu viele Verlierer: Die Spitzenforscher, Ärzte und Pfleger, die ein Land anlockt, fehlen in einem anderen. Es brauche einen „fair deal on talent“, so die Trilog-Teilnehmer, oder – wie der scheidende WTO-Chef Pascal Lamy es im profil-Gespräch formulierte – „globale Regeln für Migration, so wie für Güter und Dienstleistungen“.