„Wir hätten es besser machen können“

Chris Hughes, 25, Mitbegründer von Facebook und Barack Obamas Mann für das Internet, über politischen Aktionismus im Netz und die Zukunft der Online-Kommunikation.

Der Mann aus North Carolina wirkt adrett, schmächtig – und so jung, als dürfte er erst seit Kurzem ein Auto lenken. Die Verlockung ist groß, das zu erwähnen, und deshalb taucht in zahlreichen Medienberichten über den New-Media-Guru das Wort auf, das einem rasch auf der Zunge liegt: ­„Babyface“.

Doch Chris Hughes hat mit seinen 25 Jahren schon viel erledigt. Aufgewachsen in einer stockkonservativen Kleinstadt in North Carolina, ging er nach Harvard, zunächst mit der Absicht, einen „Bachelor of Arts“ zu erwerben. Dort lief er Mark Zuckerberg über den Weg, der gerade an Facebook bastelte. Zuckerberg war user ID4, Hughes user ID5. ID5 war der Schöngeist in der Runde. Software zu schreiben interessierte ihn weniger als die Frage, wie das Leben der Menschen erleichtert und verbessert werden kann. Und wie das Leben so spielt, wurde Hughes schließlich Teil des Facebook-Gründerquartetts. Das digitale ­soziale Netzwerk wird nach eigenen Angaben weltweit inzwischen von über 200 Millionen Usern besucht.

Studienkollegen beschuldigten Zuckerberg und Konsorten, die Idee gestohlen zu haben. Der Streit wurde vor Gericht ausgetragen und endete 2008 mit einem Vergleich: Facebook zahlte 65 Millionen Dollar, um die unerquickliche Angelegenheit zu beenden. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Wert der Plattform auf 15 Milliarden Dollar taxiert – zumindest vom Softwaregiganten Microsoft, der 240 Millionen Dollar für 1,6 Prozent der Facebook-Anteile auf den Tisch legte.

2007 ließ sich Hughes von Barack Obama anheuern und kreierte für ihn eine Art Facebook zu Wahlkampfzwecken. Zuvor musste er seinem Freund Zuckerberg klarmachen, dass er keine andere Wahl habe, als bei dieser historisch „einzigartigen ­Gelegenheit“ dabei zu sein (siehe Interview).
Als der „einzigartige Kandidat“ es schließlich geschafft hatte, zog Hughes nicht mit ihm ins Weiße Haus. Er sei kein Typ für die „Bürokratie“, ließ er Reporter wissen. Lieber fing er an, für ein Venture-Capital-Unternehmen zu arbeiten. Nebenbei fliegt er um den Globus, um vor Studenten, Jungunternehmern, Firmenbossen, Kommunikationsleuten und Wahlkampfmanagern darüber zu sprechen, wie digitale Medien und soziale Netzwerke unser Leben bestimmen werden. Am Mittwoch dieser Woche ist Chris Hughes zu Gast beim mobile.futuretalk09 in Wien.

