Architektur: Eine Ausstellung zu Roland Rainers NS-Vergangenheit

Roland Rainer

Roland Rainer

Der österreichische Architekturstar Roland Rainer entwickelte viele seiner Konzepte während der NS-Zeit, die er nach dem Krieg konsequent verwirklichte. Seine dubiose Vergangenheit wurde nie ernsthaft aufgearbeitet. Nun nimmt eine Ausstellung in Wien seinen Nachlass kritisch unter die Lupe.

Wie sieht faschistische Architektur aus? Monumental und menschenverachtend. Man denkt an die Wiener Flaktürme, das Olympiastadion in Berlin oder die Kongresshalle des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg. Massive Bauten, die protzig Raum einnehmen. Stein gewordener Machtanspruch. Doch die Architekturgeschichte ist komplexer. Auch idyllische Gartensiedlungen im Grünen, ideal für Kleinfamilien, wurden von den Faschisten propagiert: Im Falle eines Luftangriffs seien nicht so viele Menschen gefährdet wie bei enger Bebauung in der Großstadt.

"Rationalisierungs- und Modernisierungsschub"

Nicht jeder Aussteigertraum tendiert nach links. Die Forschung zur Architektur beweist, dass bestimmte Baukonzepte im Lauf der Geschichte von mehreren Seiten vereinnahmt und je nach ideologischer Ausrichtung neu interpretiert wurden. Manchmal sieht faschistische Architektur eben auch nach Bobo-Kleingärtnerglück aus. Die aktuelle Ausstellung "Roland Rainer. (Un)Umstritten. Neue Erkenntnisse zum Werk (1936-1963)" im Wiener Architekturzentrum (AzW) wirft nicht nur einen kritischen Blick auf einen der renommiertesten heimischen Architekten und Designer, der bereits laut Eigenangabe ab März 1936 NSDAP-Mitglied im austrofaschistischen Ständestaat gewesen war (eine mit Quellen gesicherte Aufnahme erfolgte 1938), sondern hinterfragt auch Klischees. "Die Architektur war im Nationalsozialismus nicht nur rückwärtsgewandt. Die räumliche Expansionspolitik des NS-Regimes löste einen Rationalisierungs- und Modernisierungsschub im Bauwesen aus", erklärt AzW-Direktorin Angelika Fitz. Roland Rainer, der ikonische Bauten wie die Wiener Stadthalle oder das ORF-Zentrum verwirklichte, der als Stadtplaner von 1958 bis 1962 das Erscheinungsbild Wiens maßgeblich prägte, dessen Stapelstühle Designklassiker sind, galt als Humanist und grüner Vordenker - so machte er sich früh für die Donauinsel als Erholungsraum stark. Seine Entwürfe standen für ein modernes, demokratisches Österreich. Erstaunlich, dass er bis zu seinem Tod 2004 nie ernsthaft mit seiner NS-Vergangenheit konfrontiert wurde.

Stationen einer Karriere: 26 war Roland Rainer, als er 1936 nach Berlin kam. Der junge Architekt galt als zielstrebig und karrierebewusst. Er war bei der Preußischen Bau- und Finanzdirektion angestellt, ab 1937 wissenschaftlich für die Deutsche Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung tätig. Gearbeitet wurde unter anderem an Neugestaltungskonzepten für die Expansion in den Osten; das Geld für die Forschungsagenden kam direkt von Hitlers Architektur-Mastermind Albert Speer. Es ging um Abertausende neue Wohnungseinheiten, in denen nach dem Zerstörungsfeldzug Deutsche angesiedelt werden sollten. Bei der Planung der Neubesiedlung der Ostgebiete wurde eine "aufgelockerte Bauweise" bevorzugt, also mittelgroße Städte mit Einfamilienhäusern. Dieser Gedanke war nicht neu, wie so oft bedienten sich die Nazis bei Vorhandenem: Bereits in den 1920er-Jahren kam die Idee für Gartenstädte auf, die einem sozialen Gedanken entsprangen. Um der mangelhaften Wohnsituation in Großstädten entgegenzuwirken, wurde auf grüne Bebauung am Stadtrand gesetzt.

Das "Einfamilien-Reihenhaus mit Garten" entspreche "allen Anforderungen in biologischer und städtebaulicher Hinsicht am besten", schrieb Roland Rainer in seiner im April 1944 erschienenen Forschungsarbeit "Die zweckmäßigste Hausform für Erweiterung, Neugründung und Wiederaufbau von Städten". Er betonte die "volksbiologische Bedeutung der Wohnung", schwärmte von der "Fülle arischen Wesens". Auch auf die Geburtenrate wirke sich diese Wohnform positiv aus. Seine Studie über die Zusammenhänge zwischen "Rasse und Wohnform" stieß auf großes Interesse. Vieles davon floss in die ein Jahr später publizierte Schrift "Die gegliederte und aufgelockerte Stadt" ein, die er gemeinsam mit Johannes Göderitz und Hubert Hoffmann verfasste.

