David Byrne: "Was ist hier eigentlich los?"

David Byrne, 65

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David Byrne, Ex-Mastermind der Post-Punk-Legende Talking Heads, über Zuversicht, schlechte Nachrichten, Pop-Kitsch, Melodiebedingungen und die kulturellen Eigenheiten der USA.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Sie machen Musik, Kunst und Radio, schreiben Kolumnen, Blogs und Bücher. Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Byrne: Ich bin ganz gut im Aufteilen meiner kreativen Fächer. Nach dem Frühstück schreibe ich gern, bis mir die Lust oder die Ideen ausgehen. Nach dem Lunch wende ich mich entweder der Musik zu, oder ich gehe in mein Büro, um Leute zu treffen, Projekte vorzubereiten. So bewege ich mich stressfrei von einem Feld ins nächste.

profil: Sie komponieren angeblich sogar beim Joggen und beim Radfahren.
Byrne: Ja, ich summe vor mich hin und zeichne alles, was mir gut vorkommt, mit meinem Smartphone auf.

profil: Aber die eigentliche Form erhalten Ihre Songs erst später?
Byrne: Das echte Komponieren findet in meinem Home-Studio in New York statt, das eigentlich nur ein Schlafzimmer ist. Und wenn die Stücke stehen, gehe ich in ein professionelles Studio.

profil: Sie veröffentlichen nun nicht nur ein neues Album, Sie sind auch mit einer Vortragsreihe unterwegs, die Sie 2017 in New York begonnen haben.
Byrne: Ich habe sie für Europa übrigens ein wenig geändert. Meine flammenden Plädoyers für das Fahrradfahren habe ich größtenteils eliminiert. Das ist hier nicht so dringend nötig wie in den USA.

profil: Ihre Präsentationen zum Zustand der Welt tragen, nach einem Song des Briten Ian Dury, den Titel "Reasons to Be Cheerful". Die meisten Menschen würden entgegnen: Gibt es denn Gründe, fröhlich zu sein?
Byrne: Auch ich finde es manchmal sehr deprimierend, morgens die internationalen Nachrichten zu lesen. Daher wurde meine kleine Show der guten Neuigkeiten eine Art Therapie für mich. Und ich glaube, sie könnte auch anderen Menschen helfen.

profil: Ihr Album "American Utopia" steht in engem Zusammenhang mit diesen Vorträgen?
Byrne: Beides entstand parallel. Vor zwei Jahren begann ich an den Songs zu arbeiten, zugleich sammelte ich Dinge, die mir in Büchern oder Zeitungen ermutigend oder hoffnungsvoll erschienen, in einem Ordner auf meinem Rechner. Im Lauf der Zeit wuchsen diese Einträge an, und ich entdeckte, dass ich mich zu bestimmten Informationen hingezogen fühlte - weniger zu den guten Taten Einzelner oder zu Geschichten geretteter Leben. Denn diese Dinge kann man nicht kopieren. Mich interessierten eher Berichte, die man selbst anwenden und vervielfältigen konnte. Ich erzählte Leuten davon, bis mich ein Kunstzentrum in Brooklyn einlud, mit meiner Sammlung etwas anzufangen. Ich sagte, eine Art Referat würde ich dazu gerne halten.


Schlechte Nachrichten scheinen tiefer zu gehen, profunder zu sein. Sie wirken ernster als good news.

profil: Dann wurde es ernst?
Byrne: Klar, nun musste ich meine Fundstücke und Notizen in einen Vortrag verwandeln, während ich gleichzeitig auch an meinem Tonträger arbeitete. Als es dann Zeit wurde, über die Promotion von "American Utopia" nachzudenken, dachte ich: Vielleicht könnte ich diese Vorträge ja dazu benutzen? Ich habe jahrzehntelang über mich und meine Musik geredet, das wurde mir irgendwann langweilig. Die Vorstellung, nun über diese ganz anderen Dinge sprechen zu können, fand ich spannend.

profil: Sie gehen davon aus, dass die Welt deutlich besser sei als ihr Ruf. Warum sind die News dann so voll von Elend, Tod und Verzweiflung? Ist das Voyeurismus? Oder verkaufen sich bad news besser?
Byrne: Schlechte Nachrichten scheinen tiefer zu gehen, profunder zu sein. Sie wirken ernster als good news. Also kriegen wir die immer gleichen Botschaften von Katastrophen, Flugzeugabstürzen oder Überschwemmungen vorgesetzt. Und es gibt gegenwärtig auf den Zyklus an schlechten Nachrichten kaum gute Antworten, was viele Menschen alarmiert, wütend macht und frustriert. Ich versuchte, Ideen und Erzählungen zu finden, die das Zeug dazu hätten, diesen Trend umzukehren.

