Blur: „Je unbequemer, desto besser!“

Blur: „Je unbequemer, desto besser!“

Nach ihrer Wieder­vereinigung 2008 schienen die Britpop-Stars Blur zu Museumswärtern ihres eigenen Katalogs zu verkommen. Nun feiern sie, nach einem Umweg über Hongkong, mit ihrem neuen Album die kreative Wiedergeburt.

Vor genau 20 Jahren ritten Blur ganz oben auf dem Kamm der Britpop-Welle. Mit Alben wie „blur“ (1997) und „13“ (1999) erspielten sie sich einen Ruf als experimentierfreudige Gitarrenband mit untrüglichem Pop-Instinkt. Im Unterschied zur Retro-Konkurrenz (vor allem: Oasis) besaß diese Band, in deren Zentrum das eingeschworene Gespann aus Sänger Damon Albarn und Gitarrist Graham Coxon werkt, die Musikalität und das intellektuelle Zeug dazu, spielerisch über die Grenzen der Nachempfindung ihrer Einflüsse hinauszuwachsen. Nach einer traumatischen Trennung zwischen den beiden Kindheitsfreunden entstand „Think Tank“ (2003) in reduzierter Besetzung, ohne Coxon. Danach wurde das vorläufige Ende der Band ausgerufen, das Albarn Raum für zahlreiche andere Aktivitäten gab – von der nach kommerziellen Maßstäben über Blur hinausgewachsenen, fiktiven Cartoon-Band Gorillaz über The Good, The Bad & The Queen, die chinesische Oper „Monkey – Journey to the West“ und das Singspiel „Dr Dee“ bis hin zu seinem Soloalbum „Everyday Robots“ (2014). Bei all seinen Erfolgen merkte man Albarns Projekten aber nicht selten das Fehlen seines alten Gefährten und kritischen Lektors an.

Organisch gewachsen

2009 feierten Coxon und Albarn in einer Serie von Reunion-Konzerten auf den größten Festival-Bühnen der Welt (Hyde Park, Glastonbury, Coachella) ausgiebig ihre Versöhnung und gaben der gealterten Generation X Anlass zur Wiederentdeckung ihrer verlorenen Jugend. Doch diese Euphorie hatte sich bereits etwas abgenutzt, als Blur im Herbst 2013 nach Absage eines Festivals in Tokio auf Durchreise in Hongkong festsaßen. Die Band mietete sich spontan für fünf Tage in ein Studio ein und versuchte sich an ein paar unausgegorenen Song-Ideen. Zuhause angekommen, wandten sich bald alle Beteiligten ihren Zweitberufen zu. Bassist Alex James (auf dem Foto 2. von re.) kümmerte sich um seine Käserei in den Cotswolds, Schlagzeuger Dave Rowntree (re. außen) praktizierte wieder als Anwalt in Strafsachen, und Damon Albarn (2. v. li.) setzte seine Solokarriere fort. Erst Monate später holte Graham Coxon das in Hongkong entstandene Material aus dem Archiv und bearbeitete es mit Stephen Street, dem ehemaligen Smiths-Produzenten, der bei allen frühen Blur-Klassikern seine Finger am Mischpult gehabt hatte.

Blur - There Are Too Many of Us

Nachdem Albarn die Ergebnisse ihrer Arbeit gehört hatte, fuhr er der Atmosphäre zuliebe noch einmal in die einstige britische Kronkolonie und schrieb höchst emotionale Texte zu den dort gekeimten Songs, um sie später in London mit Coxon und dem Rest der Band fertigzustellen. So entstand „The Magic Whip“, ein Comeback-Album, mit dem eigentlich niemand mehr gerechnet hatte – überwiegend melancholisch in seinen existenzialistischen Betrachtungen des Großstadtgewimmels, von „New World Towers“ bis zum vielsagend betitelten „There Are Too Many of Us“, und stellenweise sehr persönlich, wie in dem offensichtlich von Albarn an Coxon gerichteten „My Terracotta Heart“. Diese Songs wirken organisch gewachsen, gelegentlich blitzen gar jazzige Töne auf, dann wird wieder alles auf eine gedämpfte Drum-Maschine und ein paar verstreute Noten reduziert: Zeichen des stilistischen Selbstbewusstseins einer Band, die sich 27 Jahre nach ihrer Gründung in der eigenen Haut durchaus wohlfühlt. profil traf die Blur-Hauptakteure Damon Albarn und Graham Coxon in London zum Interview.

profil: Es ist viel Zeit vergangen, seit Sie beide zum letzten Mal gemeinsam ein Album gemacht haben. Ein seltsames Gefühl?
Albarn: 17 Jahre, kaum vorzustellen. Es fühlt sich nicht so an.
Coxon: Es ist verrückt. Aber wir haben ja auch viel getan seither.

profil: Die Bedingungen, unter denen Sie 2013 in Hongkong ins Studio gingen, hätte man im Labor nicht besser simulieren können: alle Bandmitglieder endlich an einem Ort, abgeschnitten von ihren sonstigen Aktivitäten und dank der vorangegangenen Tournee auch bestens eingespielt.
Coxon: Ja, und wir mögen es, in schmuddeliger Umgebung miteinander zu arbeiten. Je unbequemer, desto besser, zumindest beim Aufnehmen. Das schärft die Sinne.
Albarn: Das Studio in Hongkong liegt fernab der Touristenviertel, in einem urbanen Bezirk voller Büros und Geschäfte.


