Comiczeichner Franz Suess: "Das Zeichnen ist manchmal eine regelrechte Plage"

Comiczeichner Franz Suess: "Das Zeichnen ist manchmal eine regelrechte Plage"

Unterm Radar – Gespräche vom Rand des Kulturbetriebs. Der Wiener Comiczeichner Franz Suess über seine düstere Graphic Novel „Zu Fallen und Weiter“, die Schönheit der Bild-Text-Kombination und die Schwierigkeit, in Österreich als Comiczeichner zu leben.

Interview: Philip Dulle

Die Ausgangslage verheißt wenig Gutes: Eine dunkle Winternacht, ein Verkehrsunfall und die Folgen, die aus diesem tragischen Ereignis für die beiden Beteiligten resultieren. Während die eine Person ganz gut mit ihren schweren Verletzungen zurechtkommt, hat der Unfall für den Unverletzten weiter reichende Konsequenzen. Der in Wien-Ottakring lebende Zeichner Franz Suess erzählt in seiner Graphic Novel „Zu Fallen und Weiter“ eine Geschichte, in der viel geträumt und schlecht geschlafen wird. Aktuell arbeitet Suess an einer Fortsetzung.

profil online: In Ihrer Graphic Novel „Zu Fallen und Weiter“ dient ein Verkehrsunfall als Auslöser der Erzählung. Verarbeiten Sie hier persönliche Erfahrungen?
Franz Suess: Ja, bei meiner Arbeit spielt das eigene Erlebte eine wesentliche Rolle. Allerdings verzerrt und überhöht. „Zu Fallen und Weiter“ ist sozusagen fact meets fiction.

profil online: Ihre Graphic Novel hat eine düstere Grundstimmung, die Zeichnungen sind in schlichtem Schwarz-Weiß gehalten. Ist das Zeichnen für Sie ein steter Kampf?
Suess: Nein. Manchmal ist es aber so, dass das Zeichnen als Handwerk schwer fällt, eine regelrechte Plage ist, obwohl die eigene Laune eine gute wäre und es keinen offensichtlichen Grund für die Schwerfälligkeit gibt.

profil online: Was reizt Sie an der Kombination aus Bild und Text?
Suess: Ich habe von Kindheit an gezeichnet, als Erwachsener viele Jahre Bildproduktion betrieben. Ich habe die Arbeit mit Worten immer schon geliebt, den Klang, oder die Schattierungen in der Bedeutung bei verschiedener Verwendung. Neu hinzugekommen ist in den letzten Jahren der Wunsch zu erzählen; das vermehrte Interesse an Sprache in der eigenen Praxis. Für mich ist es die perfekte Ergänzung.

profil online: Kann man vom Comiczeichnen in Österreich leben?
Suess: Nein. Manche Zeichner, die gut im Geschäft sind, einen prominenten Namen haben und einen wiedererkennbaren Zeichenstil, können sich mit größeren oder kleineren Zeichenaufträgen über Wasser halten. Allein mit den Büchern, vom Buchverkauf kann niemand leben.

profil online: Ihre aktuelle Graphic Novel veröffentlichten Sie in Eigenregie – stoßen Sie mit Ihren Bildergeschichten bei Verlagen auf Ablehnung?
Suess: Sowohl mit meinem Wiener Grätzl-Comic „1160, Ottakring“ als auch mit „Zu Fallen und Weiter“ habe ich es bei mehreren Verlagen in Deutschland und der Schweiz versucht. Bei „1160“ haben die Verantwortlichen sofort abgewunken; zu uninteressant sei ein lokaler Schauplatz für ein Buch, das auch verkauft werden will. Der Wiener Comiczeichner Andre Breinbauer hat einmal gemeint, niemand interessiere sich für den Lokalkolorit aus der österreichischen Provinz – außer es handelt sich dabei um Hitler.

profil online: Werden Comiczeichner in Österreich gefördert?
Suess: Es gibt immer wieder die Möglichkeit, um Förderungen, Stipendien und Preise von staatlicher Seite anzusuchen. Die wichtigste Förderung, der „Outstanding Artist Award – Karikatur und Comics“, wird nur alle zwei Jahre vergeben; dabei gibt es wirklich viele gute Zeichnerinnen und Zeichner in Österreich. Der große Nachteil ist, dass es keinen eigenen österreichischen Comic-Verlag gibt. Einzelne Verlage publizieren zwar Comics, es passiert aber generell sehr wenig.

profil online: Wird Graphic Novels in Buchhandlungen mittlerweile mehr Platz eingeräumt?
Suess: Ja, Comics haben mit der Marketing-Bezeichnung Graphic Novels wirklich einen Aufschwung, auch eine Aufwertung erfahren. Das ist ein Trend aus Deutschland, der sich auch hier festgesetzt hat. Ich vertreibe meine Dinger ja selber und gehe persönlich zu den Buchläden und Geschäften, kenne die verantwortlichen Leute. Die meisten sind dieser Kunst gegenüber sehr offen.

profil online: Sie sind bereits vor einigen Jahren von Linz nach Wien gezogen: Dient Ihnen der Stadtteil Ottakring als Ort der Inspiration?
Suess: Auf alle Fälle. Vor allem bei „1160“ war das der Fall. Ich wollte einen kleinen Mikrokosmos des Straßenlebens in der Umgebung, in der ich selber wohne, beschreiben; Plätze, Orte, die mir vertraut sind, als Folie verwenden.

profil online: Zieht es Sie beim Zeichnen in den öffentlichen Raum oder lieber in ein stilles Kämmerchen?
Suess: Das ist eine Wetterfrage. Als Zeichner ist man mitunter in der beglückenden Lage, das Arbeitsmaterial zu nehmen und im Freien zeichnen zu können. Schwieriger wird die Suche nach einem Platz, der vor allem Stille bietet. Aber das stille Kämmerchen ist auch okay.

profil online: Wechseln Sie zwischen verschiedenen Zeichenprojekten?
Suess: Nie. Ich arbeite sehr monothematisch – außer, es kommen kleinere Illustrationsaufträge dazwischen, die ein paar Tage in Anspruch nehmen; oder die Erarbeitung von Beiträgen für diverse kleine Comic-Sammlungen wie „Murmel-Comics“, „Jazam“ oder „Heft14“.

profil online: Wie wichtig ist es für Sie als Autor, im Internet präsent zu sein?
Suess: Jede Möglichkeit präsent zu sein ist wichtig. Letztendlich ist das Wahrgenommenwerden die Form von Entgelt, die man sich als Kunstschaffender wünscht.

profil online: Wie wird man eigentlich zum Comiczeichner?
Suess: Eine Zeit lang habe ich in Lokalen und auf Plätzen Postkarten verteilt, mit Comics drauf, nur so zum Spaß. Irgendwann habe ich zufällig das Internet-Zeitungsprojekt „raketa online“ entdeckt. Ich habe dort jahrelang Comics publiziert, bis ich die Ausdauer, den Mut und den Wunsch nach größeren, länger dauernden Arbeitsprojekten entwickelt habe.

Franz Suess, geboren 1961, lebt und arbeitet in Wien-Ottakring. Seine Graphic Novel „Zu Fallen und Weiter“ (Glaskrähe-Produktion) ist 2013 erschienen. Weitere Informationen finden Sie unter www.franzsuess.com

Franz Suess: Zu Fallen und Weiter (Eine Glaskrähe-Produktion 2013/14, 188 Seiten, 19,99 Euro)

Unterm Radar, Teil I: Autor Andreas Schober über das Schreiben: "Schwein gehabt!"