Warum Architektur die Öffentlichkeit so emotionalisiert

Das Wiener Heumarkt-Areal

Das Wiener Heumarkt-Areal

Die Diskussion um die Neugestaltung des Wiener Heumarkts wurde 2017 erbitterter geführt als jede andere kulturpolitische Debatte. Warum emotionalisiert gerade Architektur die Öffentlichkeit so maßlos?

Schon die Diktion der Kritiker zeigt den Erhitzungsgrad der Auseinandersetzungen. Es geht um "Bausünden", um die "Zerstörung" kulturellen Erbes und der Integrität historischer Bauwerke, um die regelrechte "Verschandelung" des städtischen Raums. Zuverlässigere kulturpolitische Spaltpilze als Stadtplanung und Architektur sind kaum denkbar. Beispiele dafür gibt es in rauen Mengen, die heftige Debatte um den Heumarkt, bei der es schließlich sogar um das Weltkulturerbe und die Zukunft der Wiener Stadtverwaltung ging, ist unter diesen nur das jüngste. Ob man an Hans Holleins 1990 eröffnetes spiegelgläsernes Haas-Haus denkt, das seinerzeit einen allzu harten Gegensatz zum gegenüberliegenden Stephansdom und zur historischen Altstadt insgesamt zu bilden schien, oder das 2003 präsentierte, keck in den Stadtraum ragende Flugdach der Albertina - oder ob man die als "Begegnungsraum" von Bussen, Autos, Passanten und Radfahrern recht halbherzig realisierte Fußgängerzone auf der Mariahilfer Straße meint: Als Provokation wurden urbane Gestaltungsideen dieser Art stets empfunden, und die Unkenrufe der Gegner klangen dabei stets um ein Vielfaches lauter als die Kalmierungsversuche der Befürworter.

Als Ausdrucksform ist die Architektur eben exponierter als die anderen Künste, deren Ergebnisse fast immer in den Schutzräumen der Kulturinstitutionen zu besichtigen sind und die sich an ein bereits speziell interessiertes und vorgebildetes zahlendes Publikum richten. Aber auch wenn jede sichtbare Änderung des Stadtraums und -bilds - und dies betrifft keineswegs nur die kühnen, "visionären" baulichen Maßnahmen - von einer breiten Öffentlichkeit als Zumutung empfunden wird: Moderne Großstädte sind keine Museen, sondern lebende, sich entwickelnde Organismen. Ihre Benutzer aber, die Stadtbewohner, sind in ihrer Stoßrichtung konservativ: Eingriffe in jahrzehntealte Strukturen werden als beängstigend empfunden, während das Gewohnte, im doppelten Wortsinn, ungeachtet seiner Qualität oder Funktionabilität als besonders schützenswert erachtet wird.

Die Kontroversen um gestalterisch umstrittene Bauwerke werden in historisch gewachsenen europäischen Städten naturgemäß härter geführt als etwa in jüngeren amerikanischen oder asiatischen Megacities, in denen modernistische Architektur immer schon eine zentrale Rolle spielte. Zudem führen die chronisch leeren Kassen der Städte ihrerseits zu einem Dilemma: In vielen Fällen ist man inzwischen auf schwerreiche private Investoren angewiesen. Der Heumarkt und seine Abwicklung durch den Investor Michael Tojner sind das letzthin meistdiskutierte Beispiel; auch für die längst fällige Aufstockung des Wien Museums sucht man gerade verzweifelt nach interessierten Finanzpartnern. Sie übernehmen eine Kernaufgabe der Stadtregierung, stemmen die Kosten für das urbane Redesign, sichern sich aber im Gegenzug die Freiheit, nicht für das Gemeinwohl (und schon gar nicht für die Kunst) zu bauen, sondern vor allem für die eigene Tasche.

