Zeitgeschichte. Ein hochalpines Jagdhaus für Reichsforstmeister Göring

Die heimischen Bundesforste legen eine Studie ihrer Geschichte als „Reichsforste“ zwischen 1938 und 1945 vor: Darin werden erstmals die umfangreichen „Arisierungen“ von Wäldern und die hohe Zahl von NS-Parteigängern deutlich.

Den Entwurf lieferte Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer, und die Exklusivität von Bauplatz und Bauausführung entsprach der Hybris des luxusvernarrten Reichsforst- und Reichsjägermeisters, dem das Objekt zugeeignet wurde: Hermann Göring bekam weit oben in den Hohen Tauern eine aus Stein gemeißelte Jagdhütte. In den auf zweitausend Meter Seehöhe nur für ihn errichteten Unterstand soll sich der dickliche Reichsmarschall jedoch nur zweimal verfügt haben. Er pirschte lieber in der ostpreußischen Heide, wo er im Reichsjägerhof residierte und zum Entsetzen der altein­gesessenen Waidmänner beim ersten Auftritt gleich den falschen von zwei Hirschen erlegte. Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, zog sein Jagdvergnügen dem Krieg deutlich vor. Als der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, während der schweren Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee im Herbst 1941 bei Göring zur Jagd weilte und den berühmten „Eggenhirsch“ schoss, verfügte der Reichsmarschall: Wenn er selbst in den Staatsrevieren weile, dürfe niemand außer ihm selbst „kapitale und hochkapitale Hirsche“ erlegen.

Heute wird der alpine Göring-Ausguck im Pinzgau von deutschen Pächtern genützt und gehört zum umfangreichen NS-Erbe der Österreichischen Bundesforste AG. Die heimischen Staatswälder unterstanden von 1938 bis 1945 als „Reichsforste“ den Weisungen Görings, der aus ideologischen und Kriegsüberlegungen Weisung gab, den staatlichen Anteil der Waldfläche in der „Ostmark“ zu verdoppeln. Die Staatswälder sollten von zwölf Prozent der gesamten produktiven Waldfläche ­Österreichs auf 25 Prozent kommen.

„Für das Reich“.
Das hätte eine Verstaat­lichung von 342.000 Hektar privater Wälder bedeutet. Dieses Ziel wurde nicht erreicht, dennoch waren die sieben Jahre NS-Herrschaft für die „Reichsforste“ in Österreich ergiebig: Insgesamt wurden „durch Enteignungen und Ankäufe“ 132.000 Hektar Waldflächen akquiriert. Ein Viertel davon – konkret 35.146 Hektar – stammten aus „Einziehungen von beschlagnahmten und sonstigen dem Reich verfallenen Vermögenschaften“, vornehmlich aus jüdischem Besitz. Das ist ein Ergebnis der groß angelegten Studie*), die im Auftrag der Bundesforste erfolgte und diese Woche in Wien präsentiert wird.

profil liegen Teile der Untersuchung vor, in der die bisher ungeschriebene Geschichte der „Reichsforste“ erstmals umfassend ­beleuchtet wird. Darin stellt das Historikerteam unter Leitung des Zeitgeschichtlers Oliver Rathkolb unter anderem fest, es habe bis auf einen keine ungelösten Rückgabefälle gefunden: Der Anspruch auf diese Liegenschaft ist bei der Schiedsinstanz für Naturalrestitution anhängig.

Was Grundstücke betrifft, beschäftigt sich die Studie ausschließlich mit „Arisierungen“. Nicht erfasst sind zahlreiche große Akquisitionen wie etwa das 1938 erworbene Schloss Lamberg in Oberösterreich oder die Immobilien und rund 20.000 Hektar Wald aus ehemals habsburgischem Besitz, der 1919 an die junge Republik gefallen, im ­Austrofaschismus zurückgestellt und vom NS-Regime wieder zu Staatsvermögen ­erklärt worden war. Der Anspruch der Habsburger ist im Jahr 2004 endgültig abgewiesen worden. Wie Waldbesitzer unter Verkaufsdruck gesetzt wurden, wird etwa bei der 17.000 Hektar großen Hespa-Domäne in Kärnten deutlich. Ihre Schweizer Eigner durften das Holz nicht mehr ausführen, und Görings Beauftragter Julius Güde setzte sich massiv für den Erwerb „dieses forstlich und jagdlich wertvollen Guts“ ein, da „gemäß Weisung des ,Reichsforstmeisters‘ möglichst alle Waldgründe in der Ostmark für das Reich zu kaufen sind“. Das Geschäft kam trotz des großen Drucks auf die Eigner nicht zustande.

Welche Größenordnung ehemals jüdische Besitzungen in den heutigen Bundesforsten haben, war vor einigen Jahren erstmals schlagartig deutlich geworden, als der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser rund 4200 Hektar „arisierter“ Wälder um 315 Millionen Schilling (umgerechnet rund 23 Millionen Euro) veräußerte.

