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Titelgeschichte
04/23/2022

Aktionskünstler Hermann Nitsch: Schall und Rausch

Die Kunst des Hermann Nitsch ruft Ekel wie Bewunderung hervor. Er beeinflusste die jüngere Generation – gerade auch, weil sich viele von ihm abwandten.

Bildende Kunst spricht zumeist einen einzigen Sinn an: das Auge. Bisweilen kommt noch Akustisches dazu. Weitaus seltener adressieren Kunstwerke Geruchsvermögen oder gar physisches Empfinden. Hermann Nitsch, dessen Arbeit alle Sinne stimulieren sollte, wuchs als Sohn einer Alleinerzieherin auf, studierte an der Wiener Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt und entwickelte in den frühen 1960er-Jahren gemeinsam mit Günter Brus, Otto Mühl und Rudolf Schwarzkogler den Wiener Aktionismus. Dieser wirbelte den konservativ-katholischen Nachkriegsmief nachhaltig auf und strahlte bald weit über die Landesgrenzen hinaus. 

Schon in den späten 1950er-Jahren kam Nitsch die Idee zu seinem Orgien-Mysterien-Theater, das er seither in zahllosen Versionen zelebrierte, etwa seinem Sechstagespiel: Die Ekstase, das Dionysische und Archaische wurden fühlbar, wenn Nitsch in sakral erscheinenden Aktionen Tiere ausweiden, nackte Menschen auf Kreuzen tragen, mit Blut übergießen, dazu Trauben und Tomaten stampfen ließ und Farbe aus großen Kübeln auf Leinwände schüttete. Mittendrin: das Publikum, das Nitsch mit dessen eigenen Emotionen konfrontierte. 

Wellnessurlaube waren die Sechstagespiele des zumeist pfarrerartig gekleideten Impresarios mit dem Rauschebart und der Trillerpfeife nicht. Den Geruch von Blut, Innereien und abgestandenem Wein in Plastikbechern musste man erst aushalten, ebenso die häufig ohrenbetäubend schallende Musik. In seiner Aufführung im Burgtheater 2005 wurde das Gebäude zum Klangkörper und verstärkte die Intensität des Sounds. Im Schloss Prinzendorf, das seine damalige Frau Beate 1971 erworben hatte, fand Nitsch den optimalen Ort für die Verwirklichung seines Aktions-Theaters, dessen Abläufe er in ausgefeilten Partituren festhielt. 

Kein anderer Künstler, keine andere Künstlerin in Österreich vereinte die beiden gegensätzlichen Projektionsfiguren des Staatskünstlers und des Bürgerschrecks so sehr in sich wie Hermann Nitsch. Seine Werke sind international begehrt, hängen in vielen wichtigen Museen, er wurde mit allerlei Preisen bedacht, zudem mit einem Museum in Neapel und einem in Mistelbach. Vergangene Woche versandten angesichts seines Todes alle Parlamentsparteien Trauerbekundungen – nur die FPÖ nicht, die Nitsch zeit seines Lebens mit Hass verfolgte. Noch 2015 cancelte ein mexikanisches Museum eine Nitsch-Ausstellung aufgrund von Tierschutzprotesten. „Caligula aus Österreich“, „Blutkünstler“ und „Gedärme-Wüterich“: So lauteten noch die harmloseren Beschimpfungen, die Nitsch aushalten musste. In einem profil-Interview bekannte er einmal: „Oft freut man sich über dermaßen dumme Angriffe und denkt sich, man steigt in die Fußstapfen der Großen – von Kokoschka, Schönberg, Bruckner, Schiele, Klimt und vieler anderer, die allergrößte Schwierigkeiten hatten. Andererseits ist man manchmal schon sehr traurig.“ Seine Feinde und Feindinnen riefen die Qualitäten von Nitschs Kunst freilich nur noch stärker ins Bewusstsein – als etwas, das an die tiefsten Gefühle des Menschen rührt und auch dadurch Widerwillen hervorruft. 

Längst ist Nitschs Werk fix verankert im globalen Kanon. Seine Wirkung auf spätere künstlerische Entwicklungen zeigt sich eher indirekt, trotz der vielen „Jünger“, wie er sie selbst nannte – also jener Menschen, die in seinen Spielen agierten. Einstige Assistenten Nitschs, darunter der Kurator Roger M. Buergel, Leiter der documenta 12, der Künstler Ugo Rondinone oder der Schriftsteller Hanno Millesi (seinen Beitrag lesen Sie im aktuellen E-Paper), gingen gänzlich andere Wege. Nitsch selbst sagte über jene, die mit ihm arbeiteten, einmal: „Sie sollten zum eigenen schöpferischen Denken und Handeln angeregt werden. Das war vielfach der Fall.“ 

Angela Stief, Direktorin der Albertina Modern und damit zuständig für weite Nitsch-Bestände in der Sammlung, hebt die frühe Aktionsmalerei hervor. Diese wird das Museum im Herbst im Kontext des amerikanischen Abstrakten Expressionismus in der Ausstellung „Ways of Freedom. Pollock. Rothko. Mitchell“ zeigen. Stief sagt: „Mit seinen frühen Schüttbildern nahm Nitsch vieles vorweg. Das Prinzip des Zufalls, das Nichtgesteuerte ist in der Gegenwartskunst eine der wichtigsten Strategien.“ Als konkretes Beispiel nennt sie Christian Eisenberger. Der Künstler produziert Malerei mit Farbe, die sich per Zufall auf Fliegenklatschen sammelt oder durch Schüttung selbstständig den Weg bahnt. 

