Wolfau kämpft gegen die Abschiebung einer koso­varischen Familie

Die Dorfgemeinschaft von Wolfau im Burgenland versteht die Welt nicht mehr. Ihre Freunde – eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie – werden in den Kosovo abgeschoben.

Nach Immanuel Kant sollte sich das Recht aus der Vernunft ableiten. Doch jene Bürger, die Freitag vergangener Woche vor der Bezirkshauptmannschaft in Oberwart aufmarschierten, sehen keinen rechten Sinn darin, dass ihre Freunde, die Flüchtlingsfamilie Gjoni, nun in den ­Kosovo zurückgeschickt werden. Sie sind empört.

„Wenn eine Familie wie die Gjonis so ­lange hier gelebt und sich wohlverhalten hat, dann sind sie hier auch zu Hause“, sagt Walter Pfeiffer, ÖVP-Bürgermeister von Wolfau. „Mit politischem Willen wäre sicher was zu machen. In solchen Fällen sollte Amnestie gewährt werden.“ Die Enttäuschung über seine Parteifreunde in der Regierung ist ihm ins Gesicht geschrieben.

Die Schulfreunde von Rajmond Gjoni, dem ältesten Sohn, gerade einmal 16 Jahre alt und schon umsichtig wie ein Erwachsener, wenn er mit dem Vater die Behördengänge absolviert, weil er im Burgenländischen mehr daheim ist als in seiner Muttersprache, dachten an einen schlechten Scherz, als sie von der bevorstehenden Abschiebung hörten. Im Grunde glauben sie es noch immer nicht.

Die Mutter, Lumturije Gjoni, steht erschrocken im Medienrummel, das kleinste Kind, die vierjährige Lisa, auf dem Arm. Die Gjonis haben darauf vertraut, still ihr Glück zu machen. Nur nicht auffallen, hatte der Vater, Albert Gjoni, angeordnet, sonst würden die Politiker erst recht darauf bestehen, dass an ihnen ein Exempel statuiert werde, wie sie es mit den Zogajs getan hätten.

Das war ein Irrtum.
Vor einer Woche wurden die Gjonis von Amts wegen aufgefordert, entweder freiwillig das Land zu verlassen oder mit Polizeigewalt abgeschoben zu werden. Das klassische Goethe-Zitat: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ findet hier keine Anwendung.

Dabei haben sie sich solche Mühe gegeben. In einer kalten Winternacht im Dezember des Jahres 2004 hatten die Gjonis in Gjakove im Südwesten des Kosovo einen Bus bestiegen und waren nach Österreich geflüchtet. Die albanische, im christlichen Glauben aufgewachsene Familie war zwischen die Kriegsfronten geraten, die auch nach dem Ende der Massaker weiterschwelten. Bei den albanischen Moslems standen sie unter Verdacht, mit den Serben kollaboriert zu haben. Unbekannte Männer seien gewaltsam in ihr Haus eingedrungen und hätten gedroht, sie umzubringen, sollten sie nicht, wie Tausende Serben, ebenfalls verschwinden. So begründete die Familie ihren Asylantrag.

Privates Netzwerk.
Die Gjonis hatten Energie und Zuversicht – und sie hatten einander. Bald konnten sie aus der heruntergekommenen, vom Staat ­bezahlten Flüchtlingsunterkunft in Wolfau in ein kleines Häuschen übersiedeln, das ihnen ein Wolf­auer privat zur Verfügung stellte. Sie scheuerten, reparierten, hämmerten und brachten den Garten zum Blühen. Sie schufen ein weiteres Schmuckstück in der 1400-Seelen-Gemeinde, die den Titel des schönsten Blumendorfs des Burgenlands für sich beansprucht.

Nach dem Zeugnis ihrer Nachbarn waren sie hilfsbereit und anspruchslos. In einem Raum schliefen die Eltern, im anderen die drei Kinder. Knapp 50 Quadratmeter für alle. Arbeiten durften sie offiziell nicht. Die Frau ging putzen, wenn sich eine Gelegenheit bot, der Mann verrichtete jeden Hilfsdienst, für den man ihn stundenweise engagierte. Die Kinder wurden angehalten, zu allen freundlich und zuvorkommend zu sein und vor allem zu lernen. Kaum eine andere Familie war so oft bei den Lehrern, um den Schulfortgang zu besprechen.

Im März 2005 wurde ihr Asylantrag in erster Istanz abgelehnt. Sie gingen in Berufung. Der Vorfall mit der Morddrohung war im Asylprotokoll nicht einmal erwähnt worden. Im September 2006 kam Lisa, ihr viertes Kind, zur Welt. Die anderen Kinder, der damals 13-jährige Rajmond, die neunjährige Linda, der sechsjährige Eduard, sprachen schon fließend Deutsch und hatten gute Noten. Im Winter 2007 brillierte der Älteste in einer Schultheateraufführung. Beim ersten Casting für die Rolle eines ungarischen Knechts war er noch durchgefallen, weil er den ungarischen Akzent nicht hinbekommen hatte. Er übte und übte, bekam die Hauptrolle und Szenenapplaus. Keiner hätte das dem schüchternen Jungen, der zwar immer zur Stelle war, wenn es darum ging, Schulfeste vorzubereiten, der sich aber nie in den Vordergrund drängte, zugetraut. Es war sein Durchbruch in sozialer Hinsicht. Im Frühjahr 2008 durfte er bei einem Besuch von Unterrichtsministerin Claudia Schmied vorspielen, die versprach, sich für die Familie einzusetzen, später allerdings ausrichten ließ, da könne sie leider nichts machen.

