Erziehungslagerdenken

In Wiener Heimen wurden Kinder mit Nazi-Methoden gequält. Ehemalige NS-Pädagogen machten auch nach 1945 in der Jugendwohlfahrt Karriere.

Die Berichte ehemaliger Heimkinder gleichen sich so sehr, dass man von einem allgemein akzeptierten Ungeist in der Jugendwohlfahrt, selbst im Roten Wien, ausgehen muss: Lagermentalität, körperliche Gewalt, Kollektivstrafen, Kapo-System, Demütigungsrituale und sadistischer Sexualmissbrauch. Immer wieder hört der Zeithistoriker Reinhard Sieder, der im Auftrag der Stadt Wien das Geschehen in Wiener Erziehungsheimen wissenschaftlich dokumentiert, von Erziehern, die in militärischer Adjustierung und Kommandosprache die Kinder quälten, von Erzieherinnen, die sich barbarische Gemeinheiten einfielen ließen, von psychologischen Gutachtern, die sich der NS-Erbtheorie und der Sprache des so genannten Dritten Reichs bedienten. Nicht in allen Wiener Heimen gab es Anklänge an das NS-Regime, doch in den großen Anstalten für schwer Erziehbare oder "Verwahrloste“, wie es im Amtsjargon hieß, in denen ein Gutteil der Erzieher nur in einem Schnellkurs ausgebildet worden war, herrschte offenbar dieser Geist. Ehemalige Heiminsassen am Wilhelminenberg erinnern sich, dass man ihnen drohte, wenn sie nicht gehorchten, kämen sie auf den "Spiegelgrund“.

Das Erziehungsheim und die Euthanasiestation für behinderte und "asoziale“ Kinder "Am Spiegelgrund“, in der 772 Kinder ermordet wurden, war 1945 geschlossen worden. Doch der ehemalige Leiter der Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund“, Hans Krenek, setzte seine Karriere fort: als Pädagoge der Stadt Wien.

1942 hatte Heimleiter Krenek die Selektionsfunktion seiner Anstalt so definiert, dass "alle psychisch auffallenden Kinder und Jugendlichen“ zu begutachten, entsprechend einzuweisen und die Fälle wissenschaftlich auszuwerten seien. Seine Erziehungsmethoden beschrieb er als "Zucht, strenge Disziplin, lückenlose Beschäftigungstherapie und ganz besonders Pflege des Gemeinschaftssinnes“.

Krenek wechselte umstandslos in die neuen Zeiten.
Schon im Frühjahr 1946 veröffentlichte er einen Erziehungsratgeber ("Unser Kind“). Eltern "nervöser“ Kinder wird darin eine harte Hand empfohlen. Die Jugend sieht er gefährdet durch "Arbeitsunlust und sexuelle Verwirrungen“.

Der Autor sei "nicht nur als Fachmann berufen“, er schöpfe "ganz und gar aus dem Leben“; er sei "ein österreichischer Mensch im besten Sinn des Wortes, ein echter Wiener“, wird Krenek in der Einleitung gehuldigt. Verfasst hatte es ein Kinderarzt namens Alfred Refs, der im NS-Regime selbst an einer Schlüsselstelle für die Selektion von Säuglingen tätig gewesen war.

In den zwanziger Jahren war Krenek Sozialdemokrat, in den Dreißigern Mitglied der katholischen "Vaterländischen Front“, dann Nationalsozialist und nach 1945 Mitglied des Bundes Sozialistischer Akademiker und der SPÖ. Von der Ermordung der Kinder habe er nichts gewusst, sagte Krenek als Zeuge im "Spiegelgrund“-Prozess im Jahr 1946. In seinem Innersten sei er immer ein Sozialist geblieben.

In den ersten Nachkriegsjahren fand Krenek als Buchhalter in Diensten der Stadt Wien Verwendung. Im April 1954 wurde er mit der Leitung der Referats der Wiener Jugendfürsorgeanstalten betraut, 1961 war er Direktor der städtischen Lehrlingsheime, 1966 wurde er mit dem "Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich“ ausgezeichnet. Er starb kurz vor der Verleihung.

