Zeitgeschichte: Die Gestapo-Folterknechte Exklusiv: Die vielen Gesichter des Grauens

Die meisten von ihnen dürften für ihre Taten nie zur Rechenschaft gezogen worden sein.

Die Krawattenknöpfe sind für den heutigen Geschmack meist etwas zu klobig, die Frisuren wirken leicht unzeitgemäß, und das Bärtchen unter der Nase war damals eben à la mode. Aber sonst sehen die rund 900 Damen und Herren auf den kleinen Passfotos – eines frontal, eines von der Seite aufgenommen – nicht anders aus als heutige Passanten in den Straßen Wiens.

Bei den vor rund 60 Jahren Abgelichteten handelte es sich tatsächlich um Menschen aus der Mitte der Gesellschaft – meist erprobte Polizeibeamte, die schon den Sicherheitsbehörden der Ersten Republik und später jenen des Ständestaats gedient hatten. 1938 kamen sie zur Gestapo und peitschten, schlugen, folterten ihre Opfer manchmal so lange, bis diese vom Tod erlöst wurden. Den Rest schickten sie – wie auch 48.000 Wiener Juden – in die Konzentrationslager.

Die zwei dicken Fotoalben, die seit einigen Wochen die Aufmerksamkeit der Wissenschafter im Wiener Stadt- und Landesarchiv fesseln, waren sechs Jahrzehnte lang in einem praktisch unzugänglichen Aktenberg begraben gewesen. Jetzt aperten sie aus, wie eine Felszacke in der Frühjahrssonne.

Der Schrecken hat plötzlich ein Gesicht, er hat sogar viele Gesichter.

profil konnte die Fotobände der Wiener Gestapo-Agenten und die dazuge-hörenden Volksgerichtsakten einsehen.

Ausstellung. Die Entdeckung des aufregenden Materials ist ein Geschichtsforschungskrimi. Wie es das Archivgesetz vorsieht, hatte Ferdinand Oppl, Leiter des Stadt- und Landesarchivs, im Mai 2006 die im Wiener Landesgericht lagernden Akten über Volksgerichtsverfahren gegen NS-Täter nach 1945 übernommen und zwecks endgültiger Archivierung in den neuen Speicher des Stadtarchivs im Simmeringer Gasometer bringen lassen.

Bei Durchsicht der 274 Laufmeter an Akten fielen den zuständigen Archivaren Brigitte Rigele und Christoph Sonnlechner zwei Fotoalben auf, in denen die Abgebildeten keinen Namen, wohl aber eine Nummer trugen. Wochen später fand sich ein Registerband. Rigele und Sonnlechner verglichen die Fotos mit den Nummern und Namen, worauf ihnen rasch klar war, um wen es sich handelte: Den Volksgerichtsakten lag offenbar ein komplettes Bildverzeichnis der in der Wiener Gestapo-Zentrale tätigen Beamten bei.

750 der 900 Fotos konnten Oppls Mitarbeiter bisher einen Namen zuordnen. Allerdings gibt es nur in 300 Fällen einen zugehörigen Volksgerichtsakt – was den Schluss nahelegt, dass die Übrigen nie strafverfolgt wurden.

Inzwischen lichten sich auch die Nebel um die Vorgeschichte dieser Bildbände. Bald nach Kriegsende hatten die österreichischen Polizeibehörden damit begonnen, Fotos der oft flüchtigen Wiener Gestapo-Leute zu sammeln. Einige fanden sich in Personalakten, andere wurden angefertigt, wenn Verdächtige geschnappt wurden. Im September 1947 hängte die Staatsanwaltschaft Wien die Fotos im „Journalistenzimmer“ des Landesgerichts aus. „Wiener Zeitung“ und „Arbeiter Zeitung“ veröffentlichten Aufrufe an Gestapo-Opfer, ihre Peiniger zu identifizieren. Das war vorher kaum möglich gewesen: Die Schläger hatten ja kein Namensschild getragen, und Zimmer waren nur mit Türnummern versehen gewesen. In der Gestapo-Zentrale herrschte strengstes Fotografierverbot.

In der Mitte des Ausstellungsraumes im Landesgericht war deshalb auch die bei Kriegsende völlig zerstörte Gestapo-Zentrale aus Sperrholz detailgetreu nachgebaut, um die Zuordnung von Räumlichkeiten zu den Fotos zu erleichtern.

Viele der Folterknechte konnten auf diese Weise identifiziert werden, wenn – wie die Zahlen zeigen – auch bei Weitem nicht alle. So wurden wenigstens jene 300 Volksgerichtsprozesse möglich, deren Unterlagen nun im Stadt- und Landesarchiv aufgearbeitet werden.