profil: Sehen Sie diese Arbeit als eine Form des politischen Aktivismus?
Byrne: Ich sage den Leuten nicht, was sie zu tun haben, ich zeige ihnen nur, was andere zustandegebracht haben - und was zu funktionieren scheint. Vielleicht sind das ja für uns alle hervorragende Denkanstöße.

profil: Ganz allein sind Sie mit Ihrer Zuversicht nicht. Der Psychologe Steven Pinker argumentierte 2011 in seinem Buch "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit", die Barbarei sei weltweit auf dem Rückzug. Warum aber bleibt von solchen Bestsellern so wenig hängen? Vielleicht, weil Pessimismus zornig macht, aufrüttelt, während zu viel Optimismus auch deaktivierend wirken kann?
Byrne: Lehnen wir uns einfach zurück, und alles wird gut? Nein, Handlungsfähigkeit und Pragmatismus sind unabdingbar. Wir haben alle das Gefühl, dass die Dinge immer schlimmer werden. Dabei werden sie eigentlich stetig besser. Autoren wie Pinker sprechen allerdings von sehr langfristigen Trends.


Ich frage mich oft: Ist das nicht viel zu hübsch? Zu einfach?

profil: Wie kann man Ihr Album mit dem Anliegen, das Gute in der Welt zu feiern, in Einklang bringen? Ihre Texte sind viel ambivalenter.
Byrne: Stimmt, ich habe keinen Song über nachhaltige Energienutzung geschrieben. Eine direkte Beziehung zu meinen Vorträgen werden Sie darin nicht finden. Aber es gibt indirekte Bezüge - eine große Sehnsucht, der Wunsch nach Besserem, die alten Fragen: Was ist hier eigentlich los? Und wer bin ich selbst?

profil: Als Sie mit den Talking Heads Ihre Karriere starteten, regierte der Punk, "No Future" wurde zum Mantra, George Orwell zum Propheten der Zeit.
Byrne: Orwell ist inzwischen wieder omnipräsent!

profil: Aber Ihre Haltung hat sich radikal gewandelt: vom Zorn zur Altersmilde. Oder täuscht das?
Byrne: Ich bin vielleicht nicht mehr pessimistisch, aber immer noch recht kritisch. Ich vertraue den Hypes nicht. Sogar damals, als die Talking Heads noch am Anfang standen, reagierte ich auf soziale Missstände nicht einfach nur wütend. Ich wählte oft eher den ironischen Zugang, nahm taktisch Positionen ein, die mir eigentlich widersprachen, um sie zu demontieren. Aber das änderte sich, unsere Musik wurde ekstatischer, auch feierlicher. Es war und ist eine echte Herausforderung, dabei Kitsch oder Sentimentalität zu vermeiden.

profil: Sie hegen ein tiefes Misstrauen gegen melodische Schönheit?
Byrne: Genau. Ich frage mich oft: Ist das nicht viel zu hübsch? Zu einfach? Bereitet es den Leuten bloß Vergnügen, ohne nennenswerte Inhalte zu transportieren? Das ist eine meiner ständigen Sorgen.

profil: Werfen Sie eine Menge Song-Ideen weg, die Sie für zu harmlos halten?
Byrne: Ich verwerfe Ideen, die mir zu berechenbar erscheinen. Wenn man genau weiß, wohin eine Melodie sich entwickeln wird, ist sie sinnlos; dann ist mir der Hörer voraus, dann kennt er schon die ganze Story, wie in einem Film, dessen Ende man nach zehn Minuten erahnen kann. Jede Melodie braucht zumindest minimale Überraschungsmomente.

profil: Sie haben in unzähligen Stilen experimentiert, von Post-Punk und New Wave über World Music bis Gospel und Funk. "American Utopia" scheint nun sehr deutlich als pures Pop-Album konzipiert zu sein. Sehen Sie das auch so?
Byrne: Ja. Obwohl: Ich höre viel Pop online, der meist doch ganz anders ist als meine Songs, die sich ja nie um Boyfriend-Girlfriend-Dinge drehen. Nach so vielen Jahrzehnten steckt die Popmusik immer noch in der Banalität ihrer Sujets fest. Dabei mag ich auch kommerziellen Gegenwartspop sehr. Ich bewundere oft die verblüffende Machart von Superhits. Ich kann die Attraktivität dieser Songs absolut nachvollziehen.