Krenek ist nur ein Beispiel für NS-Kontinuitäten im Erziehungssystem. Ärzte, Erzieher und Fürsorger wurden blitzschnell wieder zu kreuzbraven und angepassten Rädchen im System, unterstützt von jüngeren Erziehern, die an NS-Anstalten ausgebildet worden waren, und einer erschreckend großen Anzahl an Personal, das - die Regelung galt bis 1962 - nur einen Sechswochenkurs absolviert hatte. Aus einer Befragung von Heimerziehern Anfang der siebziger Jahre geht hervor, dass ein Gutteil der Erzieher vorher in ihren Schulkarrieren und angelernten Berufen gescheitert war und sich in die Sicherheit einer beamteten Anstellung geflüchtet hatte. "Man kann annehmen, dass der Heimerzieherberuf zum Zeitpunkt persönlicher Krisen begonnen wird und dass es sich um eine psychisch und gesellschaftlich verunsicherte Personengruppe handelt“, schreiben die Autoren der Studie.

Die maßgebliche Stimme bei der Einweisung in ein Erziehungsheim war die Fürsorgerin. Aus Personalnot wurden Ende 1945 auch NS-belastete Fürsorgerinnen wieder ins Amt geholt, der Personalstand verdreifachte sich innerhalb weniger Monate. In kirchlichen und privaten Heimen kontrollierten Fürsorgerinnen weiterhin die eingewiesenen Kinder, in öffentlichen Heimen durften sie das nicht.

In den psychologischen Gutachten dieser Jahre herrschte der Geist der NS-Zeit und das Konzept der "endogenen Assozialität“ ungebrochen. "Man vermutete Vererbungsfaktoren, die für die Schwierigkeiten der Kinder verantwortlich waren“, sagt der Historiker Reinhard Sieder, der die Erzählungen der Heimopfer mit den Akten der Jugendwohlfahrt vergleicht.

Sexuelle Übergriffe, Prügelstrafen werden in diesen Akten nie erwähnt. Auch keine Anzeigen. Verletzungen der Kinder werden meist mit Unfällen bei Sport und Spiel oder beim "Entweichen“ des Zöglings, so der Fluchtversuch im Amtsdeutsch, begründet.

Nach einem guten Dutzend ausgewerteter Berichte ehemaliger Heiminsassen, hinter denen Hunderte andere, ähnlich gelagerte Fälle stehen, die sich bei der Opferorganisation "Weißer Ring“ oder beim FPÖ-nahen Anwalt Johannes Öhlböck gemeldet haben, tut sich ein Kosmos des Grauens auf. In Heimen, die den Ruf hatten, dass es dort hart zugehe, gehörten körperliche Gewalt, Demütigung, Verhöhnung und kollektive Strafaktionen, die den Zusammenhalt der Kinder brechen sollten und rituelle Selbstbestrafungsaktionen beförderten, zur Normalität. Sexueller Missbrauch, oft verbunden mit sadistischem Lustgewinn, häufte sich in den fünfziger und sechziger Jahren.

Bei männlichen Erziehern sind Erfahrungen in einer Sondereinheit zu vermuten. Es wird von einem Erzieher in einem Bubenheim berichtet, der in schwarzen Stiefeln mit Reitgerte auftrat und die Zöglinge beim Duschen für angebliches Onanieren mit Schlägen auf den Penis bestrafte. Unter dem Titel "Hasenjagd“ soll er die Kinder im Park vor sich hergetrieben und ihre nackten Waden gepeitscht haben. In kirchlichen Heimen führte das Tabu der Sexualität zu grotesken bis grausamen Vorfällen. Nach Akten des Jugendamts durften Buben auf Anweisung der Schwester Oberin nur in Unterhose in die Badewanne steigen, weil sie sonst zur Onanie angestiftet werden könnten. Ebenfalls in einem kirchlichen Heim soll ein Mädchen von einer Schwester mit einem Besenstil penetriert worden sein.

Berichte von sexuellem Missbrauch in städtischen Heimen sind so häufig und in manchen Details so übereinstimmend, dass man sie ernst nehmen muss.

Es gab Kinder, die Stärke daraus bezogen, die Misshandlungen stoisch zu ertragen, keine Regung zu zeigen, keine Tränen. Andere flüchteten aus den Heimen, glitten in die Kleinkriminalität ab und kamen in immer "schärfere“ Anstalten.

Die Kommission, die Sieder leitet, hat nicht den Auftrag, Täterforschung zu betreiben, sondern den Leidensweg der Opfer zu dokumentieren. Dennoch erhebt sich die Frage, warum dies im Einflussbereich der Gemeinde Wien möglich war? "Wer immer davon wusste oder nichts wissen wollte - nach vorläufigem Wissensstand gibt es eine institutionelle Schuld. Das System hat keine Kontrolle organisiert“, sagt Sieder.

Anzeigen gegen ehemalige Erzieher wurden wegen Verjährung zurückgelegt.