profil: Was bedeutet Freundschaft im richtigen Leben für Sie?
Hughes: Freundschaft basiert auf Empathie und gegenseitigem Verständnis. Sie ist das, was uns durch unsere Tage trägt und uns zu erkennen hilft, dass wir unsere Erfahrungen und unsere Zeit letztlich mit allen Menschen teilen.
profil: In Facebook geben Menschen so genannten Freunden Dinge preis, die sie lieber für sich behalten sollten, weil sie sich damit privat oder beruflich schaden. Sind wir überhaupt reif für ein Medium wie Facebook?
Hughes: Die Menschen erzählen alles Mögliche, in E-Mails und im persön­lichen Gespräch. Man musste sich auch schon vor Facebook überlegen, was man wem erzählt. Das wird sich künftig nicht ändern.
profil: Sie sind einer der Mitbegründer von Facebook. Was hat Sie 2007, als die Plattform gerade so richtig abhob, bewogen, Obamas Mann für das Internet zu werden?
Hughes: Barack Obama war als Kandidat einzigartig, eine Ausnahmeerscheinung in der amerikanischen Politik. Er ist nicht nur hochintelligent und anständig, sondern auch mit dem Alltag ganz normaler Amerikaner vertraut. Davon abgesehen war die Kampagne vom ersten Tag an darauf ausgerichtet, dass die Unterstützer die Kampagne selbst in die Hand nehmen. Dieses Ethos entspricht genau dem, was die Netzwerktechnologie anbieten kann: Menschen in die Lage zu versetzen, sich für ein Anliegen zu organisieren, und zwar effizienter, als dies früher möglich war. Mir war klar: Das ist ein einzigartiger Kandidat und eine einzigartige Gelegenheit. Ich hatte das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als für die Kampagne zu arbeiten.
profil: Das klingt fast nach Berufung. Verdankt Präsident Barack Obama dieser Kampagne 2.0 den Einzug ins Weiße Haus?
Hughes: Das kann man so nicht sagen, zum Wahlsieg im vergangenen Herbst haben viele Dinge beigetragen. Aber das Internet spielte zweifellos eine wichtige Rolle.
profil: Nach dem großen Applaus gibt es immer öfter Kritik, dass die Regierung 2.0 auf sich warten lässt. Haben Sie zu viel versprochen?
Hughes: Beim Regieren geht es nun nicht mehr um ein Ereignis, ein Ziel, einen Kandidaten. Man muss Koalitionen bilden, die richtige Politik finden, gute Gesetze verabschieden, Menschen informieren, und da sind vor allem die Leute am Zug, die in Washington Gesetzesentwürfe schreiben und verabschieden. So funktioniert Regieren nun einmal. Das Versprechen der Kampagne war, dass wir ­einen Präsidenten bekommen, der bereit ist, Menschen zuzuhören und eine neue Art von Politik zu machen. Ich denke, dass Obama das einlöst. Denken Sie an die wöchentlichen Ansprachen über YouTube, und es gibt nach wie vor viele Wege, über die Menschen sich online einbringen können.
profil: Das New Media Team verschickte im Wahlkampf über zwei Milliarden ­E-Mails. Mit wie vielen Menschen sind Sie noch in Kontakt?
Hughes: Ich gehöre der Administration nicht an, auch nicht dem Democratic ­National Committee, das die E-Mail-Kommunikation macht. Aber ich weiß, dass es nach wie vor Millionen Menschen gibt, die an ihrer Regierung und dem, was gerade vor sich geht, Anteil nehmen.
profil: Obama steht für eine Kultur, in der über Fehler geredet werden darf. ­Haben Sie in Ihren zwei Jahren als Online-Direktor welche gemacht?
Hughes: Ich wünschte, wir hätten einige Dinge früher in Angriff genommen. Zum Beispiel das persönliche Fund-­Raising: Wir haben ein Programm gestartet, das es Menschen erlaubt, vom Wohnzimmer aus Geld zu sammeln. Wir hatten viele Informationen über unsere Unterstützer, aber wir waren nicht wirklich gut organisiert. Letztlich hat es zwar funktioniert, aber wir hätten es besser machen können.
profil: Während des Wahlkampfs warben Sie mit persönlichen Beispielen für eine Gesundheitsreform. Warum geht jetzt nichts weiter?
Hughes: Die Gesetzesvorlage, die, wenn sie verabschiedet ist, auf dem Schreibtisch des Präsidenten landen wird, ist wie vieles in einer Regierung der Kunst des Kompromisses zu verdanken. Aber es gibt keinen Zweifel, dass wir noch in diesem Jahr eine Gesundheitsreform haben werden.