Wir vergessen, dass es da draußen großartige Ideen gibt, die der Welt zugute kommen.

profil: Bitte um ein Beispiel.
Byrne: Mir fällt gerade nur dieser Hit ein, der schon ein paar Jahre zurückliegt: "Call Me Maybe" (von Carly Rae Jepsen, Anm.) . Die Art, wie das Arrangement da gegen den Refrain gesetzt ist, fand ich brillant.

profil: Die meisten Musiker hören mit zunehmendem Alter doch immer weniger Neues - oder sie schützen sich davor, weil es sie zu stark beeinflussen könnte. Sie sind da anders?
Byrne: Ich höre sehr viel Musik, immer noch. Wie allen Komponisten fällt es mir schwer, Musik nur im Hintergrund laufen zu lassen, ohne hinzuhören. Ich beginne sofort, sie zu analysieren oder mitzusingen, ich bin kein passiver Zuhörer.

profil: "American Utopia" ist, wenn man Ihre vielen Kollaborationen nicht zählt, Ihr erstes Soloalbum seit 14 Jahren. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sagten Sie vor ein paar Jahren noch, Amerika sei "in Puritanismus getränkt", habe eine "Cowboy-Mentalität". Hat es jetzt plötzlich auch eine Utopie?
Byrne: USA und Utopie? Der erste Impuls wäre zu sagen: sicher nicht! Aber wenn man in die Geschichte der USA zurückblickt, so wurde die Nation einst schon als Utopie, mindestens aber als "nobles Experiment" gesehen. Der französische Historiker Alexis de Tocqueville besuchte Amerika vor dem Bürgerkrieg. Er sah ihn kommen, war aber auch höchst interessiert an dem Experiment USA.

profil: Tocqueville kritisierte früh - und scharf - die Sklaverei in den Vereinigten Staaten.
Byrne: Genau, und er sah eben voraus, dass sie dieses Land zerreißen würde. Aber Tocqueville hoffte, dass jenes politische Experiment - im Gegensatz zur Französischen Revolution -gelingen würde. Wir alle lieben diese Ideen, diese Geschichten, dieses Gefühl, dass es möglich sei, eine bessere Welt zu gestalten. Wir leben zwar in denkbar schwierigen Zeiten, um an die Hoffnung zu glauben - nicht nur in Amerika, auch in Europa. Daher vergessen wir, dass es da draußen großartige Ideen gibt, die der Welt zugute kommen.

profil: Sie sind gebürtiger Schotte und erst seit zwei Jahren amerikanischer Staatsbürger, obwohl Sie seit ihrer Kindheit in den USA leben. Ist Ihr Blick auf dieses Land noch immer der des Außenseiters?
Byrne: Bis zu einem gewissen Grad ja. Ich stamme aus einer Immigrantenfamilie und habe früh festgestellt, dass Amerika keinem anderen Land gleicht. Es gibt nirgendwo solche Vororte, und nirgendwo sonst isst man nur mit einer Gabel. Ich dachte schon als Kind, dass es doch eigentlich viel besser sei, mit Messer und Gabel zu essen.

David Byrne, 65
Über das Fahrradfahren, das David Byrne nahezu obsessiv betreibt, hat er 2009 ein Buch geschrieben. Aber die Musik bleibt seine erste Liebe: Als Sänger und Gitarrist der New Yorker Post-Punk-Truppe Talking Heads wurde Byrne 1977, mit dem Debütalbum der Band, auf dem sich bereits der Song "Psycho Killer" fand, weltberühmt. 1991 lösten sich die Talking Heads auf, seither arbeitet Byrne in wechselnden Konstellationen mit anderen Musik-und Kunstschaffenden zusammen. Brian Eno gehört seit fast 40 Jahren zu Byrnes musikalischen Partnern, aus ihrer Zusammenarbeit entstand das legendäre Album "My Life in the Bush of Ghosts" (1981). Auch "American Utopia", Byrnes diese Woche erscheinendes Soloalbum, hat Eno entscheidend bereichert:
Er überließ Byrne ein paar elektronische Percussion-Spuren, von denen er nicht wusste, was er mit ihnen anfangen sollte. Byrne schrieb dazu Songs, die, wie er sagt, jedoch wenig später "ein Eigenleben annahmen", zu seinen Liedern wurden. Das Ergebnis heißt "American Utopia", es ist Byrnes erstes genuines Soloalbum seit 14 Jahren, bestückt mit leicht verqueren Pop-Perlen wie "Dance Like This", Singalong-Stücken wie "Every Day is a Miracle" oder "This is That", einem karg-taktilen Stück, an dem der Electro-Hipster Oneohtrix Point Never merklich intensiv gearbeitet hat. Die Single-Auskoppelung, die der Album-Veröffentlichung vorausging, hat Eno mitkomponiert: "Everybody's Coming to My House" scheint, 35 Jahre nach "Burning Down the House", noch einmal die typischen Stilmittel der Talking Heads aufzugreifen. Demnächst wird Byrne mit diesem Album auf Welttournee gehen - am 26. Juni wird er übrigens auch das Wiener Museums-Quartier beehren. Und das Ö1-Magazin "Diagonal" hat David Byrnes Werk soeben einen ausführlichen Beitrag gewidmet; er ist unter https://oe1.orf. at/archiv noch bis Samstag dieser Woche nachzuhören.