Zum 100. Geburtstag von Simon Wiesenthal:
Einblick in drei seiner berühmtesten Fälle

Zu Simon Wiesenthals 100. Geburtstag nimmt das Wiener Holocaust-Institut die Arbeit auf. Einblicke in drei der berühmtesten von Wiesenthals achttausend Dossiers.

Die FPÖ ist dagegen. Als der Wiener Gemeinderat knapp vor Weihnachten eine Subvention für das neue Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) beschloss, lehnten das die Freiheitlichen ebenso ab, wie sie nach Wiesenthals Tod im Herbst 2005 abgelehnt hatten, dass eine Gasse nach ihm benannt werde. Johann Herzog, Wiener FPÖ-Vize, setzt sich für Erinnerung ein, wenn es um das von Burschenschaftern und Rechtsextremen besuchte Grab des NS-Fliegers Walter Nowotny geht, die 1,3-Millionen-Euro-Förderung zur Erforschung des Wiesenthal-Nachlasses bezeichnet er gegenüber profil jedoch als „zu große finanzielle Belastung für die Stadt“. Die Förderung verteilt sich auf vier Jahre, jährlich geht es also um rund 300.000 Euro. Auf Nachfrage meinte Herzog, bei der Ablehnung spiele auch Wiesenthals Verhältnis zur FPÖ eine Rolle: „Jörg Haider stand immer wieder im Zentrum der Angriffe des Ingenieur Wiesenthal. Er war ja sehr umstritten, der Herr Wiesenthal.“ An den Ausspruch eines Kärntner FP-Mannes, „Wir bauen schon wieder Öfen, aber nicht für Sie, Herr Wiesenthal, Sie haben im Jörgl seiner Pfeife Platz“, will Herzog sich nicht erinnern. Das Holocaust-Institut geht vorerst provisorisch in Betrieb, 2012 soll es eröffnet werden.

Simon Wiesenthal wollte immer, dass sein Archiv mit rund 8000 Dossiers zu nationalsozialistischen Verbrechen und Tätern weiter genutzt wird. Seine Tochter hat aus dem Nachlass nur wenige Erinnerungsstücke für sich genommen: eine Stampiglie und fünf seiner Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Mauthausen – unter ein Selbstporträt hatte er nach der Befreiung Anfang Mai 1945 bereits „J’accuse“, „Ich klage an“, gesetzt.

„Schwindel“. Geboren am Silvesterabend 1908 in Buczacz, Galizien, war er damals 36 Jahre alt und konnte vor Schwäche kaum noch stehen. Ende Mai 1945 übergab er die ersten Namen von NS-Tätern, aber auch solchen, die sich anständig verhalten hatten, den US-Truppen. Sie setzten Wiesenthal später auf Adolf Eichmann an, seine oft bestrittene Rolle – dass tatsächlich er die erste Spur des flüchtigen „Bürokraten des Holocaust“ gefunden hatte – soll posthum bestätigt werden: Der ­israelische Historiker Tom Segev (seine Wiesenthal-Studie wird Ende 2009 bei Random House erscheinen) stützt sich dabei auf jenen Brief Wiesenthals, in dem dieser den World Jewish Congress bereits 1954 informiert hatte, der Untergetauchte lebe in Argentinien. 1960 wurde Eichmann dann in Buenos Aires gefasst.

Einer von Wiesenthals berühmtesten Fällen – die Identifizierung des Mannes, der Anne Frank 1944 in ihrem Versteck in Holland festgenommen hatte – macht deutlich, wie er arbeitete und warum diese Arbeit bis heute provoziert: Er schaute hin, wo andere wegschauten. 1958 (sic!) verteilten Schüler bei einem Abend über Anne Frank im Linzer Landestheater Flugblätter, auf denen stand: „Dieses Stück ist ein Schwindel, die Juden haben die ganze Sache nur erfunden, um mehr Wiedergutmachung herauszuschlagen.“ Wiesenthal, damals noch in Linz, trat den Burschen gegenüber, und als einer ihm hinwarf, er möge doch den Häscher der Anne Frank präsentieren, machte er sich auf die Suche. Er fand einen winzigen Hinweis auf einen Wiener namens Silbernagel und schrieb später, zwei Jahre lang habe er alle 14 Silbernagels in Wien „perlustriert“, laut seinen Unterlagen beauftragte er auch eine Detektei. Fünf Jahre später bekam er eine lange Telefonliste des SS-Sicherheitsdienstes (SD) in Holland, darin stieß er auf einen Silberbauer. Da er wusste, dass der SD viele ehemalige Polizisten rekrutiert hatte, fragte Wiesenthal beim österreichischen Innenministerium an. Dort wurde er monatelang hingehalten, man sei „noch nicht so weit, übrigens kann das nur ein kleiner Fall sein“.

