„Will mich nicht zur Ruhe setzen“ - Anneliese Rohrer über ihre Zwangspensionierung

Anneliese Rohrer, 59 Die gebürtige Kärntnerin kam 1974 zur „Presse“, leitete ab 1987 das Innenpolitik-Ressort und übernahm Anfang 2001 die Leitung der Außenpolitik. Rohrer gilt als eine der profiliertesten Journalistinnen Österreichs; bekannt wurde sie auch durch zahlreiche Auftritte in Diskussionssendungen des ORF. 2003 wurde sie mit dem von der „Kleinen Zeitung“ und der Journalistengewerkschaft vergebenen Kurt-Vorhofer-Preis für Politikjournalismus ausgezeichnet.

profil: Nach 30 Jahren als Redakteurin bei der „Presse“ sind Sie mit 31. März gekündigt worden. Wie lautet die Begründung?
Rohrer: Wegen Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters. Ich werde im September 60 Jahre alt.
profil: Es heißt, die Kündigung wurde ausgesprochen, weil Sie sich gegen die Pensionierung gesträubt haben.
Rohrer: Das ist richtig, ich verstehe das einfach nicht: Man will arbeiten, man will das Sozialsystem nicht belasten, man will weiterhin viel Steuern zahlen und darf das alles nicht. Ich sehe schon ein, dass so etwas pervers klingt in einem Land, in dem sich alle ununterbrochen zur Ruhe setzen wollen. Aber die Arbeit macht mir Freude, ich liebe diesen Job. Dass ich im September 60 werde, ist nicht Grund genug, damit aufzuhören.
profil: Die „Presse“ hat stets sehr wohlwollend über die Pensionsreform berichtet, Chefredakteur Andreas Unterberger meinte erst vor kurzem in einem Kommentar: „Frauen sollten rascher die
Chance bekommen, länger zu arbeiten.“ Warum gilt das in Ihrem Fall nicht?
Rohrer: Das betrifft nicht nur mich. Andere in diesem Alter müssen bei uns auch in Pension gehen.
profil: Wie haben Ihre Kollegen auf die Kündigung reagiert? Gab es keine Diskussionen über die Sinnhaftigkeit dieses Hausbrauchs?
Rohrer: Die Reaktionen sowohl in der Redaktion als auch außerhalb waren eine Mischung aus Verlegenheit und Mitleid – als ob ich schwer krank wäre. Da kamen Fragen wie: „Na, was werden S’ denn jetzt machen, Sie Arme?“ Mich stört schon der Ausdruck „Sie wird sich zur Ruhe setzen“. Ich habe mich von Anfang an dagegen gewehrt, dass man das sagt. Erstens weiß niemand, was ich tun werde. Und zweitens will ich mich nicht zur Ruhe setzen. Ich verstehe diese Mentalität nicht.
profil: Haben Sie darüber nachgedacht, ob es wirklich nur um Ihr Alter geht oder ob auch andere Gründe eine Rolle spielen?
Rohrer: Ich denke darüber nach, aber nicht in der Öffentlichkeit.
profil: Wissen Sie schon, was Sie nach Ablauf der Kündigungsfrist tun werden?
Rohrer: Ich bin ab Mitte Oktober weg. Es gibt Angebote und Möglichkeiten. Die werde ich mir jetzt einmal anschauen. Schaun Sie, ich kann in zwei Sprachen schreiben, in Deutsch und Englisch. Es werden Türen aufgehen, da bin ich sicher.
profil: Bekommen Sie auch ein finanzielles Problem? Angeblich haben Sie nicht genug Versicherungszeiten beisammen.
Rohrer: Das stimmt. Ich war zuerst im Ausland und bin relativ spät eingestiegen. Ich habe aber immer gesagt, die Höhe der Pension ist für mich irrelevant, ich will arbeiten.
profil: Abgesehen von der Begleitmusik: Was ist das für ein Gefühl, nach 30 Jahren weggehen zu müssen? Schreckt Sie der Gedanke, Ihren Schreibtisch auszuräumen oder den Büroschlüssel abzugeben?
Rohrer: Weniger solche Details, aber was für mich sicher schwer wird, ist der Verzicht auf den täglichen Stress. Ich liebe das, die Überraschungen, den Kick. Ich fürchte mich davor, das nicht mehr zu haben, aber auch das wird zu verkraften sein.
profil: Sie sind vor vier Jahren aus dem Innenpolitikressort in die Außenpolitik gewechselt. War das rückblickend eine gute Entscheidung?
Rohrer: Es war ja nicht meine Entscheidung – ich wurde gewechselt. Aber es hat sich als wirklicher Segen herausgestellt. Ich war damals 56 und konnte noch einmal etwas ganz anderes tun. Mit dem Ressortwechsel habe ich jede professionelle Sicherheit verloren. Das ist eine unglaubliche Motivation und wirklich zu empfehlen.
profil: Haben Sie für das neue Ressort die gleiche Leidenschaft aufgebracht wie für die Innenpolitik?