„Berühmtester Förster“. Es handelte sich dabei um die Forstgüter Pölsen und Autal in der Obersteiermark. Laut Angaben der Bundesforste hatte die jüdische Eigentümerin einen Großteil des Kaufpreises in der NS-Zeit tatsächlich erhalten (um die Güter zu bekommen, hatten die „Reichsforste“ sogar dem Vertragsabschluss in der Schweiz zugestimmt), der Rest war Anfang der 1950er Jahre an sie ausbezahlt worden. Knapp bevor die Republik die Ländereien im Juli 2001 verkaufte, wurden Forderungen der Erben mit etwa zwanzig Millionen Schilling beglichen. Finanzminister Grasser bezeichnete diese Lösung damals als „insgesamt für moralisch vertretbar“.

Käufer Helmut Zoidl (zu dieser Zeit noch Miteigentümer von AT&S) hatte auf den raschen Abschluss des Geschäfts gedrängt, er sprach von einem Tourismusgroßprojekt rund um die Therme Fohnsdorf, für das er die Wälder und Jagdreviere benötige. Der Verkauf wurde vom parlamentarischen Hauptausschuss abgesegnet, SPÖ-Abgeordnete und die Grünen stimmten dagegen, da sich in dem Gebiet auch ein Nebenlager des KZ Mauthausen befunden hatte. Aus dem angekündigten Tourismusprojekt wurde bisher nichts, Zoidl hat 2000 Hektar inzwischen an einen Schweizer Privatbankier veräußert.

Das Vorurteil, Juden hätten sich nicht für Land- und Forstwirtschaft interessiert, ist bereits von der Historikerkommission der Republik widerlegt worden. Rechtlich waren Juden Österreichern erst 1867 gleichgestellt worden, die Umwelt stand ihrer Ansiedlung auf dem Land auch danach „feindlich“ ­gegenüber (so der Salzburger Historiker ­Albert Lichtblau). Doch allein in Wien gaben 1938 mehr als sechshundert jüdische Bürger bei der zwangsweisen Meldung ihrer Vermögen agrar- und forstwirtschaftlichen Besitz an; er dürfte vor allem in den Bundesländern gelegen sein und wurde damals mit rund 19 Millionen Reichsmark (umgerechnet etwa achtzig Millionen Euro) bewertet. Auch unter den Juden im Burgenland war der Besitz von Land- und Forstwirtschaft wesentlich stärker verbreitet als angenommen. Er wurde mit 17 Millionen Reichsmark bewertet. – Das Burgenland war bis ins Jahr 1921 ein Teil Ungarns, wo Juden sich seit Jahrhunderten frei ansiedeln hatten können (In: Österreichische Historikerkommission, Band 17/1, Oldenbourg Verlag).

Bemerkenswerte Ergebnisse brachte die jetzt von den Bundesforsten beauftragte Studie auch in der Frage nach der Invol­vierung von Mitarbeitern der Staatsforste in den Nationalsozialismus. Demnach waren 1937 drei von vier Beschäftigten der ­Bundesforste illegale „Parteigänger“ (die NSDAP war in Österreich ab 1933 ver­boten).

Die Historiker bezeichnen das als sehr hohen Anteil, wobei sie als Parteigänger der Nationalsozialisten NS-Mitglieder, Anwärter und Antragsteller auf Mitgliedschaft in der NSDAP definieren. Die Entnazifizierung des Unternehmens war ein gewichtiges Problem, doch die meisten der nach Kriegsende ihres Postens Enthobenen wurden ab 1947 wieder beschäftigt. Die Folge: Im Staatsvertragsjahr 1955 hatte jeder Zweite der bei den Bundesforsten Tätigen eine einschlägige Vergangenheit. Der spätere Direktor der Bundesforste, Günter Haiden, war als 18-Jähriger der NSDAP am Tag des Stauffenberg-Attentats auf Hitler, am 20. Juli 1944, beigetreten. Mitte der 1970er Jahre wurde er unter Kanzler Bruno Kreisky Minister für Land- und Forstwirtschaft.

Auch eine der renommiertesten Persönlichkeiten des internationalen Forstwesens, der Tiroler Walter Bitterlich, war NS-Mitglied. Bitterlich hat die moderne Wald­inventur begründet, die Society of American Foresters ernannte ihn zum „most famous forester of the world“, dem „berühmtesten Förster der Welt“. Der Lebenslauf des graduierten Forstmanns ist eine Erfolgsgeschichte: Eintritt in die Bundesforste Mitte der 1930er Jahre, 1949 aufsehenerregende Präsentation seiner Messverfahren beim Weltforstkongress in Helsinki, später Professur an der Universität für Bodenkultur Wien, nationale und internationale Ehrungen. Bitterlichs Verfahren und die von ihm entwickelten Geräte werden weltweit eingesetzt. Doch dass er schon 1933 über einen „Turnbruder“ der NSDAP beigetreten ist, verschweigt selbst der mehrseitige Wikipedia-Eintrag. Dabei hatte Bitterlich als „Illegaler“ laut Gauakt nicht mehr gemacht, als ordentlich seine NS-Mitgliedsbeiträge zu zahlen und einmal beim Abbrennen eines Hakenkreuzes in den Salzburger Bergen ­dabei gewesen zu sein.