Autor Gerhard Roth: "Ständig das Geschrei: 'Gott! Gott! Gott!‘“

Autor Gerhard Roth: "Ständig das Geschrei: 'Gott! Gott! Gott!‘“

Gerhard Roth zählt zu Österreichs bekanntesten Autoren. Ein Gespräch über erste Märchen und letzte Nazis, Alltagskatastrophen und Krankheiten sowie Bundeskanzler Kurz als „Billardspieler“.

Gerhard Roth, 76, sitzt in seinem Haus in der Südsteiermark, umgeben von Fachliteratur zu Fauna und Flora: Material für sein neues Buchprojekt. Roth, einer der „erstaunlichsten Schriftsteller unserer Zeit“ („Die Zeit“), arbeitet sich mit Vorliebe an gewaltigen Prosawerken ab: 32 Jahre lang schrieb er an den Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“, einer mentalitätsgeschichtlichen Panoramaaufnahme Nachkriegsösterreichs mit den Mittel des Romans, des Essays, der Autobiografie, der Reportage und der experimentellen Prosa. Soeben ist mit „Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier“, einer Untergeher-Geschichte als Kriminalroman, der zweite Teil eines auf drei Teile angelegten Venedig-Triptychons erschienen. Roth spricht leise, geschwächt von einer kürzlich durchgestandenen Lungenentzündung. Vor dem Fenster kräht sich zwei Stunden lang ein Hahn heiser.

INTERVIEW: WOLFGANG PATERNO

profil: Ihr Namensvetter Philip Roth verkündete 2012, mit dem Schreiben aufzuhören. Haben Sie auch schon daran gedacht?
Roth: Nein. Kürzlich erkrankte ich in Venedig an einer Lungenentzündung. Da spürte ich den Zustand völliger Erschöpfung. Seither kann ich es nachvollziehen, weshalb man irgendwann nicht mehr schreiben kann. Der Gedanke, das Schreiben aufzugeben, ist mir trotzdem fremd. Ich wäre jemand anderer, wenn das eintreten würde, aber ich wüsste nicht, wer.

profil: Philip Roth schrieb am Schreibpult. Schreiben Sie noch immer im Liegen?
Roth: Ja. Zwischen drei Wirbeln habe ich keine Bandscheibe mehr. Beim Sitzen und Stehen stellen sich rasch Schmerzen ein. Das Gehen ist noch halbwegs möglich. So lange ich aber zurückdenken kann, hatte ich eine große Freude an der Oblomowerei. Bereits als Kind liebte ich es, wie Gontscharows gleichnamiger Romanheld im Bett zu liegen, zu lesen und als Erwachsener Filme zu sehen oder aus dem Liegestuhl den Vögeln und Insekten zuzusehen.

profil: Ihr Schreiben an den „Archiven des Schweigens“ begann unter widrigen Umständen: Sie lebten in einem Haus in der Südsteiermark ohne Strom und Heizung.
Roth: Zuvor wohnte ich in Graz mit meiner ersten Frau in der Wohnung ihrer Eltern. Ich schrieb im Badezimmer, sobald alle zu Bett gegangen waren. Dabei saß ich auf der Wäschebank und verfasste das Manuskript meiner ersten Veröffentlichung, „die autobiografie des albert einstein“. Eines Tages zerstörte ein Wasserrohrbruch das Heft. Verzweifelt legte ich alle Seiten im Hof auf und hoffte, die Sonne würde sie trocknen. Die Schrift blieb jedoch zu einem großen Teil unleserlich. Da mir nichts anderes übrig blieb, begann ich den Text wieder von vorn, aber die zweite Fassung der „autobiografie“ wurde dann ein ganz anderes Buch.