Rohrer: Ganz die gleiche. Aber natürlich viel mehr Skrupel. Ich hab mir am Anfang oft gedacht: Wer will das eigentlich von mir lesen? Jeder weiß, dass ich da nicht firm sein kann. Allein um den Nahost-Konflikt halbwegs zu verstehen, braucht man Jahre. Also habe ich mich auf Themen konzentriert, bei denen ich mich auskannte, Amerika zum Beispiel. Wirklich positiv an der Außenpolitik ist, dass sich die Reaktionen in Grenzen halten. Ein paar Monate nach meinem Wechsel hat mich Jörg Haider einmal gefragt, wie es mir geht. Ich hab gesagt: Hervorragend, weil George W. Bush nicht wie die FPÖ eine Hass-Abteilung hat, die nur damit beschäftigt ist, unglaubliche E-Mails zu verschicken.
profil: Mit welchem Gefühl beobachten Sie die Innenpolitik? Können Sie dem Treiben heute entspannter zuschauen als früher, oder juckt es Sie immer noch?
Rohrer: Natürlich juckt es mich noch. Und was mich sehr bedrückt, ist diese totale Polarisierung zwischen Schwarz-Blau und Rot. Das sind Leute, die von 1986 bis 2000 miteinander am Tisch gesessen sind, die sich jahrzehntelang kennen. Jetzt ist da blanker Hass. Das scheint auch im Präsidentenwahlkampf wieder hochzukommen. Ich meine, diese Unterstellung, dass Heinz Fischer in Wirklichkeit ein Kommunist sei, ist doch schrecklich. Der Fischer mag vieles sein, aber ein Kommunist ist er sicher nicht. Und wenn er einer sein sollte, dann frage ich mich, wieso er mit den Stimmen aller Parteien ununterbrochen zum Nationalratspräsidenten gewählt wurde.
profil: Auf wen tippen Sie bei der Bundespräsidentenwahl?
Rohrer: Für mich persönlich ist Heinz Fischer der bessere Kandidat. Aber es wird sicher sehr knapp. Die SPÖ hat unterschätzt, wie Ferrero-Waldner kämpfen kann. Genauso hat Rudolf Streicher seinerzeit Thomas Klestil unterschätzt. Und hin und wieder hat man bei Fischer auch das Gefühl, es ist ihm eigentlich gleichgültig.
profil: Sie haben in einem Interview mit dem Magazin „Format“ vor vier Jahren beklagt, dass es in Österreich keine politische Autorität mehr gibt. Gibt es jetzt eine? Hat etwa Wolfgang Schüssel aufgeholt?
Rohrer: Nein, ihm fehlt die Empathie. Er könnte ja sagen: Okay, das und das ist uns danebengegangen, und wir werden das jetzt reparieren. Stattdessen behauptet er, alles sei richtig, nichts habe er falsch gemacht. Das ist das Konzept seiner ersten Regierungsperiode von 2000 bis 2002, einfach das Erledigen von Dingen – speed kills. Dabei braucht dieses Land so dringend einen positiven Touch, eine Aufbruchsstimmung.
profil: Damit ist die Politik wahrscheinlich überfordert.
Rohrer: Nein, ein Teil des Geheimnisses von Kreiskys Erfolg war dieser Feel-good-Faktor. Das war auch ein Teil des Erfolges von Tony Blair. Man wird wohl nicht behaupten, dass Konservative das nicht können.
profil: Den Versuch gab es. Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat das Nulldefizit inszeniert wie eine Fit-mach-mit-Aktion.
Rohrer: Aber der Feel-good-Faktor ist halt sehr begrenzt, wenn dir dabei das Geld aus der Tasche gezogen wird. Das war eher das Opfergefühl.
profil: Sie haben lange dafür plädiert, SP-Chef Alfred Gusenbauer mehr Zeit zu geben, ihn nicht gleich in Grund und Boden zu kritisieren. Hat er die Zeit genützt?
Rohrer: Das revidiere ich. Da können Sie sehen, was man alles für Blödsinn sagt. Gusenbauer hat mich wirklich überrascht. Er ist ein sehr intelligenter Mann, aber er ist nicht gescheit. Er hat kein Gespür für Politik. Und damit meine ich zum Beispiel auch das Gespür, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben. Was in der Löwelstraße stattfindet, ist ein Drama. Ich höre, dass dort nur ehemalige SJler das Sagen haben. So wird man nicht Bundeskanzler.
profil: Sind Sie nicht manchmal froh, dass Sie keine österreichischen Politiker mehr interviewen müssen? Es scheint da eine geheime Vereinbarung zu geben, außer Worthülsen und Werbebotschaften gar nichts mehr rauszulassen.
Rohrer: Ich glaube, da ist auch die Entwicklung in den Medien schuld. Wenn ich heute zum Ministerrat gehe und sehe, wie die jungen Kollegen sich von Schüssel abkanzeln lassen, muss ich leider schon wieder an Kreisky denken. Der hat manche Journalisten zum Weinen gebracht – aber einfach, weil die so hartnäckig waren, und er war halt immer besser, okay. Es kommt dazu, dass die Medien in Österreich nie die Stärke hatten, nach einem Interview zu sagen: Das war leider nix. Die Nicht-Antworten werden eins zu eins abgedruckt.
profil: Sie sagen, Sie lieben Ihre Arbeit. Was ist denn für Sie das Tolle am Journalismus?
Rohrer: Für mich war das immer der Wunsch, vielleicht verhindern zu können, dass unsere Leser hinters Licht geführt werden.
profil: Das ist sehr missionarisch für jemanden, der so lange in diesem Job arbeitet.
Rohrer: Nicht missionarisch, eher leidenschaftlich. Das war die Richtschnur für alles, was ich getan habe: Ich muss etwas dagegen tun, dass die Leute für blöd verkauft werden.