Unmut gegen (noch) nicht Existierendes

Was wird von der Aufregung rund um das Hochhaus am Heumarkt bleiben? Die Flächenwidmung für das Areal ist beschlossen, 2020 soll mit den Bauarbeiten begonnen werden, und spätestens in fünf Jahren, wenn alles nach Plan verläuft, wird der Komplex, der im Wesentlichen aus dem neuen Hotel Intercontinental, einem fragwürdigen Wohnturm, Einrichtungen für den Eislaufverein und einem großzügigen Platz besteht, vollendet sein. Dann werden die Besucher des Konzerthauses nach dem Kunstgenuss nicht mehr wie bisher auf der Straße, sondern auf dem neuen Platz zusammenstehen und in Ruhe über das gerade Gehörte sprechen oder an einem lauen Sommerabend in einem der Lokale Platz nehmen können.

Die Bewohner des 3. Bezirks werden sich der Abkürzung erfreuen, die sich auf ihrem Weg in den 1. Bezirk entlang des Konzerthauses eröffnen wird. Hier und da werden sie den Blick auf das Hochhaus werfen, ihn nach oben gleiten lassen, um ihn danach wieder auf das Geschehen am Platz zu richten. Die Eisläufer werden nicht mehr auf die triste Rückseite des Hotels zulaufen müssen, sondern ihre Runden zwischen der historistischen Fassade des Konzerthauses und den modernen, in Weiß gehaltenen Rasterfassaden der Neubauten drehen. Anrainer und Besucher werden den öffentlichen Raum nutzen - und ihn möglicherweise sogar zu schätzen wissen.

Es gehört jedoch zu den Eigenheiten der Verdrossenheit über architektonische Vorhaben, dass sich der Unmut mit besonderer Leidenschaft gegen (noch) nicht Existierendes richtet. Es wird grundsätzlich mit dem Schlimmsten gerechnet, denn rückgängig zu machen sind falsche bauliche Entscheidungen ja nicht ohne Weiteres. Natürlich wird man das viel diskutierte Hochhaus schon aus der Ferne sehen, zum Beispiel vom Schwarzenbergplatz oder vom Oberen Belvedere aus. Wer vom Stadtpark kommt, wird hingegen auf eine massive Scheibe, den Hotelneubau, zulaufen, der die Kubatur des jetzigen Hotels übernimmt. Isay Weinfelds Heumarkt-Architektur ist funktional und zurückhaltend, aber wenig inspirierend. Im Grunde besteht sie aus einem Turm und einer Scheibe, die sich einen Sockel teilen, aber keinen gemeinsamen Raum bilden. Um die architektonische Qualität des Projekts ging es im medialen Diskurs der vergangenen Monate allerdings nicht. In der Diskussion hatte sich alles auf das Hochhaus, seine Höhe und die Frage nach der Bedeutung des Weltkulturerbes beziehungsweise dessen möglicher Aberkennung durch die Unesco zugespitzt.

Weltweiter Trend zu Hochhäusern

Debatten dieser Art werden derzeit in vielen europäischen Städten erhitzt geführt, denn der Trend zu Hochhäusern ist weltweit zu beobachten. Das hat mit den hohen Grundstückspreisen in Metropolen ebenso zu tun wie mit dem Ruf nach Verdichtung und der Lust an großstädtischem Flair. Und fast immer werden diese Diskussionen sehr emotional geführt. Dabei schwingt nicht nur die Angst vor Veränderungen mit oder der Wunsch, Bestehendes zu bewahren - es ist ein generelles Unbehagen gegenüber der Errichtung von Hochhäusern, das viele Stadtbewohner spüren.

Ein Turm ist eine Akzentuierung im urbanen Gefüge, er ist schon aus der Ferne wahrzunehmen, symbolisiert Macht oder markiert einen wichtigen Ort. In der historischen Stadt waren es die Kirch- und Rathaustürme, die aus dem Häusermeer herausragten. Heute sind es Wolkenkratzer wie jene, die Donald Trump in New York, Chicago und Las Vegas, aber auch in Toronto und sogar in Istanbul errichten ließ, die städtebaulich jene alten Funktionen übernommen haben. Um Religion und Politik geht es dabei nur noch in einem stark erweiterten, nämlich ökonomischen Sinn: In der modernen Stadt baut man Banken-und Bürotürme oder eben Hochhäuser für Luxuswohnungen wie in Wien am Heumarkt. Das Misstrauen gegen diese Konstruktionen ist leicht begründbar: Sie wirken unnahbar, und nur eine dünne, finanziell hochpotente Klientel kommt in den Genuss der Büros oder Wohnungen in luftiger Höhe. Gerade in einer Stadt wie Wien, deren Qualität in der Horizontalen liegt, deren Gestalt durch einheitliche, maximal sechsgeschossige Gründerzeithäuser geprägt ist, scheint die Skepsis gegen das bauliche Streben in die Höhe besonders groß zu sein.