Don Juan brauchte immer neue Geliebte. Ich bin auf mein jeweils letztes Buch angewiesen.

profil: Denken Sie oft an Ihre Anfänge als Autor zurück?
Roth: Der wirkliche Anfang liegt im Märchenerzählen meiner Großmutter. Sie weckte meine Lust am Fantasieren, indem sie mich aufforderte, den Beginn einer Geschichte zu erfinden, die sie dann abschloss. Oder sie begann beim „Es war einmal“, und ich durfte den Schluss erfinden. Später führte ich ein Tagebuch, das ich, als ich erwachsen wurde, vernichtete. Ich wollte die vielen Gedanken an Selbstmord in den Aufzeichnungen auslöschen oder zum Verschwinden bringen – was natürlich sinnlos war.

profil: Ertappen Sie sich manchmal dabei, wie Sie beim Blick zurück sentimental werden?
Roth: Meine Arbeit habe ich nie verklärt. Ich kann keines meiner früheren Bücher, immer nur mein neuestes Buch lesen. Eine meiner unangenehmen Eigenschaften ist, dass ich zwanghaft Fehler suchen muss. Don Juan brauchte immer neue Geliebte. Ich bin auf mein jeweils letztes Buch angewiesen.

profil: Bereits Ihr Frühwerk ist von den Themen Armut, Krankheit, Tod, Wahnsinn geprägt. Wie hat sich Ihr Blick darauf verändert?
Roth: In meiner Kindheit und Jugend war mir Krankheit nicht unangenehm, im Gegenteil. Ich musste nicht in die Schule gehen und durfte die Tage im Bett verbringen. Schon damals aber war das Thema präsent: Mein Urgroßvater, erfuhr ich, war Glasmacher, der laut Totenschein an „Ausschindung“ starb, der Großvater Glasbläser, der gegen Armut und Arbeitslosigkeit ankämpfte, mein Vater Arzt, der in meiner Kindheit zu Hause ordinierte, wodurch ich viel Elend sah. Ich entwickelte früh Interesse und Sympathien für Schwache, Arme, Kranke – nicht romantisch und angelernt und schon gar nicht ideologisch. Ich schreibe immer aus einer Position der Schwäche.


Ich hatte mir in meiner Jugend so oft den Tod gewünscht, dass Jahrzehnte später die Furcht wie ausgelöscht war.

profil: Sie werden bald 77. Wie kommen Sie selbst mit dem Alter und den Krankheiten zurecht?
Roth: Die 13 Gipsverbände an Knöchel und Knie, Folgen von Stürzen, waren nicht mehr als gewöhnliche Ereignisse in meinem Leben. Ich nahm die Verletzungen nicht nur als schmerzhaft wahr. Ich musste liegen, konnte aber dabei viel lesen und schreiben. Die wirkliche Katastrophe trat nach einem offenen Schienbeinbruch und einer darauffolgenden Lungenembolie vor sieben Jahren ein. Wochenlang geisterte ich, als ich bereits wieder gehen konnte, ohne genug Luft zu bekommen, herum. Erst durch den Aufenthalt in der Intensivstation begriff ich, dass es um mein Leben gegangen war.

profil: Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Roth: Ich hatte mir in meiner Jugend so oft den Tod gewünscht, dass Jahrzehnte später die Furcht wie ausgelöscht war. Ich fühle mich heute viel glücklicher als mit 15 oder 30 Jahren, als ich in die Normalitätsmühle von Schule und beruflichem Alltag gelangt war.

profil: Macht das Leben, wenn man im Spital liegt, Pause?
Roth: Man wird mehr geliebt. Man kann sich auch aus der nie abreißenden Alltagskatastrophe ausblenden, die bekanntlich allmählich jeden Menschen verschlingt. Ganze Industrien, angefangen von Kinos, Konzerthallen oder Fußballstadien bis hin zum Verkauf von Alkohol oder Drogen, leben ja gut davon, den Menschen ihren Alltag vergessen zu lassen. Ich flüchte in meine innere, meine zweite Welt. Abgesehen von meinem gesundheitlichen Befinden und der Angst vor Untersuchungen und Eingriffen gefiel es mir im Spital also nicht schlecht.

profil: Sie hatten keinerlei Bedenken, Ihr Venedig-Triptychon, dessen erster Teil, „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“ (2017), nun mit dem gerade erschienenen Band „Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier“ fortgesetzt wird, nicht abschließen zu können?
Roth: Nein. Wenn es passiert, passiert es, daran lässt sich nichts ändern. Außerdem ist das Manuskript so gut wie fertig, und das Buch wird erscheinen. Die letzte Zeit arbeitete ich über Monate hinweg ohne eine freie Stunde. Dann reiste ich nach Venedig mit Antibiotika im Gepäck – in der Meinung, ich würde mich in der Stadt von den Strapazen erholen. Ein Irrtum.


