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Berlinale 2021
03/02/2021

Berlinale, Tag zwei: Leben, lehren und morden

„Anmaßung" enthüllt das Drama eines Insassen, bei „Herr Bachmann und seine Klasse“ lernt man fürs Leben.

von Stefan Grissemann

Der eine sitzt entspannt vor seiner Klasse, der andere unsicher hinter Gittern. Der eine zeigt sein Gesicht, der andere tritt nur maskiert oder verpixelt auf. Herr Bachmann unterrichtet die 6B der Georg-Büchner-Schule in einer mittelhessischen Industrie-Kleinstadt, Stefan S. verbüßt eine lebenslange Haftstrafe wegen eines sexuell motivierten Frauenmordes. Um das Denken und Wirken dieser beiden Männer kreisen zwei herausragende Berlinale-Filme, die auf je eigene Weise demonstrieren, wie man über die dokumentarische Form im Kino Menschen und Institutionen porträtieren kann.

Ein Lehrer und ein Mörder also: Wie nähert man sich deren Leben? Wie kriegt man deren Wesen zu fassen – und nimmt dabei gleichzeitig Größeres, Allgemeineres, Gesellschaftliches ins Visier? In „Anmaßung“, zu sehen in der Forum-Schiene, wählen die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe (auch notgedrungen) den Weg der Stilisierung. Ihr Protagonist, seit 15 Jahren in einem Gefängnis in Brandenburg inhaftiert, stellt sich nur zögernd als Objekt für einen Film zur Verfügung. Er ist in sich gekehrt, gehemmt, will nicht erkannt werden, kaum über sich reden. Wright und Kolbe bleiben dennoch dran, enthüllen das Drama seines Lebens erst schrittweise. Sie anonymisieren Stefan S., weichen für viele Szenen ins Masken- und Puppenspiel aus. Die spröde Form einer distanzierten, nie moralisierenden Erzählung fasziniert – und sie gewährt nicht nur Einblicke in den Gefängnisalltag und die Psyche eines Mörders, sondern auch in die Grundprobleme dokumentarischer Arbeit.

Um physische Präsenz geht es in beiden Filmen, Bachmann nutzt seine durchaus auffällige Erscheinung, um die schwer kontrollierbaren Energien seiner Schützlinge in geeignete Bahnen zu lenken, Stefan S. dagegen würde am liebsten verschwinden, das merkt man seiner Gestik und seinem leisen, schnellen Sprechen an. Die zwischen Dokumentar- und Spielfilmen pendelnde Regisseurin Maria Speth hat mit „Herr Bachmann und seine Klasse“ einen gut dreieinhalbstündigen Dokumentarfilm vorgelegt, den man als Instant-Anwärter auf den Goldenen Bären des Festivals sehen muss. Sie arbeitet, im Gegensatz zu Kolbe & Wright, mit ganz einfachen Mitteln: Ihre Methode ist die diskrete, aber höchst sensitive Beobachtung, ohne jede Intervention durch Kommentare, Fragen oder erklärende Inserts. Speth sieht, über die von dem Berliner-Schule-Virtuosen Reinhold Vorschneider organisierte Kameraarbeit, einfach nur zu, wie sich der Unterricht in dieser sehr diversen Klasse vollzieht, in der Arbeiterkinder aus 12 Nationen sitzen; man registriert die kleinen Reibereien, die chronische Müdigkeit oder auch Ungeduld der Jugendlichen. Bachmann führt seine Klasse mit unorthodoxen Methoden und viel spielerischer, musischer Pädagogik: ein Mann Anfang 60, Sympathieträger und Notenskeptiker. Aber die charmanten, überdrehten oder auch schüchternen Kids, die er zu unterrichten hat, stehlen ihm fast die Show; sie sind gerade noch Kinder, aber mit einem Fuß schon in der Pubertät. „Herr Bachmann und seine Klasse“ ist ein Stück Kino-Humanismus, in seiner Weltsicht positiv getönt, ohne aber die Depressionen und emotionalen Achterbahnfahrten der Kinder zu verschweigen, das Gefangensein in alles andere als optimalen sozialen Verhältnissen. 

Im schulischen Mikrokosmos spiegelt sich die Welt: Wie entsteht Ideologie? Was macht Religion mit uns? Wie definiert man Liebe? Der diskursfreudige Dieter Bachmann motiviert durch Zuspruch, weiß streng zu sein, wenn es nötig ist, und er baut im Unterricht beherzt Vorurteile ab. Er hat Charisma, Witz und Coolness: Mehr braucht man nicht, um als Filmstar gute Figur zu machen. In dieser Klasse gerät das öde Klischee zur unumstößlichen Wahrheit: Bei Herrn Bachmann lernt man wirklich fürs Leben.

 

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