Oper

Anna Netrebko in der Wiener Staatsoper: Back to Business

Wie politisch ist das Klassik-Geschäft? Die Wiener Staatsoper setzt weiterhin auf Anna Netrebko, obwohl sich die Sängerin nie von Putin distanziert hat.

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Kaum hatte man am Freitag vorvergangener Woche Anna Netrebkos Wien-Comeback unverhofft angekündigt, brach der Server der Wiener Staatsoper zusammen. Alle drei Vorstellungen, in denen die russisch-österreichische Diva ab 5. September als Puccini-Mimì auftauchen soll, sind so gut wie ausverkauft. Ökonomisch hat Operndirektor Bogdan Roščić also offensichtlich alles richtig gemacht.

Die Künstlerin mit dokumentierter Putin-Nähe, möchte seit dem Ukraine-Krieg am liebsten gar nicht politisch verstanden werden. Für viele Opernhäuser ist sie nach wie vor Pflichtprogramm.  Die Staatsoper musste die künstlerisch weit wertvollere „La Juive“-Vorstellungsfolge, die mit einer All-Star-Besetzung geplant war, offenbar streichen, weil zwei von den fünf Protagonisten abgesagt hatten. Hat ein solches Repertoirehaus eigentlich kein Ensemble mehr, das eine Chance bekommen könnte? Aber abgesehen von dieser Frage: Geht Netrebkos Engagement kulturpolitisch denn in Ordnung?

Im Prinzip waren Fakten geschaffen. Obwohl zum Zeitpunkt der Drucklegung des Spielzeithefts 2022/23 bei der „Aida“-Serie im Jänner 2023 hinter der Titelrolle noch „N.N.“ stand, war dies online längst durch „Anna Netrebko“ ersetzt worden – trotz ihres wochenlangen Herumlavierens, das damit endete, dass sie sich unter öffentlichem Druck wenig emphatisch gegen den Ukraine-Krieg ausgesprochen hat. Gegen Putin selbst? Kein Wort. Doch die Staatsoper will auf einen Noch-Kassenknüller nicht verzichten. So unsolidarisch ist das Klassik-Geschäft.

Anderswo ist Netrebko immer noch Persona non grata, nimmt inzwischen jede Einspringer-Offerte gierig an, schließlich will auch der Blingbling-Urlaub in Bodrum (siehe Netrebkos Instagram-Konto) bezahlt, die neue Wiener 350-Quadratmeter-Behausung finanziert werden. Auch Gery Keszler, bei dessen verblichenem „Life Ball“ sie oft zu Gast war, wird Netrebko im Oktober beim Benefiz-Event „Austria for Life“ im Ehrenhof von Schloss Schönbrunn als Frontfrau präsentieren. Mehr noch: Sie wird aus einer Beethoven-Huldigungskantate für die Habsburger die Arie „O Himmel, welch’ Entzücken“ singen. Ob sie ihre Gage der Ukraine spenden wird?

 

Opern-Experte Manuel Brug analysiert regelmäßig für profil die Welt der großen Stimmen und kleinen Intrigen im Klassik-Bereich.