Heimat sind vor allem Menschen, die man liebt, keine Staaten oder Nationen.

profil: Ihr Romanheld Lanz in die „Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier“ ist Büchernarr und ein regelrechtes Wahrnehmungsmonster. Wie verwandt fühlen Sie sich ihm?
Roth: Ob man will oder nicht, viele Figuren sind vom Autor unbeabsichtigt Doppelgänger seiner selbst oder haben zumindest etwas von ihm. Alles, was ich geschrieben habe, beruht ja auf meinen Wahrnehmungen, meinen Empfindungen, meinem Charakter. Der Leser kann gleichzeitig so etwas wie ein „Psychiater“ des Autors sein und sich selbst seine Gedanken über ihn machen.

profil: Lanz entdeckt im Roman am Strand ein totes Flüchtlingsmädchen, das ihn aus seinem Trott reißt. Sind wir alle abgestumpft?
Roth: Nein. Zuerst besucht Lanz in Bremerhaven ein Auswanderermuseum und erfährt vieles über die Perspektive, als Europäer sein Land und sein Zuhause zu verlassen und nach Amerika auswandern zu müssen. Jetzt sieht er den umgekehrten Fall – ein totes Flüchtlingskind in Lanz’ Erlebniswelt. Die Fremde umgibt uns aber immer, egal wo wir gerade sind. Jeder lebt zugleich auch in ihr, ob am Arbeitsplatz oder wenn er sehr unglücklich ist. Heimat sind vor allem Menschen, die man liebt, keine Staaten oder Nationen.

profil: Die FPÖ plakatiert im laufenden Europawahlkampf: „Steh auf unsere Heimat.“
Roth: Ein billiges Argument, um Stimmen zu fangen. Während der 35 Jahre, in denen ich an meinen Zyklen schrieb, engagierte ich mich auch politisch. Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration wollte die nationalsozialistische Vergangenheit fast schon mit Gewalt verschweigen oder – schlimmer noch – verklären, vor allem, sich nie den Tatsachen stellen, zum Teil, um sich nicht mit den nächsten Verwandten streiten zu müssen. Dieses Wissens-Leck, durch das schmutziges Wasser eindringen konnte, wurde für die folgende Generation nie wirklich dicht gemacht. In meinem Essay-Band „Das doppelköpfige Österreich“ habe ich festgehalten, was mir damals durch den Kopf gegangen ist und noch immer geht.

profil: Der Vizekanzler der Republik warnt vor dem „Bevölkerungsaustausch“.
Roth: Bereits zu Jörg Haiders Zeiten wurde Derartiges dahergefaselt, ein Ausdruck der politischen Unmenschlichkeit, wobei die extreme Linke auf andere Weise auch um keinen Deut besser ist als die extreme Rechte. Mein siebenbürgischer Großvater und dessen Bruder wurden von den Kommunisten am Ende des Zweiten Weltkrieges in Rumänien ermordet, der Bruder allein deshalb, weil er nach der Jagd ein Gewehr in Händen hielt. Auf ihren Gräbern stehen inzwischen Neubauten. Ich lehne jeden Extremismus in der Politik ab.

profil: Ihr Lanz besucht die „Galerie der sieben Millionen Auswanderer“. In Österreich verrichten seit geraumer Zeit sogenannte „Ausreisezentren“ ihre Arbeit.
Roth: Was sich jetzt ereignet, ist traurig, war aber absehbar. Auch wenn die Haider-Zeit Geschichte und die Schüssel-Haider-Koalition inzwischen zerbrochen ist – jetzt sind sie wieder da! Die FPÖ setzt wie je auf das Thema Flüchtlinge, sie spielt nur diese eine Karte aus. Mich belastet das. Für die junge Generation sind die bitter erkämpften Sozialgesetze wie Naturgesetze, Selbstverständlichkeiten, die nicht mehr des Nachdenkens und Hinsehens wert sind. Für viele steht die Ich-Bezogenheit in einer Welt voller Lustbarkeit im Vordergrund, ohne jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der politischen Gegenwart. Die Oberflächlichkeit, die dabei entsteht, macht es der FPÖ leicht.