Fuck off! Ich habe meinen Edward Said gelesen! Ist es ein Verbrechen, sich zu bilden? Damon Albarn

profil: Als im Februar bekannt wurde, dass Ihr neues Album von Hongkong handeln würde, mutmaßte man im Internet heftig, ob Sie damit nicht einen eher herablassenden Orientalismus praktizierten.
Albarn: Fuck off! Ich habe meinen Edward Said gelesen! Ist es ein Verbrechen, sich zu bilden? Seine Umgebung in sich aufzunehmen? Hätten wir uns eine Woche lang auf Stuttgart eingelassen, dann wäre eben das unser Einfluss gewesen. „The Magic Whip“ wurde im Stadtteil Kowloon aufgenommen, wo wir in Isolation arbeiteten – daher sollte das Album von dieser Erfahrung handeln.
Coxon: Hinter der Idee, in Hongkong aufzunehmen, stand auch der Gedanke: Wenn das gut wird, großartig – wenn nicht, können wir dem Projekt Blur endlich den Garaus machen.

profil: Sie standen zum Zeitpunkt der Aufnahmen bereits im fünften Jahr einer Live-Reunion, die lediglich altes Material aufwärmte. Sind Sie nicht eigentlich Musiker, die Herausforderungen suchen?
Albarn: Klar. Und wir waren mit Blur auf dem Weg ins Nirgendwo. Wiedervereinigte Bands machen nur selten neue Platten, und wir hatten großes Glück, dass wir zur rechten Zeit in der richtigen Stimmung waren. Dass da etwas passierte, das wert ist, gehört zu werden.
Coxon: Es fühlt sich gut an, die neuen Songs zu spielen, sie passen in die Chronologie der Band. Unser altes Material kommt einem dagegen manchmal wie ein abgewohntes Möbelstück vor. Aber man muss sich eben damit abfinden, dass man darin sitzt.
Albarn: Von uns wird erwartet, dass wir die alten Sachen spielen, auch wenn mich das oft ein bisschen grantig macht. Aber ein Song wie „Parklife“ kann sich auf der Bühne großartig anfühlen, wenn die Nacht gerade passt. Er macht immer noch Spaß, weil er Energien freisetzt.

profil: Blur besteht aus Menschen mit höchst unterschiedlichen Lebensentwürfen. Ihr Schlagzeuger Dave Rowntree kandidierte bei den letzten Wahlen für die Labour Party. Ihr Bassist Alex James feierte dagegen heuer mit David Cameron Silvester. Müssen Sie ideologische Dinge verdrängen, ehe Sie miteinander spielen?
Albarn: Wir reden beim Musikmachen sicher nicht über Politik. Aber Alex war immer so. Er hat sich von der konservativen Welt stets angezogen gefühlt, manchmal aber auch zu durchaus interessanten Leuten. Jetzt lebt er in Oxfordshire im selben Dorf wie all diese Typen. Ich glaube, seine Verbindung zu den Tories ist teils geografisch bedingt – aber er ist ein Tory, machen wir uns nichts vor. Und Dave sollte eigentlich Parlamentsabgeordneter der Labour Party werden, wurde dann aber Anwalt.


Unser altes Material kommt einem dagegen manchmal wie ein abgewohntes Möbelstück vor. Graham Coxon

profil: Einer Ihrer neuen Songs heißt „Pyongyang“. Waren Sie denn auch in Nordkorea?
Albarn: Ja, der Recherche wegen. Ich komponierte die Musik für eine neue Produktion des National Theatre, die an den Stoff von „Alice in Wonderland“ angelehnt ist („wonder.land“, geschrieben von Damon Albarn und der Dramatikerin Moira Buffini, wird im Juli in Manchester uraufgeführt, Anm.). Dabei stellte sich mir die Frage: Wo gibt es auf diesem Planeten noch einen Kaninchenbau, in dem man abtauchen kann? Ich fand ein Reisebüro, das sich auf Paria-Staaten wie Nordkorea oder den Iran spezialisiert. Nach Nordkorea zu fahren, ist wie ein Besuch im Buckingham Palace. Man darf nur sehen, was einem gezeigt wird. Alles ist sehr prächtig, aber Sie wissen ja: viele verschlossene Türen.

profil: Sie vergleichen ihre Erfahrung der manipulierten Realität Nordkoreas in Ihrem Song pointierterweise mit Auto-Tune, jener populären Software zur Tonhöhenkorrektur, die Popstarstimmen identisch klingen lässt.
Albarn: Ich habe manchmal die Vision einer Welt, die vollständig durch Auto-Tune geschickt wird – wir alle und alles, was wir tun.

profil: Wie stehen Sie dazu, was dieses Programm aus Pop macht?
Albarn: Es ärgert mich, dass Leute sich damit durchschummeln, die eigentlich nicht singen können. Aber manchmal wird damit auch wirklich cool klingende Musik gemacht. Und das ärgert mich auch!
Coxon: Aber die Leute glauben ja schon, der Klang von Auto-Tune sei der natürliche Klang einer Singstimme. Es macht alles weiß, nivelliert sämtliche Blue Notes. Stellen Sie sich einmal Howlin‘ Wolf auf Auto-Tune vor!
Albarn: Und am Ende sieht es so aus, als könnten Leute wie ich nicht richtig singen. Das gefällt mir am allerwenigsten!

Blur: The Magic Whip (Parlophone / Warner)