„Nie gehörte Klänge werden unsere Rauschaufwallung ins Wesentliche führen.“

Hermann Nitsch

Auch der Aspekt des Gesamtkunstwerks und das Performative hätten sich als sehr bedeutend für spätere Strömungen erwiesen, so Stief weiter. Rainer Fuchs, als Chefkurator des Wiener Museums moderner Kunst (Mumok) verantwortlich für dessen Nitsch- und Aktionismus-Sammlungen, erwähnt ebenfalls das Gesamtkunstwerk als künstlerisch einflussreichen Ansatz Nitschs. Er sieht dessen Erbe in den Installationen und Performances etwa von Anselm Kiefer oder Jonathan Meese.  Angela Stief erkennt zudem eine Nähe Nitschs zur Young British Art, jenen grenzgängerischen Kunstschaffenden, die Ende der 1990er-Jahre mit Tierhälften in Formaldehyd, zerwühlten Betten und extremen Performances ihren weltweiten Siegeszug durch die Museen und Galerien antraten – darunter Mona Hatoum, Damien Hirst und Marc Quinn: „Die durchaus sensationelle Sichtbarmachung des Körpers von innen, aufgeschnittene Tiere und die Arbeit mit Blut, das alles gibt es auch bei diesen Kunstschaffenden“, erklärt Stief. „Die Darstellung von Tabus und der unmittelbare, sinnliche und performative Umgang mit dem Fleisch sind seit Nitsch und in Folge in England in den 1990er-Jahren wichtig für die Gegenwartskunst geworden.“

In Österreich konnten Generationen von Kunstschaffenden Nitsch und dem Aktionismus kaum entkommen. Die international renommierte Wiener Künstlergruppe Gelitin lässt in ihren Performances und Aktionen das Publikum oft ebenfalls teilhaben – und zwar wie Nitsch auf direkt spürbare Art. Beim Erklimmen mancher Installation kommt man ins Schwindeln oder fühlt sich beengt, beim Anblick überdimensionaler Kothaufen mag so manchem ekeln, und einmal bekamen Gelitin-Fans auch Gips ins Gesicht gepappt. Freilich lassen sich diese Arbeiten nicht direkt aus dem Wiener Aktionismus herleiten.

Im 21. Jahrhundert habe der katholische Hintergrund, an dem Nitsch sich abarbeitete, an Bedeutung verloren, wie Mumok-Kurator Fuchs betont. Er sagt: „Die Welt, von der Nitsch ausging, war eine andere als heute, nämlich die österreichische Nachkriegszeit mit ihrer Bigotterie und verlogenen Moral.“ So sei Nitsch zu einer „monomanen Figur“ geworden, in deren Fußstapfen niemand treten könne, „ohne zum Epigonen zu werden“. 

Künstlerinnen und Künstler jüngerer Jahrgänge reiben sich eher an Nitsch und am Aktionismus – und schöpfen aus ebendieser Haltung kreative Kräfte. Als Beispiel für diese kritischen Re-Lektüren erwähnt Fuchs eine Installation der Wiener Performancekünstlerin Carola Dertnig, in der weibliche Modelle einstiger Aktionen zu Wort kommen – eine Reflexion über die Rolle von Frauen im Wiener Aktionismus. Einer seiner ehemaligen Schüler – Nitsch lehrte einst an der Frankfurter Städelschule – erzählte der Kunstzeitschrift „Monopol“ von einer Kontroverse mit dem Meister. Michael Riedel, heute selbst Kunstprofessor, zeigte seinem Lehrer Mitte der 1990er-Jahre seine „Signetische Zeichnung“, eine Installation aus Tausenden Papierarbeiten mit sich wiederholenden Formen. „Ich habe zu hören bekommen, Kunst sei keine Onanie“, so Riedel. Nachsatz: „Ich denke doch.“ Jedenfalls kaufte der heutige Chef des Metropolitan-Museums, Max Hollein, damals Direktor des Frankfurter Städelmuseums, Riedels Werk an. Produktive Reibung kann eben auch zu spannenden Ergebnissen führen. 

Vergleicht man Nitsch mit seinen früheren Mitstreitern, so ist seine künstlerische Entwicklung die konsequenteste – oder auch einfach die sturste. Während Schwarzkogler früh starb und Mühls Vorstellung von Kunst zu einer sektenähnlichen, kriminell organisierten Kommune metastasierte, wandte sich Brus vorwiegend der Zeichnung zu. Nitsch hingegen verfolgte sein Orgien-Mysterien-Theater weiter. Seinem Willen zufolge soll es über den Tod seines Schöpfers hinaus leben: Am 30. und 31. Juli wird in Prinzendorf das Sechstagespiel abgehalten werden.

In einem von ihm selbst verfassten Lebenslauf prophezeite der Gesamtkunstwerker einst: „In der Landschaft, in den Weingärten, in den Kornfeldern, in den Kellergassen des Weinviertels wird sich viel Freude ereignen. Nie gehörte, das Universum anstrahlende Klänge werden unsere Rauschaufwallung ins Wesentliche führen. Die immer wieder sich vollziehende Auferstehung und Erleuchtung bestimmt das Sein. Alle Gärten sollen zu blühen beginnen und in verschwenderischer Blumenpracht ertrinken. Meine Arbeit will ein Lebensfest entwerfen.“ Am 18. April, ausgerechnet am Ostermontag, starb Hermann Nitsch im Alter von 83 Jahren. 

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