Kurz hat das Auftreten eines neuen Habsburgers, mit seinen Handbewegungen, seiner eingelernten Vornehmheit, seinen Stellungnahmen.

profil: Die Hölle scheint tatsächlich leer; finstere Gestalten regieren – siehe Trump in den USA, Orbán in Ungarn, Bolsonaro in Brasilien.
Roth: Es sind aber noch keine Hitlers, Stalins, Mussolinis, sondern gaunerhafte Stammtischpolitiker. Es ist trost-, aber nicht aussichtslos. Gefährlich sind Politiker, die von ihren eigenen oder angelernten Ideologien besessen sind, Gläubige von Ideologien. Jede Ideologie, die bisher das Paradies auf Erden schaffen wollte, brachte nur die Hölle zustande. Egal ob Religionen, rechtsextreme oder linksextreme Politik.

profil: Ist Bundeskanzler Kurz ein Ideologe?
Roth: Ein Billardspieler. Er schiebt die Kugeln immer genau dorthin, wo er sie gerade braucht. Wird es kritisch, verabschiedet er sich vom Spiel. Er hat das Auftreten eines neuen Habsburgers, mit seinen Handbewegungen, seiner eingelernten Vornehmheit, seinen Stellungnahmen. Ein intelligenter Mann ist er, zweifellos. Ich frage mich nur, wie er es mit der FPÖ aushält. Kurz hat sich auf den Sattel dieses ungezähmten Pferdes geschwungen, jetzt versucht er es zu reiten. Oft steigt er ab und überlässt seinen Stallburschen die Arbeit.

profil: Vor 25 Jahren äußerten Sie den Satz, wonach fast 50 Prozent der Österreicher Nazis seien. Denken Sie noch oft an die umstrittene Wortmeldung?
Roth: Das korrekte Zitat lautete: „Man könnte sagen – um es in der Sprache der Nazis auszudrücken –, dass Österreich geradezu genetisch Nazis hervorbringt, weil die Menschen durch die jahrhundertelange Beeinflussung im autoritär-hierarchischen Denken sich etwas anderes gar nicht mehr vorstellen können.“ Da ich ja kein Nationalsozialist bin, handelt es sich auch nicht um meine Ausdrucksweise, sondern offensichtlich um Satire. Das haben einige im Übereifer nicht verstanden oder verstehen wollen. Ich versuchte damals zu warnen: Stellen wir uns vor, hinter dem Haus sei eine hohe Wiese mit Schlangen. Ich müsste meine Kinder darüber doch aufklären, bevor sie einen Schritt in das Gelände machen. Nach dem Krieg wurde aber versucht, diese Gefahr auszublenden. Man durfte nicht über die Wiese mit den Schlangen reden, mehr noch: Es gab plötzlich keine mehr!

profil: Bald wird der letzte Nazi altersbedingt sterben.
Roth: Was ich allerdings nicht mehr erleben werde, ist das Verschwinden der radikalisierten Politik. Wenn ich an die „Tarantel“ von Christchurch denke – den Attentäter Tarrant – oder an Sri Lanka, kommt mir das Grausen. Einmal morden Gläubige der einen Religion, das nächste Mal die einer anderen – und ständig das Geschrei: „Gott! Gott! Gott!“ Und was kommt heraus? Hass und Gewalt.

profil: Lanz sagt in „Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier“, durch seinen Tod werde sich nichts ändern.
Roth: Im Zustand der Ohnmacht oder der Narkose ist man vermutlich dort, wo man nach dem Sterben einmal sein wird. Keine unangenehme Vorstellung. Auf jeden Fall angenehmer als zum Beispiel der Gedanke an Wiedergeburt. Er ist zutiefst inhuman, weil man, wie im indischen Hinduismus, bei der Geburt in eine Kaste befördert wird, die als Urteil für das Leben vorher aufgefasst wird. Wiedergeburt? Wir können uns nicht einmal in einen Spatz vor dem Fenster hineindenken, in kein Insekt, keinen Fisch. Wir wissen nichts.

profil: Wie wollen Sie sterben?
Roth: Das kann sich nur ein Selbstmörder aussuchen. Ich fühle mich ohnedies privilegiert, weil ich bald 77 Jahre alt sein werde. Milliarden von Menschen durften dieses Alter nicht erreichen. Ich bin davon überzeugt, dass der eigene Tod in den meisten Fällen leichter zu ertragen ist als der eines geliebten Menschen. Den Schmerz, die Einsamkeit und Leere, die entstehen, wenn das eigene Kind stirbt, möchte ich mir nicht vorstellen – auch wenn ich es wie unter Zwang tun muss.