Hochhäuser sind natürlich nicht per se abzulehnen, auch nicht für Wien. Sie müssen allerdings präzise gesetzt werden, und ihre Funktion muss der Großspurigkeit, die sie weithin ausstrahlen, entsprechen. Je näher ein solches Gebäude der historischen Altstadt steht, desto behutsamer und schlüssiger muss es platziert werden. Die Diskussion um das Hochhaus am Heumarkt war keineswegs die erste dieser Art in Wien. Rund um das Bauvorhaben Wien Mitte sowie die Umwandlung der ehemaligen Hofstallungen in das MuseumsQuartier (MQ) wurde ebenfalls jahrelang heftig gestritten. Beim MQ ging es nicht nur um die Höhenentwicklung, sondern allgemeiner um die Frage, ob man zeitgenössische Architektur überhaupt in das barocke Ensemble stellen dürfe. Es trafen, wie so oft, die Bewahrer und die Erneuerer aufeinander. Der Entwurf der Architekten Ortner &Ortner für das MuseumsQuartier sah zwei Museumskuben und einen Leseturm vor. Nicht nur die betont moderne Architektur wurde als Provokation empfunden, sondern auch deren Höhe. Dabei war diese Erhebung in der Gesamtkonzeption des Ensembles durchaus schlüssig. Während man hier also ruhig mutiger hätte sein können - vor allem auch seitens der Politik -, scheint das geplante Hochhaus am Heumarkt mit Courage wenig zu tun zu haben. Es ist eben etwas anderes, in der Nähe des 1. Bezirks ein Hochhaus für Wohnungen oder für eine Kulturinstitution zu errichten. Die öffentliche und mediale Empörung aber war im Fall des MuseumsQuartiers so groß, dass der Leseturm gar nicht erst gebaut wurde; die beiden Museumskuben, das heutige mumok und das Leopold Museum, gruben sich eher in die Tiefe, statt in die Höhe zu wachsen. Zu etwa derselben Zeit hatten die Architekten Ortner & Ortner auch für den Standort Wien Mitte ein Hochhausensemble entworfen, über das so lange diskutiert wurde, bis von dem ursprünglichen architektonischen Konzept nichts mehr übrig blieb.

Einst ungeliebte Aushängeschilder

"Architektur-Aufreger" nennt das AzW (Architekturzentrum Wien) eine seiner Standard-Exkursionen, die Interessierte buchen können. Dieser Ausflug führt zu Projekten, die erbitterte Reaktionen in der Bevölkerung hervorriefen, von zahllosen politischen Streitigkeiten begleitet wurden und im Lauf der Projektentwicklung viele Adaptionen durchmachen mussten - und die dennoch nicht mehr aus dem Wiener Stadtbild wegzudenken sind. Sie gelten inzwischen als Aushängeschilder der Wiener Baukultur, auf die man zu Recht stolz ist. Dazu zählen neben dem MuseumsQuartier und dem Haas-Haus am Stephansplatz auch die Secession und das Loos-Haus am Michaelerplatz. Trotz notwendiger Nachjustierungen wie die Höhenbegrenzung im MuseumsQuartier konnten diese Bauten ihre architektonische Grundidee und Qualität bewahren. Im Rahmen der Exkursionen des Architekturzentrums werden also Geschichten erzählt, die gut ausgegangen sind. Über andere Bauplätze, auch über Wien Mitte, wird da lieber geschwiegen.