Unbekannte Details. Ende September 1947 wurden die Fotos wieder abgenommen und verschwanden für sechs Jahrzehnte in einem Archivkeller des Wiener Landesgerichts. Immer wieder tauchten einzelne Bilder auf – in seiner Komplettheit ist das brisante Material nun aber erstmals öffentlich verfügbar.

Die Arbeit der Wiener Gestapo-Leitstelle wurde bisher vor allem von zwei Dissertanten untersucht – das aber gründlich. Einer von ihnen, Franz Weisz, verfasste 1991, offenbar überwältigt vom Material, eine 15-bändige (!) Dissertation zu diesem Thema. Der Zeitgeschichtler Thomas Mang legte zehn Jahre später eine Dissertation vor, die sich vor allem mit dem Wiener Gestapo-Chef Franz Josef Müller und dessen Stellvertreter Karl Ebner befasste.

Dennoch lagern in den nun im Stadtarchiv der Aufarbeitung harrenden 274 Laufmetern an Volksgerichtsakten noch gewaltige Mengen an bisher unbekannten und schaurigen Details über die Vorgänge im ehemaligen Hotel Metropole, in dessen Kellern nach dem März 1938 tausende Österreicher, aber auch ausländische Zwangsarbeiter und amerikanische und britische Fallschirmagenten gefoltert wurden.

Fast alle Wiener Gestapo-Männer – Frauen bildeten eine Minderheit – waren schon zuvor Polizisten gewesen. Nur 2,3 Prozent der Gestapo-Leute kamen 1938 als „Quereinsteiger“ zur braunen Geheimpolizei, hatte Weisz in seiner prallen Dissertation nachgewiesen. Gut die Hälfte von ihnen war schon damals Mitglied der in Österreich nach 1933 illegalen NSDAP, was zeigt, wie stark der autoritäre Ständestaat von den Nazis unterwandert war.

Ordensträger. Die Wiener Gestapo war die personell am stärksten besetzte Leitstelle des ganzen Hitler-Reiches, stärker noch als jene von Berlin. Und außer bei der Gestapo-Leitstelle Sudetenland gab es nirgendwo so viele besonders eifrige Beamte wie in Wien. Vier Prozent der Wiener Gestapo-Leute wurden mit höchsten NS-Orden dekoriert, im deutschen „Altreich“ qualifizierten sich bloß 0,43 für so hohe Würden, hat Weisz errechnet.

95 Prozent der Wiener Gestapo-Agenten waren geborene Österreicher, der Rest kam meist aus einer deutschsprachigen Minderheit in den besetzten Ostgebieten. Deutsche waren die rare Ausnahme – wohl um die Kluft zwischen Geheimpolizei und Bevölkerung nicht noch zu vergrößern.

Dabei hatte die Gestapo in Wien zu Beginn eher mit dem Übereifer der eingedeutschten Österreicher zu kämpfen. Aus Berlin kam im November 1938 die Weisung, die um sich greifende Pogromstimmung in der Bevölkerung gegen die Juden, die vor allem in der so genannten „Reichskristallnacht“ zu privaten Plünderungen geführt hatte, einzudämmen. Hitler befürchtete, gewalttätiges Chaos in Wien würde die öffentliche Meinung im Ausland negativ beeinflussen.

Auch in den Jahren danach bezog die Gestapo viele ihrer Informationen aus der Bevölkerung. Rund ein Viertel der Anzeigen kam bis zuletzt von Privatpersonen, die Hälfte von NS-Organisationen, der Rest war Eigenrecherche.

Das Regime der Gestapo in Wien und Umgebung war blutig. Gesühnt wurden die Verbrechen nur zu einem geringen Teil. Einerseits wurden, wie die Analyse der Volksgerichtsakten ergibt, gerade ein Drittel der Agenten strafverfolgt. Von den letztlich Verurteilten saß fast keiner die Haft voll ab. 1955 wurde der letzte Gestapo-Mann in Österreich auf freien Fuß gesetzt. Die beiden zwischen 1938 und 1945 amtierenden Chefs von Hitlers Wiener Geheimpolizei blieben überhaupt weitgehend ungeschoren. Franz Josef Huber stellte sich nach dem Krieg in den Dienst des US-Geheimdiensts und wurde nie verurteilt. Sein Nachfolger, der Österreicher Rudolf Mildner, der ab 1944 das Kommando am Morzinplatz geführt hatte, wurde während der Nürnberger Prozesse in Zeugenhaft genommen, aus dieser aber 1949 entlassen. Er selbst wurde nie vor Gericht gestellt.

Von Herbert Lackner