© Christine Fenzl

Berlinale 2021
03/01/2021

Berlinale, Tag eins: Impressionen eines virtuellen Festivals

Die Berlinale hat als erstes der drei großen Filmfestspiele auf Online-Betrieb umgeschaltet.

von Stefan Grissemann

Um sieben Uhr früh stehen 22 Filme im Media Service der Berlinale zur Ansicht bereit. Werke unter anderem aus Südkorea, Israel, aus Frankreich, Griechenland, aus den USA, der Ukraine und dem Libanon. Wettbewerbsbeiträge im Kampf um den Goldenen Bären der Berlinale, Handverlesenes aus der Forum-Autorenfilmschiene, dazu Angebote aus den Sektionen Encounters, Generation, Panorama. Und mehr. Genau 24 Stunden lang hat man – sofern man als Teil der internationalen Filmbranche akkreditiert ist – Zeit, sich eine Schneise durch dieses Angebot zu schlagen. Denn alles, was man bis dahin nicht gesichtet hat, verfällt. Morgen kurz nach Sonnenaufgang werden 29 weitere, andere Filme abzurufen sein.

So wird das bis zum Wochenende gehen: Statt ein großes Filmfestival wie die Berlinale besuchen zu können und gemeinsam mit tausenden anderen Menschen aus aller Welt eine Serie von Kino-Uraufführungen im Beisein der Schöpfer dieser Werke zu erleben, kommt diese Veranstaltung nun also, dank der pandemischen Umstände, zu einem heim. Und es ist tatsächlich eine Art Heimsuchung: Allein täglich acht Stunden vor dem Computerbildschirm, dem Fernseher oder der Beamer-Leinwand zu verbringen fühlt sich seltsamerweise ermüdender an, als durch das nasskalte Berlin von einem Kino ins andere zu hetzen. Denn es will, ungeachtet der Qualität mancher Beiträge, keine Festivalatmosphäre aufkommen – natürlich nicht, denn das Fehlen eines einigermaßen zeremoniellen Rahmens und der direkten Kommunikation mit einem Publikum reduziert Filmfestspiele auf ihr fleischloses Rückgrat: auf die Filme selbst, die nun, einer nach dem anderen, wie in einen luftleeren Raum gestreamt werden.

Noch Ende August 2020 waren sich Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, das Leitungsduo der Berlinale, ganz sicher, dass der Spielbetrieb mit Kinos und Saalpublikum die einzige sinnvolle Darreichungsform eines internationalen Filmfests sei. „Festival findet physisch statt“, lautete die Überschrift der Pressemitteilung damals kämpferisch. Wenige Monate später mussten sich aber auch Rissenbeek und Chatrian dem Druck der Pandemie beugen und ihr Festival als verkürztes Online-Branchenereignis ankündigen, mit der einstweilen noch intakten Hoffnung auf eine halbwegs reguläre Publikums-Berlinale Mitte Juni. Seit heute früh also findet dieses Festival als „Industry Event“ in dicht gedrängter Form im Netz statt: In nur fünf Tagen (der 6. und 7. März sind für Wiederholungs-Streams der preisgekrönten Werke reserviert) peitscht man 13 jener 15 Weltpremieren, die im Wettbewerb laufen sollen, sowie weit über 100 Filme aus all den anderen Berlinale-Reihen durch. Diese Präsentationsweise ist für eines der großen Filmfestivals (noch) ungewöhnlich – in Cannes strich man die Edition 2020 lieber ersatzlos (die heurige soll im Juli stattfinden), während das Festival in Venedig nur mit viel Glück noch Anfang September vor der zweiten Covid-Welle in halbwegs vertrauter Form stattfinden konnte.

Es ist völlig unklar, ob die Strategie der Berlinale aufgehen kann. Verprellt sie als traditionelles Publikumsfestival nicht gerade ihre wichtigsten Kunden, indem sie ihre Uraufführungen – darunter immerhin neue Werke von Céline Sciamma, Maria Speth, Pietro Marcello, Hong Sang-soo und Xavier Beauvois – der Branche vorbehält und nicht-professionellen Kinointeressierten bloß eine Sommerausgabe in Aussicht stellt, von der niemand weiß, ob sie wirklich stattfinden kann? Und wird das Interesse an Filmen, die man bereits im März vielfach rezensiert und prämiert haben wird, im Juni noch vergleichbar hoch sein? Man wird sehen.

Während das Weltkino also vollends in die elektronischen Datenströme abtaucht, reflektieren viele Regiekräfte den aktuellen Übergang von der menschlichen in die künstliche Intelligenz: Die deutsche Schauspielerin Maria Schrader, auch als vielbeachtete Regisseurin tätig („Vor der Morgenröte“, 2016; „Unorthodox“, 2020), traktiert in „Ich bin dein Mensch“, einem von gleich vier deutschen Wettbewerbsfilmen, leichtgewichtiges (um nicht zu sagen: unerhebliches) Material. Ihre sanft futuristische Erzählung von der Forscherin, die einen gutaussehenden Androiden drei Wochen lang rund um die Uhr testen soll (und ihm dabei natürlich näher kommt, als sie angenommen hatte), ist ein Lustspiel wie direkt aus dem Hauptabendprogramm, eine Mainstream-Comedy mit versuchsweise existenzialistischem Hintergrundrauschen. Daran kann auch eine exzellente, hier ganz gegen ihren Typ besetzte Hauptdarstellerin wie Maren Eggert nichts ändern.

Der israelische Dokumentarist Avi Mograbi steuert dem Forum-Programm dagegen einen erstklassigen Film bei, der seine scharfe politische Kritik in einen sarkastischen Rahmen packt. Der Filmemacher selbst, der seit den 1990er-Jahren immer neue Wege findet, in seinen Produktionen über die Nahostkrise nachzudenken, moderiert in „The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Occupation” seine Lektion persönlich: Er vermittelt dabei einen Leitfaden für militärische Besatzungspolitik – am Beispiel der seit 1967 von Israel kontrollierten Westbank. Mograbi konfrontiert kühl die harten Augenzeugenberichte israelischer Soldaten mit Archivfilmen von den grauenerregenden Strategien einer territorialen Aneignung. Dieser Film hilft einem, gerade in seiner fast schon zynischen (und seinem Thema höchst angemessenen) Form, sehr dabei, die Geschichte der Eskalation zwischen Palästina und Israel zu begreifen. In einer besseren Welt liefe ein solcher Film im Wettbewerb – und kleine Computerromanzen allenfalls als Nebenangebot.

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