Tatsächlich war Karl Silberbauer vor und nach dem Krieg in Wien Polizist, im November 1963 wurde er vom Dienst suspendiert. Vor Gericht kam er nicht, da angenommen wurde, er habe von der Deportation des Mädchens in die Vernichtung nichts gewusst. Auch ein Diszi­plinarverfahren verlief im Sand, der Ex-SS-Mann konnte wieder Polizeidienst versehen. Die Tätigkeit bei Gestapo und SS wurde ihm für die Pension angerechnet, er starb 1972. Als letztes Blatt legte Wiesenthal eine chassidische Legende zum Akt. Demnach seien Neugeborene allwissend, der Kuss eines Engels lasse sie alles vergessen. Manchmal, so fügte Wiesenthal an, sei der „Kuss des Vergessens nicht ganz wirksam, die Menschen erfahren dann mitunter Wichtiges von Kindern“. Das Tagebuch von Anne Frank sei so ein Zeugnis.

Am Fall Hermine Braunsteiner , einer früheren Aufseherin in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Majdanek, arbeitete Wiesenthal länger als ein Jahrzehnt. Den Anstoß gaben KZ-Überlebende, die ihn bei einem Israel-Besuch 1964 nach Braunsteiner fragten, die sie wegen ihrer Brutalität „Kabyla“ (polnisch für Stute) genannt hatten. Die Archivmappen sind voll mit dem dünnen, rosafarbenen Durchschlagpapier von Wiesenthals Schreiben in die halbe Welt, um die gebürtige Wienerin zu finden und vor Gericht zu bringen. Er fragte ihre früheren Nachbarn, schickte einen Mittelsmann zu ihren Verwandten nach Kärnten, die erzählten von ihrer Ausreise nach Kanada. Dort fand ein Auschwitz-Überlebender Braunsteiners Übersiedlung nach New York heraus. Als Wiesenthal die Adresse hatte, „beschloss er, die Medienroute zu nehmen“, so seine Biografin Hella Pick. Er gab seine Information der „New York Times“, deren Bericht „Ehemalige KZ-Aufseherin heute Hausfrau in Queens“ schlug Wellen. Doch Braunsteiner war US-Bürgerin, Wiesenthal appellierte pathetisch an die USA, „Nutznießern dieser Barbarei“ die Staatsbürgerschaft abzuerkennen.

„Im Interesse Österreichs“. In seinem Büro trug er Material zu Braunsteiner zusammen. Darunter auch die Aussage von Erna Wallisch, Wächterin in Majdanek, zu einem Massaker: „Ich kann nicht sagen, ob an diesem Tag 18.000 oder 24.000 Gefangene erschossen wurden“ (Wallisch starb im Februar 2008, kurz nach Beginn eines Ermittlungsverfahrens). Und Wiesenthal, der den Begriff „Nazi-Jäger“ ablehnte, weil er NS-Verbrecher und nicht Nazis suchte, tat alles, um Druck zu machen. Zitat aus einem seiner Briefe: „Es muss im Interesse Österreichs liegen, das komplette Dossier gegen Braunsteiner in die Hand zu bekommen.“ Selbst um Weitergabe eines Fotos der früheren KZ-Wärterin an Zeugen musste er bitten. Schließlich gab er auf und wandte sich an Deutschland. Braunsteiner wurde dort schließlich 1981 – nach fünf Jahren und sieben Monaten Prozess – zu lebenslanger Haft verurteilt. 1996 wegen ihrer schlechten Gesundheit begnadigt, starb sie 1999 knapp 80-jährig.

Auf den Steirer Franz Murer, genannt der „Schlächter von Wilna“, stieß Wiesenthal 1947 zufällig bei der Suche nach Eichmann. Murer wurde verhaftet, an die Sowjets ausgeliefert, in Moskau zu langjähriger Haft verurteilt, aber 1955 nach Österreich entlassen. Wiesenthal machte sich wieder ans Sammeln und Übersetzen von Zeugenaussagen aus aller Welt. Zum Prozess 1963 in Graz hielt er fest, wie Murers Söhne „während der Schilderung der Gräueltaten lachen“ und dass der Vorsitzende Richter „auch in der Nazi-Zeit Richter war“. Murer wurde freigesprochen, doch der Oberste Gerichtshof ordnete eine neue Verhandlung an. Jahrelang schrieb Wiesenthal an Justizminister Christian Broda (SPÖ) Bitten, die Zeugen könnten „geschwächt noch durch ihr Martyrium“ bald nicht mehr aussagen. 1974 wurde das Verfahren eingestellt. Simon Wiesenthal notierte: „Ich bin mir wie ein kleiner Junge vorgekommen, der an etwas glaubte und der hereingelegt wurde.“

Von Marianne Enigl