Das Heumarkt-Projekt wird dereinst wohl ebenfalls eher in die Kategorie der vertanen Chancen eingeordnet werden. Selbst eine der zentralen Befürworterinnen des Bauvorhabens rund um den Wiener Eislaufverein scheint dessen inzwischen überdrüssig geworden zu sein. Im "Standard" wurde Planungsstadträtin und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou vor wenigen Wochen mit diesem erstaunlichen Satz zitiert: "Aus heutiger Sicht würde ich ein Hochhaus am Standort Heumarkt ausschließen." Sie habe vor fünf Jahren, als der Wettbewerb ausgeschrieben wurde, "die Sprengkraft des Projekts nicht richtig erkannt".

Ähnlich heftig geführte Diskussionen rund um moderne Planungen an signifikanten Orten kennen auch andere österreichische Städte. Hans Holleins international akklamierter Entwurf für das Salzburger Museum am Mönchsberg prägte zwar die kulturpolitische Diskussion in Österreich ab 1989 über fast zwei Jahrzehnte, wurde aber nie gebaut. Heute steht das vom Münchner Büro Friedrich Hoff Zwink Architekten entworfene Museum der Moderne in braver, zurückhaltender Gestalt am Berg. Im Fall des Grazer Kunsthauses hingegen, das Peter Cook und Colin Fournier konzipiert hatten, war man im Zuge der Kulturhauptstadtplanungen Anfang der Nullerjahre mutiger, wenn auch nur teilweise erfolgreich. Auf das Kunsthaus, das aussieht wie ein blaues Alien, ist man in Graz zu Recht stolz; das Haus sieht spektakulär aus und stellt einen spannenden Kontrast zur Altstadtbebauung dar. Doch die Bespielung im Inneren ist schwierig. Qualität wird nicht nur durch extravagante Außengestaltung erreicht, sie muss auch funktionieren; wenn aber die Funktion der Form so radikal untergeordnet wird wie in Graz, bleiben die Ergebnisse trotz allem enttäuschend.

Mangelndes Vertrauen in Baukultur der Gegenwart

Und selbst in einer Weltstadt wie Berlin siegen manchmal die konservativen Kräfte. Hier entschied man sich trotz heftiger Kritik für den Nachbau des ehemaligen Stadtschlosses und gegen eine moderne Neukonstruktion. Die Sehnsucht nach einer vertrauten, historisch anmutenden Architektur ist die Konsequenz des mangelnden Vertrauens in die Baukultur der Gegenwart.

Um qualitative Bauwerke entstehen zu lassen, braucht es Experten sowie Vermittler ebenso wie den Rückhalt der Politik. Gute Architektur zu vermitteln, ehe sie realisiert wird, ist aber schwierig. Woher soll der Laie wissen, dass die geplante bauliche Neugestaltung eines bestimmten Ortes diesen auch tatsächlich verbessern wird? Die ins Auge gefasste Erneuerung des Raums nächst der Karlskirche ist ein solcher Fall. Im Zuge der - finanziell zwar weiterhin ungesicherten - künftigen Sanierung und Erweiterung des Wien Museums darf nun auch der benachbarte Bürobau, das sogenannte Winterthur-Gebäude, Sitz einer großen Versicherung, um zwei Etagen und ein Staffelgeschoß erhöht werden. Da dieser Bau aber sehr nahe an der Karlskirche steht, ist bereits die Sorge laut geworden, die Aufstockung werde die barocke Kirche bedrängen, optisch gleichsam erdrücken. Die Initiative "Rettet den Karlsplatz", unterstützt von Kunstprominenz wie Erwin Wurm und Gerald Matt, macht dagegen seit Monaten mobil. Dabei verspricht der Entwurf der Architekten Henke Schreieck durchaus, Ordnung und Ruhe in diesen Teil des Karlsplatzes zu bringen; die Neugestaltung wird den Platz gemeinsam mit dem neuen Wien Museum und der Karlskirche besser fassen und sich der Kirche unterordnen - nicht trotz der Erhöhung des Winterthur-Hauses, sondern gerade wegen ihr.

Auch dieser Architektur-Aufreger wird die Wiener Öffentlichkeit und die Stadtregierung weiterhin in Atem halten. Denn es ist nun einmal so, dass auch die Baukunst eine Frage des Auges, des Verstandes und der Moral, also nicht letztgültig objektivierbar ist. Was eine "Sünde" genau sein mag, definiert eben immer noch jeder für sich.