Die beiden Brüder spielten in der Jugendmannschaft des Fußballvereins Wolfau und ministrierten beim Gottesdienst. Die Pfarrgemeinschaft, die sich generell für die Flüchtlinge in Wolf­au einsetzt, mit den Frauen Mehlspeisbacken veranstaltet und mit dem dabei verdienten Geld Deutschkurse organisiert, hatte die Gjonis bald ins Herz geschlossen. Die Gjonis wurden reihum eingeladen. Auch die Eltern sprachen nun schon ganz gut Deutsch und bestanden den Sprachtest.

Am Vortag des Heiligen Abends 2008 trübte sich die Zukunft. Ihr Asylantrag war nun endgültig abgelehnt worden. Das Jahr 2009 begann für die Gjonis bitter. Die sechsköpfige Familie bekam nun keinerlei staatliche Unterstützung mehr. Es fiel ihnen schwer, Kleider- und Lebensmittelspenden entgegenzunehmen. „Es war die Zeit, wo wir allle Hunger hatten und jeder immer essen wollte“, erzählt Rajmond. Doch Lehrer, Pfarrer, Nachbarn und Freunde hielten zusammen. Das Mittagessen für ­Linda, die in die Nachmittagsbetreuung ging, zahlten die Lehrer aus der eigenen Tasche. Rajmond konnte mit einem privaten Busunternehmen täglich gratis nach Pinkafeld ins Polytechnikum fahren.

Als im Frühjahr 2009 das erste Mal von einer Abschiebung die Rede war, gingen die Fußballfreunde der Gjoni-Buben geschlossen zur Bezirkshauptmannschaft, um ein gutes Wort für sie einzulegen. Die geplante Abschiebung – die Plätze im Flugzeug nach Priština waren schon reserviert – wurde ausgesetzt. Die Bezirkshauptmannschaft Oberwart hatte das Innenministerium per E-Mail darum gebeten. Bei den Gjonis handle es sich „um einen Grenzfall (…) der öffentliches Interesse erweckt. Seitens der politischen Gemeinde, der Pfarre, der Schulleitungen und diverser Hilfsorganisationen wurde am heutigen Tage vorgesprochen. Ein Team des ORF Burgenland war ebenfalls anwesend“, heißt es in dem Schreiben vom 2. März 2009.

Petitionen.
Lehrer, Fußballtrainer, Pfarrer und Nachbarn richteten Bittbriefe an die Behörden. Rajmond „Gjoni kommt mit seinen Mitschülern ausgezeichnet aus. Er ist ein ruhiger, aufmerksamer Schüler, der seine Arbeiten gewissenhaft erledigt“, bezeugte Gerhard Schuh, Klassenvorstand im Polytechnikum. Der Fußballtrainer Gerhard Schön bestätigte, dass „Rajmond Gjoni verlässlich seine Trainingseinheiten wahrnimmt und regelmäßig in der Meisterschaft zum Einsatz kommt“. Dem jüngeren Eduard wurde ein „sprachlich problemloser Schulstart“ attestiert. „Das Kind ist zu einem Teil der Schule geworden“, schrieb die Leiterin der Volksschule, Elisabeth Hafner.

„Vor allem für die Kinder der Familie, die akzentfrei Deutsch sprechen, wäre ein Abschieben in die alte Heimat ein Drama, da sie beide nicht nur unsere ­Sprache sprechen, sondern auch unsere Werte teilen“, argumentierte Alfred Lehner, Direktor der Neuen Mittelschule in Markt Allhau.

Zwei Unternehmer aus der Region boten an, Albert Gjoni zu beschäftigen. Rajmond wurde eine Lehrstelle auf der Autobahnraststätte Loipersdorf angeboten. Doch sie bekamen keine Arbeitserlaubnis.

Im Morgengrauen des 16. November 2009 wurde Bürgermeister Pfeiffer von einem Anruf aus dem Hause der Gjonis aus dem Schlaf geschreckt. „Ein Dutzend Polizisten stehen im Garten, um uns zu deportieren. Bitte helfen Sie!“, schrie Rajmond ins Telefon. Pfeiffer kam und wurde von der Einsatzleitung rüde abgekanzelt. Nicht einmal reden durfte er mit der Familie.

Die Gjonis hatten damals schon einen Niederlassungsantrag gestellt, das Verfahren war noch nicht abgeschlossen. Mit Dokumenten und der Hilfe von Rainer Klien, einem Mitarbeiter von SOS-Mitmensch, gelang es in dieser Nacht, die Abschiebung zu verhindern.

Als Rajmond den Vorfall am nächsten Tag in der Schule in Pinkafeld erzählte, brachen Lehrer und Mitschüler in Tränen aus.

Harald Zapfel, Direktor der Fachschule in Pinkafeld, wandte sich daraufhin direkt an den burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl und bat um ein humanitäres Bleiberecht: „Die gesamte Familie ist voll integriert und eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.“

Im März 2010 wurde auch das abgelehnt.
Die Eltern hätten bereits 30 Jahre ihres Lebens im Kosovo verbracht, die älteren Kinder auch schon die Hälfte ihres Lebens, und die Kleinen seien anpassungsfähig, hieß es in dem Bescheid.

Die Gjonis haben einen Großvater im Kosovo, in dessen Haus eine kinderreiche Familie aus der Verwandtschaft lebt und an den sich Rajmond, der Älteste, dunkel erinnert. Seine Geschwister haben ihm Lesen und Schreiben in Deutsch gelernt, die so genannte Muttersprache kennen sie vom Hörensagen. Die Arbeitslosenrate in dieser Region liegt bei 80 Prozent.