Kunst

Bis einen das Grauen packt: Gregory Crewdsons Fotokunst in der Albertina

Der US-Künstler Gregory Crewdson stellt mit gewaltigem Aufwand und Hollywood-Produktionsmethoden großformatig-verstörende Bilderrätsel her. Nun widmet ihm die Wiener Albertina eine Einzelausstellung. Für profil nahm sich Crewdson Zeit, um von seinen Obsessionen und Arbeitsweisen zu berichten.

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Was geht in diesen Bildern vor sich? Sie zeigen suburbane Szenerien im Licht der Abenddämmerung, in unwirklich anmutender Tiefenschärfe. Die Menschen stehen wie in Trance auf der Straße, liegen in ihren Betten oder blicken aus den Fenstern ihrer hölzernen Reihenhäuser, erstarrt, mit offenen Augen in sich versunken wie Träumende.

Die Zeit ist suspendiert in Gregory Crewdsons Bildwelten, und doch scheint es ein Davor und ein Danach zu geben, das man bloß erahnen, fantasieren kann: Aus all den Autos, die in diesen Fotografien mit geöffneten Türen, mitten in den menschenleeren Straßen stehen, muss gerade jemand gestiegen sein, überrascht vermutlich, vielleicht zu Tode erschrocken. In der Entfernung ist Rauchentwicklung zu bemerken, die Supermärkte, Gleise und Waldlandschaften liegen in trügerischer Stille und jenseitigem Licht vor uns.

Wie fotorealistische Gemälde sehen viele der Produktionen des Künstlers aus: Feuer, Nebel, Nässe, Schnee. In den Zimmern flimmern Fernseher, strahlen Körper und Gesichter an, färben diese leichenfahl.

Man fühlt sich augenblicklich an die Malerei Edward Hoppers und an die Filme David Lynchs erinnert, wenn man Crewdsons Fotoserien betrachtet. Tatsächlich verbünden sich sozialer Realismus und kinematografische Künstlichkeit in seinen Werken, die ab sofort in der Wiener Albertina zu bewundern sind, auf ganz unerwartete Weisen. In der Serie „Twilight“ liegt eine Frau im Nachthemd auf dem überschwemmten Boden einer Wohnung, anderswo stehen nackte Menschen vor Spiegeln, sitzen wie am Sprung auf Sofas oder wie angewurzelt in Badezimmern. Es sind mysteriöse Situationen, in denen gerade etwas geschehen ist oder gleich passieren wird: etwas schwer Benennbares, jedenfalls Beklemmendes. Auch wenn in den Bildern selbst so gut wie nichts passiert, seltsame Ruhe herrscht.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.