Naturnah, menschengerecht, autofrei

Nach 1945 setzte Rainer seine Karriere in Wien bruchlos fort. 1957 wurde "Die gegliederte und aufgelockerte Stadt" neu aufgelegt - allerdings ideologisch gereinigt. Die Schau im Architekturzentrum stellt die beiden Ausgaben nebeneinander: Die biopolitischen Ausdrücke wurden in der Neuauflage entfernt, die Argumentation wirkte neutraler, doch an der Architektur selbst hatte sich im Grunde nichts geändert. Für seine Flachbausiedlungen in Mannersdorf oder seine Gartenstadt in Puchenau bei Linz wurde Rainer weithin gefeiert: naturnaher Lebensraum, menschengerechtes Wohnen, autofreie Siedlungen, die in den 1980er-Jahren perfekt zu dem immer wichtiger werdenden Umweltschutzgedanken passten.

1993 erschien im Wochenmagazin "Forum" ein polemischer Text, der Rainers Dezentralisierungsplänen faschistische Tendenzen unterstellte. Der Architekt antwortete mit einer kurzen Gegendarstellung, seiner einzigen öffentlichen Stellungnahme zu dieser Frage. "Im Jahre 1937, als ich mich zu einer Parteinummer der NSDAP überreden ließ, waren in Österreich die Verbrechen dieses Regimes noch nicht bekannt", argumentierte er. Er habe stets das "Gedankengut der englischen, österreichischen und deutschen Gartenstadtbewegung" vertreten, das im diametralen Gegensatz zu den Monumentalbauten Speers gestanden sei. Rainer hätte freilich wissen müssen, dass sich Nazi-Architektur keineswegs darauf beschränkt hatte.

"Waldheim der Architektur"

Erst 2014 nahm die Diskussion wieder Fahrt auf. Anlass war eine von der Stadt Wien in Auftrag gegebene Studie über personenbezogene Straßennamen. Eine Historikerkommission um Oliver Rathkolb stufte den seit 2006 bestehenden Roland-Rainer-Platz vor der Stadthalle als "Fall mit Diskussionsbedarf" ein; schließlich habe der Architekt früher an der Stadtplanung des Deutschen Reichs mitgearbeitet. Der damalige AzW-Direktor Dietmar Steiner bezeichnete Rainer 2015 als "Waldheim der Architektur".

Im selben Jahr fiel Rainers Nachlass dem AzW zu. "Die Architekten haben ihre Bücher meist selbst ediert, es gab keinen kritischen Blick von außen", sagt AzW-Leiterin Fitz. Es sei deshalb eine wichtige Aufgabe eines Architekturmuseums, Selbstdarstellungen durch andere Quellen zu ergänzen und zu berichtigen, betonen die Ausstellungskuratorinnen Ingrid Holzschuh, Monika Platzer und Waltraud Indrist. So wurde gemeinsam mit der Akademie der bildenden Künste, an der Rainer sowohl als Unterrichtender wie auch - von 1960 bis 1962 -als Rektor aktiv war, eine Recherche in internationalen Archiven gestartet. Datenbanken wie das Bundesarchiv in Berlin haben ihre Bestände über den Nationalsozialismus erst ab den 1990er-Jahren öffentlich zugänglich gemacht. "Die NS-Diktatur hatte einen extremen Verwaltungsaufwand", erklärt Kuratorin Holzschuh: "Das macht die Recherche spannend, aber auch aufwendig."

Im AzW geht es nun darum, Roland Rainers Wirken erstmals in seiner ganzen Komplexität zu erfassen. Er sei kein Einzelfall gewesen, betont Kuratorin Platzer. "Es ist ein Mythos, dass in der Architektur nach 1945 eine Stunde Null begann", so Holzschuh. "Uns geht es nicht nur darum, die Auslassungen in Rainers Biografie zu untersuchen", ergänzt Fitz: "Sondern Zusammenhänge zwischen Architektur und Politik zu zeigen. Die Forschung hat erst begonnen." Dass Rainer zu Lebzeiten nie kritisch mit seiner Vergangenheit konfrontiert wurde, bleibt ein gesellschaftliches Versäumnis.