profil: Im Internet kann man mit wenigen Mausklicks zum politischen Aktivisten werden. Wie nachhaltig ist das im richtigen Leben?
Hughes: Im vergangenen Jahr gingen hunderttausende auf die Straße, um ­gegen die FARC zu demonstrieren, die terroristische Gruppe in Kolumbien. Ägypten nutzte Facebook, um Unterstützung für die Sache der Palästinenser zu organisieren. Und vor einigen Monaten haben wir im Iran gesehen, dass Leute über das Internet ihre Aktionen koordinieren. Und natürlich die US-Wahl: ­Millionen Menschen registrierten sich auf unserer Website oder waren in Facebook, aber dann wurden sie aktiv, sind von Tür zu Tür gegangen und haben Leute angerufen.
profil: In China wurden Blogger inhaftiert, zwei Online-Aktivisten im Iran wurden zum Tode verurteilt, ohne dass dies zu nennenswerten Protesten im ­Internet geführt hätte. Ebben Online-Mobilisierungswellen schnell ab?
Hughes: Denken Sie einfach, Facebook ist das neue E-Mail oder das neue Telefon. Diese Medien wurden nicht erfunden, um Protest zu organisieren, aber sie erleichtern ihn. Regierungen, die gegen soziale Bewegungen vorgehen – egal, ob sie über Telefon, E-Mail, Facebook oder persönliche Kommunikation getragen werden –, wird es immer geben. Und dass Menschen irgendwann gelangweilt sind, hat auch nichts mit dem Internet zu tun. Das ist eine soziologische Frage.
profil: In Europa bezweifeln viele, dass ein Wahlkampf 2.0 hier funktionieren könnte, unter anderem, weil die Wähler eher passiv sind. Wie würden Sie eine Kampagne anlegen?
Hughes: Ich glaube nicht an diese großen Unterschiede. Die Menschen sind rund um den Erdball vernetzt. Die Frage ist, wie sie Einfluss auf die Politik nehmen können. In Europa ist man traditionsbewusster als in den USA. Aber ich glaube, dass überall, wo Menschen Überzeugungen und Meinungen haben und wählen gehen, die Technologie eine echte Chance bietet, die Zusammenarbeit zu erleichtern und einen größeren Wandel in Gang zu setzen. Dass Menschen politisch nicht mehr neugierig oder engagiert sind, wurde in den USA auch lange behauptet. Jetzt sehen wir, dass die Menschen sehr wohl interessiert sind, und sie werden auch aktiv, wenn es ihnen leicht gemacht wird, aktiv zu werden.
profil: Welche fünf Empfehlungen für das 21. Jahrhundert geben Sie Politikern?
Hughes: Ich habe nur eine: kritisch darüber nachzudenken, wie Technologien in die laufenden Prozesse integriert werden können, um Menschen in die Lage zu versetzen, sich bequemer zu vernetzen und zu organisieren. Diese Empfehlung ist sehr allgemein, die Umsetzung müsste man an konkreten Beispielen diskutieren.
profil: In Österreich wählen viele junge Menschen die rechtspopulistische FPÖ. Wie lautet Ihre Botschaft an sie?
Hughes: Facebook ist agnostisch. Es kann nicht die Aufgabe einer Plattform sein, einzelne Kampagnen oder Parteien abzustempeln. Es gibt nur die klare Politik, dass keine hasserfüllten Inhalte kommuniziert werden dürfen. Tauchen solche Inhalte auf, werden sie entfernt.
profil: Funktionieren neue Medien für alle Kandidaten? Oder gibt es eine politische Strömung, die der Idee von Facebook zuwiderläuft?
Hughes: Nein, jeder kann es verwenden, das ist keine Frage von liberal oder konservativ.
profil: Sollten Lehrer und Schüler im ­Facebook Freunde werden?
Hughes: Es gibt Lehrer, die im Klassenzimmer viel von sich erzählen, andere nicht. Wer etwas preisgeben will, kann das auch auf Facebook tun.
profil: Finden Sie es auch in Ordnung, dass Unternehmen Bewerber im Facebook ausspionieren?
Hughes: Die User haben die komplette Kontrolle darüber, was sie von sich zeigen und wer das sehen kann. Wenn sie aller Welt Informationen zugänglich machen, ist das ihre Sache. Ich glaube aber ganz allgemein, dass sich jeder gründlich überlegen sollte, was er mit wem teilt.
profil: Mit 25 Jahren haben Sie schon einiges hinter sich: die Geburt von Facebook, Obamas Online-Wahlkampf. Was bleibt für die nächsten 25 Jahre?
Hughes: Ein weites Feld, von der Entwicklung von Technologien für Non-Profit-Unternehmen bis zur Bekämpfung der Armut in der Welt. Ich will noch ­viele, möglichst unterschiedliche und ­interessante Dinge in meinem Leben ­machen.